Geh deinen eigenen Weg!

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so ein Ostern wie dieses Jahr erlebe.
Eigentlich – das Wort passt irgendwie in diese Zeit – hätte ich ein paar Tage frei gehabt. Aber weil alles nun anders ist, habe ich heute gearbeitet. Ich hatte vorgehabt, mit meinen Eltern und Sascha fein essen zu gehen.

Ostern war immer eines jener Feste, die wir hier im Toggenburg gemeinsam gefeiert haben, zuerst mit den Urgrosseltern, später mit Omi und Opi, dann nur noch mit Omi und den Eltern, schliesslich mit den Eltern und Sascha. Ich dekorierte den Garten, hängte Deko-Eier an den Rosenbüschen auf, holte alle Porzellanhasen und -enten hervor und drapierte sie in den Gartenbeeten. Gutes Essen war auch immer wichtig, sei es in den eigenen vier Wänden oder aber in einem feinen Restaurant.

Heute aber habe ich meinen Frühdienst geleistet und mir gedacht, wie wichtig diese unsere Arbeit ist. Wir betreuen Menschen und sorgen dafür, dass sie ein gutes Leben haben. Das gelingt tagtäglich und es ist wichtig, darauf stolz zu sein, auch wenn alles andere drumherum grad recht schwierig ist.

Doch mir war auch klar, dass ich so oder so meinen Eltern ihren Osterhasen und ihre Geschenke vorbei bringe. Anders konnte ich es mir nicht vorstellen. Die Situation war jedoch sehr ungewohnt: Wir sprachen uns telefonisch ab. Ich klingle und meine Stiefmutter fährt meinen Vater ans Fenster, damit wir in Abstand miteinander reden können.

Ich hatte Angst vor diesem Moment, dass ich zu emotional sein könnte und dass mein Vater anfängt zu weinen, wenn er mich so sieht. Ich habe keine Angst vor der Emotion als solches, aber ich weiss, dass meine Stiefmutter das nachher aushalten muss. Das ist hart und das will ich nicht.

Aber ich hatte mir zuviel Gedanken gemacht: Mein Papi strahlte wie ein Honigkuchenpferd und ich tat es auch. Wir sprachen über die Idioten, die nun auf Rorschachs Strassen rasen wollen und von der Kantonspolizei verzeigt werden, darüber dass meine Eltern nun seit bald fünf Wochen zurückgezogen leben und sich den Einkauf vor die Türe bringen lassen. Wie toll es ist, dass so viele Geschäfte Frauenfelds überhaupt nach Hause liefern. Dass es keine Physiotherapie, kein Tagesstättenangebot mehr für meinen Vater gibt und er das ziemlich sch* findet.

Derweil haben auf der Terrasse gegenüber die Nachbarn gefeiert. Mindestens 10 Leute, lauthals. Von „Mindestabstand“ keine Spur. Es ist eine verdammte Farce, denke ich. Ich hätte so viel dafür gegeben, meinen Vater heute mit gutem Gefühl umarmen zu können und tue es nicht, um ihn nicht zu gefährden.

Als Jugendliche habe manchmal, nicht sehr nett, ich zu meinen Eltern gesagt: „Warum darf ich das nicht? Alle anderen machen das auch!“ Meine Mutter antwortete darauf: „Wenn alle anderen zum Fenster rausspringen und sich so verletzen, tust du das dann auch?“
Meine Mutter hatte Recht.

Zum Abschied meines Fenster-Besuchs wünschte ich mir, dass wir bald wieder einmal gemeinsam einen Spaziergang machen können. Aber mein Vater hat einen viel besseren Wunsch: Bald wieder gemeinsam fein essen gehen. Zusammensein. Ich weine nicht, als ich weg gehe. Erst zuhause. Aber vielleicht liegt das auch an den Pollen.

Weihnachten mit der Tanne

Heute habe ich unseren Christbaum geschmückt. Vor einigen Tagen haben wir eine Nordmanntanne im Topf gekauft. Ich mag nämlich keine abgeschnittenen Tannen. Ich mag diese wunderbaren Bäume sehr viel lieber, wenn sie mitten im Wald stehen. Ich liebe ihren Geruch und die Verschiedenheit der einzelnen Nadeln.

Als ich noch ein kleines Mädchen war, bin ich einmal mit meinem Vater in den tief verschneiten Wald gegangen, um eine Tanne zu holen. Es war – im Nachhinein – ein märchenhaftes Erlebnis. Es war kühl und hell und ich hoffte, Rehe zu sehen. Natürlich liessen sich diese scheuen Bewohner des Waldes nicht blicken.

Am 24. Dezember schmückten wir jeweils mit unserer Mutter den Christbaum. Das war eine schöne Szenerie: Der Baum war über und über mit Kugeln bestückt, zuletzt kam noch der Schokoladenschmuck an die Äste. Ich hatte derweil die Aufgabe, unsere alte Katze davon abzuhalten, im Baum herumzuklettern. Sie liebte es, die Kugeln zu schubsen, bis sie zu Boden fielen und zerbrachen.

Und nun sitze ich vor dem Baum, der mit den Christbaumkugeln meiner Urgrosseltern, meiner Grosseltern, meiner Eltern und meinen eigenen geschmückt ist. Einige der Kugeln sind uralt. Ich denke an unsere Weihnachtsfeste zurück; wie sie waren als ich noch ein Kind war und später, als sich unsere Eltern scheiden liessen, als Opi im Sterben lag und vor drei Jahren an das letzte Fest mit Omi. Unsere alte Katze findet Herumklettern im Baum eine eher doofe Sache.

So richtig Weihnachten feiern tue ich eigentlich, wenn ichs recht bedenke, nur noch an der Arbeit. Das wärmt mein Herz und ich freue mich jeweils sehr darauf, wenn unsere betreuten Menschen mit grosser Freude ihre Geschenke auspacken.

Dieses Jahr wird es etwas anders: ich hatte nach vielen Jahren wieder einmal Lust aufs Baum schmücken. Ich musste dran denken, dass wir vor fünf Jahren uns so sehr darauf freuten, endlich im Toggenburg zu leben. Es hat sich in so kurzer Zeit so vieles verändert und so vieles ist gut geworden. Und wenn ich dann Omis Krippenfiguren (und die psychedelischen Zwerge) aufstelle, ist es ein wenig, als wenn sie noch da wäre.

Schöni Wiehnacht und es guets neus Johr!