Ein halbes Jahr

Ein halbes Jahr ist sie nun schon tot und es scheint mir, als wäre es gestern her, dass wir zusammen gesessen sind und herumgeblödelt haben.
Nie mehr Geburtstage und Weihnachtsessen mit Omi.

Heute früh suchte ich 40 Fotos aus meinem Archiv heraus für meinen Geburtstag.
Auf unzähligen Fotos ist sie an meiner Seite.

Ich besitze praktisch keine Fotos mit meiner Mutter.
Das ist schon sehr seltsam und vor allem sehr traurig.

Omi war fast von Anfang meines Lebens an wie eine Mutter.
Sie hat mich gern gehabt und mir dies auch immer wieder gezeigt.
Für sie war ich Enkelin, Tochter und Hoffnung.
Als sie damals sehr unglücklich war, hat sie gesagt:
„Ich wollte nicht mehr leben. Aber für dich lebte ich weiter.“

Es war ja klar, dass ich sie irgendwann überleben würde.
Ich hatte immer Angst, dass dies früh geschehen würde, und nicht erst, wenn ich fast 40 bin.
Ich bin froh um die letzten Jahre mit ihr, selbst wenn sie mich und meinen Namen vergessen hat.

Omis liebevolles, hoffnungsfrohes Wesen fehlt mir so.
Selbst die Demenz, die so vieles zerstört, konnte mir diese Erfahrung, unsere Liebe, nicht nehmen.

omi zora

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Ach Omi.

Ach Omi, jetzt ist es bald vier Monate her, dass du gegangen bist.

Am 9. Januar ist Omi gestorben und ich dachte: Sie geht mitten im tiefsten Winter, wenn es am kältesten ist und am meisten Schnee liegt.

Jetzt haben wir anfangs Mai und es hat letzte Woche nochmals richtig fest geschneit und es war richtig scheisskalt.
Beinahe wären Omis Rosenstöcke unter der Last des Schnees gebrochen, wenn nicht Sascha alle 20 Minuten die Äste frei geschaufelt hätte.

Die Hortensien und die Magnolien sind allesamt erfroren.
Ich habe mich so auf ihre Blüten gefreut.
Aber irgendwie passt es.
Ich werde 40.
Omi ist weg.
Meine Lieblingsblumen blühen nicht.

Es ist so gottverdammt ironisch, dass ich am liebsten lachen würde.

„Warum bist du denn traurig?“ hat Omi mich am 31.12.2016 gefragt.

Weil du weg bist.
Weil ich zum ersten Mal deinen Geburtstag ohne dich feiern werde.
Weil unsere Blumen in diesem seltsamen ersten Jahr ohne dich nicht blühen werden.
Passt.

die Hortensie

Magnolie

Unsagbare Wut

Heute war ich zum ersten Mal richtig wütend, als ich aus dem Pflegeheim wegfuhr. Das ist mir noch nie passiert.

Ich wollte nach dem Einkaufen kurz bei Paula vorbei schauen. Nach dem Besuch letzte Woche habe ich das Gefühl, die Zeit rinnt mir wie Sand zwischen den Händen davon. Ich will ihre Stimme hören, ihre Hand streicheln, sie umarmen. Ich weiss doch nicht, wann es das letzte Mal sein wird.

Als ich ins Fernsehzimmer trete, sitzt Omi nicht wie gewohnt in ihrem Königinnensessel. Der Platz ist leer. Es gibt mir für einen Moment einen Stich ins Herz. Ich gehe zur nächsten Pflegenden. Omi ist noch im Zimmer. Sie war fast nicht aufzuwecken.

Ihr Zimmer ist im dritten Stock. Ich klopfe an die Türe, höre die Stimme einer anderen Pflegenden. Ich warte, bis sie mich hineinruft. Omi sitzt auf dem Bett. Sie trägt weder Brille noch ihr Gebiss, ist aber wach. Sie wirkt sehr müde und sehr, sehr alt, aber irgendwie auch wie ein kleines Mädchen. Die Pflegende hilft Omi beim Anziehen der Brille und Einsetzen des Gebisses.
Die Pflegende hat Omi eben im Bett gewaschen und unterstützt Omi mit lieben Worten beim Transfer auf den Rollator. Omi hat fast keine Kraft mehr. Sie hat Mühe, ihre Hände und ihre Beine zu koordinieren. Zum ersten Mal, seit sie im Pflegeheim ist, tut es mir wirklich weh, sie so zu sehen.
Omi macht tapfer mit, aber ich bemerke, dass sie gar nicht richtig versteht, was sie tun soll und es sie gleichzeitig beschämt, dass sie so viel Unterstützung braucht. Ich denke: alt werden ist manchmal richtig Scheisse.

Wir gehen alle nach unten in den Essraum, weil es in 10 Minuten Mittagessen gibt. Cordon bleu mit Pommes. Omi hat das immer sehr gerne gegessen und oft für mich und meine Schwester gekocht. Ich setze mich neben sie. Ich traue mich nicht, sie anzufassen.
Omi blickt in die Ferne. Das hat sie früher oft getan, wenn wir am Bahnhof auf den Zug gewartet haben. Ihr linkes Auge ist entzündet. Das Lid hängt ein wenig herunter.
Schliesslich sage ich: „Omi, wenns nachher Essen gibt, gehe ich wieder. Dann lasse ich dich in Frieden essen.“ Omi dreht langsam ihren Kopf und schaut in meine Richtung. Sie lächelt.

„Aber Sie müssen doch nicht extra meinetwegen gehen. Bleiben Sie doch.“ Sie schaut wiederum in die Ferne. Ich reisse mich zusammen, dass ich nicht sofort weine. Es tut mir unendlich weh.

Die anderen Bewohner – ich habe übrigens gelernt, dass es jetzt politisch korrekt ist „Bewohnende“ zu sagen. Ich frage mich, welcher politisch korrekte Vollidiot sich sowas Saublödes ausdenkt – kommen jetzt langsam an den Tisch. Ich bin umgeben von lauter achtzigjährigen, langsam gehenden Menschen. Ich bilde mir ein, dass mich einige mitleidig anschauen. Ich stehe auf und frage Omi, ob ich sie noch umarmen darf.
Sie blickt mich an und nickt: **„Jo, da dörfsch du. Ich ha da gärn, wenn du mir zum Abschied äs Küssli gisch.“ Ich umarme ganz sanft mein zerbrechliches, altes Omi. Sie drückt mir einen sanften Kuss auf die rechte Wange und sagt: „Gross bisch worde.“

Dann gehe ich. Im Auto laufen mir die Tränen herunter. Ich bin so unsagbar wütend auf die Demenz, die mir Omi einfach nimmt. Ich bin wütend auf alles und jeden und auf Gott, der nicht existiert. Ich bin wütend auf die, die mich trösten wollen und sagen, es ist doch alles nicht so schlimm und auf die, die sagen: das geht vorbei. Ich bin wütend auf all jene, denen Menschen wie Omi am Arsch vorbei gehen und die denken, sie wären über alles und jeden erhaben.

Ich atme tief durch und fahre nach Hause.

**“Ja, das darfst du. Ich mag es gern, wenn du mir zum Abschied einen Kuss gibst.“ / „Gross bist du geworden.“

Muttertag

2007 war das letzte Jahr meiner Mutter. Ich habe den Tag nicht gefeiert, weil ich unendlich wütend auf sie war. Sie hatte es geschafft, mit einem einzigen Telefonat meine psychisch labile Schwester in einen Zustand von grosser Verzweiflung zu versetzen.

Meine Schwester lebte damals in einer psychiatrischen Klinik, weil sie Monate zuvor einen Suizidversuch gemacht hatte. Sie arbeitete mit Hilfe von Fachleuten ihre eigene Kindheit auf. Für meine Schwester war so vieles schwierig. Sie erklärte mir damals, sie hätte niemals Grenzen erfahren, immer nur grosse Liebe. Das mag toll klingen, für sie aber war es furchtbar. Meine Mutter litt so sehr unter dem Tod meines Bruders, dass sie bei allem, was meine Schwester anstellte, meinte: „Du bist für mich zwei Kinder.“

Meine Schwester konnte machen, was sie wollte. Es hatte nie Konsequenzen. Vor knapp zehn Jahren erlitt sie schliesslich einen völligen Zusammenbruch. Meine Mutter machte sich Sorgen um sie. Sie rief sie an. Sie redeten. Das letzte Mal.

Meine Schwester rief mich nach jenem Telefonat verzweifelt an. Sie sagte: „Mami hat mir gesagt, sie hätte damals überlegt, mich abzutreiben. Das kriege ich nicht auf die Reihe.“

Ich war sowas von sauer. Ich hab meine Mutter angerufen und sie angeschrien, ob sie noch alle Tassen im Schrank hat. Sie weinte. Ich weinte. Das Muttertagsgeschenk verrottete in meinem Kofferraum. Ich konnte nicht mehr.

Im Juli 2007 kam meine Mutter ins Spital. Drei Monate später starb sie. Ich war dabei. Meine Schwester nicht. Ich war verzweifelt und wütend und alleine. Ich habs meiner Schwester nicht vergeben, obwohl ich weiss, wie schlecht es ihr ging.

Ich kann wenig anfangen mit der Verherrlichung des Mutterseins. Das hat bestimmt mit meiner Vergangenheit zu tun. Ich weiss nicht, was die Mutterschaft für meine Mutter bedeutete. Aber ich lernte früh, dass nicht jede Mutter für ihre Kinder aufgeht. Dass sie nicht jedes Kind automatisch lieben muss. Ihr Leben wurde nicht durch Rosen aus der Fleischerei versüsst.

Ich vermisse meine Mutter sehr. Ich würde sehr gerne vieles klären.
Aber das geht ja nicht. Also kläre ich mit mir selber.

 

mami und ich

 

Drei Frauen

Die Beziehung zwischen meiner Mutter und Omi war immer schwierig. Ich habe mich als Kind oft gefragt, warum dem so war, denn ich konnte es nicht verstehen. Meine Omi war mir immer der liebste Mensch. Warum meine Mutter sich mit ihr so stritt, fand ich unfair.

Als ich älter wurde, die Pubertät ist die Hölle auf Erden, verstand ich meine Mutter besser. Ich begann meine Mutter so zu hassen und mit ihr zu streiten, wie sie mit ihrer Mutter stritt. Ich gab meiner Mutter für alles, was in meinem Leben nicht so lief, wie ich es wollte, die Schuld. Das war ein gutes Gefühl.

Dann wurde ich älter. Meine Mutter und ich sprachen längere Zeit nicht mehr miteinander. Ich litt darunter, denn eigentlich wollte ich mit ihr auskommen, wollte, dass sie mich gerne hat und stolz auf mich ist. Ich vergass, dass es auch wichtig gewesen wäre, dass ich meinen Stolz auf sie zeigte. Das fiel mir schwer. Ich hielt sie für zu passiv. Zu wenig gebildet. Ich war überheblich, denn ich war der Meinung, wenn man sich auch nur ein klein wenig anstrengt, man alles im Leben erreichen kann.

Das stimmte ja auch, in meinem Fall. Als sie krank wurde, bemerkte ich, wie verworren alles war. Wie unglücklich meine Mutter war. Nichts war einfach. Im Angesicht des Sterbens schämte ich mich. Wenn jemand stirbt, dann spielt vieles keine Rolle mehr. Man lebt sein Leben plötzlich anders. So war es auch bei mir.

Ich sah, wie meine Mutter und meine Oma miteinander umgingen. Mir schien, als sei alles gesagt. Omi hat meiner Mutter alle Wut verziehen und meine Mutter begab sich in Omas Arme. Es war ein Geschenk und eine grosse Verantwortung, dass Omi und ich am Ende bei meiner Mutter sein durften.

Jahre später fand ich Briefe, die meine Omi an meine Mutter geschickt hat. Omi versuchte Worte für den Tod meines Bruders zu finden. Ich bemerkte, dass meine Oma sich unglaubliche Sorgen um meine Mutter gemacht hatte. Sie hatte erkannt, in welcher Krise meine Mutter steckte. Sie hatte Angst, dass sie sich umbringt. Die klaren Worte aber haben meine Mutter wütend gemacht. Sie mochte es nicht, wenn jemand in ihr Leben reinredete.

Meine Mutter hat mir kurz vor ihrer Trennung Briefe ins Welschland geschrieben. Sie beschrieb ihren Alltag an der Seite meines Vaters. Wenn ich diese Zeilen heute lese, steigen mir die Tränen ins Gesicht. In meiner Mutter steckte soviel literarisches Talent. Sie besass Witz, Klarheit, einen romantischen Geist. Sie hat nie ein Buch geschrieben. Ihre Tagebücher sind unvollständig. Vieles von dem, was sie wirklich bewegt hat, behielt sich für sich. Das ist unsagbar traurig.

 

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2000 (15)

Versteck dich nicht.

Ich werde immer mal wieder gefragt, warum ich über Omi rede. Was ich mir davon verspreche, wenn ich über die Krankheit meiner Angehörigen erzähle und im Blog erkläre, was es bedeutet, wenn jemand langsam die Welt vergisst.

Ich gebe mir bei dieser Frage Mühe, keinen Wutausbruch zu kriegen.

Es ist nun mal so, dass ich immer über die Menschen gesprochen habe, die ich liebe. Ich spreche über meinen Freund, meine Eltern, meine Stiefmutter, meine Geschwister und – über Omi. Denn obwohl sie demenzkrank ist, gehört sie doch zu meiner Welt. Ich habe schon als Kind über sie geredet und ich tue auch jetzt, wo sie nicht mal mehr weiss, dass es mich gibt.

Ich wehre mich dagegen, dass es zu privat sein soll, wenn man über Menschen redet, die es selbst nicht mehr in der Gesellschaft tun können. Demenzkranke Menschen gehören dazu. Nur weil man sie nicht mehr sieht, bedeutet das nicht, dass es sie nicht gibt.

Ich bin nicht der Meinung, dass Demenz ein Makel ist.

Niemand sollte sich verstecken müssen. Über Menschliches zu sprechen, macht uns alle empfindsamer und sensibler für andere. Wer sich nicht für seinen Nächsten interessiert, wird sein Herz auch nicht für Fremde öffnen können.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der auch demenzkranke Menschen ein Teil davon sind. Nur weil jemand vergisst, bedeutet das nicht, dass er tot ist.

 

Hände

Streng dich an! Lass dich fallen!

Nun ist es also soweit. Meine Sommerferien fangen an.
Es ist ein seltsames Gefühl, drei Wochen nur für mich zu haben.
Ich habe viel vor, aber nichts geplant. Für jemanden wie mich ist das ein Drahtseilakt.

Wir haben aufgeräumt. Natürlich müssen wir weiterhin Kisten auspacken. Der Kühlschrank ist zu klein. Es gibt Wände zu streichen. Im Kalten Zimmer warten Flohmarktgegenstände auf neue Besitzer. Unser renovierter Kellerraum und der Holzflur brauchen ebenfalls einen neuen Anstrich. Im Sommer geht das besser als im Winter.Ich werde noch einen Tiefkühler kaufen.

Ich denke zurück. Letztes Jahr haben wir angefangen, gross zu räumen. Omi wohnt seit bald drei Jahren nicht mehr hier. Sie lebt jetzt im Pflegeheim, zwei Dörfer weiter. Gestern abend las ich in einem Quiz, dass Menschen 2,6 Jahre im Heim „überleben“. Omi ist jetzt 87. Ich bin seit einigen Tagen 38. Es ist noch immer so, dass sie ihr eigenes Leben lebt und ich seltsamerweise jetzt mein eigenes.

Es ist Sommer und ich muss dran denken, dass ich vor dreissig Jahren zum ersten Mal meine Ferien hier verbracht habe. Wir haben als Kinder hier gespielt. Opa lebte noch. Der Zwinger stand noch, zwar verrostet, aber immer noch sehr eindrücklich. Die Bäume waren alle kleiner. Der Garten existierte. Das Gartentor war damals schon vermodert.

Ich wurde älter. Nach meinen Hüft-Operationen 1986 und 1987 hat mich Omi jeweils wieder aufgepäppelt. Ich erinnere mich noch gut. Nicht alle fanden das passend. Das Wort „Strenge“ kenne ich gut. Omi hat mich gepflegt, als wäre ich ein kleiner Vogel, der aus seinem Nest herausgefallen ist. Ein Kind, das mehrere schwere Eingriffe hinter sich hat, grosse Schmerzen verspürt, kann man nicht zum Laufen prügeln. Ich habe mich damals angestrengt und wieder laufen gelernt. Ein saudummer Lehrer hat damals zu mir gesagt: „Streng dich an. Du musst ein Vorbild sein für andere Kinder!“

Ich ärgere mich. Kein Mensch kann ergründen, was ich als Kind im Spital erlebt habe. Kein Mensch kann Schmerzen eines anderen Menschen nachempfinden. Ich konnte kein Vorbild sein, erst recht nicht für Menschen, die nicht empathisch genug sind, mit einem Kind umzugehen.

Omi hat sich nicht dafür interessiert, was andere Menschen von ihrer Art Pädagogik hielten. Dafür bin ich ihr bis heute unendlich dankbar. Der Glauben an sich selbst ist das wichtigste. In einem Punkt sind wir uns sehr gleich: wir hatten eine schwere Sache überlebt. Und: Omi lebt noch immer.

Der Bach rauscht, als wären keine 30 Jahre vergangen. Auf der Terrasse hängen Sonnensegel aus Leintüchern. Zarte Stoffe. Hier werde ich ausruhen. Das habe ich schon vor 30 Jahren hier getan.