Die Zeit vergeht so schnell.

Es ist nicht so, dass ich nicht oft an Omi und Mami denke. Doch ich habe in den vergangenen Monaten eine Veränderung wahrgenommen: Die abgrundtiefe Trauer, das schmerzliche Gefühl des Verlustes hat etwas anderem Platz gemacht. Ich fühle Verbundenheit und die Gewissheit, dass sie immer bei mir sind, egal wohin ich gehe. Ganz gleich, was ich tue.

Wenn ich beispielsweise aus unserem Buch vorlese, habe ich das Gefühl, dass Omi stolz in der hintersten Reihe sitzt und mir aufmunternd zuwinkt. Wenn ich einen Kloss im Hals habe und für einen Moment fast weinen muss, weiss ich, dass es gut so ist, wie es ist.

In den vergangenen Jahren war der Spätsommer, insbesondere der September, eine heftige Zeit für mich. Es ist die Zeit von Mamis und Svens Geburtstag und von Svens Tod. Es gibt Menschen, die sagen „Die Zeit heilt alle Wunden“. Das kann ich so nicht unterschreiben.

Es ist viel eher so, dass ich fühle, wie die Zeit die tiefen Wunden zu wulstigen Narben macht. Solche Narben muss man immer wieder behandeln, streicheln, damit sie nicht zu sehr schmerzen. Von selber geht gar nichts.

Die offene Wunde „Mutter“ ist also langsam vernarbt. Ich werde älter und spüre, wie mir das Bild meiner älteren Mutter fehlt. Ab und an begegnen mir „Mütter“. Das sind Frauen, die ihr Leben selbstbestimmt, leidenschaftlich und verletzlich leben. Sie sind mir nahe.

Mit Omis Tod ist es etwas anders. Ich habe sehr lange schon getrauert, als sie noch lebte. Jetzt wo sie tot ist, hat die Trauer einem Gefühl der tiefen Verbundenheit und der Verantwortung Platz gemacht. Ich lebe hier in ihrem Haus in diesem wunderbaren Ort. Ich sorge für das Haus, den Garten und lebe mein Leben. Ich sorge für ihre Gräber, in dem Wissen, dass es nur ein äusserlicher Platz für ihre sterblichen Überreste ist. Menschen, die man geliebt hat, leben in einem weiter, selbst wenn sie nicht mehr da sind.

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Kann man Heimweh nach früher haben?

Im Sommer ist das Haus eine kühle Höhle. Die Wärme kann ihm nichts anhaben. Es konserviert Lebensmittel ohne Kühlschrank. Man wird nicht alt darin.

Wenn ich die Augen schliesse, sehe ich den Flur und Omi Paula, die gerade ein Himbeerjoghurt holt. Sie kocht Kaffee. Ich bin wieder neun Jahre alt und seh ihr zu, wie sie die Bingozahlen im Blick liest. Sie hat ein ganz eigenes System. Ordnung. Ihr entgeht nichts. Sie liebt es, Bingozettel auszufüllen, so wie ich gerne Vogelfutter sortiere oder Stifte nach Farben ordne.

Oma störts nicht, wenn ich stundenlang am Tisch neben ihr sitze und schreibe und male. Sie sagt nicht die ganze Zeit: „Kinder müssen sich bewegen.“ Das sagt sie nicht mehr.
Ich bin neun Jahre alt. Es ist Sommer und an meinen Beinen klaffen tiefe Wunden. Ich gehe an Stöcken.

Manchmal tritt Omi neben mich und küsst mich. Sie sagt, ich wär ihr ganzer Stolz, denn ich liesse mich nicht unterkriegen. Ich finde nichts aussergewöhnliches dabei, wieder laufen zu lernen. Es bleibt mir nichts anderes übrig.

An die Schmerzen erinnere ich mich nicht mehr. Denn Schmerzen hat man in den 80ern einem Kind wie mir abgesprochen.
„Stell dich nicht so an“, sagt die Lehrerin. „Sei ein Vorbild“, sagt der Lehrer.

Oma sagt das nicht.
Sie treibt mich nicht an.
Oma zieht Pflanzen auf, die andere weggeschmissen haben. Unter ihren Händen begannen sie wieder weiterzuleben.

Wenn die Ferien vorbei waren, verliess ich Omi. Doch jedes Mal kam ich mir vor, wie ein Kaktus, auf dessen Spitze rosa Blüten spriessten.