Wenn Worte fehlen

Der Reporter-Film am Sonntagabend auf SRF hat mich, obwohl ich nicht das erste Mal gesehen habe, berührt. Der Film handelt von einem Mann und seiner an Alzheimer erkrankten Ehefrau.

Als Paulas Enkelin kann ich zwar mitfühlen, was es heisst, jemanden zu verlieren, den man lange kennt. Aber ich bemerke, dass die Dimension „demenzkranker Partner“ etwas ist, was ich so nicht kenne und nicht nachempfinden kann. Ich denke mir, es ist wirklich eine traurige Sache, den Menschen langsam loszulassen, in den man mal sehr verliebt war, mit dem man Haus und Kinder hatte.

Im Film schauen die beiden ein Fotoalbum an. Auf den Fotos sind die beiden noch jünger. Sie wirken glücklich. Irgendwie sind sie es auch jetzt noch. Aber etwas ist anders. Die Frau wirkt aufgestellt. Auf den Schultern des Mannes lastet nun die Verantwortung.

Gestört hat mich an dem eigentlich schönen Porträt die Art der Kommunikation. Ich fand es heftig, als der Ehemann vor der Kamera über seine Frau sprach, die daneben sass. Ich musste an seine Worte denken: er hat ja eigentlich kein Gegenüber mehr. Die Frau kann mit ihrem Mann keine tiefgründigen Gespräche mehr führen.

Ich bemerke es ja bei Gesprächen zwischen Paula und mir. Die Worte erreichen einander nicht mehr. Stattdessen machen sie der Nähe Platz. Ich hab ganz oft das Gefühl, dass, wenn die Worte fehlen werden, wir stattdessen einander berühren werden. Ich werde ihre Hand anfassen. Über ihren knochigen Rücken streichen. Paula mag es, wenn ich sie umarme.

Ich gebe mir Mühe, mit Paula zu sprechen und nicht über sie. Ich hoffe, es gelingt mir bis zum Schluss.

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Sprache, Kreativität und Gelassenheit

Wenn ich zu Paula ins Pflegeheim fahre, bin ich einen halben Tag unterwegs. Da ich 100% arbeite, wollen Besuche gut geplant sein. Heute Samstag war einer dieser Tage, an dem ich einkaufen ging, nach dem Rechten im Haus schaute und Paula besuchte.

Der Gang zum Haus beklemmt mich jedes Mal, denn es berührt mich, das Haus so alleine und verlassen zu sehen. Praktisch jedes Mal photographiere ich es, laufe rund herum und bedauere, dass ich nicht da wohne.

Nach einer weiteren Viertelstunde Fahrt komme ich im Pflegeheim an. Paula sitzt zufrieden mit den anderen im Fernsehzimmer. Sie erkennt mich zwar, weiss aber meinen Namen nicht. Trotzdem ist die Begrüssung freundlich und aufgestellt.

Wir gehen in ihr Zimmer, denn ich habe ihr Tulpen als Frühlingsgruss mitgebracht, obwohl das Pflegeheim noch bis vor wenigen Tagen umgeben von Schnee war.

Wir setzen uns auf ihr Bett hin und mir fällt auf, dass ihre Zimmerpflanzen am Vertrocknen sind. Paula hat in ihrem Haus alle Blumen immer gehegt und gepflegt. Ich giesse die Blumen und Paula bemerkt trocken, dass sie dies halt jetzt vergisst.

Wir setzen uns erneut hin. Paula beginnt zu reden.
Wenn ich ihre Worte mit jenen von früher vergleiche, ist es ein Schock. Sie hat Wortfindungsstörungen, bricht Sätze ab, singt gewisse Worte und nennt Namen in Zusammenhängen, die ich bisher nie gehört habe. Wenn ich nicht daran gewohnt wäre, würde ich weinen.

Paula redet ohne Punkt und Komma. Es ist schwierig und anstrengend, ihr zu folgen. Ich höre ihr zu, nicke. Als sie Namen von früher nennt, stehe ich auf und hole eines der Fotoalben. Ich setze mich hin und zeige ihr die Photos. Es ist das Hochzeitsalbum meiner Eltern.

Meine Mutter sieht auf den Photos so aus, wie ich sie immer in Erinnerung haben werde: strahlend schön, jung und glücklich. Auch mein Vater strahlt. Nichts deutet darauf hin, in welche Katastrophe sie in ein paar Jahren rein schlittern werden.

Meine Grossmutter bewundert die Schönheit und das Hochzeitskleid meiner Mutter, erkennt sie aber nicht mehr. Sie erkennt auch sich selber, Walter, meinen Grossvater und meinen Vater nicht mehr. Ich sitze da und erzähle ihr die Anekdote mit dem Schwein.

„Welches Schwein?“, fragt Paula.
„Na, das Ferkel, das du als Glücksbringer für das Hochzeitspaar gekauft hast.“
„Häh?“
„Schau hier“, ich zeige auf ein riesiges Schwein, welches bei der Feier kein kleines Ferkelchen mehr war. Der Gesichtsausdruck von Paula während der Feier soll unbezahlbar gewesen sein. Alle haben jahrelang darüber gelacht, wenn Paula diese Geschichte erzählt hat. Jetzt hört Paula mir neugierig, aber ahnungslos zu.

Sie zeigt auf das Bild einer Frau in meinem heutigen Alter.
„Das bist du, oder?“
Ich schüttle den Kopf.
„Das war 1974. Dann wäre ich dieses Jahr schon 76.“
„Ah so? Und wie alt bin ich denn?“
„Was denkst du?“
„94. Ich fühle mich wie 94.“
„Du bist 85. Das geht 10 Jahre bis dahin.“
Paula blickt mich bedeutungsschwanger an und meint:
„Ich werde langsam aber sicher ein altes Wiibli.“
Dann lacht sie und tätschelt meine Hand.

Auf dem Heimweg sage ich zu Sascha, dass Paula nun eigentlich höchstkreativ mit ihrer Sprache umgeht. Es kümmert sie nicht mehr, ob die Worte stimmen und ob sich jemand an ihrer Aussprache stören könnte. Sie spricht ohne innere Zensur. Sie schämt sich nicht einmal mehr, wenn sie etwas nicht mehr weiss. Es ist nicht mehr wichtig. Nur die Gefühle zählen noch. Das ist beruhigend.

Paula und Röös

Röös und Paula an der Hochzeit meiner Eltern 1974