Der beste Freund meiner Familie

Es gibt nicht viele Dinge, die mich wirklich verletzen. Mittlerweile habe ich vieles gelernt einzustecken und zu deuten. Aber es gibt da einen Punkt, da verstehe ich keinen Spass.

Ich war noch keine zwei Jahre alt, als mein Bruder starb. Er war nur drei Tage alt und die Umstände seines Todes im Spital Frauenfeld sind rätselhaft. Meine Mutter, und auch mein Vater, waren danach andere Menschen.

Meine Mutter entstammt einer Toggenburger Textilarbeiterfamilie. Ich wage zu behaupten, dass „Alkoholismus“ eine der Überlebensstrategien war. Wie anders hätte man den harten Alltag in der Fabrik durchstehen können? Ich nehme an, dass dadurch während Generationen eine Art Stress wegzustecken, weiter vererbt wurde. So war es bei meinem Uropa Henri, meinem Opa Walter und wohl auch bei meiner Mutter.

Der Alk, und ich behaupte mal, dass viele gutmeinende, sozial denkende Menschen keine Ahnung von dem Thema haben, zerstört vieles. In erster Linie wurde der Körper meiner Mutter zerstört. Eine Leberzirrhose kommt nicht von ungefähr. Doch sehr viel heftiger ist die Zerstörung des sozialen Umfelds und notabene des Selbstwertgefühls der Angehörigen.

Ich kannte nichts anderes. Ich fand es nicht aussergewöhnlich, dass meine Mutter um sechs Uhr morgens kotzte, nein. Ich half ihr beim Aufwischen, damit mein Vater es nicht bemerkte. Später ging ich zur Schule. Es war nicht aussergewöhnlich oder gar befremdlich, dass meine Mutter die Nachmittage schlafend auf der Couch verbrachte. Ich wusste nicht, dass andere Mütter morgens nicht nach Merlot aus dem Mund riechen.

Ich wusste nicht, dass andere Mütter ihre Kinder nicht einfach so verprügeln. Mir war nicht bekannt, dass Schläge auf den Rücken, den Kopf oder in die Beine nicht ok sind. Ich wusste nicht, dass andere Mütter ihre Tochter nicht einfach so mit dem Kleiderbügel prügeln, bis der Bügel bricht. Den Kopf gegen den Heizkörper schlagen. Mir fiel nie auf, dass andere Kinder keine blauen Flecke am ganzen Körper hatten.

Natürlich hatten wir selten andere Kinder zu Besuch, denn ich nehme mal an, dass ausser mir so ziemlich jeder bemerkt hat, dass meine Mutter trinkt. Meine Kindheit und meine Jugend war einsam. Ich hatte das Gefühl, ich muss mich vor allem und jedem schützen. Wenn der Körper verletzt ist, ist auch die Seele beteiligt. Die Narben wachsen zu, doch die Wunden an der Seele eitern lange.

Später, ich war im Welschlandjahr, sah ich etwas klarer. Meine Madame schlug niemanden, schrie nicht herum. Auch als mir einmal eine teure Schüssel zu Boden fiel, fand sie das nicht so schlimm. Schlimmer fand sie die Tatsache, dass ich mich zu Boden geschmissen und die Hände über den Kopf gelegt, mich zusammengerollt hatte, um mich zu schützen.

Sie meinte: „Ma fille, so geht das aber nicht.“

Sie hat mich dann, ich war gerade mal 16, in eine Therapie geschickt. Madame D., meine Therapeutin sprach nur französisch und so lernte ich, die Tiefen meiner Verletzungen in einer Fremdsprache auszudrücken.

Mir wurde in der Zeit bewusst, dass in meiner Kindheit und Jugend ziemlich was scheisse gelaufen war. Noch konnte ich es nicht einordnen. Als ich wieder zuhause war, das Jahr war herum, waren meine Eltern getrennt, meine Mutter ausgezogen und es kehrte Normalität in mein Leben ein.

Meine Schwester allerdings war wütend auf mich. Sie fand es furchtbar, dass ich mit jemandem ausserhalb der Familie über „das Problem“ geredet hatte.
„Du stellst uns alle schlecht hin“, sagte sie. Ich musste mich entscheiden, ob ich lieber schweigen oder darüber reden will. Ich wusste, wenn ich schweige, dann kommt das nicht gut. Dann werde ich krank oder wahnsinnig oder sterbe.

Darum rede ich darüber. Ich verschweige den Alk in meiner Familie nicht. Ich gebe der Flasche nicht die Macht über mein Seelenleben.

Aber manchmal bin ich empfindlich. Bei Witzen über Alkis kann ich nicht lachen. Zu schmerzlich wird mir das Drama dahinter bewusst. Zu offensichtlich ist die Bigotterie der Lachenden und Spottenden.