Ein ganzes Jahr

Ein ganzes Jahr ist vergangen, seit ich einen Anruf aus Omi Pflegeheim erhielt und man mich darüber informierte, dass es wohl nicht mehr sehr lange dauern würde.
Omi hatte sich auf den Weg gemacht.

Ein Jahr später ist alles anders.
Omi ist tot. Wieder liegt Schnee. Es ist kalt.
Omi liegt auf dem Friedhof oberhalb des Städtchens.
Ich bin 40.

Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es ohne Omi sein würde.
Das Leben geht weiter, soviel ist sicher.

Aber wie?
Die Erinnerungen sind wichtig.
Solange man sich an jemanden erinnert, ist er nicht wirklich tot.

Ich erinnere mich oft an Omi.
Aber ich weiss auch: Sie ist tot. Sie kommt nicht mehr. Ihr Leben ist Geschichte.

Ich lebe in ihrem Haus. Immer wieder treffe ich auf ihre Spuren.
Ihr Bild hängt in der Stube.
Sie würde das Haus nicht wieder erkennen.
Es ist warm. Überall stehen Bücher herum.
Meine Nähmaschinen.
Die Wände sind frisch gestrichen.

Und dennoch sehe ich uns alle noch immer, wie wir vor 30 Jahren alle gemeinsam in der kleinen Stube vor einem Berg von Geschenken sassen und nicht ahnten, was das Leben uns bringen würde.

Der Tod ist die Antwort auf alle Fragen im Leben. Irgendwann muss man einfach gehen.
Das ist der Kreislauf der Natur und das ist gut so.
Wichtig ist doch, was man aus seinem Leben macht, wie und dass man liebt. Alles andere ist unwichtig.

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Winterbach

Ich mag den blauen Himmel und die schneebedeckten Hügel des Toggenburgs.
Gestern waren wir in der Migros Wattwil einkaufen. Omi und ich waren oft dort. Sie liebte Einkaufen. Der Laden hat sich verändert, seit ich mit Omi da war. Es ist alles moderner geworden und manchmal denke: Omi, da wärst du nicht mehr klar gekommen.

Wenn ich am Joghurt-Regal vorbei laufe, lächle ich. Himbeer-Joghurts hat sie so sehr geliebt. Und Milchschnitten. Für einen Moment lang will ich danach greifen. Ich denke, das bringe ich nachher mit. Das kann sie gut beissen.

Dann fährt es mir in den Kopf: sie ist nicht mehr.

Als wir aus der Tiefgarage fahren, ist mein erster Impuls, links abzubiegen. In Ebnat-Kappel hat Omi die letzten Jahre verbracht. „Schnell bei Omi vorbei schauen“, denke ich.

Es tut weh, wenn einem bewusst wird, dass ein Kapitel des eigenen Lebens unwiderruflich abgeschlossen ist. Nie mehr Omi im Pflegeheim besuchen. Keine Umarmung mehr.

Im Alltag fehlt sie mir sehr, auch wenn wir nicht mehr so viel Zeit miteinander verbracht haben wie während meiner Kindheit. So vieles erinnert mich an sie. Der Zug. Die Läden. Die Strassen.

Der Bach neben unserem Haus friert langsam zu. Es ist ein seltsames Schauen. Ich denke: gell, Omi, es war dir einfach zu kalt. Aber irgendwann blühen wieder die Rosen und der Schnee macht dem hellen Grün der Wiese Platz.

Märzenfreude

Bald lebe ich einen Monat hier im „mittleren“ Toggenburg. Es gefällt mir ausgesprochen gut, auch wenn es im Februar bitterkalt war. Das schöne Wetter und die Ruhe um unser Haus sind erholsam. Die grossen Eiszapfen haben mich genauso erfreut wie damals, als ich noch ein kleines Mädchen war.

Noch immer stehen viele Kisten unausgepackt in den Abstellkammern herum. Es nervt mich. Aber ich habe jetzt keine Zeit dafür. Der Schnee taut langsam. Es hat noch immer grosse Mengen davon ums Haus.

Manchmal strahlt die Mittagssonne in die Stube. Dann legt sich die Katze aufs Sofa und geniesst die Strahlen. Ich habe so viele Pläne, was ich als nächstes tun will: da sind die grossen Steine vor dem Atelier, die ich im Garten verteilen will. Mein selbstgemalter Thurgauer Löwe aus Gips braucht einen Platz mit Übersicht.

Stattdessen lag ich diese Woche grippegeplagt auf dem Sofa. Mit einem Mal schmilzt der Schnee unsäglich langsam. Das tut nur bei Ungeduldigen und Menschen, die keine Zeit haben.

Am Freitag gab Sascha unsere Wohnung im Thurgau ab. Das sind achtzehn Jahre meines Lebens in einem Haus, die ich letzte Woche hinter mir liess. Doch die Zeit lässt sich nicht abstreifen und nicht abgeben. Sie begleitet einen auf Schritt und Tritt.

Wintergedanken

Mein Heimweh nach dem Thurgau hält sich in Grenzen. Das überrascht mich nicht. Ich lebe noch immer an den Ufern der Thur. Nur ist sie hier oben viel jünger und freier als unten, im Thurgau, wo man ihren Lauf begradigt hat.

Hier oben im Toggenburg liegt Schnee. Der Winter beherrscht die Menschen, trotz Fasnacht und Austreibung der Wintergeister. Die Luft ist kalt und klar. Kein Nebel. Um unser Haus herum fliegen Amseln. Ein Krähenpaar hat uns ebenfalls seine Aufwartung gemacht. Und von oben im Wald ertönt der sonore Schrei des Kolkraben.

Vom Schlafzimmerfenster aus sehe ich auf die Strasse. Doch der Lärm dringt nicht bis zu uns ins Tobel. Die anderen Häuser halten neugierige Augen von unserem Haus fern. Mit einem Mal sind wir zu Städtern geworden. Wir leben im Häusermeer und haben doch mehr Natur um uns herum als vorher auf dem Land. Hier oben fahren keine Mami-Panzer herum. Der Winter macht jedem unnützen Gefährt schnell den Garaus.

Der Keller ist kalt. Er wird es die nächsten Wochen bleiben. Es gibt noch so viel zu räumen. Zu verschieben. Wegzuschmeissen. Man kriegt eine innere Klarheit, was man braucht und was man will und – was nicht.

Vor dem Haus liegen riesige Steine, begraben unter Schnee und Eis. Der Schreiner hat sie hervorgeholt, als er in meinem Atelier den Boden erneuert hat. Ich versuche mir vorzustellen, wie Männer 1839 den Grundstein für den Bau unseres Hauses gelegt haben. Ich komme klein und unbedeutend vor. Das alte Haus ächzt und knarrt manchmal. Ich denke, es freut sich, dass es wieder Menschen (und eine Katze) beherbergt.

Ich freue mich auf den Frühling. Ich möchte Omi Paula abholen und ihr das Haus zeigen. Doch ich habe auch Angst davor, dass sie es nicht mehr erkennt. Fast dreissig Jahre hat sie hier gelebt. Die Wände haben nun eine andere Farbe. Trostloses Mintgrün ist hoffnungsvollem Weiss gewichen. Die Vorhänge sind abgehängt und geben den Blick auf die andere Seite der Thur frei.

Winters Kälte

Ich erinnere mich gut an den Januar 1997. Ich war 19 Jahre alt, Besitzerin einer riesigen Zahnspange und seit einem halben Jahr unterwegs im Berufsleben.

Opas Krebserkrankung war allgegenwärtig. Ich wartete auf seinen Tod. Sehnsüchtig. Er litt. Ich war nicht fähig, ihn zu besuchen. Erinnerte mich an den Spruch: Behalt ihn so in Erinnerung, wie er sein Leben lang war.

Ich bereue es heute. Vielleicht hätte er in jenen Tagen meiner Anwesenheit bedurft. Wir haben uns immer umarmt, wenn ich das Haus verliess. Er war knochig. Am Ende war er fast zerbrechlich.

Omi wuchs in jener Zeit über sich heraus. Sie war standhaft und ruhig. Der Fels in der Brandung. Omi konnte nichts und niemand erschüttern. Sie war an seiner Seite und im Gegensatz zu mir weinte sie nicht. Sie erledigte nach seinem Tod, der nicht eben schön war, alle Angelegenheiten, so als hätte sie nie etwas anderes getan.

Die Beerdigung fand an einem sonnigen, kalten Tag im Januar statt. Opis Sarg wirkte klein. An die goldenen Blüten auf der Seite der Holzkiste erinnere ich mich noch immer. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er da drin lag. Ich erwartete jeden Moment, dass er einfach um die Ecke kommen würde. Rauchend. Fluchend. Die klaren blauen Augen auf uns gerichtet.

Doch Opi blieb weg.

Erst einige Tage nach der Beerdigung weinten wir gemeinsam. Seine Stimme fehlte. Sein leiser Schritt auf der Holztreppe. Der Keller war plötzlich unbelebt.

18 Jahre und einen Monat später werden wir im Haus leben. Mein Opi hätte bestimmt Freude dran.

opa

Der Winter im Toggenburg

Nach den letzten fünf Arbeitstagen dieses Jahres freute ich mich darauf, ab heute wieder Umzugsarbeiten anzugehen. Indies, das Wetter macht mir einen Strich durch die Rechnung. Damit wir uns richtig verstehen: ich liebe den Winter. Meterhoher Schnee ist mir lieb. Aber nicht, wenn ich meinen einen Wohnsitz an einen anderen verschiebe.

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Der Schnee stand uns heute morgen bis zu den Knien. Ein Gefühl, das unbeschreiblich ist. Das Haus bietet im Sommer Schutz vor der Wärme. Spendet Schatten. Im Winter aber ist das Haus ein Ort der Geborgenheit. Als wir eintreten, ist es warm. Die Fensterscheibe in meinem Büro ist zwar gefroren, aber die restlichen sind noch nicht mal beschlagen.

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Ganz im Ernst: Ein Haus aus Holz, liebevoll dekoriert, ein Kamin, der eingeheizt wird. Wolldecken und dicke Socken. Was gibt es Schöneres?

Für einen Moment, beim Waten durch den hohen Schnee, schwappt aber Bitterkeit in mir hoch. Über neun Monate hab ich auf den Hauskauf gewartet. Ich hatte gehofft, im Herbst hier einziehen zu können. Aber die Mühlen der Ämter mahlen langsam. Meine Machtlosigkeit wurde mir mehr als einmal bewusst. Eine halbe Woche, nachdem nach sechswöchiger, erneuter Wartefrist der Grundbucheintrag von irgendeiner Behörde endlich genehmigt wurde, erhalte ich die Rechnung für die Handänderungssteuer. Zahlbar innerhalb 30 Tagen.

Ich atme die kalte Luft ein. Ungerechtigkeit wird nicht weniger, wenn ich wütend werde. Aber sie muss ausgesprochen werden, weil sich sonst nichts ändert.

Wir räumen die Stube ein. Unsere DVD-Sammlung. Badetücher ins Bad. Ich sortiere Kisten aus, die noch Dinge von Omi enthalten. Kinderzeichnungen von mir und meiner Schwester. Ihre religiösen Miniaturbildchen. Briefe. Omis alte Identitätskarte.

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Draussen schneit es munter weiter. Es ist wunderschön. Ich möchte gar nicht zurück in den Thurgau, sondern lieber den Kamin anfeuern, auspacken, mich hier einleben, den Boden putzen und mit der Katze kuscheln. Der Winter scheint mir ein alter Toggenburger zu sein.

Nachtrag:
Filmchischtli

Übers Toggenburg

Ein wenig erscheint mir mein Toggenburg wie ein fernes Irland. Es ist rauh. Die Menschen sprechen eine scharfe Sprache. Trotzdem ist es in den Häusern drinnen warm.

Mitte November. Die Luft wird kälter. Der Martinisommer hat mich das ganze Wochenende lang mit Sonne verwöhnt. Ich möchte fürs Leben gern in Sonnenbrille und Wolldecke gehüllt auf unserer Terrasse auf dem Liegestuhl liegen.

Ein wenig Respekt habe ich schon vor der baldigen neuen Lebenssituation. Die Winterabende meiner Kindheit, wenn mir von den Zehen her der Kuhnagel wuchs, sind mir unvergessen. Zudem ist es schon komisch, mit meinem Freund im ehemaligen Schlafzimmer meiner Oma und meiner Urgrosseltern zu schlafen.

Doch dann denke ich, dass seit 175 Jahren die Bewohner dieses Hauses in diesen Räumen leben und ich die Ehre habe, ebenfalls dort den Rest meines Lebens zu verbringen.

2012 war der Winter besonders schlimm. Ich war so froh, dass Omi Paula nicht mehr im Haus lebte. Der viele Schnee, die Kälte, hätte ihr schwer zu schaffen gemacht. Ich hoffe sehr, dass dieser Winter mild wird, damit wir in Ruhe unsere Sachen zügeln können. Meinetwegen kanns ab März Katzen hageln.