Traumraum

Die Küche war in Paulas Haus immer der Mittelpunkt allen Geschehens. Zwar war es nicht der schönste Raum, aber der wärmste von allen in diesem Haus ohne moderne Heizung. Ich erinnere mich an die Weihnachtsfeste, wenn ich mit meinen Eltern, meiner Schwester, Walter und Paula am Tisch sass. Wir assen Raclette und Kartoffeln oder aber Omis wunderbares Voressen, das ich so sehr vermisse.
Wir Kinder tranken Rimuss, Opa seinen Rosé, die Eltern Rotwein und Oma ein Spezli.

Da es im Winter so schrecklich kalt im Haus war, spielten wir Kinder immer in der Küche oder aber, wenn es geheizt war, in der Stube. Wir durften Platten hören, Postkarten sortieren, die Puppenstube vom Estrich holen. Manchmal schauten wir zu, wie Opa den Ofen anfeuerte. Das tat er stets im Blaumann mit Pfeife im Mund. In der Pfeife kokelte ein ausgelutschtes Stumpenstück.

Einmal, daran erinnere ich mich noch sehr gut, weil danach ein schlimmer Streit zwischen Paula und Walter entstand, fiel Opa aus Versehen der Fuchsschwanz in den brennend heissen Ofen. Das wäre nicht gar so schlimm gewesen, wenn Opa nicht ganz furchtbar geflucht hätte. Paula fand das gar nicht lustig, denn schliesslich wollte sie nicht, dass meine Eltern dachten, sie und Walter würde einen schlechten Einfluss auf uns ausüben. Die nachfolgende Fluchattacke Paulas hingegen war dermassen heftig, dass ich sie hier aus Rücksicht auf sensible Gemüter nicht wiedergeben kann.

Im Sommer stand Paula meist um vier Uhr auf. Wenn ich um sieben aufstand und nach unten kam, sass sie meistens über der Zeitung und machte ihr Blick-Bingo. Sobald sie mich sah, stand sie auf und umarmte mich ganz fest, nannte mich ihren „Schatz Gottes“.

Als Paula älter wurde und Opa Walter längst tot war, wurde die Küche zum Diskussionsort Nummer eins. Hier haben wir sehr oft über die Zukunft gesprochen. Paula redete davon, dass sie gerne im Haus sterben würde. Einfach so am Morgen nicht mehr erwachen. Natürlich verwies sie dabei auf den Herrgott, der das dann schon in die Hand nehmen würde.

Wir sassen auch in der Küche einige Tage nach dem Tod meiner Mutter. Mein Vater, der längst von meiner Mutter geschieden war, begleitete mich auf dem Gang mit der Urne ins Städtchen. In der Küche von Paula sind wir dagestanden. Plötzlich umarmten wir drei uns und weinten. Hier hatte das Leben stattgefunden. Nun herrschte die Trauer.

Am Ende ihres Wohnens im Haus, lebte Paula praktisch nur noch in der Küche. Holz lag am Boden, damit sie nicht weit zu tragen hatte. Der Kaffeekrug stand wie immer auf dem Buffet. Ihre Sachen fürs Pflegeheim hatte sie gepackt. Nun sassen wir da. Tränen überströmt. Sie zutiefst traurig, ich von einem Gefühl des Verlustes gepackt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese Küche jemals wieder Leben beherbergt.

Die letzten anderthalb Jahre haben Sascha und ich aufgeräumt. Alles, was zu entsorgen ist, steht im Speicher. Die Küche ist fast leer. Der Tisch ist jetzt bei Paula im Pflegeheim, ebenso die Stühle und ihre Pflanzenmöbel. Der rote Kachelboden ist an die Oberfläche gekommen, unter all den alten Teppichen. Ich freu mich, wenn ich ihn hoffentlich bald reinigen kann. Ich will weiter entrümpeln, die Küche streichen und neues Leben einhauchen. Ich hoffe, dass ich bald einmal am Herd stehen und kochen kann. Freunde einladen. Das Feuer anmachen. Am Tisch sitzen. Glücklich und dankbar sein, dafür, dass mir die Küche dieses Hauses immer eine Heimat war.

 

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mit Henri und Rosa ca. 1979

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Paula lacht 2000

anita lichtensteig

ca. 2000

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Küche 2014

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Seelenwohnplatz

Ich denke sehr oft über meine Urgrosseltern, Anna und Henri, nach. Der Gedanke, dass ich vielleicht bald in Henris ehemaligem Haus wohnen werde, beschäftigt mich. In diesem Haus lebte Henri 30 Jahre lang mit Rosa, seiner zweiten Frau. Vieles erinnert noch an Rosa. Aber es gibt Überreste von Anna.

Henri war zuerst mit Anna verheiratet. Anna starb 1947 an Brustkrebs. Ihre Tochter starb vor 1924. Die Todesursache ist mir unbekannt. Ich möchte, sobald ich im Haus wohne, auf die Gemeinde gehen und nachforschen. Ich will und muss mehr über Anna und Nelly erfahren.

Das Haus steht nicht weit vom ehemaligen Haus von Henri und Anna weg. Ich möchte es ansehen. Vielleicht entdecke ich auf den Fotos weitere Anhaltspunkte.

Die Fotos schaue ich oft an. Sie geben mir einen Einblick, wie das Haus vor 50 und 30 Jahren ausgesehen hat. Ich mag die Nähe, die Verbundenheit zum Haus und dem Grundstück. Schon als Kind fühlte ich mich verbunden mit den Orten, wo meine Vorfahren lebten. Bäume, ein Fluss, der Wald oder Berge gaben mir ein Gefühl von Geborgenheit und Sinnhaftigkeit.

Ich mochte den Geruch des Hauses. Es ist ein wenig muffelig, modrig. Der Bach riecht besonders im Sommer stark. Wenn es windet, rieche ich den Geruch des Waldes.

Dann muss ich daran denken, dass Henri, Rosa und Walter ebenfalls auf der Wiese standen und die Gerüche wahrnahmen. Ich fühle mich ihnen verbunden, wenn ich am Geländer des Baches stehe, so als wenn nicht 34 Jahre vergangen wären, seit ich mit ihnen hier stand.

 

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Paula, Henri und meine Mutter mit dem Hund vor der Haustüre. ca 1965

 

 

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gleiches Haus. Anderer Hund. 60er Jahre

 

 

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Paula, meine Mutter, Walter, Rosa, der Hund, mein Vater und ich, im Vordergrund Henri ca 1979

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Paula und ich 2011

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Januar 2012

Frühling mit Walter.

Ich weiss nicht, in den letzten Tagen muss ich sehr oft an meinen Opa Walter denken. Jetzt, wo der Frühling kommt, fehlt er mir besonders. Als er im Januar 1997 an Leberkrebs starb, fand ich es so schrecklich, dass er die warmen Tage nicht mehr erleben konnte.

Mein Opa Walter ist für mich nach wie vor ein sehr rätselhafter Mensch. Er ist das zweite Kind von Anna und Henri, kam einige Jahre nach dem Tod des ersten Kindes, Nelly auf die Welt. Als Walter im Dezember 1924 auf die Welt kam, waren seine Eltern etwa so alt wie ich jetzt. Mitte 30. Der erste Weltkrieg hatte ihrer Lebensplanung einen gehörigen Strich durch die Rechnung gemacht.

Ich weiss nicht, welche Träume Walter einst hatte. Ich vermute, er wollte Musiker werden. Er war in meinen Augen nicht die Sorte Mann, die täglich brav zur Arbeit geht und abends die Zeitung liest. Nein. Er liebte Jazz, Swing und Marschmusik. Er spielte so viele Instrumente: Querflöte. Saxophon. Klarinette. Geige. Flöte. Trompete.

Walter war ein politischer Mensch. Er hörte Radio, las die Zeitung, schaute sich die Tagesschau an. Er war keiner, der den Mund hielt. Oftmals löste ihm der Rosé die Zunge.

Mein Opa war ein zarter Mensch. Dass er mit 20 ins Militär musste, hat er nie bejammert. Er war Militärmusiker. Es gibt Photos, da sitzt er auf seinem Pferd. Seine Gesundheit war nicht besonders. Er war sehr dünn. Der zweite Weltkrieg hat ihn geprägt wie nichts anderes.

Aber im Frühling, da ist mir mein Opa wieder so nahe, als würde er noch immer unten am Bach seine Pfeife rauchen und warten, dass wir Kinder ihn und Paula besuchen kommen. Der letzte Blick von der Brücke über den Bach in Richtung des Hauses gilt noch immer ihm. Auch wenn er längst nicht mehr da steht.

Was sich verändert hat.

Vor einem Jahr schrieb ich über meinen Opa Walter, der am 7.1.1997 gestorben ist. Es ist seltsam, aber ich habe das Gefühl, als wenn es schon sehr viel länger her wäre.

Ich erinnere mich aber noch wie gestern daran, dass ich am Vorabend seines Todes ins Cinema Luna in Frauenfeld gegangen bin und 8 1/2 mit Marcello Mastroianni geschaut habe. Ich konnte mich überhaupt nicht konzentrieren und habe noch in der Pause das Kino verlassen.

Ich war ruhelos. Ich war wütend. Einige Tage zuvor war ein kleiner Junge in meinem Umfeld gestorben. Ich konnte nicht verstehen, warum ein kleines Kind einfach so stirbt, während mein Grossvater seit Tagen am Sterben war.

Ich fuhr nach Hause in meine schäbige kleine Einzimmerwohnung und weinte. Ich betete. Ich bat, dass mein Grossvater endlich sterben möge. Und ich habe geflucht. Ganz furchtbar. Plötzlich war ich ruhig. Unendlich ruhig. Nach Tagen völliger Ruhelosigkeit konnte ich endlich wieder schlafen.

Am nächsten Morgen ging ich wie immer zur Arbeit. Um Punkt acht Uhr fiel mir ein Glas aus den Händen. Das war mir noch nie passiert. Ich war verstört. Um viertel nach acht klingelte das Telephon. Meine Chefin rief mich mit ernster Miene ins Büro. Am anderen Ende erklang die Stimme meiner Mutter. Sie informierte mich kurz und sachlich: Opa ist gestorben. Um Punkt acht Uhr. Dann weinte sie. Ich auch.

Jetzt sind sie beide tot, meine Mutter und mein Grossvater. Sie liegen sogar auf dem selben Friedhof, wie schon Rosa und Heinrich und Anna und sogar Nelly.

Aber wer war mein Opa wirklich?

Im Haus entdecke ich seine Spuren, berühre seine Werkzeuge, die noch immer am gleichen Ort liegen wie 1997, als er sich ins Bett legte, um auf Bruder Tod zu warten. Ich erfahre aus Briefen, dass er seine Eltern gepflegt hat. Wie verzweifelt er war. Wie traurig. Ein sehr sensibler, kluger, humorvoller Mann. Mein Opa halt. Ich betrete das Haus und denke an ihn. Wie er immer nach Tabak gerochen hat. Sein Lachen. Seine Liebe zur Musik. Er fehlt mir.

 

Opa Walter

Opa Walter ca. 1988

sommerferien bei paula

die sommerferien bei paula und walter im toggenburg waren die schönsten erlebnisse meiner kindheit. meine schwester und ich packten jeweils koffer (und migrossäcke) voll mit zeugs, das wir während zwei bis vier wochen mit zu ihnen nahmen. die eltern fuhren uns jeweils hin. dann verschwanden sie schnell wieder.

paula trug weite, bunte kleider. sie war gross gewachsen, ein wenig rundlich, aber nicht dick. ihr schwarzes haar war durchzogen von grauen strähnen. walter war schmächtig, hatte einen leichten buckel und trug fast immer seinen blaumann. nur wenn er in den ausgang ging, trug er einen feinen anzug mit krawatte.

wir waren vollkommen frei, meine schwester und ich. wir konnten spielen, bauten uns hütten aus tüchern über der wöschhänki, schwammen im lederbach, tollten mit barri herum oder schauten fern. manchmal gingen wir ins schwimmbad, wir gärtnerten, strichen das gartentor.

ich sortierte knöpfe, vogelfutter, walters werkzeug, studierte briefmarken, während meine schwester mit der schaufel barris haufen aus dem hohen gras fischte und in den bach schmiss.

manchmal machten wir ausflüge. wir reisten nach luzern zum löwendenkmal, ins kloster einsiedeln, in die epa nach st. gallen oder nach augusta raurica.

der sommer ging immer schnell vorbei. irgendwann ging ich nicht mehr zu paula und walter. ich glaube, mit 19 war ich das letzte mal da. ich hatte gerade eine woche im spital verbracht, da mein kiefer operiert wurde. ich konnte nicht mehr essen, nur noch trinken. es war warm draussen. paula verwöhnte mich wie ihren augapfel. barri schwänzelte um mich herum. walter lag im bett und fühlte sich krank. viereinhalb monate später würde er tot sein.

anna und ich

ich habe anna nie kennengelernt. was ich über sie weiss, habe ich nur von walter, meinem grossvater und paula gehört. auch paula hat sie nie getroffen, aber oft von ihr geträumt.

anna wurde zwischen 1890 und 1898 wahrscheinlich in herisau geboren. sie arbeitete als serviertochter in einem gasthof. in der zeit um 1914 hat sie meinen urgrossvater heinrich kennen gelernt. die beiden haben sich ineinander verliebt. 1924 wurde dann walter geboren.

das klingt auf den ersten blick sehr idyllisch.
in den letzten monaten, während paulas züglete habe ich viele briefe und dokumente über anna erhalten. mir wurde vieles klarer.

anna und heinrich haben sich sehr viele briefe und karten geschrieben. in ihren briefen hat sie in ihn immer henri genannt. sie haben lange zeit im toggenburg gelebt. erschütternd war für mich der tag, als paula mir annas todesanzeige in die hand gedrückt hat. ein kleines stück papier aus dem jahr 1947 erzählt mir, wie meine urgrossmutter unter furchtbaren qualen starb. sie litt an brustkrebs und starb als junge frau.

doch nicht genug. in dem kleinen schächtelchen, von dem ich nicht weiss, wer es immer so sorgsam mit andenken meiner familie gefüllt hat, finde ich noch mehr: die todesanzeige meiner grosstante nelly, die 1922 starb. niemand hat je über sie gesprochen. ich weiss nicht, woran sie gestorben ist.

nelly erinnert mich an meinen bruder sven, der ebenfalls als kind starb. wiederholt sich hier ein muster? warum fühle ich diese nähe zu anna? wenn ich ihr gesicht auf photos anschaue, sehe ich mich selber. wir haben dieselben kantigen gesichtszüge. dieselbe frisur.

ich hätte sie sehr gerne kennengelernt.

über opa und oma

ein ganz anderer teil meiner kindheit ist opa walter. er war paulas mann.

ihre liebesgeschichte habe ich als kind oft gehört und erst als erwachsene verstanden. walter war der sohn von heinrich, beide ihres zeichens musiker und weberei-angestellte im toggenburg. walter war leidenschaftlicher swing-musiker. so hat er auch paula kennen gelernt.

es war an einem abend in wil. er spielte trompete oder klarinette. das lässt sich nicht mehr so genau eruieren. jedenfalls hat sie ihn angehimmelt. er: damals blond, eher kleingewachsen, mit strahlend blauen augen.
sie ist ihm sofort aufgefallen: schüchtern, gross, mit dunklen haaren. ihr ernster gesichtsausdruck. sie haben zusammen getanzt. am ende des konzerts hat sie ihm ihr velo ausgeliehen, weil er seinen zug verpasst hat. dafür bekam sie schlimme schelte von ihrem vater.

die beiden haben sich verliebt, doch die älteren schwestern und der schwager machten ihnen klar, dass sie nicht heiraten durften. das war anfangs der 50er jahre. paula war die jüngste schwester. es durfte einfach nicht sein, dass sie vor den älteren schwestern heiratete und sich womöglich nicht mehr um die eltern kümmerte.

die strategie der beiden liebenden war einfach. in der heutigen zeit wirkt sie vielleicht etwas hausbacken: die beiden praktizierten coitus interruptus in der hoffnung, paula würde schwanger und müsste heiraten.

nach einiger zeit war es dann soweit. paula wurde schwanger. fünf monate nach der hochzeit kam schliesslich meine mutter auf die welt. der plan war aufgegangen.