Silvester 1996

An Silvester 1996 erinnere mich noch sehr gut. Einige Tage zuvor hatte ich meinen Opa besucht. Er lag zuhause in seinem Bett und wartete auf den Tod. Wir haben jeden Tag telephoniert. Er war müde, aber zuversichtlich. Mir schien, als wartete er auf einen Zug, der zu einem unbestimmten Zeitpunkt ankommen und ihn mitnehmen würde. Es hing eine unausgesprochen angespannte und erwartungsvolle Stimmung in der Luft.

Ich konnte das alles, seine Krankheit, sein Sterben, irgendwie nicht einordnen. Ich hatte zwar begriffen, dass Opa nicht mehr lange lebt, aber irgendwie wollte ich das nicht zur Kenntnis nehmen. Wir haben miteinander gesprochen und uns ein gutes neues Jahr gewünscht. Das heisst: geredet habe ich mit Paula, die den Hörer des alten Telephonapparats in Richtung von Opas Bett hielt. Seine Stimme klang zart und müde.

Ich wusste damals nicht, was 1997 mit sich bringen würde. Ich hatte keine Ahnung, was das Leben mit mir vorhaben würde. Ich würde 20 Jahre alt werden. Meine Zahnspange würde entfernt werden. Ich würde David Bowie am Openair sehen. Dass das neue Jahr mit Opas Tod am 7. Januar beginnt, wollte ich nicht wissen.

Heute bin ich 36 und ich denke an meinen Opa zurück. Nächstes Jahr wäre er 90 Jahre alt geworden. Was würden wir reden? Wie wäre sein Blick, der eines Menschen, der einen Weltkrieg miterlebt hat, auf die Welt von heute? Was würde er zu meinem Leben sagen? Wäre er stolz auf mich?

Ich nehme mir seit seinem Tod keine Vorsätze mehr. Ich habe Wünsche: Ich wünsch‘ mir, dass ich das Haus meiner Familie kaufen und umbauen kann. Ich wünsch‘ mir, den Garten meiner Urgrosseltern zu neuem Leben zu erwecken, die Rosen zu hegen, die Wiese zu mähen und die Johannisbeerplantage zu pflegen. Ich wünsch‘ mir, dass das Haus meiner Familie wieder aufblüht und zu einem Treffpunkt von Menschen wird, die mir am Herzen liegen. Das ist alles.

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