Die Wahrheit über Röteli

Der gestrige Nachmittag war ein besonderer.
Ich lernte in einem Café viele Leute meiner Stadt kennen, unter ihnen die Besitzerin und den Besitzer von Paulas langjähriger Gast-Katze Röteli. Ich hatte etwas Respekt vor dieser Begegnung, weil ich nicht wusste, ob Rötelis Besitzer sauer auf Omi Paula waren. Schliesslich hatte Omi, als sie alleine im Haus lebte und ihre Demenzerkrankung weiter fortschritt, verschiedenste Katzen gefüttert.

Meine Angst war jedoch unbegründet. Es hat mich gerührt, dass es für das Paar keine Sache war, dass Omi ihre Katze gefüttert hat. Das hat mich sehr erleichtert.

Bei der Gelegenheit und dem tollen Gespräch erfuhr ich unter
anderem, dass „Röteli“ kein Männchen, sondern ein zehnjähriges Weibchen ist und in Wirklichkeit „Janis“ heisst. Ich zeigte den beiden Photos von Paulas Katzenbettchen aus diesem Blog. Und: ich konnte endlich danke sagen, dass Janis meiner Oma so viel Freude bereitet hat.

 

Lichtensteig 2012 (4)

 

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Düster stimmt mich, dass in Lichtensteig aktuell fast zwanzig Katzen spurlos verschwunden sind. Viele Menschen hier haben ihr liebes Haustier verloren, wissen nicht, was mit ihm passiert ist. Ich hoffe, das klärt sich rasch auf.

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Spurlos verschwunden

Meine Kindheit in den frühen 1980er Jahren im Thurgau war geprägt von der Angst vor dem bösen Mann. Als ich in den Kindergarten ging, hat mir meine Mutter tagtäglich eingebläut, ich soll nur ja mit keinem Mann sprechen. Das hätte ich natürlich eh nie gemacht, da ich erstens total schüchtern war und zweitens panische Angst vor bartlosen Männern hatte.

Damals verschwanden mehrere Kinder in meiner Gegend. Für meine Eltern und meine Omi muss das der totale Horror gewesen sein. Niemals durften wir Kinder irgendwo alleine spielen ohne uns nicht regelmässig bei den Eltern wieder zu melden. (Damals gabs keine Handys für Kinder!)

Als ich in die erste Klasse ging, ich glaube sogar, es war die erste Woche, entschied ich mich, meine Kindergartenlehrerin zu besuchen. Frau H. hatte ich immer so gerne gehabt und ich vermisste sie sehr. So beschloss ich nach Schulschluss, im Chindsgi vorbei zu schauen.

Frau H. freute sich sehr über meinen Besuch. Ich hingegen fühlte mich wie eine Erwachsene. Mit grossem Stolz machte ich mich eine Stunde später auf den Heimweg. Ich erinnere mich nicht mehr an alles, nur noch daran, dass meine Oma und meine Mutter weinten, als sie mich sahen.

Oma drückte mich an sich. Sie trug ihren hellblauen Strickpullover, der ihr heute viel zu gross ist. Meine Mutter hingegen war wütend. Ich verstand gar nichts.

An jenem Nachmittag war nämlich meine Oma zu einem Überraschungsbesuch vorbei gekommen. Sie sassen im Garten und warteten auf meine Rückkehr aus der Schule. Nachdem sie bemerkt hatten, dass alle meine Schulkollegen nach und nach zu ihren Müttern gingen, kriegten sie Angst.

Für Omi und Mami schien sofort klar: das Kind wurde entführt. Sie haben wohl allen anderen Müttern telephoniert. Doch die Antwort war immer dieselbe: Nein, Zora ist nicht bei uns. Nein, meine Tochter weiss nicht, wo Zora ist.

Die Angst meiner Mutter und meiner Oma hat sich auf mich niedergeschlagen. Als einige Jahre später, 1986, Edith Trittenbass verschwand, hatte auch ich Angst. Noch heute denke ich oft an all die verschwundenen Kinder von damals.