Septembersonne

Es ist September geworden und seit langem alles anders als sonst. Ich trauere nicht mehr so stark wie noch vor einem Jahr. Oder fünf. Mutters Geburtstag ist morgen. Der 66ste. Seit zehn Jahren ist sie nicht mehr da.

Vielleicht liegt es daran, dass Omi jetzt auch nicht mehr lebt. Oder dass Svens Grab endgültig geräumt ist und somit alles, was war und schmerzte, verschwunden ist.

Vielleicht ist es tatsächlich so, dass Trauer irgendwann ein Ende hat.

mami und ich

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Ein halbes Jahr

Ein halbes Jahr ist sie nun schon tot und es scheint mir, als wäre es gestern her, dass wir zusammen gesessen sind und herumgeblödelt haben.
Nie mehr Geburtstage und Weihnachtsessen mit Omi.

Heute früh suchte ich 40 Fotos aus meinem Archiv heraus für meinen Geburtstag.
Auf unzähligen Fotos ist sie an meiner Seite.

Ich besitze praktisch keine Fotos mit meiner Mutter.
Das ist schon sehr seltsam und vor allem sehr traurig.

Omi war fast von Anfang meines Lebens an wie eine Mutter.
Sie hat mich gern gehabt und mir dies auch immer wieder gezeigt.
Für sie war ich Enkelin, Tochter und Hoffnung.
Als sie damals sehr unglücklich war, hat sie gesagt:
„Ich wollte nicht mehr leben. Aber für dich lebte ich weiter.“

Es war ja klar, dass ich sie irgendwann überleben würde.
Ich hatte immer Angst, dass dies früh geschehen würde, und nicht erst, wenn ich fast 40 bin.
Ich bin froh um die letzten Jahre mit ihr, selbst wenn sie mich und meinen Namen vergessen hat.

Omis liebevolles, hoffnungsfrohes Wesen fehlt mir so.
Selbst die Demenz, die so vieles zerstört, konnte mir diese Erfahrung, unsere Liebe, nicht nehmen.

omi zora

Dankbarkeit

Morgen vor vierzig Jahren hätte mein Geburts-Tag sein sollen.
Meine Eltern hatten mich auf den 7.7.77 geplant.
Aber weil es vor vierzig Jahren wohl sowas wie „Heute soll es sein!“ nicht gab, kam ich erst am 11. Juli zur Welt. Meine Mutter hat mir das bis zu ihrem letzten Tag vorgehalten.

Heute auf der Heimfahrt kam mir meine Mutter so unverhofft in den Sinn, dass es mich schmerzte.
Ich musste an ihren 40. Geburtstag denken und wie sie ihn mit Freunden gefeiert hat. Einige von ihnen leben auch nicht mehr. Ich dachte an meinen 30. Geburtstag und wie meine Mutter kurz danach verstorben ist. Diese schwierige Zeit hat mich sehr geprägt und ich bin nicht daran zerbrochen.

Die Menschen, die mein Leben bereichert haben und jetzt nicht mehr sind, fehlen mir sehr. Omi und meine Mutter fehlen mir, besonders jetzt. Ich würde so gerne mit ihnen jetzt im Garten sitzen, Wein trinken und rauchen. (Ja, Omi, ich rauche auch nicht zu viel, nur Brissago im Sommer.)

Aber da gibt es auch andere Menschen, die nun in meinem Leben sind, die ich sehr gern habe, und die mir mit ihrer lieben Art Freude bereiten. Deren Gesellschaft geniesse ich nun in vollen Zügen. Denn ich weiss genau, irgendwann werden sie und ich auch nicht mehr sein.

zora sofa omi

Nachtrauern

Fast ein halbes Jahr lebe ich nun schon ohne Omi.
Meine grosse Erschöpfung ist gewichen und ich bin froh darum.
Ich bin manchmal traurig, dass Omi das Haus (und die neue Elektrik!) nicht sehen kann.
Dass sie nicht dabei ist, wie ich und Sascha hier leben, wo sie fast 30 Jahre lang gelebt hat.
Dass sie unseren Garten und ihre geliebten Johannisbeeren nicht sehen kann.
Dass sie nicht am Langen Tisch dabei war, wo sie doch Zusammensitzen und Essen immer so geliebt hat.
Dass sie nicht dabei ist, wenn ich 40 Jahre alt werde.

Ich frage mich nach wie vor, wozu das alles gut war, was wir gemeinsam erlebt haben.
Auf den Schmerz, die Tränen, die Sorgen könnte ich gut verzichten.

Manchmal erfahre ich, dank Omi und unserem Buch, Geschichten von Menschen.
Ich bekomme diese Geschichten wie kleine Umarmungen erzählt.
Dann ist zwar meine Trauer um Omi immer noch da und tut auch weh.

Wir alle leiden, wenn unsere Eltern und Grosseltern älter werden.
Zuzusehen, wie sie krank oder vergesslich werden, ist schwierig, denn wir haben noch immer unser Bild von ihnen, wie sie in unserer Kindheit, Jugend oder später agierten.
Eltern und Grosseltern so gebrechlich zu sehen, verletzt.

Aber irgendwie freut es mich auch, wenn Menschen dank Omis Geschichte über ihre eigenen Erfahrungen mit Demenz sprechen, es nicht für sich behalten, sondern offen sagen: so war es für mich.

Omi und ich (2) (685x582)

Rosentränen

Gestern fuhr ich durch Weinfelden und erblickte beim Pflegeheim eine alte Frau, die genauso an ihrem Rollator ging wie Omi damals. Für einen Moment lang dachte ich: „Omi!“, um im nächsten Moment zu wissen: Nie wieder. Tränen fliessen.

Gestern nacht regnete und stürmte es stark bei uns im Toggenburg. Heute morgen erblühte die erste Damaszener Rose. Als ich um sieben Uhr das Haus verliess, dachte ich: das ist jetzt der erste Sommer ohne Omi.

Am Nachmittag dann habe ich mich (endlich) dazu überwunden, mit der Bildhauerin Kontakt aufzunehmen. Ich möchte so gerne, dass sie etwas mit Opas Grabstein macht, wenn das Grab im September aufgelöst wird. Omi hat den Grabstein sehr gemocht und ich muss sagen, dass er nach 20 Jahren noch immer frisch aussieht.

Wir haben auf unserer Wöschhänki wieder Leintücher als Sonnensegel aufgehängt, so wie Omi damals vor 30 Jahren.

Omi, ich vermiss dich so.

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Der Garten und ich

Mein Garten und ich gleichen uns.

Nach diesem Winter, der fast alles Lebendige in uns zerstört hat, wächst alles nun umso schneller.
Ich bin zu langsam für meine Trauer.

Der Garten blüht.

Ich stehe da und schaue den Blumen zu, wie sie sich im Wind bewegen.
Ich denke, es geht alles so schnell. Zu schnell für mich.
Ein Monat, zwei Monate, drei Monate, vier Monate bist du schon tot und das Leben geht weiter.

Ich denke an die Spuren, die du in mir und im Garten hinterlassen hast.
Die Pflanzen, die du all die Jahre gehegt hast.
Die Bäume, die du geliebt hast.
Die Liebe, die du uns gegeben hast.

Ein geliebter Mensch hinterlässt immer Spuren.
In unseren Herzen.
In meiner Erinnerung.
Ach Omi, du fehlst mir so sehr.

omi auf der treppe
omi und zora

Vor einem Jahr war alles anders.

Vor einem Jahr kam ich zurück aus Berlin.
Ich wollte Omis Geburtstag nicht verpassen.
Damals dachte ich: Du weisst nie, wann es das letzte Mal ist.

Jetzt, ein Jahr später ist alles anders.
Die Tulpen, haben erst vor einigen Tagen angefangen zu blühen.
Sie sind unter der Last des Schnees zerbrochen.
Einzig die Linde sieht aus wie immer.
Ich kann mich nicht erinnern, dass sie jemals klein, und kein so grosser Baum wie jetzt, war.

Ich hab keine Ahnung, wie Omis Grab aussieht.
Morgen mache ich es nochmals neu.
Ich bin froh, dass Omi kremiert ist und ihr toter Körper nicht in dieser kalten Erde vor sich hin gefriert. Sie mochte es lieber immer warm.

Vor einem Jahr fuhren wir jeweils ins Pflegeheim, um mit Omi ihr Geburtstagsmahl zu essen.
Wirklich wohlgefühlt habe ich mich nicht. Das lag aber nicht am Heim oder an Omi, sondern daran, dass es mich sehr getroffen hat, als Omi nicht mehr selber essen konnte. Ich dachte daran, wie oft sie mich gefüttert hat, als ich noch ein kleines Kind war.

Ich hatte oft Angst, sie erstickt irgendwann, denn das passiert schwer demenzkranken Menschen manchmal. Es liegt aber vielleicht auch daran, dass Ersticken für mich eine schreckliche Art und Weise zu gehen ist.

Ich versuche, mich an der Natur zu orientieren.
Ich freue mich über die Besuche der Kohlmeisen, Blaumeisen, der Spatzen, der riesigen Krähe und des Spechts. Dann denke ich: Vielleicht ist Omi jetzt ja eine wunderschöne Blaumeise, die sich über Futter und Zuspruch freut.