Viel Schnee und rote Rosen

Vor über zwei Jahren, es lag sehr viel Schnee, war Omis Beerdigung. Wir stapften über den Friedhof, versenkten Omis Urne und waren umgeben von Kälte und roten Rosen.
Omis letzter Weg auf dem Friedhof von Lichtensteig kommt mir unglaublich weit entfernt von meinen jetzigen Gedanken vor. Ihr Sterben ist mir präsent, als wäre es heute morgen gewesen.

Ich denke sehr oft an Omi, sei es, wenn ich im Winter durch den kalten Flur gehe und mich frage, wie sie das all die Jahre geschafft hat, hier im Haus zu leben. Tagtäglich fahre ich in Wil an ihrem Geburtshaus vorbei und denke an sie, meinen Opa und meine Mutter. Es ist ein seltsamer Weg, weil ich mich oftmals frage, was sie heute von mir denken würden.

Wären sie d‘accord mit meinen Entscheidungen? Würden sie mich kritisieren oder noch schlimmer: Ratschläge geben? Nichts würde ich mir sehnlicher wünschen als noch einmal ein tiefes Gespräch bei Milchkaffee und dem scheusslichen Stampfkuchen aus der Migros namens „Monte Generoso“, den ich seit Omis Tod nie wieder gegessen habe und wohl auch nie wieder essen werde.

„generoso“ bedeutet Grosszügigkeit, und das ist eine jener Charaktereigenschaften, die ich immer sehr an Omi bewundert habe. Wer es geschafft hatte, in ihr starkes Herz vorzudringen, wurde von ihr verwöhnt, geliebt und beschenkt.

Dann ist da aber auch mein aktuelles Leben. Die Begegnungen mit Menschen, die meine Omi Paula kannten. Eine liebe Freundin erzählte mir, dass sie hochschwanger an Omis Türe geklopft habe, weil sie so dringend auf die Toilette habe gehen müssen. Omi öffnete (natürlich) ihre Türe und liess sie ein.

Was von einem übrig bleibt, sind die Geschichten. Gerade hier in diesem wunderbaren Städtchen, wo die Verstorbenen weiterleben, in dem man sich erzählt, wie sie gelebt und geliebt haben.

Dann denke ich: Was verschwende ich Gedanken ans Sterben? Das Leben und das Lieben ist der Kern unseres Daseins. Carpe diem!

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Gewisse Dinge verändern sich nicht

Gestern traf ich jemanden, der mich schon als kleines Mädchen von zwei Jahren kannte und auch meine Familie. Er fragte mich, wie es meiner Mutter gehe und reagierte dann recht ungläubig, als ich entgegnete, sie wäre schon elf Jahre tot.

Gewisse Dinge verändern sich nicht. Das bemerkte ich gestern. Die Sehnsucht nach jenen, die nicht mehr da sind, bleibt. Sie sind einfach da und man vermisst sie, besonders in jenen Momenten, in denen man ihren Namen laut ausspricht. Es gibt Orte, da ist man noch immer Kind und kann sich erinnern, als wenn es gestern gewesen wäre, wie man noch die Hand der Mutter, der Grossmutter gehalten hat.

Ein wenig erinnert mich der Thurgau im November an Irland. Alles ist grau und grün und braun. Die Felder wirken auf den ersten Blick karg, doch das schlafen gegangene Leben ist bereits wieder zu spüren. Nur noch wenige Monate und der Frühling kehrt zurück in die müden Apfelbäume.

Ich fuhr gestern vorbei an einem alten Baum, der in meiner Kindheit strahlend blühte. Nun fällt er langsam auseinander, ist zerfressen von Würmern und anderem Getier und ich bin mir sicher, dass er nächsten November nicht mehr hier sein wird. Ich erinnere mich noch gut, wie Omi und Mami und ich oft auf dem Bänkli unter diesem Baum sassen und auf das Dorf blickten. Omi hatte immer Schokolade dabei und ich weiss noch gut, dass jenes Schoggi-Prügeli mit Silberpapier eingewickelt war und darauf Jass-Symbole gedruckt waren. Als ich gestern an jenem Platz vorbei fuhr, fiel mir schmerzlich ein, wie sehr sie mir alle fehlen. Für einen kurzen Moment stiegen mir die Tränen in die Augen.

Doch am Ende des Tages war ich glücklich, weil sich ein Mensch, den ich zuvor nicht kannte, an meine Mutter erinnert hat, die seit elf Jahren tot ist.

Vielleicht

Vielleicht war der Verlust meiner Mutter der heftigste meines bisherigen Lebens.
In meiner Mutter wollte ich mich nie erkennen und fand doch immer nur mein Spiegelbild.
Dass sie nun elf Jahre tot ist, erscheint mir manchmal etwas irreal. Es war erst gestern oder nie.

Meine Mutter war 56, als sie starb. Ich war 30, als ich mutterlos wurde.
Ich bin manchmal etwas neidisch, wenn ich andere Töchter mit ihren Müttern sehe.
Aber es macht mich jedes Mal auch glücklich, wenn ich den Stolz in den Augen einer Mutter entdecke.
Dann denke ich: Das ist so schön.

Ich weiss nicht wirklich, ob meine Mutter je stolz auf mich war.
Was ich in meinem Leben bis zu ihrem Tod anstellte, hinterliess sie immer etwas ratlos.
„Schreiben? Woher hast du das bloss? Wenigstens nicht von mir!“
Oder: „Ich könnte nie mit Behinderten arbeiten. Das bräche mir das Herz.“
Oder: „Du fährst Auto. Sowas könnte ich nie. Da hab ich Angst.“

Vielleicht war es aber auch so, dass sie gar keine Worte für ihre Gefühle fand.
Meine Omi schaffte das problemlos. Es gab bis zum Ende ihrer Erinnerung sehr viele Worte des
Stolzes. Das hat die beiden unterschieden. Omi konnte sehr lange ihre Emotionen ausdrücken, derweil es meine Mutter erst kurz vor ihrem Tod schaffte.

Herbstferien

Herbstferien bedeuten für mich Ausruhen, das schöne Wetter im Toggenburg geniessen, den Garten winterfest zu machen und die Gräber von Mami und Omi neu zu machen.

Etwas Gutes hat der schöne Sommer ja: Die Blumen blühen und die beiden Gräber brauchen noch gar keinen Allerheiligenflor, obwohl es in zwei Wochen schon soweit ist. Normalerweise habe ich um diese Zeit Mamis Grab neu gemacht. Es ist nur noch knapp eine Woche bis zu ihrem 11. Todestag.

Vor einigen Wochen ist unsere uralte Forsythie im Sturm umgefallen. Der Baum war bestimmt 50 Jahre alt. Er stand all die Jahre in jenem Blumenbeet neben dem Waschbärenstall. Alles hat seine Zeit und man kann sich fragen, wann die eigene abgelaufen ist.

Ich mag diese Zeit der bunten Farben, wenn die Blätter von den Bäumen fallen. Ich räume den Garten auf und verstaue alles, was wir den Winter über nicht mehr brauchen im Keller. Ich pflanze Tulpen und Narzissen und freue mich auf den Frühling, wenn sie ihre Köpfe aus dem kalten Boden recken. Die alten Rosen blühen noch immer und ich freue mich über jede Blüte wie ein Geschenk.

Vor sechs Jahren um diese Zeit bangte ich um Omi, die ins Altersheim ziehen würde. All das scheint mir elend weit weg und wenn ich nicht soviel darüber geschrieben hätte, wüsste ich es wohl nicht mehr.

Als meine Mutter im Sterben lag, telefonierten Omi und ich praktisch täglich. Wir waren beide durch den Wind und sehr traurig. Omi war der einzige Mensch, dem ich nichts vormachen musste. Wir wussten beide: Das ist nun das Ende. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass sie und ich Mami in den Tod begleitet haben. Omi und ich erlebten die Wochen vor Mamis Todestag jeweils sehr intensiv.

Das hat auch unsere restlichen gemeinsamen Jahre geprägt – bis Omi sich nicht mehr an meine Mutter erinnern konnte. Das war sehr schmerzhaft, denn es zeigte mir auf, dass menschliche Identität sich an den gemeinsamen Erinnerungen festmacht. Es tat mir weh, nicht mehr mit meiner Erinnerungsgefährtin reden zu können.

Doch all das hat auch etwas Gutes. Omis Demenz hat mich dazu gebracht, schreibend weiter zu denken, mich zu erinnern – und loszulassen. Das ist ein grosses Geschenk, trotz allem.

GeburtsTodesTag

Mein Bruder würde heute 39 Jahre alt werden.
Ich kanns mir nicht vorstellen, wie er sein würde.
Seit sein Grab verschwunden ist, scheint mir auch sein Dasein langsam aus den Gedanken wegzuschwinden. Ich bin weniger traurig.

Heute vor zwei Jahren verstarb Tante Bibi.
Ich hab mich davor gescheut, sie nach Omis Tod anzurufen.
Ich wollte nicht die sein, die ihr sagt, dass ihre jüngere Schwester nun auch tot ist.
Dabei war sie da schon längst nicht mehr am Leben.

Ich frage mich, wie eng unser Kontakt hätte sein können.
Sie war sehr offen, herzlich und aufgestellt.
Als Omi noch lebte, hätte ich mir nicht vorstellen können,
eine andere ältere Frau neben ihr zu besuchen.

Es wäre mir wie ein Betrug vorgekommen.
Aber ich bin mir sicher, Bibi hat das verstanden.
Mit ihren damals fast 90 Jahren ermutigte sie mich, gut für Omi
zu schauen.
Man kann sein Herz nicht vierteilen. Ich zumindest kann es nicht.

Da sitze ich nun

Da sitze ich nun, liebe Mutter und denke an dich.
Ich bin bald nicht mehr 40 Jahre alt und vermisse
dich dennoch so sehr wie damals, als ich noch ein Kind war.

Wir sind uns ähnlich, besonders jetzt, da ich älter werde.
Deine Stimme höre ich oft, wenn ich wütend spreche.
Doch im Gegensatz zu dir bin ich nicht mit dunklen Haaren gesegnet.
Ich bin dunkelblond. Und das macht die Sache schwieriger.
Genau gleich gross wie du damals und
wahrscheinlich etwas runder.

Ich bin meinem Vater aus dem Gesicht geschnitten.
Die Augen. Die Gesichtsform. Die Zähne. Unverkennbar ein Debrunner.
Doch der Rest ist von dir.
Das Herz. Der Körper. Die Stimme.

Wir beide liebten das Schreiben. Wenn ich heute deine wütenden
Texte lese und mich an all jene erinnere, die verschwunden sind, möchte ich
weinen. In der Sprache, da sind wir uns so ähnlich, mehr noch als Tochter und Mutter, Freundinnen.
Du nahmst nie ein Blatt vor den Mund und schon gar nicht erst vor den Kugelschreiber!

Als du so alt warst wie ich, warst du fünf Mal schwanger und hast
längstens drei Kinder geboren. Du liebtest Kochen und Handarbeiten und
Filme. Dank dir habe ich so viele Filme aus den 30ern, 40ern und 50ern kennengelernt.

Manchmal bin ich schrecklich eifersüchtig, wenn ich Mütter in deinem Alter
mit ihren Töchtern sehe und wünschte mir, du wärest noch da. Würdest mich stolz ansehen.
Ich weiss noch, als wenn es heute wäre, wie du gewettert hast, dass ich mir so viele Tage mit meiner Geburt Zeit gelassen habe. Du wolltest mich am 7.7.77 zur Welt bringen, aber ich
hab dir damals einen ziemlich miesen Strich durch deine Rechnung gemacht. Es tut mir nicht leid,
denn mein Geburtsdatum gefällt mir besser.

Dennoch vermisse ich dich von ganzem Herzen und denke an dich, besonders an meinem Geburtstag, aber auch sonst. Du meine liebe Mutterfrau.

Vergangenheit und Zukunft

Was sind fast anderthalb Jahre, wenn man einen geliebten Menschen verloren hat?
Ich lebe in Erinnerungen, wenn ich in den Garten trete. Wenn ich Beete aushebe und auf Überreste von Villiger-Kiel-Mundstücken stosse, die einst mein Urgrossvater geraucht hat. Dann sehe ich sie vor mir, wie sie hier lebten, glücklich und traurig waren. Gerade im Sommer, wenn alles so nach Erde und Leben riecht, dann erinnere ich mich gut an ihr Dasein.

Omi begleitet mich noch immer in meinem Alltag.
Der Garten macht mich glücklich. Hier bin ich Omi am nächsten. Hier kann ich mich entspannen und Kraft tanken.

Vorletzte Woche durfte ich in Rüsselsheim bei Frankfurt aus unserem Buch „Demenz für Anfänger“ lesen. Ich berichtete über unsere Erfahrungen, unsere Highlights und unsere Tiefschläge. Ich lernte neue Menschen kennen, die ich ohne das Buch, ohne den Blog, ohne Omi, nie kennengelernt hätte. Dafür bin ich dankbar.

Die Demenz lässt mich nicht los. Es scheint, als wäre sie für mich eine weitere, sichere Begleiterin in der Zukunft. Ich bin ihr nicht feindlich gestimmt. Verletzen tut mich ihr Dasein trotzdem. Sie macht mir dort Angst, wo sie meine Angehörigen einlullt. Niemand will vergessen werden. Vergessen ist trotz allem schmerzhaft. Vergessen macht Angst, denn es raubt einem die Vergangenheit und die Zukunft. Vergessen ist grausam. Es holt die tiefsten Ängste aus einem hervor und konfrontiert unbarmherzig. Vergessen ist eine Chance, die letzten unbezwungenen Hügel des Lebens zu besteigen.

Ich würde gerne mehr schreiben, über all das, was mich bewegt. Im Moment schaffe und will ich das nicht.