Platzhirsch

Einer der Gründe, warum Paula sich immer vor dem Altersheim fürchtete, waren die anderen Leute, die dort leben. Als Angehörige versucht man natürlich, die Ängste zu entkräften. Die anderen Leute sind ja schliesslich keine Unmenschen.

Grundsätzlich hat sich Paula gut eingelebt. Sie verlässt offenbar das Zimmer, schaut fern und schaut gerne nach draussen. Wie die meisten anderen Mitbewohner freut sie sich über Besuch. Die Leitung des Pflegeheims lässt sich wirklich jede Menge einfallen, um die älteren Menschen zu aktivieren und ins Leben des Dorfes zu integrieren. Ich spüre, wie wichtig es ist, dass gerade jüngere Menschen sich um die Älteren kümmern.

Im Fernsehzimmer sitzt Paula sehr gerne. Als wir sie am Samstag besuchen, führt sie uns aber zuerst ins Zimmer hinauf. Dort sitzen wir auf ihrem Bett, reden und schauen zu, wie Paula Tee trinkt. Nach einer halben Stunde gehen wir jeweils wieder, weil die Gespräche Paula und mich Kraft kosten. Wir bemerken das an der Stille, die zwischen uns herrscht. Paula sagt dann: „Jetzt hab ich mir extra soviel überlegt, was ich dir erzählen könnte und jetzt fällt es mir nicht mehr ein.“
Das ist unser wohl unser gemeinsames Stopp-Wort.

Da wir der Pflegenden versprochen haben, dass wir Paula wieder nach unten begleiten, haken wir uns bei Paula ein. Am Eckzimmer vor dem Lift hält Paula an.
„Ich muss euch doch noch das Fernsehzimmer zeigen!“ Ohne grosse Anstalten öffnet Paula die Türe und marschiert – in ein offenbar bewohntes Zimmer. Die Bewohnerin ist sich offensichtlich Paulas Besuche schon gewohnt und reagiert sehr gehässig. Sie wehrt Paulas Eintreten ab. Paula ruft aus und findet, sie solle sich nicht so anstellen. Schliesslich gehöre das Fernsehzimmer allen und sie wolle es jetzt ihrer Enkelin zeigen.

Ich bin starr vor Schreck und sage: „Omi, nicht!“
Doch Paula diskutiert weiter mit der Frau, die dafür nun überhaupt keinen Nerv hat. Sascha beschreibt mir nachher, dass ich plötzlich in den „Profi-Modus“, der sich für ihn wie die Stimme eines Zivilschutz-Kommandanten angehört habe, wechselte.

Ich rief: „Paula! Hör jetzt auf!“
Paula machte rechtsumkehrt und kam auf mich zu.
„Ich hätte dir so gerne das Zimmer gezeigt, aber die macht so immer ein Theater. So eine blöde Baabe!“
Wir fahren mit dem Lift nach unten. Als ich der Pflegenden Paula übergebe und kurz erzähle, was eben passiert ist, bemerke ich, dass ich da nichts Neues erzähle. Ich fahre nach Hause mit der Gewissheit, dass zumindest Paula schnell wieder vergessen wird, was passiert ist. Ich hingegen nicht.

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Sei (verdammt nochmal!) freundlich!

Sogar mein eigener Vater sagt manchmal, ich solle mich höflicher verhalten und das, obwohl er sehr ähnlich wie ich ist. Wir sind beide keine grossen Redner.

Ich kann sehr gut zuhören. Ich kann versinken, wenn mir jemand eine gute Geschichte erzählt. Ich sitze dann einfach da und lasse mich von den Worten berieseln.
Doch diese Begeisterung für Stimmen und Worte hat eine andere Seite. Ich ertrage keine (dummen) Menschen.
Ich kann nicht langweiligem Gesülze zuhören.
Noch sehr viel schlimmer ist meine Unfähigkeit, Höflichkeit zu heucheln.
Wenn mich etwas nicht interessiert, wende ich mich ab. Und zwar total.

Als ich noch ein Kind war (und kein Handy hatte), hatte ich immer meinen Block mit dabei. Ich nahm ihn hervor, wenn Dinge langweilig wurden. Sehr oft ging ich mit meinem Vater an Kaninchenausstellungen. Während er mit seinen Freunden diskutierte, schrieb und zeichnete ich. Dann liess ich mich weniger von ihren Worten ablenken, versank in meinen eigenen Gedanken, war aber immer mit einem Ohr bei ihnen.

Mein Ex fand dieses Verhalten meinerseits höchst störend und beleidigend. Mehr als einmal stritt ich mich mit ihm, weil er meinte, ich sollte mich gefälligst mal zusammen nehmen und freundlich sein. Freundlich sein. Ich verstehe es schlicht und einfach nicht.

Ich sage mit ruhiger Stimme „guten Morgen“ und „gute Nacht“. Ich öffne älteren Menschen die Türe. Ich helfe anderen in den Mantel. Wenn ich in einer Runde mit Wein anstosse, achte ich darauf, den Menschen in die Augen zu schauen oder einen Punkt auf der Stirn zu fixieren. Ich passe auf, dass ich nicht über Kreuz zuproste. Ich lächle, wenn jemand etwas erzählt und alle anderen um mich herum lachen. Ich mache mich lächerlich, wenn ich nachfrage. Ironie ist nämlich in meinem Fall Glückssache.

Andererseits ist es unpassend, wenn ich lachen muss, wenn jemandem ein Missgeschick passiert. Ich bin schadenfreudig. Auch das ist nicht unbedingt ein Ausdruck von sozialer Kompetenz.

Ich gebe mir Mühe, nicht immer das zu sagen, was ich eigentlich denke. Es stösst andere Menschen offensichtlich vor den Kopf. Aber oft kann ich nicht anders. Ich bemerke dann an der Reaktion meines Gegenübers, dass ich das so wohl besser nicht gesagt hätte.

Dieses Freundlichsein ist für mich ein Fremdwort. Ich fülle es mit Inhalten, die ich aus Benimmbüchern und Rückmeldungen entnehme. Ich lerne, dass ich beim Essen nicht telephonieren darf. Ich lerne, dass ich nicht zu laut reden darf. Ich gebe mir Mühe, nicht zu ernst zu schauen.

Aber manchmal ist es mir scheissegal.

Ich kann andere Menschen nicht einfach so anlächeln. Ich blecke nur meine Zähne. Ich kann nicht auf Kommando freundlich sein. Ich verstehe es einfach nicht. Und dabei denke ich immerzu, diesen Code werde ich knacken. Ich werde verstehen, was ich tun muss. Freundlich sein kann ja wohl nicht so schwierig sein.

Aber dann versagt meine Stimme und ich kann nicht mehr sprechen. Das passiert, wenn ich sehr traurig oder sehr wütend bin. Schreiben geht gottseidank immer.

Ich bin darauf angewiesen, dass mein Umfeld meine Sprachlosigkeit akzeptiert und meine Wörter liest. Aber das verlangt von meinen Nächsten ab, dass sie das Schweigen akzeptieren. Manchmal ist das wohl eine zu hohe Erwartung an ein Umfeld, das immerzu spricht.

Dieser Artikel erscheint im Rahmen der Blogger-Themen-Tage.

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