übers Erinnern und Vergessen

Es gab eine Situation, da war ich noch ein kleines Mädchen. Ich war wütend, weil mir eine Lehrerin verboten hatte, über meinen toten Bruder zu sprechen. Ich konnte das nicht verstehen und war sehr enttäuscht, zumal ich diese Lehrerin besonders gerne mochte.

Zu meinen Eltern konnte ich mit dieser Sorge nicht gehen, denn ich wusste, dass sie traurig waren. Ich wollte nicht, dass meine Mutter deswegen anfängt zu weinen. Mein Vater sprach nicht gerne über meinen Bruder, also konnte ich auch mit ihm nicht sprechen.

Also rief ich Paula an.
Paula nahm meine Sorgen diesbezüglich immer sehr ernst und sie konnte wunderbar trösten.
Sie sagte: „Die Erinnerung an deinen Bruder kann dir niemand nehmen.“

Sie zeigte auf ihre Brust und sagte: „Weisst du, er lebt in deinem Herzen drin weiter, solange du lebst.“
Das leuchtete mir ein. Ich verstand auch, warum die Lehrerin so seltsam reagiert hatte. Sie hatte wohl keinen Bruder, der in ihrem Herzen lebte.

Morgen halte ich ein Referat übers Vergessen und Erinnern. Ich freue mich und bin dankbar für Omi, die mich so vieles darüber in den letzten Jahren gelehrt hat.

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Zwei Jahre

Zwei Jahre ist es jetzt her, seit Paula aus ihrem Haus im Toggenburg ins Pflegeheim gezogen ist. Die Zeit verrinnt einfach so zwischen unseren Händen.

Paula leidet nicht mehr. Es geht ihr gut. Sie wird verwöhnt und man zeigt ihr jeden Tag aufs Neue, dass man sie gern hat. Die Pflegenden sind wirklich wunderbar. Als Angehörige habe ich das beruhigende Gefühl, dass Omi Paula einen guten Heimplatz hat.

Wenn ich dran denke, wie es mir vor zwei Jahren ging, bemerke ich, dass ich mich verändert habe. Ich grenze mich heute mehr ab. Ich sage meine Meinung, auch wenn sie anderen nicht passt. Das Haus gibt mir Kraft. Ich habe ein Ziel. Ohne Ziel wäre ich unglücklich.

Was mir zu schaffen macht, ist, dass der Hauskauf so langsam vonstatten geht. Alles geht langsam und ich bemerke, dass Geduld nun wirklich nicht meine Stärke ist. Dauerhaftes Warten zermürbt mich.

Ich habe einen grossen Teil von Paulas Haus geräumt. Lange konnte ich das nicht. Es war, als müsste alles so bleiben, wie es ist. Nun sehe ich klarer. Ich weiss, wovon ich mich trennen muss und will. Ich will dem Haus neues Leben einhauchen. Der Keller, mein zukünftiges Büro ist entschimmelt. Jetzt muss ich nur noch die sperrigen Möbel wegtun.

Paula weiss davon nichts. Oder besser: es ist unwichtig geworden für sie. Sie sitzt in ihrem Fernsehsessel, schaut fern, redet mit ihrem Mitbewohnern und freut sich, wenn ich komme. Auch wenn sie oftmals nicht mehr weiss, dass ich ihre Enkelin bin, erkennt sie mich doch.

Sie wirkt zerbrechlicher, so wie sehr alte Menschen nun mal sind. Noch immer ist sie ein Mensch, der Zärtlichkeit mag und braucht. Eine Umarmung, ein Kuss, ein Festdrücken ist ein Muss.

Ihre Augen leuchten noch immer schelmisch. Auch ihren wunderbaren Humor hat sie wiedergefunden. Sie erinnert mich dabei sehr oft an Uschi, meine Mutter. Omi ist kindlich, ohne kindisch zu sein. Sie ist weise, ohne es zu wissen.

Entmüllt.

Ich hab die letzte Nacht, wie schon die letzten Nächte, vom Haus geträumt. Immer wieder schleppte ich Säcke und Kartons weg. Doch der Berg wurde nicht kleiner. Ich roch die vergammelten Erinnerungen, den spröden Plastik, Gummiringe, Mottenkugeln.

Genug!

Wir fuhren ins Toggenburg zum Haus. Es zu sehen, war tröstend. Wie jedes Mal, wenn wir da sind, öffne ich Fenster und Läden. Lasse frische Luft hinein. Wie schon die letzten Tage stand plötzlich Röteli, Omis Gastkatze da. Sie miaute mich an, kam aber nicht ins Haus. Mir scheint, als wüsste die Katze genau, dass Omi hier nicht mehr wohnen wird.

Ich mache mich ans weitere Entmüllen. Zum Glück ist heute im Ort Müllsammlung. Wir packen also alles, was weg muss, in Müllsäcke, kleben Kehrrichtmarken drauf und weg damit. 12 Säcke à 35lt entsorgen wir. Der Vorratsraum sieht mit einem Mal wieder herrlich leer aus.

In Omis altem Schlafzimmer leere ich weitere Schubladen. Mehr als einmal finde ich kleine Zettelchen, die sich zur Erinnerung geschrieben hat. WC. Schlüssel! Paula!! Wäsche waschen! Essen kochen! Zora anrufen. Katzenfutter.

Ich weiss nicht, wie viele Zettel sie geschrieben hat und wie viele ich noch finden werde. Einige sind datiert.
Ich stelle fest, dass Paula sehr viel früher als ich gemerkt hat, dass etwas nicht stimmt. Ich bin traurig, weil mir mit einem Mal bewusst wird, wie einsam ihre letzten Jahre im Haus gewesen sein müssen.

Ich finde in Kleiderschränken sorgsam in Plastik-Tiefkühlbeutel verpackte Werkzeuge. 10 Säcke à 60lt mit alten Kleidern finden ebenfalls ihren Weg in die Altstoffsammlung.

Die Krippe ist im Vorratskasten verräumt. Meine Kinderzeichnungen sind im Schlafzimmer in einer Schublade. Sie sind mit meinem Namen angeschrieben. Ich erinnere mich mit einem Mal, wie oft Omi erzählte, dass sie sich meine Bilder ansieht, wenn sie traurig ist. Ich brings nicht übers Herz, die Zeichnungen wegzuschmeissen. Ich lege sie wieder hinein in die Schublade. Morgen ist auch noch ein Tag.

Paula und die unbekannte Frau

Meine Oma Paula war immer ein aussergewöhnlicher Mensch. Mit ihr herumzureisen machte mir immer sehr Spass. Als Kind und später als Teenager war ich immer besonders stolz auf meine junge und liebe Omi.

Bei meiner Geburt war sie 49 Jahre alt. Sie befand sich im besten Alter, um ihrer Ansicht nach alle Fehler, die sie an meiner Mutter begangen hatte, wiedergutzumachen. Ich lüge nicht, wenn ich sage: kein Mensch hat mich jemals so gern gehabt wie sie. Ich war ihr grösster Schatz und sie meiner.

Aber ich bemerkte auch Schattenseiten. Omi konnte nie das Haus verlassen, ohne auf halbem Weg noch einmal zurück zu gehen. Sie eilte zur Haustüre und schaute nach, ob sie sie auch wirklich geschlossen hatte. Als Opi Walter noch lebte, kehrte sie zurück, um zu schauen, ob sie den Strom abgestellt und den Schlüssel mitgenommen hatte. Manchmal geschah dies mehrmals und es dauerte nur schon eine halbe Stunde, bis wir das Haus verlassen hatten.

Für uns Kinder war dieser Spleen einfach nur nervig.

Als Paula älter wurde und nur noch ich da war, versuchte ich, sie zu unterstützen. Geduld musste ich langsam lernen. Nichts ging mehr schnell. Ein kurzer Wocheneinkauf dauerte einen Tag. Ich bemerkte, wie ich jeweils wütend wurde, wenn sie wieder etwas suchte. Die Knöpfe in ihren Taschentüchern. Der heilige Christopherus. Alle sollten helfen, dass sie sich erinnert.

Aber wir wussten es wohl beide besser. Die Erinnerung kam nur noch so, wie sie es wollte. Das Portemonnaie finden? Keine Chance. Stattdessen lebte Oma in der Zeit, in der ihre Eltern noch lebten.

Ich verschwand langsam. Nach dem Tod meiner Mutter bleichte mein Name aus. Ich hiess nun Ursle wie meine Mutter in jungen Jahren. Den Namen der Toten zu hören, tat weh. Mehr als einmal bin ich weinend nach Hause gefahren.

Omi Paulas Erinnerung verschwand und mit ihr auch ich, Zora, aus ihrem Leben. Doch irgendwie machte etwas anderes Platz. Wir waren mit einem Mal Paula und ich ihr Gegenüber. Ich, die Frau ohne Namen, mit tausend Namen, ich auf der Suche nach mir selber. Danke, Paula.

 

zora sofa omi

Omi und ich ca. 1978

Omi Paula und der Kaiser

Omi Paula zu erklären, dass Karlheinz Böhm gestorben ist, ist eine schwierige Sache. Zum einen wird sie es schon am Nachmittag wieder vergessen haben, zum anderen darf ich mir dann anhören, dass er ein schöner Mann war und sie es doof findet, dass er Sissi nicht geheiratet hat.

Es machte mich nachdenklich zu lesen, dass Karlheinz Böhm die letzten Jahre „unter Alzheimer gelitten hat“ und darum zurückgezogen lebte. Ich finde es natürlich sehr spannend, solche Bemerkungen zu lesen. Karlheinz Böhm war ja schliesslich ein berühmter Mann. Niemand will wohl wissen, wie es ihm (und seiner Familie) ergangen ist, als er an Alzheimer erkrankte. Schliesslich wird das Bild des Wohltäters und klugen Mannes immer alles überstrahlen.

Ich überlege mir, wie das bei Paula so verlief. Sie hat keine Alzheimer-Diagnose. Bei ihr war die Demenz wohl ein Teil des schleichenden Alterungsprozesses. All die Jahre sind wir zusammen weggegangen. Wir kauften ein. Wir gingen ins Restaurant. Mit ihrem Charme hat Paula all das Vergessen überspielt.

Natürlich war da jene Szene in einem guten Modegeschäft in der Stadt, wo Paula sehr angeregt mit einer Schaufensterpuppe sprach und einige seltsame Blicke erntete. Aber irgendwie fand das passend. Paula halt.

Etwas mehr Sorgen machte ich mir, als sie mir schluchzend erzählte, dass einfach die Läden geschlossen waren und ihr jemand erklärte, dass das am 1. November halt so sei. Sie hatte vergessen, dass dieser Tag im Kanton St. Gallen ein Feiertag war.

Ich weiss nicht, ob ich heute mit Paula in ein Restaurant fahren würde. Sie isst nur noch kleine Portionen. Sie redet lieber, als dass sie isst und trinkt. Sie wird schnell müde. Ich möchte nicht, dass irgendjemand sie deswegen auslacht.

Geschichten erzählen

Was ich wirklich schlimm finde an Paulas Demenz ist ihr Erinnerungsvermögen, das langsam verloren geht. Als ich noch ein Kind und später ein Teenager war, konnte ich ihr stundenlang zuhören, wenn sie von meiner Kindheit und meinen Streiche erzählte. Es hat was unglaublich liebevolles, wenn man über sich Geschichten hört. Ich wusste früh, dass meine Oma mich über alles liebt. Ich liebte sie auch.

Meine Schwester und ich verbrachten alle Ferien bei ihr und Walter. Wir spielten von morgens bis abends, tollten ums Haus herum, gingen ins Schwimmbad und bauten uns aus Tüchern Hütten. Wir liebten es, mit Barri, dem Hund zu spielen. Er war ein wirklich guter Freund. Er war ein Erbstück von Henri und Rosa.

Als ich in die Lehre ging, stellte meine Oma mit Bedauern fest, dass meine Besuche bei ihr seltener wurden. Ich hatte viel weniger Ferien und wenig Zeit. Das Hüttenbauen und halbnackte Herumhüpfen ums Haus hatte ein Ende gefunden. Dann starb Barri. Er war ja auch schon ein alter Hund. Sein Tod war traurig.

Als nächstes starb mein Opa.

Wir erinnerten uns oft an seine Spässe während wir in der Küche sassen. Wie er uns Kinder liebevoll geärgert hat. Oma sprach sehr nachdenklich über ihn. Oft erzählte sie mir, wie sie über ihn nachgedacht hatte und wie sehr sie sich gewünscht hätte, friedlich mit ihm zusammen zu leben.

In jener Zeit sagte sie mir schon sehr oft den falschen Namen. Urseli. Der Name meiner Mutter. Sie entschuldigte sich immer sofort, wenn sie das getan hatte. Am Anfang ärgerte es mich, denn ich wollte nicht, dass ich sie an meine Mutter erinnere.

Dann starb meine Mutter.

Paula und ich trauerten gemeinsam, telephonierten stundenlang und redeten über unsere Gefühle. In jener Phase erzählte mir Paula sehr viel aus Uschis Kindheit. Es schien mit einem Mal alles präsent. Ich profitierte und lernte so meine verstorbene Mutter ganz anders kennen, was den Verlust noch schlimmer machte.

Einige Monate nach dem Tod meiner Mutter trennte ich mich von meinem damaligen Freund. Kurze Zeit später begann eine nächste Phase von Paulas Demenz. Sie brauchte Hilfe bei Medi einnehmen. Sie konnte nicht mehr alleine einkaufen gehen. Mich kannte sie noch. Ich war mit einem Male wieder ich selber.

In der Zeit vor dem Eintritt ins Pflegeheim wurde Paulas Kindheit unglaublich präsent. Sie wusste nicht mehr, dass sie ein Kind geboren hatte und verheiratet war. Sie wusste nicht einmal mehr, dass sie Mann und Tochter verloren hatte. Stattdessen lebte sie gefühlsmässig im Krieg. Sie hatte Angst. Sie verstand nicht mehr, was um sie herum passierte. Nachrichten hörte sie wenig. Der Radio war oft an. Dass gerade in der Zeit die Musikwelle abgestellt und der Sender nur noch via DAB empfangbar war, machte die Betreuung meiner Oma nicht einfacher. Einem über 80jährigen Menschen zu erklären, wie man ein Gerät mit Digitalanzeige und zu vielen Knöpfen bedient, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Wenn ich heute bei Paula vorbei gehe, bin ich wohl einfach ein nettes Gesicht, das sie an irgendwen erinnert. Meine Geschichte weiss sie nicht mehr. Sie kann noch immer sprechen, an guten Tagen reden wir fast wie früher. Doch es ist anders. Die kindliche Unbekümmertheit ist verflogen. Bald weiss nur noch ich, was war.