Hilfe aus der Familie

Ich bin immer wieder dankbar, dass ich Menschen um mich herum habe, die mich unterstützen. Neben meinem Freund Sascha sind dies besonders mein Vater und seine Frau.

Mein Vater ist seit einigen Jahren pensioniert und in Sachen Landschaftspflege und Tierhaltung der versierteste und sorgfältigste Mensch, den ich kenne. Er unterstützt mich tatkräftig, besonders bei der Pflege der Wiese rund ums Haus. Er hat mir auch das Sägissen beigebracht.

Das ist nicht selbstverständlich für mich, denn eigentlich hat er, als Ex-Schwiegersohn von Paula, nichts mit dem Haus zu schaffen. Ich bin für seine Ratschläge, was das Mähen und den Unterhalt des Hauses angeht, sehr dankbar.

Es rührt mich auch, wenn er sich Sorgen macht, dass mich der Hauskauf zu sehr belasten könnte. Ich rege mich zwar furchtbar auf, wenn er mit sowas anfängt, aber dann muss ich dran denken, dass ich für meinen lieben Papi noch immer das kleine Mädchen und nicht die Macherin von heute bin.

Auch Vaters Frau unterstützt mich, besonders moralisch, denn neben der ganzen Warterei auf den Hauskauf, nimmt mich Paulas Gesundheitszustand ganz schön mit. Mir tut das Reden mit ihnen sehr gut. Denn bei meinen Eltern brauche ich mich nicht zu verstellen. Ich kann auch mal fluchen, verzweifelt sein oder ganz einfach schwärmen.

Darum sag ich Danke für alles. Ich habe euch ganz fest gern!

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Tochterglück

Ich war gespannt auf die heutige Mähsession um Paulas Haus im Toggenburg. Mein Vater wollte vorbei kommen und mir erklären, wie eine Schnürli-Sägiss funktioniert.

Das tat er dann auch. Während mein Vater anfing zu mähen, räumten wir anderen, Papis Frau, Sascha und ich, das Gras weg.
Natürlich war ich furchtbar ungeduldig, weil ich mich so sehr aufs Mähen gefreut hatte und jetzt die Maschine nicht bedienen durfte. Nach dem Mittagessen, als wir nur noch ein kleines Stück mähen mussten, war schliesslich der feierliche Moment:

Mein Vater übergab mir den Helm mit Sichtschutz und schulterte mir den Rucksackmotor auf. Dann endlich konnte es los gehen…

Mähen mit dieser Sägiss sieht einfacher aus, als es ist. Ich brauchte viel Kraft. Meine Arme waren zwar stark genug, um den Stiel zu halten und mähen. Aber mein Rücken fing an zu schmerzen, weil ich in gebückter Haltung im abschüssigen Gelände stehen musste.

Aber das Gefühl, mit einem solchen Gerät eine Wiese gemäht zu haben, ist unvergleichlich. Ich fühlte mich richtig gut.

Ebenso schön war es, mit meinem Vater und seiner Frau durchs Haus zu laufen und alle Räume anzusehen. Ich bin froh, dass sie uns beistehen. Besonders glücklich war ich über das Angebot, dass mein Vater mir helfen will bei den Umgebungsarbeiten. Das ist das krasse Gegenteil von dem, was er die letzten Jahre über Paulas Haus gesagt hat.

Er hat jede Menge Ideen, was man alles machen muss, um das Haus instand zu halten. Ich bemerke, wie wenig ich weiss, aber dass ich unglaublich Lust habe, endlich loszulegen.

So endet dieser Tag mit einer glücklichen Tochter, die dankbar ist, den wunderbarsten, liebsten und tüchtigsten Vater der Welt zu haben.

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Vom Altern

Es ist schon eine seltsame Sache mit dem Älterwerden.
Wer seine Eltern anblickt, weiss wie er selber einmal altern wird. Ich frage mich oft, wie ich mit 56 aussehen werde. Weiter reicht meine Fantasie nicht. Der Spiegel meines eigenen Alterns, meine Mutter, wurde nicht älter. In meiner Oma erkenne ich mich oft wieder. Wir sind beide pedantisch und ich habe ihre hohe Stirn geerbt. Wie werde ich mit 86 sein?

Die Falten sind mir gleichgültig. Weisse Haare habe ich schon lange. An den Verlust meiner Zähne werde ich mich gewöhnen müssen. Davor habe ich Angst. Meine Mutter hatte in meinem Alter schon längst ihre Dritten.

Manchmal habe ich grosse Angst davor, dass ich meinen Vater verliere. Ich weiss nicht, wie ich damit umgehen werde. Ich denke trotzdem daran, denn ich hoffe, dass die Angst so wieder verschwindet.

Als ich noch ein kleines Mädchen war, bedeutete mein Vater mir alles. Er war der Held. Er trug einen Bart und ich erinnere mich daran, wie ich sagte: „Papi, wenn du deinen Bart jemals abschneidest, bist du nicht mehr mein Papi.“ Er schnitt ihn nie ab und dafür bin ich ihm dankbar.

Mein Vater war und ist mir immer ein wichtiger Ratgeber gewesen, egal ob ich Liebeskummer, Sorgen bei der Arbeit oder mit dem Auto hatte. Zu ihm konnte ich immer gehen. Während er seine Hühner und Kaninchen fütterte, sass ich auf der Steintreppe und redete.

Wir sind uns wohl sehr ähnlich. Wir reden nicht gerne einfach so. Es braucht was, dass wir uns öffnen. Als er an Krebs erkrankte, redete er plötzlich mehr. Krankheit macht verletzlich. Reden heilt.

Mein Vater hat als Kind wunderbare Bilder gemalt. Wie oft wünschte ich mir, er würde wieder malen und so seinen Gefühlen Ausdruck verleihen. Seine Tierzeichnungen habe ich ihm abgeschwatzt. Sie sind bei mir in sicheren und liebevollen Händen.

Vatergespräche

Ich hänge sehr an meinem Vater. Schliesslich habe ich ja nur noch ihn und meine Oma. Umso wichtiger sind mir unsere Gespräche.

Seit er pensioniert ist, sehe ich noch weniger als vorher. Denn früher konnte ich einfach an seinem Arbeitsplatz vorbei, ihm zusehen bei der Arbeit und kurz reden. Heute geht das nicht mehr, weil er dauernd unterwegs ist.

Als Kind tat ich alles, um ihn zu erheitern, denn im Gegensatz zu meiner Mutter war er eher ein stiller Mensch. Ich hatte oft das Gefühl, noch besser werden zu müssen, um ihm Freude zu bereiten. Schliesslich hatte er meinen Bruder verloren und männliche Nachkommen sind offenbar was besonderes.

Obwohl ich mit einer Hüftdysplasie zur Welt gekommen bin und als Kind operiert wurde, habe ich angefangen, Sport zu treiben. Ich wollte, dass er richtig stolz auf mich ist und seinen Kummer vergisst. Ich war in der Schule gut, weil ich keine Schande bereiten wollte. Auch rumgeknutscht habe ich nie. Naja.

Erst in der Sache mit dem Haus sind mein Vater und ich nicht einer Meinung. Er mag es nicht und ich liebe es. Zum ersten Mal stelle ich mich ihm entgegen. Nun könnte man sagen: Frau, du bist 36 Jahre alt. Werd mal erwachsen.

Es ist eine emotionale Sache. Anders kann ich es mir nicht erklären. Umso mehr freut es mich, dass mein Vater mir angeboten hat, mich beim Mähen der Wiese und des Rasens zu beraten. Aufgrund seines beruflichen Hintergrunds hilft er mir nun, ein passendes Gerät zu kaufen. Schliesslich sind die Wiesen abschüssig. Mit einem normalen Rasenmäher würde ich Probleme haben.

So bin ich dankbar für seine Hilfe und die sorgsam darin verpackte väterliche Sorge um mich.

 

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Geburtstag und feiern

Ich wäre furchtbar gerne an die Republica nach Berlin gereist. Als ich mir das Datum aber genauer angesehen hatte, war klar, dass ich nicht hinfahre. Paulas Geburtstag am 6. Mai ist einer der festen Grössen im Jahr. Heute wird sie 86 und ich freute mich darauf, sie zu besuchen. Schliesslich weiss ich nie, wann es ihr letzter Geburtstag ist.

Das Pflegeheim fragte vor vier Wochen nach, ob wir mit Paula das Mittagessen einnehmen wollten. Natürlich wollten wir das. Mittagessen in Restaurants gestalten sich nämlich mittlerweile schwierig, weil Paula nicht mehr so viel essen mag.

Die Menüs im Pflegeheim sind denn auch schön hergerichtet, mit frischem Gemüse und in kleinen Portionen serviert. Paula kann so ihren Teller ohne Mühe leer essen. Sie hasst es nämlich, wenn etwas übrig bleibt. Diese Angewohnheit hat sie, seit ich sie kenne und stammt wohl aus Kriegszeiten.

Sie freut sich, dass wir da sind und wir umarmen uns. Paula zeigt ihre Geschenke, Blumen, weiss allerdings nicht mehr genau, von wem sie diese geschenkt bekommen hat.

Paula wünschte sich Kartoffelstock, Bohnen und Hackbraten und zum Dessert Früchtesalat mit Vanilleglacé. Das liebevoll, extra für uns gekochte Menü schmeckt wunderbar.

Beim Kaffee schliesslich reden wir über alte Zeiten und ich bemerke sehr rasch, dass mich Paula heute mal wieder für ihre Schwester Hadj hält. Paula erzählt mir von den „kleinen Brüdern“ und wie frech sie sind. Als sie nach dem Verbleib dieser fragt, antworte ich, dass sie tot sind. Paula sieht betroffen aus. Dann will sie wissen, was mit der Mamme sei. Was soll ich Paula sagen? Ja. Es geht ihr gut?

Stattdessen antworte ich damit, dass Paulas Mamme tot ist. Paula findet, das kann sie nicht glauben, ob es denn letzthin passiert sei. Ich schüttle den Kopf und sage: „Nein, es war vor über fünfzig Jahren.“

Ich fühle mich etwas mies, denn am Geburtstag redet man ja eigentlich von den schönen Dingen im Leben. Doch dann denke ich, dass Trauer um die Mutter am eigenen Geburtstag eine normale Sache ist. Schliesslich empfinde auch ich den „Freudentag“ als emotional, weil meine Mutter eben nicht mehr lebt.

Doch schon zehn Minuten später hat Paula unser Gespräch vergessen und fragt mich erneut nach der Mamme. Wieder macht sie dasselbe, leicht erschrockene Gesicht. Als sie mich nach dem Vater fragt, muss ich ihr erneut sagen, dass auch dieser nicht mehr lebt.

Schliesslich fragt sie mich nach ihrer Schwester Bibi. Nun kann ich ihr endlich eine positive Auskunft geben. Bibi ist zwar bald 90, lebt aber noch und zwar in einem Pflegeheim ein paar Dörfer weiter. Paula ist nun nicht mehr zu bremsen. Sie findet es doof, dass Bibi nicht zu ihr zieht.

Als ich sie frage, ob sie wirklich will, dass ihre ältere Schwester immer in der Nähe ist und alles kommentieren kann, was sie tut, schüttelte sie lachend den Kopf.
„Nein!“, ruft sie, „ich hatte schon immer meinen eigenen Grind!“

Eine Geburt unter Freunden

Meine Geburt war für meine Mutter eine Geduldsprobe. Geplant hatten meine Eltern mich für den 7.7.1977. Aber irgendwie hat das nicht geklappt. Im heissen Sommer 77 liess ich meine Mutter vier Tage lang warten. Das hat sie mir bis zu ihrem Ende nicht verziehen.

Mein Vater erzählte mir, dass sie wahrscheinlich Angst hatte vor ihrer ersten Geburt. Sie wusste nicht, was auf sie zukommen würde, da sie ein Einzelkind war. Nie hatte sie meine Oma Paula schwanger gesehen.

Für meinen lieben Vater war meine Geburt nicht minder aufregend. Er erzählte mir auch später immer wieder, dass er mich, kaum aus dem Mutterleib gezogen, auf die Arme genommen hatte.

„Du sahst aus! Voller Blut! So klein“, pflegte er zu sagen und ich hörte ihm gerne zu.

„Ich durfte deine Nabelschnur durchtrennen“, sagte er stolz und ich dachte, dass das Vater und Tochter aneinander bindet.

Wie meine Mutter ihr Wochenbett durchlebte, weiss ich leider nicht. Sie hat nie darüber gesprochen. Ich weiss aber, dass mein Vater alle Hände voll damit zu tun hatte, damit Paula, meine Oma, mich nicht heimlich katholisch taufen liess. Dies spielte offenbar in den späten 70er Jahren in der Ostschweiz noch eine riesige Rolle.

Mein Vater arbeitete auf dem Bau. Er war Baggerfahrer, hat mitgeholfen, die N1 zu bauen. Die Geburt seiner Tochter war für ihn ein Grund zum Feiern. Nachdem ich am 11. Juli 1977 um halb drei Uhr morgens auf die Welt gekommen war, ging er trotzdem zur Arbeit. Am Nachmittag lud er seine Arbeitskollegen zu einem Bier ein.

Sein Chef, Herr Z., ein Patron alter Schule, kam zufälligerweise an der Baustelle vorbei. Es entging ihm nicht, dass die Arbeiter nicht mehr an ihrem Platz waren und so marschierte er in den nächsten Spunten. Dort sassen mein Vater und seine Kollegen bei einem Bier und feierten meine Geburt.

Herr Z. wollte wissen, warum sie am helllichten Tage nicht mehr arbeiten, sondern trinken. Nachdem mein Vater erklärt hatte: „Ich bin seit heute morgen früh der Vater einer Tochter!“, lächelte Herr Z. Er bestand darauf, diese Runde zu zahlen.

Einige wenige Jahre später starb Herr Z. unverhofft. Die Trauer meines Vater war riesig. Es schien mir, als hätten wir alle einen Vater verloren. Mein Vater kündigte seine Stelle und wir zogen weiter.

Das Haus, mein Vater und ich

Bei aller Hoffnung bald mein Haus zu kaufen, leide ich doch darunter, dass mein Vater das Haus nicht mag. Ich wünschte mir von Herzen, er würde Dinge sagen wie: „Du schaffst das schon, Zora.“ oder „Es wird wunderschön werden, du wirst schon sehen.“ Aber das tut er nicht.

Ich gehöre nicht einer Familie an, die mit Wohlstand gesegnet ist. Mein Vater hat mir weder Autoprüfung noch einen schicken Erstwagen gekauft. Nein, ich war von Anfang an auf meine eigenen Beine gestellt. Ich bin nicht unglücklich darüber, denn es hat mich gelehrt, mich zu wehren.

Trotzdem bin ich manchmal neidisch auf Freundinnen, deren Eltern mal einfach so ein bisschen Geld zur Verlobung sprechen, ein Studium bezahlen oder teure Geschenke machen. Ich kenne so etwas nicht. Ob das wirklich elterliche Liebe ist, wage ich zu bezweifeln.

Mehr umtreibt mich noch die Frage, warum mein Vater das Haus so hasst, dass er es liebend gerne abreissen würde.

Es ist das Haus meiner Familie mütterlicherseits und nach der Scheidung von meiner Mutter hat mein Opa ihn des Hauses verwiesen. Ich verstand damals nicht, wie unglaublich gemein und verletzend das war. Aber ich ahnte und spürte, dass Menschen nun mal so ticken.

Mein Opa hat ihn dann auch um Verzeihung gebeten. Trotzdem ist die Wunde nicht geschlossen. Irgendwie hoffe ich, mit dem Kauf neues Leben einzuhauchen. Ich möchte so gerne, dass das Haus und die Wiese wieder belebt werden. Zu gerne würde ich Hühner halten. Wenn ich dann am Samstagnachmittag, im Sommer, auf der Terrasse sitze, würd ich ihnen zuschauen, wie sie herumhüpfen und glücklich sind.

Ich möchte die Fassade neu streichen, die Küche renovieren und die Räume neu einrichten. Aber das beste wäre, wenn ich dann meine Familie und meine Freunde einladen könnte. Wir würden in der kleinen Stube sitzen und der Kachelofen gäbe uns warm.

Ein bisschen Hoffnung habe ich dennoch, dass er es mögen wird.