Feriengefühle

Das letzte Mal, dass ich Ferien hatte, war im Oktober des letzten Jahres. Ich machte Wanderungen, Ausflüge und besuchte die OLMA. Jetzt ist bald Juni und ich weiss gar nicht, ob es dieses Jahr eine solche Messe noch geben wird.

Ferien habe ich jetzt eigentlich nur, weil ich dachte, dass ich nächste Woche an die Jagdprüfung gehen würde. Ich habe viel gelernt und mich darauf gefreut, auf die Fragen der Experten gute Antworten zu geben.

Doch auch daraus ist nichts geworden. Die Prüfungen sind für dieses Jahr abgesagt. Das hat mich im März schon recht aus der Bahn geworfen, wohl weil ich so viel Energie ins Lernen und in die Besuche der Kurse gelegt habe. Es fiel mir leicht, denn ich lernte mit grosser Freude und Neugier. Dass ich mit einem Mal mit nichts mehr dastand, war für mich schwierig.

Die Natur war denn auch während des Shutdowns mein Trost: Ich nahm wahr, wie sich alles nach dem Winter wieder aufrappelt, wie die Bäume spriessen, die ersten Blumen erblühen. Dann die Apfelblüte, der Bluescht im Thurgau, die noch schöner erschien als all die Jahre zuvor, wie ich zum ersten Mal auf freier Wildbahn Hasen erblickte, wie ich Rehe nachts beobachtete und die verliebten Elstern in unserer Tanne. Ich habe unzählige wunderschöne Sonnenuntergänge fotografiert und mich an den blühenden Rosen und den zum ersten Mal erblühenden Iris in unserem Garten erfreut.

Ich ging arbeiten wie immer, darüber war ich dankbar. Die Sorge um die Menschen, die wir als Team begleiten, war gross. Es ist eben nicht einfach so, dass man in unserem Beruf nur für sich selber Verantwortung trägt. Das wurde mir sehr klar in den letzten Wochen.

Ich sorgte mich um meine Eltern. Das Gefühl, dass es ihnen nicht gut geht, dass sie auf sich alleine gestellt sind, beschäftigte mich stark. Mir fehlen unsere Umarmungen, unsere Gespräche am Küchentisch und ich fühle mich traurig, weil ich ihnen nicht so zur Seite stehen konnte, wie ich es wollte. Ich erinnerte mich daran, wie mein Vater und ich im Mai vor neun Jahren gemeinsam eine Krähe aufgezogen und auswildert haben. Wie mein Vater mir vor sechs Jahren gezeigt hat, wie ich eine Wiese von Hand und mit der Fadensense mähen kann. So viel ist passiert in kurzer Zeit.

Glücklich machen mich die Treffen mit den Menschen, die ich sehr schätze und während der letzten Wochen vermisst habe. Ich bin über mich selber erschrocken, wie sehr ich mich zurückgezogen habe. Bin das wirklich noch ich?

Die nächsten Tage werde ich viel schlafen und im Garten arbeiten, Sport treiben und einfach draussen sein. Ich freue mich.

Ich, die Vatertochter.

Wahrscheinlich bin ich das, was man eine „Vatertochter“ nennt. Schon in frühen Jahren stand ich meinem Vater näher als meiner Mutter. Vielleicht lag das daran, dass sie beide einen Sohn verloren hatten. Als Erstgeborene hatte ich plötzlich mehrere Rollen auszufüllen.

Mein Vater hat mich insofern geprägt, als dass er mich zu beruflicher Unabhängigkeit motivierte. Es schien für ihn nichts Mühsameres zu geben, als eine Frau, die in der Ehe von ihrem Mann finanziell abhängig ist. Er sagte zu mir: „Lass dir einfach nie auf die Kappe scheissen von einem Typen.“
Welchen Beruf ich lernen sollte, war ihm recht gleichgültig. Ich durfte das tun, was ich liebte und wonach mir der Sinn stand.

Sehr gerne wäre ich Archäologin geworden. Das war von allen Berufen, die ich im Alter von acht Jahren kannte, der liebste. Ich liebte das Buddeln in der Erde, mir war nichts zu schmutzig.
Der zweite Beruf, den ich gerne gelernt hätte, war jener der Schriftstellerin. Ich stellte mir dies wunderschön vor: Stundenlang an einer Schreibmaschine sitzen (unsere hiess Daniela) und sinnierend zu tippen. Jahre später, ich besass bereits einen PC, erfuhr ich dann an am eigenen Leib, wie anstrengend und zehrend dies sein kann.
Schliesslich bewarb ich mich in einer Confiserie, weil ich Schokolade und andere wunderschöne Sachen aus Teig und Schokolade immer sehr bewundert und geliebt habe. Mein Vater trug meinen Entscheid mit und besuchte mich mit seiner Frau manchmal sogar samstags in meinem Lehrgeschäft. Es gab die besten Crème- und Rahmschnitten und die unvergesslichen Nusstörtli. Die vermisse ich heute noch. Sehr.

Das ist nun über 20 Jahre her und ich bemerke, das sehr vieles an mir vorbei gezogen ist und sich verändert hat. Meine Liebe zu schönen lauten Tastaturen, wunderbarer Schokolade und zur Archäologie ist geblieben. Geblieben sind auch meine Erinnerungen an damals, an meine Mutter, meine Omi und all jene Menschen, die mich damals geprägt haben. Einige dieser Menschen leben leider nicht mehr und ich vermisse sie sehr.

Gelernt habe ich schliesslich als Zweit-Beruf Agogin, was heute gendergerecht „Fachfrau/Fachmann Betreuung“ oder in kurz Form FaBe heisst. Seltsamerweise habe ich in dieser Berufsausübung alles gefunden, was mich (heute) glücklich macht. Ich befasse mich mit Sprachen, Technik, menschlichem Verhalten, lebenslangem Lernen, Kommunikation und PR. 1999, als ich in diesen Berufszweig einstieg, hätte ich all das nie gedacht. Alles verändert sich so schnell, dass man – rückblickend – fast nicht mitkommt.

Was mir ebenfalls bleibt, ist der Wunsch, andere Frauen zu unterstützen in der Umsetzung ihrer Träume und Wünsche. Diese Arbeit macht mich glücklich, denn sie bringt uns alle voran.
Frauen sind das Salz der Erde.

3x 24 oder was ich mir nie zugetraut hätte

Schon als ich noch ein Kind war, liebte ich die 12er Reihe. Sie zog mich magisch an und ich konnte mir seltsamerweise alle Zahlen merken, auch wenn ich immer Buchstaben lieber mochte.

Heute wurde mein Vater 72 Jahre alt.
Damit ist er nun 16 Jahre älter als meine Mutter es je wurde und 30 Jahre älter als ich.
Mein Vater und ich haben, in meinen Augen, eine spezielle Beziehung. Ich bin seine älteste Tochter und genauso fühle ich mich auch.
In den letzten Monaten habe ich mich sehr mit Leben und Sterben auseinander gesetzt. Daran war mein Vater nicht ganz unschuldig. Er ist und war mein Schlüssel zur Natur. Von ihm habe ich soviel gelernt. Auch heute noch erkennt er Tiere nur aufgrund ihrer Silhouette, weiss vielerlei Geschichten zu erzählen.
Er ist ein Bauernsohn und was er in seiner Kindheit auf jenem Hügel im Thurgau mit Sicht auf den Säntis erlebt habt, mag wohl einige Bücher füllen. Mein Vater liess mich dabei sein, wenn er unsere Kaninchen schlachtete und erklärte mir, was es bedeutet, wenn ein Ei befruchtet und ausgebrütet wird.
Ich bin wohl ein richtiges Vaterkind und das hat mich immer glücklich gemacht. Ich hänge an ihm.
Als KInd wurde ich wütend, wenn ein Kind meinen Vater blöd fand und ich habe mich seinetwegen auch einige Male geprügelt. Mein Vater hat Landschaftsgärtner gelernt, war in Australien und hat auf dem Bau gearbeitet. Er war mein Tor zur Welt.

Als ich in den Kindergarten kam, und das ist nun bald 40 Jahre her, ging ich mit den Kindern seiner italienischen Arbeitskollegen dahin. Ich sprach früh Italienisch. Er pflegte zu sagen „Sprachen sind wichtig.“

Mein Vater war mir als Jugendliche alles. Mit ihm habe ich mich identifiziert, denn mit ihm habe ich um meinen Bruder getrauert, sehr viel offen gesprochen und mitgelitten. Von ihm habe ich meine Liebe zu Nadelbäumen, ich liebe Rottannen, und überhaupt zu Bäumen.
Doch wir hatten auch einige Diskussionen. Dass ich damals Omis Haus gekauft hatte, fand er gelinde gesagt ziemlich Scheisse. Doch es hat ihn nicht davon abgehalten, uns beim ersten Schnitt ums Haus unter die Arme zu greifen, mir zu helfen, eine gute Motorsense zu kaufen und mir vor allem zu zeigen, wie ich sie anwenden muss.

Gemeinsam haben wir alle eine Krähe aufgezogen und – ausgewildert. Dieses Erlebnis wird mich wohl bis ans Ende meines Lebens begleiten, denn es hat mich glücklich gemacht. In der Zuneigung zu Tieren gleichen wir uns. Wir können beide minutenlang dastehen und dem Tanz eines Eisvogels oder eines Huhns zuschauen.

Doch das ist alles tempi passati.
Er hat heute Mühe zu gehen, und er leidet unsagbar darunter und das macht mich traurig und verzweifelt und wütend.
Was mich aber besonders berührt, ist sein Wille. Er trauert um seine Mobilität, er leidet, doch er versteckt seine Gefühle nicht unter falsch verstandener Männlichkeit.
Er spornt mich an, mich zu bewegen, mein Leben zu geniessen.
Dank ihm habe ich mich an Dinge gewagt, die ich mir nie zuvor zugetraut hätte und ohne die ich heute nicht mehr leben möchte.


Es ist wie damals, als ich noch ein Kind war und er mich motiviert hat, schneller zu rennen, schneller mit dem Velo zu fahren, das zu tun, was ich immer wollte.
„Du kannst das.“


Lieber Papi, ich habe dich sehr gern. ❤

Wintergedanken

Seit über sieben Jahre schreibe ich dieses Blog und es gehört zu meinem Leben wie Herzschlag und Atmen. Wenig habe ich geschrieben während der letzten Monate, was nicht daran lag, dass nichts passiert wäre.

Ich schreibe nicht, wie es meinem Vater geht, weil er nicht will, dass ich mir darüber Gedanken mache. Sich nahe sein ist wichtiger als reden. Ich muss an den Spruch “sie ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten” denken und bemerke, wie unglaublich grausam dieser Satz ist, der doch so leicht in einem Gespräch fällt. Ich gleiche meinem Vater sehr. Äusserlich, und wahrscheinlich auch im Wesen.

Meine Trauer um Omi hat etwas anderem Platz gemacht. Sie ist nun bald drei Jahre tot. Ich bin ihr und Opi und meinen Urgrosseltern so dankbar, dass ich dank ihnen und dem Haus in diesem Städtli einen Ort gefunden habe, wo ich mich zuhause fühle. Ich bin angekommen. Ich bin daheim. Das ist ein Gefühl, das mir so lange in meinem Leben unbekannt war. Wenn ich abends nach Hause komme und das Haus im Dunkeln erblicke, bin ich glücklich.

Der Winter naht und ich kann die dunklen, weissen Tage kaum erwarten, so sehr freue ich mich. Ich liebe die Lichter in den alten Häusern und die Berggipfel im kalten Wind. Ich will zur Neu-Toggenburg aufsteigen und mir die Landschaft anschauen. Zu jeder Jahreszeit ist sie schön, doch im Winter sah ich sie noch nie von dort oben, diesen alten, magischen Ort.

Nun ja, ich habe mir natürlich überlegt, ob ich einfach aufhören soll mit “Demenz für Anfänger”. Es wäre eine logische, und wahrscheinlich auch kluge, Schlussfolgerung nach all den Jahren.

Aber ich mag nicht. Die Geschichte ist nicht fertig erzählt. Noch nicht.

Jeder Berg erzählt eine Geschichte

Als ich so acht oder neun Jahre alt war, habe ich mich oft gefragt, ob ich für meinen Vater eine Enttäuschung war. Ich hatte eben drei Hüftoperationen überstanden und mit Mühe wieder laufen gelernt. Es war schmerzhaft und furchtbar und eine Strapaze. Allein das war rückblickend eine grosse Leistung. Aber mein kindliches Gefühl, ihm, dem Sportler, nicht zu genügen, blieb.

Doch dann kam jener Sommer, ich glaube es war 1989 oder 1990. Ich war zwölf Jahre alt. Meine äusseren Narben waren verheilt, ich konnte wieder gehen. Nichts wünschte ich mir mehr, als mit meinem Vater bergwandern zu gehen. Schon damals war mein absoluter Lieblingsberg der Säntis. Ich bat meinen Vater, dass wir gemeinsam da hochsteigen würden.

Und so stiegen mein Vater und ich an jenem Morgen gemeinsam hoch auf den Säntis, vorbei an der Tierwis und über die Himmelsleiter hinauf auf den Gipfel. Als wir oben waren, umarmten wir uns. Mein Vater weinte vor Freude und ich tat es auch. Ich war überglücklich.

Heute musste ich plötzlich wieder an jene Wanderung denken und daran, dass mein Vater und ich sie nie wieder gemeinsam machen würden, obwohl wir damals darüber gesprochen hatten. Was wir noch alles unternehmen würden.

Ich bin etwas melancholisch. Aber noch viel mehr bin ich glücklich, dass mein Vater mit mir damals diese Wanderung gewagt hat. Und dass er mir so sein Vertrauen und vor allem das Vertrauen in meinen Körper (wieder-) geschenkt hat. Vielleicht, so denke ich, ist das die wichtige Rolle der Väter in unseren Leben.

Von körperlichen und seelischen Schmerzen

Seit Omis Tod hat sich viel verändert.
Ich habe mir oft Sorgen um sie gemacht, seit sie gehen durfte, fühle ich mich erleichtert.
Das hat auch körperliche Auswirkungen. Ich treibe mehr Sport als früher, spüre heute sehr viel schneller, wenn ich mir zu viel zumute oder aber mich zu wenig bewege.

Das hat auch Auswirkungen auf meinen Geist. Ich lese viel, vorzugsweise Bücher, die ich rezensiere oder aber Zeitungen. Wenn ich frühmorgens nicht mein Toggenburger Tagblatt lesen und mich informieren kann, bin ich schlecht gelaunt.

In einem Gespräch mit meinem Vater horchte ich auf. Er erzählte mir, wie sehr er immer auf seinen Körper geachtet hat. Er hat praktisch nie geraucht (ausser im Sommer Stümpli, um die Mücken zu vertreiben), er trinkt auch nur wenig Alkohol, er achtet darauf, was er isst. Nun ist er mit 70 Jahren gesundheitlich angeschlagen und meinte, dass er sehr viel verzichtet hat. Trotzdem hat er nun Schmerzen und Mühe zu sich bewegen, und das als ehemaliger Ausdauersportler.

Bei mir ist das anders: ich wurde mit einer beidseitigen Hüftdysplasie geboren und Schmerzen haben mich durch meine ganze Kindheit, Jugend und Erwachsenenjahre begleitet. Als Kind konnte ich die reibenden Gelenkschmerzen nicht einordnen und ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass ich jemals Schmerzmittel erhalten hätte.

Als ich mit neun Jahren dann mehrere Male operiert wurde, habe ich gar nicht richtig verstanden, was mit mir geschieht. Die Schmerzen nach den OP’s waren der absolute Horror. Auch heute noch träume ich manchmal davon, wie ich im Spital Frauenfeld liege, Durst habe, mich nicht mehr bewegen und vor Schmerzen nicht mehr sprechen, geschweige denn schreien kann.

Nach den Operationen brauchte ich jeweils lange, bis ich wieder laufen konnte. Wenn jeder Schritt schmerzt und man sich seines Körpers nicht mehr sicher sein kann, ist Lernen schwer. Wenn Schmerzen einen täglich beschäftigen, wird man irgendwann krank. Die Schulzeit war für mich kein Spass. Ich fühlte mich behindert.

Als ich vor einigen Jahren mit Krafttraining anfing, beriet mich eine Trainerin, wie ich meine Beine stärken und einen Weg finden könnte, mich mit meinen schmerzenden Narben zu arrangieren. Ich fühle mich deshalb mit 41 stärker als je zuvor. Das ist ein schönes Gefühl.

Trotzdem kann ich verstehen, wie es meinem Vater geht. Denn das Gefühl der inneren Versehrtheit kenne ich nur zu gut.

Für meinen Vater

Am Montag wird mein Papi 70 Jahre alt.
Er wuchs auf einem Bauernhof auf einer Hügelkette im Thurgau auf.

In meiner kleinkindhaften Erinnerung ist mein Vater jener bärtige Mensch, der mich auf den Schultern trägt. Er freute sich riesig, wenn ich mit meinem Dreirad herumfuhr. Er erzählte mir, dass ich ihn jeweils angefeuert habe, wenn wir gemeinsam, ich auf dem Kindersitz, er lenkte sein Militärvelo, in Richtung Sonnenberg fuhren.

Mein Vater hat mich, als ich nach meinen Hüft-OPs nicht mehr laufen konnte, motiviert, weiterzumachen, wieder laufen zu lernen. Er hat an mich geglaubt und staunt heute manchmal darüber, dass ich noch immer kräftige Beine und einen starken Körper habe.

Mein Vater ist mein Fels in der Brandung. Er ist mir in vielerlei Hinsicht ein Vorbild: Er liebt Tiere, Kaninchen, vor allem Vögel. Diese Liebe hat er mir weitervererbt. Dass wir vor einigen Jahren alle gemeinsam eine kleine Krähe aufzogen, gehört zu den glücklichsten Momenten meines Lebens.

Er liebt die Natur, Blumen und Bäumen. Auch diese Liebe habe ich übernommen und lebe sie auf unserem Land weiter aus. Ich bin froh, dass er mir gezeigt hat, wie ich die Wiesen von Hand und mit der Maschine mähen kann.

Mein Vater war immer für uns Kinder da. Wo andere heute nach Kinderkrippen und Fremdbetreuung rufen, hat er in den 80ern entschieden, einen Beruf auszuüben, wo er für uns Kinder immer in Reichweite war. Auch wenn dies für ihn persönlich eine Zerreissprobe bedeutete. Mein Vater hat nach der Scheidung von unserer Mutter das Sorgerecht bekommen. Ich war erleichtert, bei ihm weiter aufwachsen zu dürfen. Mit seinem Verantwortungsgefühl für uns Kinder hat mein Vater mein Männerbild geprägt.

Mein Vater hat mich in der Berufswahl insofern beeinflusst, dass er immer darauf hinwies: „Du musst selbständig leben können und dein eigenes Geld verdienen. Du darfst nie abhängig von einem Ehemann sein.“

Mein Vater mag meinen Freund und irgendwie habe ich das Gefühl, dass Sascha für ihn wie ein Sohn ist. Das schätze ich.

Mein Vater ist ein starker Mann, doch er kann seine Gefühle zeigen. Das mag ich an ihm und ich wünschte mir, dass noch sehr viel mehr Männer wie er wären.

Lieber Papi, alles Liebe zum Geburtstag! ❤

Durcheinander

Seit einigen Tagen ist mein Vater (wieder) im Spital. Ich mache mir Sorgen um ihn.
Ich bemerke, dass es mich stark mitnimmt, dass er an Schmerzen leidet.
Ich fühle mich ohnmächtig.

Seine Krankheit rührt an die Ängste, die ich wohl aus frühester Kindheit kenne:
ein absolutes Gefühl von Verlassenheit. Die Angst, ihn (auch noch) zu verlieren.
Damals, als ich zwei Jahre alt war, starb mein Bruder und mit ihm verschwand meine Mutter.
Nach seinem Tod war sie nicht mehr derselbe Mensch.
Papi aber war immer für mich da.
Wir gleichen uns.

Mir fehlen seit Tagen die Worte, meine Gefühle auszudrücken.
Ich hab das Gefühl, dass ich nach Omis Tod dünnhäutiger geworden bin.
Es scheint mir so, als ob ich nur mehr langsam trauern und verarbeiten kann.

 

Dieses Photo drückt mein Gefühl passend aus: Von all diesen Personen auf dem Photo leben nur noch Papi und ich. Und irgendwie hab ich den Eindruck, als ob er mich auf dem Bild vor all den Dingen, die unsere Familie noch erwarten, beschützen wollte. Es ist das letzte Bild vor dem Tod meines Bruders.

Die Gärten meiner Familie

Er bestand viele Jahre, der Garten ums Haus herum. Meine Urgrossmutter hat darin Tulpen gehegt. Omi Paula liebte Bohnen, Tomaten und Erdbeeren. Sie hatte einen grünen Daumen. Unter ihren Händen wuchs alles.

Als Omi älter wurde, vermochte sie nicht mehr für den Garten zu schauen. Sie fragte mich oft, ob ich nicht helfen könnte. Doch wie sollte ich das tun? Ich lebte eine Stunde von ihr entfernt und arbeitete in einem Job mit unregelmässigen Arbeitszeiten.

Es war schwer für mich und ich hatte oft ein schlechtes Gewissen, weil ich ihr hier nicht helfen konnte. Damals wars gar kein Thema, dass ich einmal ihr Haus kaufen würde. Für Omi war immer klar, sie stirbt in diesem Haus und ich muss dann halt schauen.

Nun ist es anders gekommen. Der Garten ist platt.
Ich stehe vor der Aufgabe, die Fläche neu zu bepflanzen und mir überhaupt zu überlegen, was ich tun will.

Gestern fing ich an, die Fläche am Wegrand umzugraben. Es ist harte Arbeit. Doch jetzt, wo die Hitze wieder verschwunden ist, lässt sich auch Schaufeln und Jäten an der prallen Sonne aushalten.

Es ist ein seltsames Gefühl. Ich stehe im Garten meiner Vorfahren und grabe um, wie vor vielen Jahren andere Menschen vor mir. Es macht mich klein. Ich bin 38, das Haus 176 Jahre alt. Ich erinnere mich daran, wie mein Vater einst im Thurgau einen Garten mit seinen eigenen Händen umgegraben und geschaffen hat. Ich war noch ein Kind, aber ich begriff, dass ein Garten mehr als Erde und Samen ist. Ein Garten ist ein Werk desjenigen, der sich die Mühe nimmt, sich mit dem Boden auseinanderzusetzen.

Röös vor dem Haus

Röös in ihrem Garten

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Paula in ihrem Garten in Sirnach um 1970

mein erster Garten

mein erster Garten ca 1988

der garten

Der Garten meines Vaters im Thurgau ca 1999

omi im garten

Omi in ihrem Garten im Toggenburg ca 1999

 

 

Mein Vater und ich

Natürlich war mir meine Mutter immer der erste Mensch. Doch zweite Mensch in meinem Leben war mein Vater.
Es hat mich immer gerührt, wenn er erzählt hat, wie meine Geburt verlaufen ist. Er hat gespürt, dass etwas mit meinen Beinen nicht stimmt. Stolz erzählt er noch heute, dass er meine Nabelschnur durchgeschnitten hat, mich wusch, kaum war ich aus dem Leib meiner Mutter entsprungen.

Ich erinnere mich an mein erstes Velo. Es war bunt und ich konnte stehend darauf laufen. Irgendwann nahm ich Platz in einem Kindersitz. Er war weiss und in der Mitte war eine Weltkugel aufgedruckt. Mein Vater nahm mich mit auf seinem Militärvelo.

Er erzählte mir mehr als einmal, wie wir zusammen gefahren sind. Wie ich am Fusse des Sonnenbergs rief, dass er schneller fahren soll. Und er es tat. Ich spür es noch heute.

Mein Vater hat auch die nötige Kühle bewahrt, als ich mit neun Jahren zum ersten Mal die Beine operieren lassen musste. Ich vermag nicht zu ermessen, wie sehr es ihn geschmerzt haben muss, dass ich, die Ältere, nie mehr mit unversehrten Beinen herum laufen würde.

Die tiefe Trauer meiner Mutter um meinen Bruder hat er ertragen. Ich weiss nur von einer Freundin, dass auch er trauern konnte. Er hat sich nie treiben lassen. Er empfand sich wohl immer als Fels in der Brandung.

Als sich meine Eltern scheiden liessen, war für ihn klar, dass er uns Kinder weiter aufziehen würde. Meine Mutter wollte frei sein. Er wünschte sich die Familie. Welcher Mann macht das heute einfach so? In den 90er Jahren war er jedenfalls die Ausnahme.

Mein Vatervor einigen Jahren erkrankte an Krebs. Er hat wenig darüber geredet. Ich hab nur einmal, als wir Fotoalben angeschaut haben, gespürt, dass er zurückschaut. Mein Bruder, meine Mutter, seine toten Freunde. Sie waren in seinem Leben alle präsent.

Ich bin sicher, dass der Mut meines Vaters mich sehr geprägt hat. Er hat auch mein Männerbild bestimmt. Niemals würde ich an der Seite eines Mannes verharren, der eine Frau nicht respektiert und der keinen Sinn für Familie hat.

 

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1978

 

 

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2012