Freiheit

Als ich noch sehr klein war und in Wängi lebte, kaufte Omi mir eine Schaukel.
Sie war grün und rot und aus Metall.
Ich habe diese Schaukel sehr geliebt und es gibt unzählige Fotos, wie ich darauf sitze und glücklich bin.

Irgendwann zogen wir weg, in ein anderes Dorf.
Omi konnte nun nicht mehr einfach in den Zug sitzen und uns besuchen.
Sie war länger unterwegs. Wir sahen uns seltener.
Auch die Schaukel blieb am alten Wohnort.

Ich hatte zum ersten Mal im Leben das Gefühl, innerlich zerrissen zu werden.
In Wängi waren meine Schwester und ich „frei“. Wir hatten Freunde.
Unser Bruder lag auf dem Friedhof und in der Nähe des Hauses, am Bach,
stand mein Tintenfischbaum.

Am neuen Wohnort wurde alles anders.
Wir lebten mit unseren Eltern auf dem Schulhausareal und hatten nichts eigenes mehr.
Wir mussten alles teilen.
Die Schaukel des Kindergartens durften wir zwar benutzen, aber wenn ein anderes Kind kam, mussten wir Platz machen und gehen. Wenn wir im Sandhaufen spielten, gehörten unsere Moules plötzlich allen Kindern.

Das wäre nicht mal schlimm gewesen.
Aber andere Kinder machten unsere Sachen aus Spass kaputt.
Wir waren schliesslich nur die Kinder des Hauswarts und keiner wäre auf die Idee gekommen, diese Kinder zur Rechenschaft für ihr Verhalten zu ziehen. Ich fühlte mich minderwertig.

Das gleiche passierte unseren Tieren.
Wenn jemand sich an unserer Katze störte, konnte er sie ohne weiteres treten.
Als einmal der Hund des Nachbarn erst unsere Laufenten und dann unsere Hühner riss, passierte nichts. Warum auch besass unser Vater, der Hauswart, die Frechheit, einfach Tiere zu züchten?
Unser Privatleben war gleich null, denn immer konnte irgendjemand bei uns vorbei schauen und uns stören. Weil wir auf dem Schulhausareal lebten, konnte jeder Lehrer und jede Lehrerinnen sehen, wann ich beispielsweise spielte. Hatte ich dann eine schlechte Note an einer Prüfung, bekam ich genau das zu hören.

In den Ferien gingen wir immer zu Omi Paula.
Dort waren wir wirklich frei. Keiner machte unsere Spielsachen kaputt. Keiner nahm sich das Recht raus, uns Kindern zu sagen, dass wir stören.

Insofern hat mich dieses Erleben politisch sehr geprägt.
Ich hänge nicht am Geld oder am Wohlstand.
Aber ich liebe meine Freiheit und ich schaue wie ein Heftlimacher,
dass keiner mir sagt, wie ich zu leben habe.
Omi war da genau gleich.

omi wängi (1)

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Warten. Teil 724.

Nein. wir leben noch nicht im Haus.
Ja. Es ist eine seltsam langwierige Sache.
Ja. Es ist mir bewusst, dass der Winter im Toggenburg früher anfängt als im Thurgau.
Nein. Ich habe unsere Wohnung noch nicht gekündigt.

Fragen über Fragen. Freunde fragen uns, warum alles so schleppend vor sich geht.

Ich habe keine Antwort An meinen freien Tagen fahren wir ins Toggenburg. Eine Stunde hin, eine Stunde zurück. Unsere ganze Freizeit geht drauf. Im Moment für nichts.

Ich kann nicht von mir behaupten, dass ich momentan glücklich bin. Ich bin unglücklich. Unzufrieden. Müde. Traurig.

Es gibt so vieles, worauf ich, neben meinem Job, meine Energie konzentrieren sollte: Omi, meine Gesundheit, das Schreiben.

Dass ich seit Anfang Jahr schlecht schlafe und mein Leben nur noch aus Warten auf irgendeinen Entscheid des Amtes besteht, möchte ich verdrängen. Im Februar bin ich davon ausgegangen, dass ich jetzt im Haus wohnen würde. Freunde von mir haben innerst kürzester Zeit ein Haus gekauft und ziehen jetzt ein. Es ist einfach nur ungerecht und macht mich wütend.

Wir hingegen warten. Wir fühlen uns wie unwichtige Nummern. Unser Leben zählt nicht. Was passiert, wenn Paula plötzlich stirbt und ich den Kaufvertrag noch nicht unterschrieben habe, mag ich mir nicht vorstellen. Der blosse Gedanke bringt mich zum Erbrechen.

Der September ist ein voller Monat. Ich weiss nicht, woher ich die Zeit nehmen soll, ins Haus zu fahren. Vielleicht ist es nicht mal so wichtig. Schliesslich war unsere ganze Arbeit der letzten Monate „nichts wert“. So ist es nämlich.

Ich mag nicht verbittert klingen. Ich will nur endlich einmal eine Perspektive haben. Ernst genommen werden. Keine Nummer sein. Endlich in Paulas Nähe wohnen, solange sie noch da ist. Sie öfters sehen. Sich in Ruhe voneinander verabschieden.

Denn eines kann ich prophezeien: wenn Paula nicht mehr lebt, wird es auch keinen Amtsträger mehr interessieren, was mit dem Haus ist und für wieviel ich es kaufen soll. So einfach ist das.

Liebes Haus

Liebes Haus

Im Spätsommer befällt mich eine seltsame Melancholie.

Die Felder sind gemäht und abgeerntet. Die Apfelbäume scheinen gebeugt unter ihrer schweren Last. Der Nebel kehrt zurück in den Thurgau.

Wenn ich frühmorgens zur Arbeit fahre, sehe ich den Fuchs oder Rehe am Waldrand. Die Natur bäumt sich in ihrer Fülle nochmals auf, um dann, in ein paar Wochen mit bunten Farben den Herbst einzuläuten.

Ich fahre durch den Thurgau und sehe, wie alles verbaut wird und wie meine geliebten Apfelbaumplantagen der Säge zum Opfer fallen. Ich habe Sehnsucht nach dem Toggenburg, nach Dir, mein liebes, gelbes Haus.

Manchmal kommts mir vor, als müsste ich all die Last der letzten Monate auf mich nehmen, nur damit ich am Ende mit Dir und in Dir sein kann. Die Monate vergehen und ich warte und werde älter.

Ich denke, und das mag überheblich sein, dass ich dich verdient habe. Ich war für meine Grosseltern da und habe Omi immer geholfen. Ich war für meine Mutter da und hab sie bis zur letzten Minute begleitet. Ich lege den Weg zwischen Frauenfeld und Toggenburg zurück und bereue jede Minute, die ich so vergeude. Ich opfere meine rare Freizeit für die Landschaftsgestaltung und das Räumen des Hauses.

Doch in Wirklichkeit ist das alles nichts wert.

Das liegt nicht mal an der Behörde, sondern an unserem gottverdammten Erbrecht. Ich bins leid, zu beweisen, was ich gemacht habe. Ich will endlich meinen Frieden. Ich will endlich in Dir leben, meine freien Abende mit Omi verbringen und nicht hier, im Thurgau darauf warten, dass man irgendwann im Toggenburg ja zum Kauf des Hauses sagt.

Unsere Gesetze sollen ein Schutz für die Menschen sein. Doch in Wirklichkeit sind sie eine Hürde für Menschlichkeit. Diejenigen, die ihre Angehörigen pflegen und betreuen, beissen am Ende ins Gras. Freiwilligenarbeit wird hoch gehalten und am liebsten würde man gerade in der Pflege wohl alle gratis arbeiten lassen. Wer selber pflegt, ist dumm.

In der Schweiz, so schwer es mir fällt das zu sagen, kommt man besser durch, wenn man ein faules, selbstgefälliges, blödes Arschloch ist. Man fährt besser, wenn man seine Angehörigen im Stich lässt und nach deren Tod die hohle Hand macht. Das einzige, was in diesem Land zu zählen scheint, ist Geld und ich hoffe, dass jeder, der solche Gesetze durchwinkt und auch noch stolz darauf ist, beim Scheissen vom Blitz getroffen wird.

Liebes Haus, ich bin nicht wütend, ich bin nur enttäuscht.

Heute abend werde ich den Brief schreiben und ja sagen zu diesem Kaufpreis in der Hoffnung, dass ich wirklich an Weihnachten an meinem Herzensort, in Dir, wohne.

Alles Liebe und einen schönen Herbst

Deine Zora

Ein Leben entrümpeln. Teil 2

Einen Ferientag wollte ich zum Räumen von Paulas Haus brauchen. Wir fuhren eine Stunde lang durchs neblige Toggenburg.
Der Keller schien mir am dringendsten, denn hier vermutete ich verstauten Müll.

Der Geruch war heftig. Es roch nach verrottetem Karton.
Ich fing an zu sortieren: Altglas. Dosen. Altkarton. Zeitungen. Alte Batterien. Müll.

Nach einer Stunde schliesslich hatte ich soviel Müll sortiert, dass ich das Fenster öffnen konnte. Die frische Luft tat mir gut.

Ich räumte weiter und stiess auf Kinderspielsachen, Zeichnungen meiner Schwester und mir und einem Brief meiner Mutter an meine Urgrossmutter. Ein seltsames Gefühl. Ich stöberte hier nicht nur in den Sachen meiner Grossmutter Paula, sondern auch in denen meines Grossvaters und meiner Urgrosseltern. Vor mir liegt quasi ein Teil Toggenburger Geschichte.

Ich fand ein uraltes Bügeleisen, das noch immer rostfrei war, einige verschimmelte Bücher, die als Kind sehr geliebt hatte und die Quittung des Verlobungsessens meiner Eltern.

Nach zwei Stunden war mein Auto vollgeladen. Ich war erschöpft. Ohne Saschas Hilfe (und heldenhaften Mut) bei der Begegnung mit einer Spinne, hätte ich es nicht geschafft.

Trotz allem bin ich unzufrieden. Ich räume dieses Haus in meiner Freizeit, weil ich es so sehr liebe, weil ich hoffe, einmal darin leben zu können.

Heute erschien es mir so klar vor Augen: Der Kellerraum wird einmal mein Büro werden. Er ist herrlich verwinkelt und hat einen tollen Holzboden. Noch sind die Wände minzgrün, irgendwann werde ich sie abschleifen. Wenn ich an meinem Schreibtisch sitzen und zum Fenster rausschauen werde, wird mein Blick auf die Wiese, die Johannisbergplantage und den Bach fallen.

Ich bin längst ein Teil des Hauses geworden. Meine Schwester allerdings, obwohl sie arbeitslos ist, rührt keinen Finger. Trotzdem wird sie irgendwann einen Teil davon erben oder ich werde sie dafür auszahlen müssen. Das nervt mich ungemein, denn es ist ungerecht.