Alles ist anders

Vor vier Jahren um diese Zeit steckten wir mitten in den Vorbereitungen für Omi Paulas Eintritt ins Pflegeheim. Es war unglaublich emotional, und mehr als einmal dachte ich, wir schaffen das nicht. Ich hatte Angst, dass ihr im Haus was passiert. Dass sie überfallen wird. Dass sie sich nicht mehr wehren kann und ich spät komme.

Mehr als einmal träumte ich, wie ich in meinem Auto zu ihr hinfahre und nicht vom Fleck komme. Wie ich an der Haustür klingle und sie nicht öffnet. Wie ich ums Haus herum renne und nicht zu ihr reinkomme. Wie ich draussen stehe und langsam verzweifle.

Omi hat immer wieder erwähnt, dass sie nicht mehr leben will. Dass sie hofft, dass der Herrgott sie zu sich holt und sie all das hier nicht mehr ertragen muss. Ich wusste darauf nichts zu entgegnen. Ihre Verzweiflung war auch meine.

Mein damaliges Gefühl glich jenem von 2007, als meine Mutter vom Spital ins Pflegeheim verschoben wurde. Meine Mutter war gerade 56 Jahre alt geworden. Kein Fall fürs Altenheim und trotzdem am Übergang zwischen Leben und Tod. Omi hingegen war lebensfroh, trotz Demenz, trotz Trauer und trotz Lebenszweifeln.

Ich kannte ja all jene Geschichten von Menschen, die ins Heim gehen und dann einfach schnell sterben. Ich wollte Omi nicht verlieren. Nicht jetzt. Nicht so. Ich wollte doch nur, dass sie zufrieden und behütet leben konnte.

Vier Jahre später ist alles anders.
Omi lebt in ihrem Pflegeheim, wird geliebt und behütet, so wie sie es sich immer erträumt hat. Sie hat mir sehr oft von ihrer Mutter, Omi Berti erzählt, die weich und zärtlich war und immer nur gute Worte hatte. In Omi Paulas jetziger Phase der Demenz wirkt sie so, als würde sie genau das dank der Pflegenden erleben, die sich so liebevoll um sie kümmern.

Die Rollen haben sich weiter gewandelt. Ich lebe im Haus und empfinde nun nach, wie es Omi all die Jahre hier ergangen ist zwischen all den Erinnerungen, alten Möbeln, Büchern und Werkzeugen. Anders als Omi habe ich die Freiheit mich von den Dingen zu trennen, die mich belasten, die mir nicht gefallen und die ich nicht mehr um mich haben will.

Alles ist anders. Alles ist gleich.

Advertisements

Unser Jahr im Haus 2015

Vor ziemlich genau einem Jahr begannen Sascha und ich mit dem Bezug und Umbau des Hauses. Alle meine freien Tage im Dezember haben wir dazu verwendet, unsere Bureaus zu renovieren und zu streichen. Sascha verwandelte das rosa Schlafzimmer meiner Urgrosseltern in seinen Arbeitsplatz. Das war harte Arbeit. Er strich die rosa Decke und die Einbauschränke in beruhigendes Weiss um.

Ich hingegen machte mich an mein Atelier. Das war der lädierteste Raum im ganzen Haus. Er war grösstenteils schimmelig, zu feucht, dunkel, voller Müll. Wir haben ihn langsam geleert und den untersten Boden hervor geholt. Ich schliff mit der Schleifmaschine die ganzen türkisfarbenen Wände ab. Schliesslich strich auch ich die Wände weiss. Die Türe liess ich. Sie ist derart verbraucht, dass sie schon wieder wunderschön ist. Beim letzten Quadratmeter stürzte unter mir der Boden ein. Nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass das Haus 176 Jahre auf dem Buckel hat. Die Bretter waren morsch. Über die Festtage konnten wir schliesslich nicht mehr an diesem Zimmer arbeiten und warteten, bis unser Schreiner Zeit hatte. Er entfernte nicht nur die Bretter und setzte Feuchtigkeitssperren ein, nein. Er entnahm dem Boden auch noch riesige Steine, auf denen man damals die Bretter gelegt hatte. Sie liegen nun im Garten und sehen täglich die Sonne.

Wenige Tage vor unserem Umzug im Februar war das Atelier fertig umgebaut. Der ursprüngliche Charme von Uropas Werkstatt ist geblieben.

Nach dem Umzug haben wir hauptsächlich entrümpelt. Wir sind noch immer nicht ganz fertig, weil wir immer wieder Dinge finden, die weg müssen. Aber wenigstens haben wir aussortiert. Wir wissen jetzt, wieviele Gartengeräte wir besitzen, wieviel Werkzeug und wieviel Eimer. (12!)

Der Frühling war beherrscht von den Gartenarbeiten. Unser Rasenmäher stellte sich als ziemlich zickig heraus, aber nach einem Besuch beim Rasenmäherdoktor tut er jetzt brav seinen Dienst. Es macht mir grosse Freude, den Rasen zu mähen. Es ist eine harte, laute, aber auch genaue Arbeit.

Im Sommer durften wir erste Früchte aus dem selber gegrabenen Garten ernten. Omi hat ja damals den ganzen Garten einfrieden lassen. Ich hab im Sommer mit Schaufel und Harke wieder neue Beete ausgehoben. Dank der Feuchtigkeit aufgrund des Bergdrucks wuchs so ziemlich alles hervorragend. Die Johannisbeeren haben sich ebenfalls wunderbar entwickelt. Ihnen haben die Schnitte der vergangenen zwei Jahre gut getan. Das Haus hat uns in der heissesten Jahreszeit gekühlt. Der Keller war wunderbar kalt, so dass ich mich gerne zurückgezogen habe, wenn es draussen unerträglich war.

Unser Haus hat frisch gestrichene Läden, die wir in den Sommerferien bearbeitet und gemalt haben. Sie leuchten jetzt in einem wunderbaren Grün. Das Haus strahlt.

Die Linde hat im Herbst ihr wunderschönes Kleid abgeworfen. Viele Singvögel waren unsere Gäste. Ihnen zuliebe hängen Körnerkugeln und Vogelhäuschen, auf dass sie sich in unserem verzauberten Garten niederlassen und uns mit Gesang und Gestreite erfreuen.

Die Jahreszeiten sind wie im Fluge an uns vorübergezogen und ich kann kaum glauben, dass wir bald ein Jahr hier wohnen. Das Haus macht mich glücklich.

Bücherbett

Was mich wirklich gestresst hat an der ganzen Zügelei, waren die Tage ohne Bücher rund um mein Bett. Diese Leere hat mich fast wahnsinnig gemacht. Es gibt nichts traurigeres als leere, verstaubte Bücherregale.

Schon als ich noch ein kleines Mädchen war, wünschte ich mich nichts sehnlicher als eine Bücherwand. Omi schenkte mir auf den neunten oder zehnten Geburtstag ein Bett, eine Truhe und ein Bücherregal. Massivholz. Nun konnte ich mir meine eigene Welt erschaffen.

In meinem Elternhaus gab es nicht so viele Bücher, die Kinder hätten lesen können. Mein Vater besass einige Bücher über Rennfahrer, meine Mutter Romane und irgendwo stand noch unsere altehrwürdige Familienbibel herum.

Bei meinen Grosseltern jedoch erschloss sich für mich eine andere Bücherwelt. Mein Grossvater besass uralte Bücher über Elektrik, Chemie und Webmaschinen. Es gab Enzyklopädien und Bücher über Medizin.

Und nun sitze ich also in meinem Schlafzimmer im Toggenburg und die Regale, die ich mitnehmen konnte, sind endlich wieder mit Bücher gefüllt. Es ist ein wunderbares Gefühl, ins Bett zu gehen und auf eine Wand mit Namen und Titeln zu blicken. Opas Bücher sind im Gang aufgereiht. Jedes Mal, wenn ich an ihnen vorbei gehe, denke ich an ihn.

Im Film „Shadowlands“ den ich sehr liebe und den ich schon so lange nicht mehr gesehen habe, sagt Anthony Hopkins in seiner Rolle als C.S. Lewis folgendes: „Wer liest, ist nicht alleine.“

Eine erste Nacht und ein erster Tag

Spätnachts bin ich ins Bett gefallen und eingeschlafen.
Die Katze liess uns im Stich. Es war ihr wohl zu kalt im Schlafzimmer. Es ist anders als im Thurgau. Das Haus braucht einige Tage, bis die Mauern warm sind. Wir müssen uns alle umgewöhnen.

Ich mummle mich in tausend Decken ein. Omi wusste schon, warum sie eine halbe Herde Schaffelle gekauft hat. Leise rauscht der Bach neben dem Haus. Wir schauen auf die anderen Häuser. Von unserem Schlafzimmer aus wirkt alles kleiner. Wir spüren hier unten nicht mal die Bise.

Sascha und ich fahren zurück in den Thurgau und fangen, das Bad zu putzen. Es ist seltsam. Die Wohnung ist fast leer. Es stehen nur noch jene Möbel hier, die wir weitergeben oder aber entsorgen lassen. Entsorgung ist ohnehin ein schreckliches Wort.

Wieder muss ich mich entscheiden: was ist mir noch wichtig? Was ist Gerümpel? Die Schränke sind bald leer geräumt. Fast nichts mehr erinnert daran, dass ich fast fünfzehn Jahre in dieser Wohnung und achtzehn Jahre im Haus gelebt habe.

Mittwochsfreude

Zwei Tage vor Umzug stehen alle Zeichen auf Sturm. Ich bin müde, erschöpft und kann nicht mehr schlafen. Ich bin unruhig.

Wir fahren zu IKEA und kaufen Saschas Schreibtisch. Sein jetziger Arbeitstisch kommt in unsere Küche. Mit einem Mal interessiert mich die Küchenausstellung mehr als je zuvor. Schliesslich wollen wir, irgendwann, die über sechzigjährige Küche renovieren.Ich ignoriere sogar tobende Kinder, die ihre Mütter terrorisieren. Das muss die neue Gelassenheit sein.

Von St. Gallen aus düsen wir ins Toggenburg. Sascha will die Türen noch beschriften, damit die Zügelleute sich orientieren können und ich meinen Büroboden sehen. Wir waten durch tiefen Schnee. Mit einem Mal leuchtet mir unser Haus entgegen und ich muss dran denken, was ich an Weihnachten 2013 gehofft habe: im nächsten Jahr ist das Haus belebt.

Belebt war das Haus wohl: da waren wir, die wir sechzig Jahre Familienschrott entsorgten. Mein Vater und seine Frau, die uns immer wieder tatkräftig mit der Gartengestaltung unter die Arme griffen. Röteli und Simeli, die uns immer mal mit einem Besuch auf der Fensterbank erfreut haben. Ich erinnere mich auch noch an den Sektenheini, der zu Omi wollte und den ich zum Teufel gejagt habe. Und dann waren da noch die Schreiner letzte Woche, die den Boden meines Büros ersetzt haben.

Die alte Werkstatt, der versiffteste Raum im ganzen Haus, verschimmelt, vermodert, ist renoviert. Ich kanns gar nicht glauben. Ich bin nahe an den Tränen, weine aber nicht, weil ich dazu zu müde bin und später wieder in den Thurgau fahren muss. Der Raum ist wunderschön geworden. Nichts, schon gar nicht der Geruch, erinnert an die Unordnung, die wir langsam abgetragen haben. Ich weiss genau, wo welches Möbel hinkommen wird. In die Ecke der Arbeitstisch, das Schreibzeug. Dort die Regale für die Schnittmuster und Wörterbücher. Eine Sitzecke für die Katze.

Ich denke, während ich in dem Raum stehe: Das muss Omi sehen. Das glaubt sie mir nie.

20131008_105132

Sommer 2013

20140724_154328

Sommer 2014

20141222_142529[1]

Weihnachten 2014

 

20150103_142728

Neujahr 2015

 

20150204_190031[1]

20150204_185010[1]

20150204_184743[1]

Februar 2015

Davor und Danach

Heute in einer Woche ist es also soweit. Wir ziehen um. Aus. Weg. Es gibt ein Davor und ein Danach. Mein Davor sieht gerade so aus, dass ich allen möglichen Lieblingsbäumen Adieu sage. Die Apfelplantagen, mein Lieblingsmagnolienbaum werden vielleicht beim nächsten Mal nicht mehr da sein.

Frauenfeld sieht beim nächsten Mal auch nicht mehr so aus wie jetzt. Es kann sich nur verbessern. Die Zuckerfabrik wird weiter vor sich hin rauchen und stinken wie immer.

Doch heute, als ich mit dem Zug nach Uster fuhr, fiel mir ein, was mir wirklich zu schaffen macht: meines Bruders Grab. Wieder lasse ich es hinter mir. Wie schon damals, als wir fortzogen. Das Gefühl, das ich schon kleines Kind kannte, macht sich mit einem Mal wieder in mir wieder breit. Es ist eine seltsame Sache, denn ich weiss ja ganz genau, dass er längst mit der Erde auf dem Wängemer Friedhof eins geworden ist und ich ihn nicht mitnehmen kann. Dennoch habe ich das Gefühl, ich lasse ihn im Stich. Denn ich lebe ja und er nicht.

 

sven grab

Was wird sein?

Heute abend fand mein Adventsfenster statt. Das Fenster war nicht der Rede wert. Ich hatte keine Zeit und Lust, gross zu basteln. Ich wollte stattdessen vorlesen.

Während die Gäste in unserer Stube sitzen, wird mir bewusst, dass dies das letzte Mal sein wird, dass ich im Thurgau ein kleines Fest veranstalte. In einigen Wochen ziehen wir hier weg.

Wir reden. Normalerweise bin ich nicht so der Gesprächsmensch. Die Themen sind vielschichtig. Wir sprechen über Tod und Leben. Nichts, was man einfach so an einem oberflächlichen Ort besprechen würde. Ich bin dankbar für all die Begegnungen und die Menschen, die ich hier im Thurgau kennen lernen durfte.

Ich pendle zwischen mehreren Welten. Da ist unsere Wohnung, die sich langsam leert. Wer jahrelang am gleichen Ort lebt, hinterlässt Müll. Wir werden viele unserer Möbel weggeben. Nur den grossen Tisch, das Harmonium und unser Bett werden wir mitnehmen. Alles andere kommt weg. Ich sortiere Kleinigkeiten aus. Bücher, die ich nie mehr lesen werde.

Und dann ist da das Haus im Toggenburg. Wir renovieren. Wir freuen uns einfach nur, dass es da ist. Ich schleife die Wände meines Büros ab. Es ist ein Gefühl, das unbeschreiblich ist. Unser Haus. Unsere Zukunft.