Zugeschnürte Kehle

Langsam aber sicher leert sich die Wohnung. Derweil ich brav Dienst tue, räumt Sascha Bücher und Zeugs in Kisten. Bis zur grossen Zügelei hab ich genau noch einen Tag frei. Ganz im Ernst: ich bin froh drum, denn eigentlich bricht es mir das Herz, noch länger in diesem Haus ein- und auszugehen.

Nur schon wenn ich am Abend auf den Parkplatz fahre, muss ich fast weinen. Hier werde ich fast 18 Jahre neben wunderbaren, mir ans Herz gewachsenen Menschen gewohnt haben. Ich sah über all die vielen Jahre mein Nachbarskind aufwachsen. Ich durfte viele nette Katzen und Hunde kennenlernen. Viele Abende verbrachten wir gemeinsam im Garten. Die Sonne schien auf unsere Gesichter. Mein Nachbar macht das Feuer in der Feuerschale an. Wir trinken Wein und reden. Schauen zum Himmel und sehen die Sterne. Meine Nachbarn werden mir so sehr fehlen.

Ich war heute bei meinem Arzt. Seit bald zwei Monaten plagen mich Halsschmerzen, Schluckstörungen und Atemnot. Ich habe das Gefühl, als schnürt es mir den Atem und die Stimme ab. Immerzu dieses seltsame Gefühl im Hals, als ob ein Gegenstand, eine feine Nadel, darin stecken würde.

Das Gefühl, nicht mehr reden zu können, begleitet mich schon lange. Und manchmal habe ich Angst, dass es wirklich so sein wird. Heute hatte ich plötzlich Angst. Was ist, wenn meine Stimme verschwindet und ich einen Text nicht mehr laut vorlesen kann, um zu überprüfen, ob er gut ist? Spielt sich in einem solchen Falle Sprache nur noch im Kopf ab?

 

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Umziehen Teil 398

Ich muss leidlich anerkennen, dass die einzige, die wirklich Spass an Kisten, Staub und Stress hat, unsere liebste, alte Katze ist. Sie turnt topfit herum. Maunzt. Setzt sich in Pose. Für Dreizehntel scheint das alles ein grosser Spass zu sein. Nicht für mich!

Morgen kommt dann also der Schreiner. Er soll sich den Boden anschauen. Mir wäre lieber, wir würden einen Spinnenflüsterer anstellen. Der würde dann nämlich den freundlichen Achtbeinern mitteilen, dass ich wenig Lust auf deren Bekanntschaft habe.

Jetzt, wo Omis Bett raus ist, ist zumindest das Obergeschoss leer. Wir können den Raum renovieren und ihn bereit machen für unseren Einzug in vier Wochen. Kaum vorstellbar, dass wir in so wenigen Tagen dort schlafen werden.

Mein Büro aka Atelier nimmt langsam Gestalt an. Ich weiss jetzt klar, was ich darin machen will (und was nicht). Ich freue mich unbändig auf den Frühling und den Sommer. Denn dann werde ich Opas Keller durchlüften und entrümpeln.

Ich fühle mich aktuell unwohl, was wohl auch daran liegt, dass meine Bücher bereits alle weg sind. Ohne Bücher ist mein Leben leer. Ich will mir unsere Wohnung gar nicht leer vorstellen.

Zügelei Teil 357

Nach dem grossen Schneefall wagten wir uns heute wieder ins Toggenburg. Der Schnee war von den Strassen verschwunden, nicht aber vor unserer Einfahrt.

Eine gute Seele pfadete die Strasse sauber und – deponierte den ganzen Schnee vor unserem Gartentor. Eintreten? Unmöglich. Sascha ist zuerst über den Schneehaufen geklettert und hat eine Schaufel geholt. Ich muss dringend eine Tafel anbringen: „Einfahrt freihalten!“

Für einen Moment lange frage ich mich, ob die das schon so gemacht haben, als Omi noch im Haus lebte. Ich hoffe nicht!

Im Haus packe ich die Kisten aus. Das ist das Gute daran, dass wir langsam umziehen: ich miste aus, räume ein, stelle um. Werfe weg. Es scheint mir wie ein fortwährender Kreislauf.

Dann sortiere ich die Bettwäsche aus. Im oberen Stock liegt auf einer Kommode Wäsche aus Damast. Omi hat sie vor über zwei Jahren bereit gelegt. Mehr als einmal. Immer wieder vergass sie, dass sie sie bereits gerichtet hatte. Ich kann diesen Wäscheberg nicht mehr sehen. Ich will mich von allem trennen, was ich nicht brauchen kann. Alles, was ich nicht mehr brauche, wandert in grosse Koffer, damit meine Freundin, die Textildesignerin ist, sich aussuchen kann, was sie will.

Mit einem Mal halte ich Omis Mitgift-Bettwäsche in den Händen. Sie ist wunderschön. Omis Initialen sind kunstvoll aufgestickt. Ich lege die Wäsche zur Seite. Die gebe ich nicht weg. Der Kissenbezug und der Duvetbezug müssen um die 64 Jahre alt sein, so alt, wie meine Mutter im September werden würde.

Ich hörte wieder auf mit sortieren. Omis Initialen, das liebevoll aufbewahrte Bettzeug, rührten mich. Zudem war es kalt.

Wir probierten den ersten Anstrich in Saschas Büro aus. In vier Wochen ziehen wir hier doch ein!! Es ist noch soviel zu tun! Zuoberst auf der Liste steht der Schreiner, der in meinem Büro die Bodenbretter anschauen soll. Nochmals ein morsches Brett und eine schwarze Spinne überlebe ich nicht! Notiz an mich: Arachnophobie bekämpfen! Dann brauchen wir einen Internetanschluss. Und einen Parkplatz.

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Nebenbei besuche ich Ende Januar eine Weiterbildung und schreibe mein Buch fertig. Die Energien wollen gut eingeteilt sein. Ich mache mir Sorgen, wie wir die Katze friedlich verschieben. Sie spürt genau, dass sich etwas verändert. Sie ist jetzt bald 13 Jahre alt und ich hoffe, sie übersteht das ganze Theater gut. Noms helfen!

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Vielleicht mache ich mir einfach zu viele Sorgen. Ich hab hier im Thurgau so gerne gewohnt. Übergänge sind einfach nicht meine Sache. Ich will in Ruhe an einem Ort wohnen, das Haus dekorieren, nähen und kochen. Kisten packen ist echt nicht mein Ding!

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Nachtrag: in den nächsten Tagen poste ich hier Bilder von Möbeln, die ich verschenke. Es lohnt sich also, dran zu bleiben.

Noch schneit es nicht.

Drittes Adventswochenende. Der Besuch ins Toggenburg steht an.
Es gilt, Opas Kommode in die Stube zu verschieben. Sie soll unser neues Fernsehmöbel werden.

Ich mag Opas Kommode. Sie erinnert mich an ihn. In ihr bewahrte er seine geliebten Musikinstrumente auf. Seine Briefmarken. Seine Märklin. Die Lupe. Die Jahre scheinen an ihr vorübergezogen zu sein. Sie ist fast wie neu.

Ich kann mich nicht von ihr trennen. Sie ist kein Design-Klassiker. Sie ist einfach nur schön.

Ich muss dran denken, dass Opa in einigen Tagen seinen 90sten Geburtstag feiern könnte. Opa ist nicht mehr da. Nur sein Grab noch. Seine Werkzeuge im Keller. Und seine Kommode.

 

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Opa. Wahrscheinlich Ende der 60er Jahre in Sirnach.

 

 

Nachtrag vom 13. Dezember 2014
Jetzt steht Opas Kommode wieder in der Stube.

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Ausgeknockt.

Seit mehreren Wochen kämpfe ich mit einem Atemwegsinfekt. Ich kenne das ja seit meiner Kiefer-OP von vor achtzehn Jahren. Anfangs waren das nur Nebenhöhlenentzündungen. Jetzt habe ich Probleme mit meinem Hals und meinen Lungen. Die Husterei raubte mir den Schlaf. Sie erschöpft mich. Mein Hausarzt hat mich nun zwei Tage krank geschrieben und getestet, was der Auslöser für die Hustenanfälle ist.

Dabei bräuchte ich jetzt meine ganze Energie. Blöd herumliegen ist nicht mein Ding. Ich muss mich von meinem jetzigen Daheim trennen. Ich muss mein Leben entrümpeln. In unserem Estrich stehen noch meine Kindermöbel. Plüschtiere. Gegenstände meiner Mutter. Und meiner Schwester.

Ich habe wenig Lust, kistenweise Zeugs meiner Schwester in mein Haus mitzunehmen. Alles einfach wegzuschmeissen ist aber auch nicht mein Ding. Ich sollte wohl ihren Beistand anrufen und ihn bitten, die Dinge abzuholen.

Vor zwei Jahren habe ich säckeweise Zeugs meiner Oma mitgenommen. Sie wollte unbedingt, dass ich es bei mir aufbewahre. Und jetzt… transportiere ich wieder alles zurück. Es ist eine seltsame Sache.

Dass mein Körper jetzt reagiert, verwundert mich nicht. Seit Monaten war ich angespannt. Kann ich das Haus kaufen? Oder nicht? Legt wer Einspruch ein? Oder wird alles abgerissen?

Die Situation ist ja jetzt vollkommen positiv. Doch ich merke, dass das alles nicht an mir spurlos vorüber gegangen ist. Oftmals wünschte ich mir, ich könnte einfach Omi anrufen, ihr alles erzählen und sie würde mich trösten. Doch in diesem Fall geht das nicht mehr. Es würde sie bloss sinnlos durcheinander bringen und das wäre dann egoistisch von mir.

Das Aufräumen hat aber auch was positives. Ich sortiere aus. Ich gebe Dinge zurück und ich schmeisse genüsslich weg, was ich nicht mehr haben will. Dennoch habe ich das Gefühl, ich komme nicht vorwärts. Der lange Weg ins Toggenburg, manchmal dauert ein Weg fast eine Stunde, zerhackt den Tag.

Omi hat früher immer gesagt: „Es chunnt scho guet. Muesch nume an Herrgott glaube.“ Wenn der mir den Sperrmüll im Haus entsorgen würde, wäre ich wirklich dankbar.

Von der Freude des Entsorgens

Mit einem vollbepackten Auto fuhren wir heute morgen zu unserem Haus. Bücher und Herbstkleidung wollen verstaut sein.

Doch die wirkliche Herausforderung zeigt sich beim Räumen der Möbel. Alte Teppiche. Sperrholzplatten. Ein Schreibtisch, dessen Beine abfallen. Eine Kommode, deren Ecken abgewetzt sind und die leider aus billigem Material besteht. Ein hässlicher Bilderrahmen. Noch mehr Teppiche. Elektroschrott. Ein alter Mixer, der so aussieht, als ob das Anschliessen an den Strom gleich einen Funken verursachen würde. Ein Handwäschetrockner. Das Material zersetzt von all den Jahren, die er im Estrich verbrachte. Die alte Garderobe, die im Durchgang steht und den Platz versperrt. Wir schrauben sie auseinander. Der Weg ist frei.

Wir tragens runter in den Keller. Wir fangen an, das Auto zu füllen. Die Recycling-Firma ist ja zum Glück nur einige Minuten entfernt. 60kg kommen auf die Waage. 60 Kilogramm Möbel und Zeugs meiner Familie. Ich bin nicht traurig, dass es weg ist. Das Haus wird langsam leichter. Und mein Herz auch.

P.S. Für eine Autoladung Müll haben wir 15 Franken bezahlt.