Weihnachten in der Familie

Weihnachten ist für mich das Fest der Familie. Es gibt Geschenke. Gutes Essen. An Weihnachten sind alle Streite geschlichtet, alle haben sich gern.

In meiner Familie ist das nicht anders. Sascha, mein Vater und seine Frau und ich. Wir beschenken uns. Wir essen gemeinsam. Da wir nicht miteinander streiten, gibts auch keine Differenzen zu bereinigen. Es ist einfach friedlich. Für mich ist Weihnachten aber das Fest, wo ich an jene denke, die nicht mehr da sind und die fehlen.

Vor 20 Jahren feierte ich das letzte Mal Weihnachten mit meinem Opa. Am 7. Januar 1997 starb er mit 72 Jahren. Seine freundliche Art, seine Begeisterung für Musik und sein grosses Interesse an Politik und dem Weltgeschehen fehlt mir sehr. Zu gerne würde ich mit ihm darüber sprechen, wie sich die Welt in den 20 Jahren, wo er nicht mehr bei mir ist, verändert hat.

Meine Mutter fehlt mir auch sehr, denn ihre Art Weihnachten zu feiern, hat mich dann doch sehr geprägt. Ihre geschmückten Christbäume waren bunt und mit Schokolade behängt. Sie liebte Geschenke und Deko.

Mit Omi feiere ich im Pflegeheim.
Wobei jetzt alles anders ist als früher. Omi ist oft müde und erkennt mich nicht mehr. Ich kann sie nicht mehr einfach umarmen und küssen, so wie früher. Auch reden können wir nicht mehr miteinander. Ich streichle ihre Hand, so wie ich es früher immer getan habe.

Man hat mir gesagt, im Herzen erkennt sie mich noch. Aber das tröstet mich nicht in meiner Realität. Denn an Weihnachten, wenn sich alle umarmen und glücklich sind, ist mir mein Verlust noch bewusster. Es tut furchtbar weh.

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Omi isst

Omi Paula hat schon früher gerne gegessen.

Wie viele Menschen ihres Alters hat sie als Mädchen den Krieg überlebt und hat gehungert. Im Mai wird sie 88 Jahre alt. Ich bin froh, dass sie all das überstanden hat.

Als Omi älter wurde, wurde sie auch runder. Mit 50, 60 Jahren war sie eine gross gewachsene, kurvige Frau. Omi war nie dick. Aber dünn war sie auch nicht. Sie hat mir vor einigen Jahren gebeichtet, dass sie nie richtig kochen gelernt hat.

Das konnte ich fast nicht verstehen. Ich erinnere mich noch heute an ihr wunderbares Voressen, Rösti mit Spinat und Spiegelei (so toll wie sie habe ich es nie hingekriegt), warmen Fleischkäse, Spaghetti mit Tomatenpüree und Buchstabensuppe.

Haute cuisine war nicht ihres. Sie mochte immer einfache Sachen. Toast Hawaii. Chäschüechli. Servelat mit Brot.

Ich glaube, sie ist nie gerne lange in der Küche gestanden.

Jetzt, da sie sich oft nicht mehr ans Essen erinnert, ist alles schwieriger. Wenn ich mal mit ihr esse, was selten vorkommt, gebe ich ihr das Essen ein oder aber ermuntere sie, selber zu essen. Die Grenzen zwischen Ermunterung und verbalem Zwang sind aber fliessend, das weiss ich aus meinem eigenen Beruf. Aber: ein Nein ist ein Nein. Nie würde ich Omi zum Essen zwingen. Es ist ihre Entscheidung und diese ist zu akzeptieren.

Ich weiss natürlich sehr gut, dass sie eines Tages immer dünner werden könnte. Unterernährt. Verhungernd. Oder aber sie könnte an ihrem Essen ersticken, weil ihr Schluckreflex nicht mehr funktioniert. Ich kenne mittlerweile genügend Geschichten von Freundinnen und Freunden, die ihre Angehörigen so verloren haben.