Vaterliebe

Mein Vater ist seit einigen Jahren krank. Letzten Spätsommer ging es ihm sehr schlecht. Wir führten am Küchentisch ein Gespräch, das mich nachhaltig geprägt hat.

Vater sprach mit mir darüber, wie schwer für ihn das Leben mit seiner Krankheit ist. Er, der immer Sport getrieben hat, war nun auf einmal auf Hilfe angewiesen. Für ihn ist das ein Verlust der Lebensqualität. Das macht ihm alles schwer zu schaffen.

Er sagte zu mir: „Wenn ich mit 40 gewusst hätte, wie ich jetzt, mit 70, beisammen bin, hätte ich sehr viel mehr die Sau rausgelassen. Ich hätte gefeiert, gesoffen, geraucht und all das gemacht, was ich mir immer erträumt hatte.“

Ich konnte ihn nicht trösten. Seine Aussage beschäftigte mich jedoch sehr. Als ich zuhause ankam, schrieb ich Tagebuch. Doch meine Gedanken schweiften immer wieder ab.

Ich begann eine Skizze zu machen. Ich schrieb auf, was ich gerne mache, worin ich gut bin und was ich unbedingt beibehalten will. Dazu gehören Schreiben, Nähen, Sprachen und anderes. Dann zeichnete ich auf, was ich nicht mehr in meinem Leben brauche und loslassen will. Das war sehr befreiend.

Doch da war noch eine dritte Skizze, die zuerst leer blieb: Was ich gerne lernen und leben will. Ich schrieb weiter, dachte an andere Dinge und plötzlich war es da:

Die Jagd. Ich will Jagen lernen.
Ich will mich mit der Natur auseinandersetzen.
Ich melde mich für die Jagdausbildung an.

Ich sass verdutzt vor meiner Skizze. Noch selten schienen mir die Dinge so klar.

Lange sprach ich mit keinem darüber, weil ich spüren musste, worum es mir wirklich geht. Als ich schliesslich meine Familie und vor allem meinen Vater über meine Pläne informierte, reagierte dieser heftig.

„Wie kommst du nur auf sowas?“ fragte er mich. Ich erklärte ihm, wie er mich dazu gebracht hatte, über mein aktuelles Leben nachzudenken. Dass ich über meine Träume nachdachte, während er um seine Gesundheit trauert. Das liess ihn verstummen. Ich fürchtete schon, er wäre nun sauer auf mich.

Einige Tage später rief er mich an. „Weisst du“, sagte er, „ich habe gerade den „St. Galler Bauer“ gelesen. Da steht was über Wildbretverwertung. Ich habs dir ausgeschnitten. Es wäre noch gut, wenn du dir das durchliest, wenn du jetzt die Jagdausbildung machen willst.“

** Fortsetzung folgt **

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Alle Jahre wieder.

Seltsame Sache. Wieder trudelt eine Einladung an ein Weihnachtsessen ein. Seit Omi Paula im Pflegeheim lebt, ist es bereits die dritte.
Omi lebt seit über zwei Jahren im Pflegeheim. Mir scheint, als wäre der Umzug erst gestern gewesen. Wenn ich die Augen schliesse, sehe ich Omi, wie sie 60 ist, herumblödelt und in ihrem rosa Arbeitskostüm im Garten arbeitet. Dabei sind bereits 26 Jahre vergangen.

Die Zeit fliegt davon.
Vor einem Jahr hab ich davon geträumt, dass ich bestimmt an Weihnachten 2014 in meinem eigenen Haus leben würde. Jetzt wird es Februar 2015.

Die Erleichterung, bald im Haus und in Paulas Nähe leben zu dürfen, hat mich umgehauen. Zum ersten Mal lebe ich an einem Ort, an dem ich mich erwünscht fühle. Zum ersten Mal in meinem Leben gehört mir etwas.

Dankbarkeit ist eines der Worte, die mir einfallen, wenn ich an Paula denke. Jede Ecke des Städtchens atmet ihren Namen. Hier hat sie fast dreissig Jahre gelebt. Hier werde nun auch ich leben.

Omi wohnt zwei Dörfer weiter.
Nie weiss ich, ob sie mich wiedererkennt.
Manchmal habe ich Angst, dass sie erschrickt, wenn ich zur Türe eintrete, weil sie nicht mehr weiss, wer ich bin. weil ich zu lange nicht mehr da war.

Am Sonntagabend hatte ich Fieber. Fast 39°C. Am Montag blieb ich zuhause im Bett. Am Dienstag ging ich ins Haus aber nicht zu Paula. Ich habe Angst, sie mit einer Grippe anzustecken. Aus irgendeinem Grund ist dieser Gedanke erschreckend für mich.

Am 17. Dezember darf ich zum Weihnachtsessen mit Paula gehen. Ich freue mich so.

Frühling mit Walter.

Ich weiss nicht, in den letzten Tagen muss ich sehr oft an meinen Opa Walter denken. Jetzt, wo der Frühling kommt, fehlt er mir besonders. Als er im Januar 1997 an Leberkrebs starb, fand ich es so schrecklich, dass er die warmen Tage nicht mehr erleben konnte.

Mein Opa Walter ist für mich nach wie vor ein sehr rätselhafter Mensch. Er ist das zweite Kind von Anna und Henri, kam einige Jahre nach dem Tod des ersten Kindes, Nelly auf die Welt. Als Walter im Dezember 1924 auf die Welt kam, waren seine Eltern etwa so alt wie ich jetzt. Mitte 30. Der erste Weltkrieg hatte ihrer Lebensplanung einen gehörigen Strich durch die Rechnung gemacht.

Ich weiss nicht, welche Träume Walter einst hatte. Ich vermute, er wollte Musiker werden. Er war in meinen Augen nicht die Sorte Mann, die täglich brav zur Arbeit geht und abends die Zeitung liest. Nein. Er liebte Jazz, Swing und Marschmusik. Er spielte so viele Instrumente: Querflöte. Saxophon. Klarinette. Geige. Flöte. Trompete.

Walter war ein politischer Mensch. Er hörte Radio, las die Zeitung, schaute sich die Tagesschau an. Er war keiner, der den Mund hielt. Oftmals löste ihm der Rosé die Zunge.

Mein Opa war ein zarter Mensch. Dass er mit 20 ins Militär musste, hat er nie bejammert. Er war Militärmusiker. Es gibt Photos, da sitzt er auf seinem Pferd. Seine Gesundheit war nicht besonders. Er war sehr dünn. Der zweite Weltkrieg hat ihn geprägt wie nichts anderes.

Aber im Frühling, da ist mir mein Opa wieder so nahe, als würde er noch immer unten am Bach seine Pfeife rauchen und warten, dass wir Kinder ihn und Paula besuchen kommen. Der letzte Blick von der Brücke über den Bach in Richtung des Hauses gilt noch immer ihm. Auch wenn er längst nicht mehr da steht.

Das Haus und ich

Noch schaue ich für das Haus.
Jede Nacht träume ich davon.
Ich sehe es aufgefrischt, schön, belebt,
aufblühend, mit Garten.
Ich sehe seine Zukunft.

Jetzt ist das Haus verlassen
leblos. Es ist, als ob sein Geist einer Leere gewichen wäre,
die alles verschlingt und muffig ist.

Ich schaue das Haus an und sehe seine Vergangenheit.
Da ist die Witwe B., die Zeit ihres Lebens in Rechtsstreitigkeiten
wegen einer Sickerleitung verstrickt ist.
Da sind Heinrich und Rosa, meine Urgrosseltern, die das Haus
gekauft haben und aufblühen liessen.

Ich sehe die Tulpen, den Garten, die Hunde.
Und dann sind da Paula und Walter, die das Haus erbten.
Meine Kindheit inmitten von trocknenden Leintüchern,
Versteckisspielen und dem Beobachten von Bachforellen.

Was wird sein?