Feriengefühle

Das letzte Mal, dass ich Ferien hatte, war im Oktober des letzten Jahres. Ich machte Wanderungen, Ausflüge und besuchte die OLMA. Jetzt ist bald Juni und ich weiss gar nicht, ob es dieses Jahr eine solche Messe noch geben wird.

Ferien habe ich jetzt eigentlich nur, weil ich dachte, dass ich nächste Woche an die Jagdprüfung gehen würde. Ich habe viel gelernt und mich darauf gefreut, auf die Fragen der Experten gute Antworten zu geben.

Doch auch daraus ist nichts geworden. Die Prüfungen sind für dieses Jahr abgesagt. Das hat mich im März schon recht aus der Bahn geworfen, wohl weil ich so viel Energie ins Lernen und in die Besuche der Kurse gelegt habe. Es fiel mir leicht, denn ich lernte mit grosser Freude und Neugier. Dass ich mit einem Mal mit nichts mehr dastand, war für mich schwierig.

Die Natur war denn auch während des Shutdowns mein Trost: Ich nahm wahr, wie sich alles nach dem Winter wieder aufrappelt, wie die Bäume spriessen, die ersten Blumen erblühen. Dann die Apfelblüte, der Bluescht im Thurgau, die noch schöner erschien als all die Jahre zuvor, wie ich zum ersten Mal auf freier Wildbahn Hasen erblickte, wie ich Rehe nachts beobachtete und die verliebten Elstern in unserer Tanne. Ich habe unzählige wunderschöne Sonnenuntergänge fotografiert und mich an den blühenden Rosen und den zum ersten Mal erblühenden Iris in unserem Garten erfreut.

Ich ging arbeiten wie immer, darüber war ich dankbar. Die Sorge um die Menschen, die wir als Team begleiten, war gross. Es ist eben nicht einfach so, dass man in unserem Beruf nur für sich selber Verantwortung trägt. Das wurde mir sehr klar in den letzten Wochen.

Ich sorgte mich um meine Eltern. Das Gefühl, dass es ihnen nicht gut geht, dass sie auf sich alleine gestellt sind, beschäftigte mich stark. Mir fehlen unsere Umarmungen, unsere Gespräche am Küchentisch und ich fühle mich traurig, weil ich ihnen nicht so zur Seite stehen konnte, wie ich es wollte. Ich erinnerte mich daran, wie mein Vater und ich im Mai vor neun Jahren gemeinsam eine Krähe aufgezogen und auswildert haben. Wie mein Vater mir vor sechs Jahren gezeigt hat, wie ich eine Wiese von Hand und mit der Fadensense mähen kann. So viel ist passiert in kurzer Zeit.

Glücklich machen mich die Treffen mit den Menschen, die ich sehr schätze und während der letzten Wochen vermisst habe. Ich bin über mich selber erschrocken, wie sehr ich mich zurückgezogen habe. Bin das wirklich noch ich?

Die nächsten Tage werde ich viel schlafen und im Garten arbeiten, Sport treiben und einfach draussen sein. Ich freue mich.

Geh deinen eigenen Weg!

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so ein Ostern wie dieses Jahr erlebe.
Eigentlich – das Wort passt irgendwie in diese Zeit – hätte ich ein paar Tage frei gehabt. Aber weil alles nun anders ist, habe ich heute gearbeitet. Ich hatte vorgehabt, mit meinen Eltern und Sascha fein essen zu gehen.

Ostern war immer eines jener Feste, die wir hier im Toggenburg gemeinsam gefeiert haben, zuerst mit den Urgrosseltern, später mit Omi und Opi, dann nur noch mit Omi und den Eltern, schliesslich mit den Eltern und Sascha. Ich dekorierte den Garten, hängte Deko-Eier an den Rosenbüschen auf, holte alle Porzellanhasen und -enten hervor und drapierte sie in den Gartenbeeten. Gutes Essen war auch immer wichtig, sei es in den eigenen vier Wänden oder aber in einem feinen Restaurant.

Heute aber habe ich meinen Frühdienst geleistet und mir gedacht, wie wichtig diese unsere Arbeit ist. Wir betreuen Menschen und sorgen dafür, dass sie ein gutes Leben haben. Das gelingt tagtäglich und es ist wichtig, darauf stolz zu sein, auch wenn alles andere drumherum grad recht schwierig ist.

Doch mir war auch klar, dass ich so oder so meinen Eltern ihren Osterhasen und ihre Geschenke vorbei bringe. Anders konnte ich es mir nicht vorstellen. Die Situation war jedoch sehr ungewohnt: Wir sprachen uns telefonisch ab. Ich klingle und meine Stiefmutter fährt meinen Vater ans Fenster, damit wir in Abstand miteinander reden können.

Ich hatte Angst vor diesem Moment, dass ich zu emotional sein könnte und dass mein Vater anfängt zu weinen, wenn er mich so sieht. Ich habe keine Angst vor der Emotion als solches, aber ich weiss, dass meine Stiefmutter das nachher aushalten muss. Das ist hart und das will ich nicht.

Aber ich hatte mir zuviel Gedanken gemacht: Mein Papi strahlte wie ein Honigkuchenpferd und ich tat es auch. Wir sprachen über die Idioten, die nun auf Rorschachs Strassen rasen wollen und von der Kantonspolizei verzeigt werden, darüber dass meine Eltern nun seit bald fünf Wochen zurückgezogen leben und sich den Einkauf vor die Türe bringen lassen. Wie toll es ist, dass so viele Geschäfte Frauenfelds überhaupt nach Hause liefern. Dass es keine Physiotherapie, kein Tagesstättenangebot mehr für meinen Vater gibt und er das ziemlich sch* findet.

Derweil haben auf der Terrasse gegenüber die Nachbarn gefeiert. Mindestens 10 Leute, lauthals. Von „Mindestabstand“ keine Spur. Es ist eine verdammte Farce, denke ich. Ich hätte so viel dafür gegeben, meinen Vater heute mit gutem Gefühl umarmen zu können und tue es nicht, um ihn nicht zu gefährden.

Als Jugendliche habe manchmal, nicht sehr nett, ich zu meinen Eltern gesagt: „Warum darf ich das nicht? Alle anderen machen das auch!“ Meine Mutter antwortete darauf: „Wenn alle anderen zum Fenster rausspringen und sich so verletzen, tust du das dann auch?“
Meine Mutter hatte Recht.

Zum Abschied meines Fenster-Besuchs wünschte ich mir, dass wir bald wieder einmal gemeinsam einen Spaziergang machen können. Aber mein Vater hat einen viel besseren Wunsch: Bald wieder gemeinsam fein essen gehen. Zusammensein. Ich weine nicht, als ich weg gehe. Erst zuhause. Aber vielleicht liegt das auch an den Pollen.

Abstand halten

Was in den letzten Tagen so abgegangen ist, hätte ich mir nie träumen lassen. Es fühlt sich irgendwie an, als wären wir alle Charaktere in einem Stephen-King-Roman. Ich fühlte und fühle mich wie in einer Art Tunnel. Alles verändert sich grad sehr schnell, dass ich gar nicht nachkomme mit realisieren, was es für mich, für uns bedeutet.

Gestern abend dann schaffte ich es mit meinen Eltern zu telefonieren. Ich war emotional, sie gar nicht. Für sie ist das Abgeschnittensein von der Welt „da draussen“ seit vielen Monaten Realität. Durch die Gehbehinderung meines Vaters sind sie arg eingeschränkt in all ihrem Tun und bestimmt nicht die Art Rentner, die andere nerven oder in Cafés rumhängen. Mit dem Rollator kommt mein Vater da nicht mal mehr rein.

Sie nehmen alles recht gelassen. O-Ton mein Vater: „Das ist nicht mein Virus.“ Und er hat damit nicht unrecht, aber auch nicht recht.
Was ihn, den 72jährigen sportbegeisterten Mann beschäftigt, ist die Tatsache, dass kein Live-Sport mehr läuft. Mir war gar nicht bewusst, wieviel Halt ihm das im Alltag des Älterwerdens gab.

Das einzige, was ihnen jetzt noch bleibt für ihre psychische und körperliche Gesundheit ist der tägliche Spaziergang. Nicht auszudenken, wie es ihnen gehen würde, wenn es eine Ausgangssperre gäbe.

Zu gerne würde ich jetzt bei ihnen sitzen, Kaffee trinken und meinen Vater umarmen. Aber auch diese Türe ist mit einmal zu und ich hasse es zutiefst. Ich bin ein eher introvertierter Mensch, so dass ich nicht mal so sehr unter den reduzierten Sozialkontakten leide. Aber die Umarmungen meiner Freundinnen und Freunde, meiner Eltern, die vermisse ich.

Mein Herz als Wiese

Heute ist Opas 23. Todestag. Am Morgen, kurz nach acht Uhr, als er 1997 seinen letzten Atemzug getan hat, dachte ich an ihn.

Wie hat sich die Welt seit damals verändert. Er würde sie nicht mehr wieder erkennen.Es wäre ihm wohl auch unverständlich, dass meine Mutter so früh gestorben ist. Ich denke, die beiden waren sich sehr ähnlich.

Ich sitze, während ich diese Worte schreibe, in der alten Werkstatt. Als wir vor über fünf Jahren entschieden, Omis Haus zu kaufen, war dieser Raum eine Müllhalde. Es roch nach Schimmel und überall lagen halb verrottete Zeitungsstapel und rostiges Werkzeug herum.

Die Werkstatt und der Keller waren Opas Reich und da hat er auch seine letzten Jahre verbracht: einen Rösslistumpen in seiner Pfeife rauchend, ein Glas Rosé auf einem Regal, die Hände in die Hüften gestemmt. Einige werden ihn wohl als faulen Menschen betitelt haben.

Aber das war er nicht. Omi sagte oft über ihn: „Der Opi wollte gerne arbeiten. Aber man liess ihn einfach nicht. Immer wieder machten die Fabriken zu oder Opi wurde entlassen, weil er zu alt war. Das machte ihm sehr zu schaffen und darum ist er auch nicht mehr glücklich gewesen.“

Nun, ich habe Opi gar nicht so unglücklich in Erinnerung. Er war zwar ein stiller, etwas melancholischer Mann mit leuchtend blauen Augen, aber auch ein Lausbub. Er liebte es, uns Kinder zu ärgern. Das tat er nie bösartig, sondern mit einem Augenzwinkern. Wenn wir irgendwo spielten, lief er an uns vorbei, rüttelte beispielsweise an unserem Kinderzelt und freute sich, wenn wir herum kreischten.

Seine Krebserkrankung und sein langsames, und doch zu rasches, Vergehen von dieser Welt hat mich damals mit knapp zwanzig Jahren sehr erschüttert. Ich träumte von ihm, vermisste ihn. Noch Jahre später haben Omi und ich uns an seinem Todestag getroffen, um gemeinsam zu weinen. Erst mit Omis Demenzerkrankung hörten wir damit auf, denn Opi war aus Omis Welt längst verschwunden.

Opi wurde 72 Jahre alt und starb fast auf den Tag genau zwanzig Jahre vor Omi. Manchmal denke ich, Omi und ich haben in jenen Trauerjahren alle Tränen vergossen, die es zu vergiessen gab. Heute bin ich nicht mehr traurig und ich muss auch nicht mehr über Opis Tod weinen. Aber es gibt da so eine Stelle, vielleicht in meinem Herzen, auf der wächst bis heute kein Stück Gras mehr.

Mein Blick zurück auf 2019

Ich blicke zurück auf ein sehr arbeitsintensives Jahr. Ich las viel, schrieb einige Texte, nichts Grosses.
ich habe auf meinem Blog Querfeldeins einige Bücher rezensiert, was mir grossen Spass bereitete. Dann schrieb ich beinahe täglich an meinem Bulletjournal, probierte verschiedenste Stifte aus, zeichnete viel. Im Herbst begann ich wieder damit, meine Lieblingssprachen zu trainieren: Französisch, Englisch und Latein. Ich kann das jedem empfehlen. Es macht wirklich Spass.

Ich konzentrierte mich dieses Jahr ganz auf den Beginn meiner Jagdausbildung. Ich verbrachte viel Zeit draussen und bemerkte – einmal mehr – wie gut mir das tut. Mein aus dem Thurgau stammender Name “Debrunner” bedeutet übersetzt ja schliesslich auch “Hirschtränke”.


Die Auseinandersetzung mit der Natur und allem Lebenden stärkte mich. Je mehr ich mich mit dem Wald und seinen Lebewesen befasse, desto kleiner und unwichtiger fühle ich mich. Gleichzeitig fühle ich mich verbunden. Ich kann an keinem Baum mehr vorüber gehen, ohne zu bewundern, wie stark und schön er ist und zu erkennen, wie lange es dauerte, bis er zu dem wurde, was er ist. Ich mache mir Gedanken über Lebensräume, und wie wir den Tieren immer mehr davon wegnehmen.

Unser Garten hat mich ebenfalls in seinen Bann gezogen: Er ist wilder denn je. Und mit jedem Jahr scheint mir, dass noch mehr Tiere, vor allem Vögel und Schmetterlinge, hierher in den Garten des Paulahauses kommen. Ich liebe es, sie zu beobachten. Ich pflanzte weitere Rosenstöcke an, damit auch die Bienen nebst den vielen Wildblumen etwas Schönes finden. Ich freue mich darüber, dass nun auch Eichhörnchen unsere Gäste sind.

Einige Male sind wir zur Neu-Toggenburg hinauf gewandert. Dieser Ort hat eine grosse Anziehungskraft auf mich. Dort oben werde ich ruhig. Ich sitze dann da, schaue den Krähen und den Raubvögeln zu, wie sie ihre Runden über dem Neckertal und oberhalb Lichtensteigs drehen. Ich geniesse den Blick über die Weite.

Ich verbrachte viele schöne Abende mit lieben Menschen bei gutem Essen, Gesprächen und Wein. Meine Liebe zu Lichtensteig ist weiter gewachsen. Ich besuchte Führungen, das Museum und fühle mich sehr daheim. Manchmal, wenn ich durch die Strassen der Altstadt gehe, denke ich: Hier ist bestimmt auch mein Uropa durchgelaufen. Mich tröstet das über vieles hinweg. Ich fühle mich ihm und unserer Familie dadurch verbunden.

Dann denke ich an all jene Menschen, die ich in diesem Jahr verloren habe. Es gehört zum Lauf des Lebens, dass die einen Menschen den Zug vor einem verlassen. Doch es macht mich sehr traurig. Was bleibt, sind die Erinnerungen an Gespräche und Begegnungen und die Dankbarkeit, diese Menschen gekannt haben zu dürfen.

Ich wünsche euch, liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs alles Liebe zu Weihnachten, gute Begegnungen, die Möglichkeit Freundschaften zu schliessen und das Leben zu lieben. Danke, dass ihr da seid.

hey, wenig Trauer

Diese Woche dachte ich bei mir: hey, sehr wenig Trauer vorhanden.
Ich denke wenig an meine Mutter, dafür mehr an meine Omi.
Aber die Gefühle sind nicht trauriger Natur.
Oftmals denke ich: Was würde Omi jetzt dazu sagen?
Am Donnerstag dann war mein und Saschas 10jähriges.
Ich war noch nie mit einem Menschen so lange zusammen.
Nur mit der Katze.

Ich machte mir viele Gedanken, wann der Tod eine Erlösung ist. Bisher habe ich das nie so gesehen, denn ich kannte nur Menschen, die am Leben hingen und nicht sterben wollten. Was aber ist, wenn jemand schwerkrank ist und starke Schmerzen erleidet und nur noch mit Tränen in den Augen durch den Tag kommt, weil alles zu viel ist?

Dann erfahre ich, dass B. verstorben ist. Und heute morgen dann, dass K. nicht mehr lebt.
Ich habe nicht geweint, aber ich bin traurig. Beide waren Frauen, die so viel bewirkt haben und die ich beide sehr geschätzt habe. Der Gedanke, dass ich nie mehr mit ihnen reden, nie mehr Texte von ihnen lesen kann, macht mich sehr traurig. Auf der Heimfahrt dann weine ich. Aber das ist ok.

Allerheiligen war Omis Feiertag. Sie hat ihn, so lange sie sich daran erinnerte, begangen und mich immer sehr am Telefon angefaucht, wenn ich nicht bei ihr aufgetaucht bin. Meinen Einwand, dass das im Thurgau kein Feiertag ist, hat sie nicht gelten lassen.

Vor einigen Tagen erfuhr ich, dass die Vorbesitzerin dieses Hauses (also Frau B. bis ca 1955, als Henri und Röös das Haus kauften), Leichenwäscherin war. Eine ältere Dame, sie war vielleicht 80, erzählte mir, dass sie schon als Kind Angst und Respekt vor dem Haus und deren Bewohnerin gehabt habe.

Das fand ich bemerkenswert und irgendwie passt es zum Haus.

Ich bin dein Spiegel

Nein, du bist kein Kind. Du bist ein erwachsener Mensch.
Du sagst es nicht, aber es verletzt dich, wenn man dich, auch ungewollt, übergeht.
Es trifft dich, den ehemals gesunden Menschen, ins Herz.
Manchmal überflutet es dich und du weinst.

Deine Dämme brechen und es ist schwierig zu ertragen, dich so traurig zu sehen.
Dabei bist du sehr wach und aufmerksam.
Dir entgeht nur wenig, auch wenn du es dir nicht anmerken lässt.

Dein Körper mag alt geworden sein, doch in dir lebt (noch immer!) eine alterslose Seele.
Du bist neugierig und trotz deines Alters erkenne ich nun mehr denn je den jungen Mann in dir.
Du bist sensibel und möchtest nur das Beste für jene, die du liebst und die zu dir halten.
Das ist dir das Allerwichtigste. Nur niemandem zur Last fallen.
Ja, es ist hart für mich, dich so zu sehen.

Dein Älterwerden ist eine Sache, deine Verletzlichkeit zu akzeptieren eine andere.
Du bist stark, stärker, als du es selbst von dir erwarten würdest. Du hast so viel erlebt und überlebt und lebst noch immer. Dein Körper mag gebrechlich sein, dein Herz ist es nicht.

Sein 40ster

In einer perfekten Welt hätte ich am Dienstag, gemeinsam mit den Eltern, vielleicht den Grosseltern und meiner Schwester den 40sten Geburtstag meines Bruders Sven gefeiert. Doch die Welt, und vor allem das Leben, ist natürlich nicht perfekt.

Ich denke daran, dass meine Mutter vor bald 12 Jahren gestorben ist und dass ihr der Tod meines Bruders sehr nahe gegangen ist. Ich bin wehmütig, denn ich hätte furchtbar gerne einen coolen Bruder gehabt.

Mir wird in diesen Tagen einmal mehr bewusst, dass wir Menschen in den Erinnerungen derjenigen Menschen leben, die uns lieben. Manchmal denke ich daran, dass ich bald einmal die einzige meiner Familie sein werde, die noch weiss, dass Sven mal gelebt hat.

Es existiert ein Bild – ich denke, es ist ein Polaroidfoto – auf dem meine Eltern mit Sven abgebildet sind. Das Foto wurde kurz nach Svens Geburt aufgenommen. Meine Eltern wirken unglaublich jung und glücklich und müde, Sven blickt in die Kamera. Jedes Mal, wenn ich es in die Hand nehme, treten mir die Tränen ins Gesicht. Noch wissen sie nicht, was ihnen bevorsteht.

Ich fühlte schon als Kind durch diesen Verlust mit meiner Mutter verbunden. Zwar verstand ich nicht genau, was passiert war, doch die abgrundtiefe Trauer konnte ich spüren. Sie hat mir damals grosse Angst eingejagt. Erst gegen Ende von Mutters Leben wurde es für sie einfacher. Vermutlich ist dies einer der segensreichen Errungenschaften des Sterbens, dass man langsam alle Trauer und alles Leiden des eigenen Lebens hinter sich lassen kann.

Svens Grab existiert nicht mehr. Ich habe mir vorgenommen, dass ihm symbolisch bei meiner Mutter auf dem Grab einen Platz einrichte. Denn da gehört er hin: Zu ihr, der Frau, die ihm sein Leben geschenkt hat und die ihn so früh gehen lassen musste.

Vom Trost des Waldes

Die nächsten paar Wochen werden emotional für mich: Am 2. September ist der 68. Geburtstag meiner Mutter. Sie ist seit bald 12 Jahren tot. Natürlich frage ich mich, wie es jetzt wäre, mit ihr zusammen zu sitzen, ihr von meinem Leben zu erzählen und zu hören, was sie darüber denkt.

Als sie noch mitten in ihrem Leben stand, wusste ich nicht, was sie von mir hält. Wir waren uns nie so wirklich nah. Oftmals hatte ich als Teenager das Gefühl, ich sei für sie eine Fremde, zwar ihre Tochter, aber nicht mehr. Mit 42 sehe ich das etwas anders. Sie war keine Frau der grossen Worte. Sie war ein sehr verletzlicher, nach aussen harter Mensch. Erst in ihren letzten Lebenswochen lernte ich sie wirklich kennen. Diesen Menschen vermisse ich sehr. Wir sind uns ähnlich.

Am 17. September ist der 40. Geburtstag meines Bruders Sven und drei Tage später sein Todestag. Seit ich mich erinnern kann, spreche ich in seinem Fall Geborenwerden und Sterben in einem Satz aus. Ich will’s auch gar nicht anders. Wenn in meinem Freundinnenkreis die Frauen schwanger werden, verspüre ich diese dumpfe Angst. Dass etwas schlimmes passiert. Denn das, was meiner Mutter (und meinem Bruder) passiert ist, wünsche ich niemandem.

Wenn mein Bruder noch leben würde, dann würden wir wohl an seinem Geburtstag übelst feiern, denn das tun wir alle in dieser Familie. Wir versammeln unsere Freunde um uns, verpflegen sie, lachen und umarmen uns. Ich bin mir sicher, bei ihm wäre das genau so.

Nun lebt meine Mutter nicht mehr und nur noch mein Vater wird sich daran erinnern können, wie es war, für drei Tage einen Sohn namens Sven zu haben. Ich weiss nicht, wie es für meinen Vater ist, zum 40. Mal daran zu denken. Omi und ich haben jedes Jahr, solange sie sich an uns erinnern konnte, an Sven gedacht. Sie pflegte zu mir zu sagen: “Wir sind traurig, dass er nicht mehr da ist. Aber denk daran: Er hat einmal gelebt.”

Vor einigen Tagen bin ich, im Rahmen meiner Jagdausbildung, auf ein Buch über den Wald gestossen. Seit frühester Kindheit fühle ich mich in Wäldern, inmitten von Nadelbäumen und Buchen geborgen.

Ich las folgende Zeilen: “Ein erwachsener Baum ist einer von wenigen Überlebenden aus einer Vielzahl kleiner Bäume, die im Verlauf der Jahrzehnte verschwunden sind. Wenn auf einem Waldstück hundert grosse Bäume übrig geblieben sind, heisst das, dass dort einst Millionen von Samen ausgestreut wurden, dass daraus dicht beisammen Hunderttausende von Keimlingen und schliesslich Tausende kleiner Bäume gewachsen sind… […] Der Baum, der weder flüchten noch sein verletztes Gewebe ersetzen kann, ist das getreue Archiv all der Ereignisse, die er in seiner unmittelbaren Umgebung erlebt hat.”

Als ich das las, musste ich weinen, denn genau so fühlt es sich an. Ich lebe, ich erinnere mich und weiss, dass er einmal da war. Ich trage Narben auf meiner Haut und in meinem Inneren, die Spuren meines Erwachsenwerdens. Dieses Bild des Waldes, der lebt und gleichzeitig vergeht, spendet mir Trost.

Blut ist dicker als Wasser

Ich fand diesen Spruch schon als Kind blöd. Ich verstand ihn lange nicht. Als ich es tat, war es noch nicht zu spät.

Als ich mitten in der Betreuerinnenausbildung steckte, behandelten wir auch das Thema Sterben und Tod. In einem Gespräch mit einem Freund äusserte ich, dass ich meine Mutter niemals pflegen oder bis zum Ende begleiten würde. Ich war so voll kindischen Zorns auf sie, dass nur schon die Vorstellung mich auf sie einzulassen, unvorstellbar war.

Im Juli 2007, ich war gerade 30 Jahre alt geworden, erfuhr ich, dass sie todkrank war. Seltsamerweise musste ich nun keine Sekunde überlegen, ob ich mich um sie kümmern würde. Ich wusste es einfach.

Gestern hatte ich Geburtstag. Ich weiss nicht, ob meinem Vater bewusst war, dass ich 42 Jahre alt wurde. Er lächelte mich mit diesem liebevollen, weisen und auch kindlichen Blick an, der all die Trauer eines Lebens spiegelt. „Ich hoffe, du bekommst nie diese Krankheit“, flüsterte er.

Blut ist dicker als Wasser, im besten wie im schlimmsten Fall. Weinen und Traurigsein nützt nicht viel. Das braucht zu viel Energie und leider sind wir alle keine Alpensteinböcke. Ich rief mir das Bild vor Augen, wie sie in steilsten Wänden herumkraxeln und ihr Leben meistern: Man setzt einfach immer einen Schritt vor den nächsten, lässt sich vom Abgrund nicht gross beeindrucken. Und ab und zu knabbert man an Moos.