Da sitze ich nun

Da sitze ich nun, liebe Mutter und denke an dich.
Ich bin bald nicht mehr 40 Jahre alt und vermisse
dich dennoch so sehr wie damals, als ich noch ein Kind war.

Wir sind uns ähnlich, besonders jetzt, da ich älter werde.
Deine Stimme höre ich oft, wenn ich wütend spreche.
Doch im Gegensatz zu dir bin ich nicht mit dunklen Haaren gesegnet.
Ich bin dunkelblond. Und das macht die Sache schwieriger.
Genau gleich gross wie du damals und
wahrscheinlich etwas runder.

Ich bin meinem Vater aus dem Gesicht geschnitten.
Die Augen. Die Gesichtsform. Die Zähne. Unverkennbar ein Debrunner.
Doch der Rest ist von dir.
Das Herz. Der Körper. Die Stimme.

Wir beide liebten das Schreiben. Wenn ich heute deine wütenden
Texte lese und mich an all jene erinnere, die verschwunden sind, möchte ich
weinen. In der Sprache, da sind wir uns so ähnlich, mehr noch als Tochter und Mutter, Freundinnen.
Du nahmst nie ein Blatt vor den Mund und schon gar nicht erst vor den Kugelschreiber!

Als du so alt warst wie ich, warst du fünf Mal schwanger und hast
längstens drei Kinder geboren. Du liebtest Kochen und Handarbeiten und
Filme. Dank dir habe ich so viele Filme aus den 30ern, 40ern und 50ern kennengelernt.

Manchmal bin ich schrecklich eifersüchtig, wenn ich Mütter in deinem Alter
mit ihren Töchtern sehe und wünschte mir, du wärest noch da. Würdest mich stolz ansehen.
Ich weiss noch, als wenn es heute wäre, wie du gewettert hast, dass ich mir so viele Tage mit meiner Geburt Zeit gelassen habe. Du wolltest mich am 7.7.77 zur Welt bringen, aber ich
hab dir damals einen ziemlich miesen Strich durch deine Rechnung gemacht. Es tut mir nicht leid,
denn mein Geburtsdatum gefällt mir besser.

Dennoch vermisse ich dich von ganzem Herzen und denke an dich, besonders an meinem Geburtstag, aber auch sonst. Du meine liebe Mutterfrau.

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Gedenkfeier

Ehrlich gesagt hatte ich nicht erwartet, dass ich zehn Monate nach Omis Tod zu einer Gedenkfeier des Pflegeheims eingeladen würde. Es war kein leichter Nachmittag für mich.

Dass ich keinen Parkplatz mehr fand, als ich zum grossen Pflegeheim im Toggenburg fuhr, war eine Sache. Ich war ein wenig verzweifelt. In ganz Ebnat-Kappel prangen unfreundliche Parkverbotsschilder, die mich und mein Auto drakonische Strafen erwarten liessen. Dass ich schlussendlich bei der Gemeindeverwaltung (auf Nachfrage) parkieren durfte, fand ich grossartig.

Omi hat nicht im grossen Pflegeheim Wier gelebt, sondern im kleineren. Im Speer. So heisst nämlich einer der Berge im Tal. Vor über einem Monat wurde ich zur Gedenkfeier 2017 eingeladen.

Der Reihe nach wurden die verstorbenen Bewohner und Bewohnerinnen des Jahres erwähnt. Omis Name fiel ziemlich am Anfang. Die Pflegedienstleiterin Frau R. beschrieb in liebevollen und respektvollen Worten die Lebensgeschichte der Verstorbenen, erzählte Anekdoten, die schmunzeln und nachdenklich werden liessen. Für einige Momente waren all jene verstorbenen Menschen wieder in jenem Raum anwesend.

Ich empfand die Atmosphäre anfangs sehr drückend. Ich musste weinen. In diesem Raum waren lauter Menschen anwesend, die innerhalb der letzten Monate einen ihrer liebsten Menschen verloren hatten. Dank der spirituellen Begleitung der Pfarrerin, des Kaplans und des Predigers zerfloss die Schwere des Moments. Frau R. gelang es immer wieder mit ihren Worten, die geliebten Menschen vor Augen und ins Herz zu halten, sich ihrer zu erinnern, zu trauern und sich mit ihrem Tod zu konfrontieren.

Für Momente wurden all jene toten Menschen ihrer Anonymität entrissen. Sie erhielten einen Namen, eine Lebenszeit und eine Geschichte. Tränen flossen. Kerzen wurden angezündet. Umarmungen ausgetauscht. Wir alle erfuhren mehr über all jene letzten Monate und Tage jener Menschen, die in diesen Mauern gestorben sind.

Es war nicht erschreckend, sondern erstaunlicherweise mutmachend. Wir, die Überlebenden erfuhren von Kämpfen ums Leben und den Tod, von grossen Liebesgeschichten. Überhaupt, die Liebesgeschichten waren in der Überzahl. Dass Menschen so sehr lieben können, selbst und erst recht im Angesicht des Todes, hat mich sehr bewegt. Liebe hat kein Alter.

Mich berührte Frau R.’s kurze Geschichte über Omi Paula. Letzten Dezember kam der Samichlaus in Omis Pflegeheim vorbei. Er fragte, wer denn ein Sprüchli aufsagen könnte. Omi meldete sich.
Sie sagte zum Samichlaus: „Ta tamm ta tamm ta tamm ta tamm… und…? weisst du auch eines?“

Ich musste lachen und weinen gleichzeitig, als ich diese Geschichte hörte.
Das war Omi, wie sie leibte und lebte am Ende ihres Lebens, knapp einen Monat vor ihrem Tod.
Omi fehlt so.
Das hab ich bemerkt heute nachmittag.
Mir fehlt ihre liebe Art.
Ihre Sprache.
Die sanfte Berührung ihrer schönen Hände.

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Ich bin noch immer sehr dankbar, dass mein Omi Paula im Pflegeheim Speer, das zum Pflegeheim Wier Ebnat-Kappel SG gehört, sterben durfte. Sie wurde bis zu ihrem letzten Tag liebevoll begleitet. Ich weiss, das ist in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich. Ich möchte all jenen Frauen und Männern meinen Dank ausdrücken, die ihre Lebenskraft für Menschen in Omis Alter einsetzen.

Der Grabstein

Heute habe ich mich (endlich) wieder auf den Friedhof gewagt. Ende September wurden die Gräber rund um Opis Grab aufgelöst. Für mich war das sehr emotional. Ich habe Opi an Weihnachten 1996 einige Tage vor seinem Tod das letzte Mal gesehen. An der Beerdigung durfte ich ihn nicht mehr besuchen. Er ist, neben meinem Bruder, der einzige unserer Familie, der eine Erdbestattung hatte. Jetzt ist alles weg.

Die Künstlerin, die den Grabstein meiner Omi gestaltete, lud mich heute morgen ein, den Stein anzuschauen. Wiederum ein emotionaler Moment für mich. Als ich den Grabstein jedoch sah, war ich sehr glücklich. Genau so hatte ich ihn mir vorgestellt. Er drückt all das aus, was ich empfinde.

In den nächsten Tagen wird sie den Grabstein setzen. Ich bin froh, dass ich das alles hinter mir habe. Es hat mich beschäftigt. Die Verantwortung für die Umsetzung von Omis letztem Willen lastete auf mir, trotz aller Gespräche, trotz der inneren Klarheit.

Ich bin verletzlich. Omis Tod ist nicht spurlos an mir vorbei gegangen. Ich habe meine liebe Vor-Mutter, meine Freundin verloren. Ich vermisse ihre Stimme, ihre Hände und ihre lieben Worte so sehr.

Seit wenigen Tagen gibt es ein neues Grab an ihrer Seite. Omi hätte wohl gesagt: „Jetzt hab ich ein Gschpänli.“

Die Suche nach einem Grabstein für Omi

Omi Paula ist fünf Monate tot.
Jetzt ist die Zeit da, wo wir uns Gedanken über ihren Grabstein machen.
Ich hatte ehrlich gesagt, keine Vorstellung davon, wie dieser aussehen sollte.
Da Omi aber immer so stolz auf Opas wunderschönen Stein war, fand ich die Vorstellung schön, dass in ihrem ein Stück davon enthalten sein sollte.

Ich wandte mich an die Bildhauerin in unserem Städtli. Ihre Werke waren mir aufgefallen, weil sie schlicht und schön sind. Würde sie uns helfen können?

Als wir in ihrem Atelier sitzen, überkommt mich mit einem Mal eine grosse Traurigkeit.
Omis Tod ist Realität. Wir suchen den Grabstein aus. Sie kommt nie mehr wieder.

Wir besprechen, was möglich ist, darüber, wie Omi war.
Stark war sie, fällt mir ein. Sie hatte einen Willen wie ein Stier.
Und dann muss ich an ihr Herz denken. Ihre Liebe zu mir.

Die Bildhauerin macht uns schliesslich einen Vorschlag, der so wunderbar ist, dass es mich tief berührt. Wieder weine ich.

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Dieses Bild hat Omi sehr geliebt. Es zeigt sie, während sie, ganz die vorbildliche Hausfrau mit Lappen und Grabsteinreiniger, Opas Grabstein putzt. Während sie dies tut, platzt es aus ihr heraus: „Schau mal, der daneben putzt seinen Grabstein auch nie!!“ Noch Jahre später, solange sie sich erinnern konnte, lachte sie schallend über dieses Foto.

Rosentränen

Gestern fuhr ich durch Weinfelden und erblickte beim Pflegeheim eine alte Frau, die genauso an ihrem Rollator ging wie Omi damals. Für einen Moment lang dachte ich: „Omi!“, um im nächsten Moment zu wissen: Nie wieder. Tränen fliessen.

Gestern nacht regnete und stürmte es stark bei uns im Toggenburg. Heute morgen erblühte die erste Damaszener Rose. Als ich um sieben Uhr das Haus verliess, dachte ich: das ist jetzt der erste Sommer ohne Omi.

Am Nachmittag dann habe ich mich (endlich) dazu überwunden, mit der Bildhauerin Kontakt aufzunehmen. Ich möchte so gerne, dass sie etwas mit Opas Grabstein macht, wenn das Grab im September aufgelöst wird. Omi hat den Grabstein sehr gemocht und ich muss sagen, dass er nach 20 Jahren noch immer frisch aussieht.

Wir haben auf unserer Wöschhänki wieder Leintücher als Sonnensegel aufgehängt, so wie Omi damals vor 30 Jahren.

Omi, ich vermiss dich so.

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Vor einem Jahr war alles anders.

Vor einem Jahr kam ich zurück aus Berlin.
Ich wollte Omis Geburtstag nicht verpassen.
Damals dachte ich: Du weisst nie, wann es das letzte Mal ist.

Jetzt, ein Jahr später ist alles anders.
Die Tulpen, haben erst vor einigen Tagen angefangen zu blühen.
Sie sind unter der Last des Schnees zerbrochen.
Einzig die Linde sieht aus wie immer.
Ich kann mich nicht erinnern, dass sie jemals klein, und kein so grosser Baum wie jetzt, war.

Ich hab keine Ahnung, wie Omis Grab aussieht.
Morgen mache ich es nochmals neu.
Ich bin froh, dass Omi kremiert ist und ihr toter Körper nicht in dieser kalten Erde vor sich hin gefriert. Sie mochte es lieber immer warm.

Vor einem Jahr fuhren wir jeweils ins Pflegeheim, um mit Omi ihr Geburtstagsmahl zu essen.
Wirklich wohlgefühlt habe ich mich nicht. Das lag aber nicht am Heim oder an Omi, sondern daran, dass es mich sehr getroffen hat, als Omi nicht mehr selber essen konnte. Ich dachte daran, wie oft sie mich gefüttert hat, als ich noch ein kleines Kind war.

Ich hatte oft Angst, sie erstickt irgendwann, denn das passiert schwer demenzkranken Menschen manchmal. Es liegt aber vielleicht auch daran, dass Ersticken für mich eine schreckliche Art und Weise zu gehen ist.

Ich versuche, mich an der Natur zu orientieren.
Ich freue mich über die Besuche der Kohlmeisen, Blaumeisen, der Spatzen, der riesigen Krähe und des Spechts. Dann denke ich: Vielleicht ist Omi jetzt ja eine wunderschöne Blaumeise, die sich über Futter und Zuspruch freut.

Oder

Heute während der Heimfahrt von der Arbeit überkam mich eine Welle der Trauer.
Ich weiss nicht mal richtig warum.
Vielleicht war es der Anblick jener sehr alten Frau, die von hinten aussah, als wäre es Omi.
Am liebsten hätte ich angehalten.

„Du fehlst, Omi“ fuhr mir durch den Kopf.
Und dann flossen die Tränen.
Ich konnte einfach nicht mehr aufhören mit Weinen.

Freitagnachmittag.
Fast zwei Jahre hatte ich Zeit, die Freitagnachmittage zum Besuch zu nutzen.
Rückblickend war es zu kurz.
Ich erinnere mich noch genau an jenen schönen Freitag, als eine Ländlergruppe ihre Probe in Omis Pflegeheim abhielt und wir zusammen im Gemeinschaftsraum verzaubert der Musik lauschten.
„Ach Omi“, denke ich.

Jedes Mal, wenn ich sie besuchen ging, hatte sie ein gutes Wort für mich übrig.
„Du siehst gut aus.“
oder
„Hast du abgenommen? Schau aber auf dich, Meitli.“
oder
„Dings. Schön, dass du mal wieder da bist.“
oder
„Hast du zugenommen? Steht dir aber gut.“
Manchmal bot mir Omi auch Kaffee oder Bier an.
Oder Schoggi.

Ich bin Omi nie besuchen gegangen, wenn es mir schlecht ging.
Oder wenn ich krank war.
Oder wütend.
Omi hat nämlich immer gespürt, wie es mir ging.
Sie hat es jedes Mal persönlich genommen.
Das wollte ich nicht.

Wenn ich aber fröhlich zu Omi ging.
Ohne Sorgen.
Nur im Hier und Jetzt.
Verlief alles ruhig.
Ich fühlte mich jedes Mal gut und gestärkt, wenn ich wieder heimwärts fuhr.

Omis letzte Worte begleiten mich durch den Alltag:
„Aber warum bist du denn traurig?“

Weil du mir so fehlst, liebe Omi.