Wie feiert man die 88?

Omi feiert heute ihren 88sten Geburtstag.
Wie jedes Jahr waren wir auch dieses Mal wieder eingeladen in Omis Pflegeheim.
Die Pflegenden haben für Paula im Séparée wunderschön einen Tisch gedeckt. Paula sitzt im Gang und döst. Zwei ältere Herren sitzen an ihrer Seite und ich muss dran denken, wie schön es ist, dass sie nicht alleine lebt.

Ich bin etwas gehemmt, denn ich traue mich nicht, Omi an der Hand zu nehmen und zu führen. Omi ist so zerbrechlich und alt, dass ich Angst habe, dass sie umfallen könnte. Ich bin froh, dass eine Pflegende uns hilft, Omi an ihren Platz zu begleiten. Kaum ist Paula wach, schon lässt sie ihre träfen Sprüche fallen.
„Wo möchten Sie sich hinsetzen, Frau M.?“ fragt die Pflegende.
„Am liebsten aufs *Füdli“, antwortet Paula.

Es gibt Suppe, Salat, einen Hauptgang und später Dessert.
Omi mag die Suppe nicht essen, weil sie ihr zu heiss ist. Aber den Salat hat sie gern. Er ist klein geschnitten, damit sie ihn besser beissen kann. Die Pflegende hilft ihr bei den Medis. Sie macht das einfach toll. Als Hauptgang wird uns Kartoffelstock, Rüebli und Hackbraten serviert. Das Essen ist lecker. Aber Omi hat keinen grossen Hunger. Die Pflegende hilft ihr, ich ermuntere sie, aber Paula sagt so klar: „Ich mag nicht mehr.“
Dann döst sie immer wieder ein. Zwischendurch schaut sie auf meinen Teller und findet: „Du kannst gerne noch meine Portion haben.“

Ich lasse für Omi den Radetzky Marsch auf dem Handy laufen. Obwohl sie die Augen zu hat, tippt sie den Takt auf dem Teller mit.

Das Dessert lassen wir aus. Omi ist zu müde. Sie geht jetzt ihr Schläfchen machen. Die Torte kriegt sie später. Ich hoffe, die beiden netten Herren von vorher kriegen auch ein Stück Schwarzwälder. Wir fahren nach Hause, gehen in Paulas Stammcafé, das Huber. Hier stossen wir auf unsere Paula an. ❤

 

*Dialektausdruck für Hintern

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Die wilde 87

Paula freute sich, als sie uns sah.
„Ich dachte schon, ihr kommt nicht mehr“, sagte sie. Fast wie früher, nur dass sie nicht mehr weiss, wer wir sind. Sascha und ich setzen uns hin. Sie fragt, wie die Fahrt war. Und wo unsere Kinder sind.

Ich schalte schnell. Heute bin ich wohl Ursle, ihre Tochter und meine Mutter. Ich gebe ihr das Geschenk. Aber Geschenke sind nicht mehr wichtig. Viel schöner ist es für sie, dass wir da sind.
„Wie fühlst du dich?“, frage ich. „Wie 51“, antwortet Paula und strahlt mich schelmisch an. Als Paula 51 Jahre alt war, war ich gerade zwei. Wir stossen mit Mineralwasser an.

Paula redet wie ein Wasserfall. Dann gibt es Suppe. Paula weiss nicht mehr, wie sie den Löffel benutzen soll. Ich gebe ihr ein. Nur wenig. Damit sie sich nicht den Mund verbrüht. Sie redet. Dann kriegt sie Schluckauf.
Wir legen eine Pause ein. Meine Suppe ist währenddessen kalt, schmeckt aber prima. Dann gibt es Salat. Omi isst einige Bissen und amüsiert sich köstlich über mich.

Schliesslich gibt es Knöpfli, Poulet und Bohnen. Ich zerschneide es ein wenig. Dann fängt Omi selber an zu essen. Sie lässt sich Zeit. Geniesst es. Zwischendurch strahlt sie und bietet mir von ihrem Teller etwas an. Sie spiesst die zerschnittenen Bohnen auf, klaubt mit den Fingern Knöpfli und steckt sie sich genüsslich in den Mund.
Omi singt einige Kinderlieder. Dann erfindet sie noch rasch eine Strophe, die ich hier aufgrund der Ausdrücke, die sie verwendet hat, nicht wiedergeben kann.

Dann wird Omi müde. Sie lehnt sich etwas zurück und schliesst die Augen. Ich spüre, dass sie fix und fertig ist. Es gibt aber noch Dessert und Kaffee. Omi aber will schlafen gehen. Und aufs Klo.
Ich verhandle mit der Hauswirtschaftsmitarbeiterin, dass Omi ihr Stück Erdbeertorte am Abend kriegt. Wir warten auf die Pflegende, die Omi ins Bett bringen soll. Omi schaut mich an, berührt mich mein Gesicht und streichelt es.

„Du hast wirklich einen schönen Kopf. Den könnte ich immer ansehen“.

Ich lächle. Streichle ihre sehr alten Hände. Dann kommt die Pflegende, die Omi ins Zimmer bringt. Omi schläft tatsächlich immer um diese Zeit. Wir verabschieden uns.

Feiertage

Als ich noch ein Kind war, liebte ich meinen Geburtstag. Es war Hochsommer. Heiss. Ferien. Ich erinnere mich an zahllose Torten, meine Oma, die mir Kuchen in den Mund stopft, meine Mutter, die mich umarmt.

Geburtstag. Der Tag, an dem ich geboren bin.
Ich schaue mir manchmal das Photo mit meinen Eltern drauf an und sehe, wie glücklich sie sind, dass es mich seit einigen Minuten gibt. Ich muss dran denken, dass meine Mutter mich neun lange Monate in ihrem Bauch herumgetragen hat.

Geburtstag bedeutet auch, dass ich ein Jahr älter werde. Vorbei ist die Zeit der Kindheit, als ich es kaum erwarten konnte, endlich 6 Jahre alt zu werden, in den Kindergarten zu gehen.

 

sweet zora und torte

skeptical Zora is skeptical 1982

torte 1982

an die Torte kann ich mich heute noch erinnern

Oder 10 Jahre alt zu werden. Endlich. 16 Jahre alt. Endlich von zuhause ausziehen. Oder 20 Jahre alt. David Bowie am Openair hören. Jamiroquai. Erwachsensein.

An meinem 28sten Geburtstag fuhr ich mit meinem damaligen Freund und Paula auf den Säntis. Wir assen Bratwurst und liessen uns den Wind um die Ohren blasen. Omi und ich hielten uns oft die Hände. Wir waren sehr glücklich.

Irgendwann wurde ich 30. Ich rauchte meine erste Zigarre in einem Fünf-Stern-Hotel. Wollte einen Mann heiraten.
Eine Woche nach meinem Geburtstag kommt meine Mutter ins Spital. Ihre Leber steht vor dem Kollaps. Und mich holt ihre Krankheit auf den Boden der Tatsachen zurück.

Ihr Sterben im Pflegeheim, welches neben dem Spital liegt, wo sie mich geboren hat, 30 Jahre vorher. Was für ein Witz! Das siebte Jahr ohne die Frau, die mich geboren hat. Das siebte Jahr ohne einen Spiegel, wie ich altern könnte.

Ich habs immer so gehasst, wenn sie darüber geredet hat, wie schlimm die vier Tage waren, an denen sie mich übertragen hat. Ihr Leiden. Die Hitze. Ich dachte als Kind, sie hasst mich deswegen.

Doch das ist natürlich Blödsinn. Ich würde so gerne mit ihr feiern und ihr danke sagen, dass sie mich geboren hat. Ich wäre neugierig, von ihr zu erfahren, wie sie die Welt sieht und ihr Leben.