Herbstferien

Herbstferien bedeuten für mich Ausruhen, das schöne Wetter im Toggenburg geniessen, den Garten winterfest zu machen und die Gräber von Mami und Omi neu zu machen.

Etwas Gutes hat der schöne Sommer ja: Die Blumen blühen und die beiden Gräber brauchen noch gar keinen Allerheiligenflor, obwohl es in zwei Wochen schon soweit ist. Normalerweise habe ich um diese Zeit Mamis Grab neu gemacht. Es ist nur noch knapp eine Woche bis zu ihrem 11. Todestag.

Vor einigen Wochen ist unsere uralte Forsythie im Sturm umgefallen. Der Baum war bestimmt 50 Jahre alt. Er stand all die Jahre in jenem Blumenbeet neben dem Waschbärenstall. Alles hat seine Zeit und man kann sich fragen, wann die eigene abgelaufen ist.

Ich mag diese Zeit der bunten Farben, wenn die Blätter von den Bäumen fallen. Ich räume den Garten auf und verstaue alles, was wir den Winter über nicht mehr brauchen im Keller. Ich pflanze Tulpen und Narzissen und freue mich auf den Frühling, wenn sie ihre Köpfe aus dem kalten Boden recken. Die alten Rosen blühen noch immer und ich freue mich über jede Blüte wie ein Geschenk.

Vor sechs Jahren um diese Zeit bangte ich um Omi, die ins Altersheim ziehen würde. All das scheint mir elend weit weg und wenn ich nicht soviel darüber geschrieben hätte, wüsste ich es wohl nicht mehr.

Als meine Mutter im Sterben lag, telefonierten Omi und ich praktisch täglich. Wir waren beide durch den Wind und sehr traurig. Omi war der einzige Mensch, dem ich nichts vormachen musste. Wir wussten beide: Das ist nun das Ende. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass sie und ich Mami in den Tod begleitet haben. Omi und ich erlebten die Wochen vor Mamis Todestag jeweils sehr intensiv.

Das hat auch unsere restlichen gemeinsamen Jahre geprägt – bis Omi sich nicht mehr an meine Mutter erinnern konnte. Das war sehr schmerzhaft, denn es zeigte mir auf, dass menschliche Identität sich an den gemeinsamen Erinnerungen festmacht. Es tat mir weh, nicht mehr mit meiner Erinnerungsgefährtin reden zu können.

Doch all das hat auch etwas Gutes. Omis Demenz hat mich dazu gebracht, schreibend weiter zu denken, mich zu erinnern – und loszulassen. Das ist ein grosses Geschenk, trotz allem.

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Furchtbar schade

Vor einigen Tagen nahm ich an einer Tagung teil und überlegte, wo ich in 5, 10 oder 20 Jahren sein (wollen) würde. Die Antwort schien mir sehr einfach und hat mich wenig Überlegung gekostet:

Ich möchte hier in Lichtensteig leben, in unserem Haus, umgeben von vielen Rosenbüschen, Pflanzen und Tieren. Ich möchte so oft wie möglich meine Freundinnen treffen, mit ihnen etwas trinken gehen, reden und wieder ins Haus zurückkehren. Ich möchte viel lesen und schreiben. Kurse in Creative Writing geben. Frei sein.

Vor fünf Jahren schien mir alles, was ich jetzt lebe, fremd. Ich konnte mir nicht vorstellen, hier oben zu leben, hatte keine Idee meines zukünftigen Glücks. Im Toggenburg zu leben schien mir ohne Zukunft, denn was sollte ich hier oben schon tun?

Mein geliebtes Lichtensteig ist in Bewegung, wie es schon all die letzten Jahrzehnte vorher war. Der kleine Marktflecken ist kein Ort, der in sich selber ruht, sondern sich fortlaufend selbst weiter erfindet und lebt. Lichtensteig ist die Summe der Menschen, die hier lebt und glücklich ist. Lichtensteig ist eine Stadt, die nie ruht, sondern deren Puls das Tun ihrer Bewohnerinnen und Bewohner ist.

Mein Städtchen ist kein toter Ort. Es lebt seine ureigene DNA von sich bewegenden, kreativen und kommunikativen Menschen.

Vor über 55 Jahren kauften meine Urgrosseltern hier ein Haus und ich bin ihnen sehr dankbar für ihre Weitsicht und ihren Mut. Ohne sie wäre ich heute nicht hier und das wäre furchtbar schade.

Von der Trockenheit

Seit einigen Wochen ist es hier oben im Toggenburg ganz schön trocken. Die Flüsse werden immer dünner. Sogar unser Lederbach, der noch vor einigen Wochen ganz andere Seiten zeigte, führt immer weniger Wasser. Ich mache mir Sorgen um die Fische, die im Bachbett seit Jahrzehnten leben.

Als ich noch ein kleines Mädchen war, liebte ich es, mit meinem Opa am Geländer des Bachbetts zu stehen und die Fische zu beobachten. Ich musste ganz still stehen und geduldig warten, bis sie sich wieder zeigten.

Das Hochwasser vor einigen Wochen hat den Bach verändert. Nun liegen zwei grosse Baumstämme herum. Es sind viel weniger Fische zu sehen.

Der Bach ist für mich eine Lebensader. Sein Rauschen beruhigt mich nachts und hält mich wach, wenn es laut ist und viel Wasser vorbeifliesst. Ich mag diesen kleinen Wasserstrom, denn ich weiss, wie viele Lebewesen sich an ihm laben: Da ist das Amselmännchen, das aus ihm trinkt, die frechen Kohlmeisen, die es lieben, über sein Bett zu hüpfen. Da ist die Wasseramsel, die sich anmutig an seiner Seite wäscht und bewegt, als wäre sie eine graue Ballerina. Da ist der Reiher, der hin und wieder vorbei stolziert und nach dem Rechten schaut. Wir Menschen sind zwar akzeptiert, aber wir spielen bei diesem Treiben keine Rolle. Und dann sind da die Fische, die sich sonnen und bei der geringsten Bewegung am Ufer unter die Felsenvorsprünge verschwinden, so als wären sie gar nie da gewesen.

Manchmal

Morgen ist Opi Walter 21 Jahre tot. Omi ist am Dienstag ein Jahr tot. Ich vermisse meine Grosseltern sehr. Mir fehlen ihre Stimmen, ihre Umarmungen, ihr Geruch.

Omi und Opi haben sehr viel miteinander gestritten. Sie schrien sich an, verfluchten sich, riefen einander wüsteste Schlötterlig nach, die ich so gar nicht mehr wiedergeben kann und will.

Es gab Tage in den Ferien bei den beiden im Toggenburg, wo Omi wütend in die Stube trat und sagte:
Kinder, euer Opa spinnt total! Der hat sie nicht alle.
Dann stampfte sie wieder zurück in den Garten.

Zehn Minuten später trat Opi in die Stube, wo wir spielten und sprach mit der Pfeife im Mund:
Kinder: Eure Omi hat sie nicht alle! Die spinnt echt!
Und dann ging er wieder runter in den Keller in seine Werkstatt und arbeitete weiter.

Heute nachmittag musste ich an einen Dialog denken, den Omi und ich vor vielen Jahren führten. Ich war vielleicht elf oder zwölf Jahre alt:

– Omi, wenn dich Opi so sehr nervt, warum lässt du dich dann nicht scheiden?
– Dein Opi spinnt total. Aber deshalb lasse ich mich doch nicht scheiden.
– Ja, aber wenn er dich nervt?
– Dein Opi spinnt. Dagegen kann man nichts sagen. Aber weisst du was. Ich spinne
auch. Manchmal.

Omi, Opa, wo immer ihr beiden jetzt auch seid: ihr fehlt. ❤

Der 93ste.

Heute ist Opi Walters 93ster Geburtstag.
Vor drei Monaten ist sein Grab vom Friedhof verschwunden.
Seit bald drei Jahren wohnen wir hier im Haus seiner Eltern.

Opi Walter ist der Vater meiner Mutter.
Er wuchs im Toggenburg auf, lernte hier seinen Beruf.
Wie alle in diesem Familienstrang arbeitete auch er im Textilsektor.
Das war wohl auch der Grund, warum er in den 70er Jahren seine Arbeit verlor.
Er wurde zum Eigenbrötler. Er war ein Mann, der gerne gearbeitet hat.

Mit knapp 20 Jahren wurde er ins Militär eingezogen.
Das war 1944.
Er blieb Zeit seines Lebens ein Kriegsgegner.
Aber das Militär hat er nicht verdammt.
An seiner Beerdigung 1997 waren seine Freunde anwesend, mit denen er im Krieg seinen Dienst geleistet hatte.

Opi förderte meinen Wissensdrang. Für ihn war es gar kein Thema, dass ein Mädchen Naturwissenschaften NICHT verstehen könnte. Er sagte, mir stehe die Welt offen.

Ich sitze in der Stube, wo er vor über 20 Jahren verstorben ist. Es ist alles anders und doch vieles gleich. Ich vermisse seinen Blick, seine warme Stimme, den Geruch seiner Pfeife. Manchmal schliesse ich die Augen und höre ihm zu, wie er über den Lauf der Welt sinniert, wie er flucht und wie er lacht. Er fehlt.

Glück in der Erinnerung

Die Sommer im Toggenburg waren für mich in der Kindheit das Paradies. Ich liebte es so sehr, bei Omi und Opa zu sein, zu spielen, mich zu verkleiden, auf Entdeckungsreise zu gehen oder stundenlang zu lesen.

Vor einem Jahr schrieb ich darüber, wie viel Zeit Omi mit Schlafen verbringt. Damals dachte ich: Sie muss sich von diesem langen Leben noch ein wenig ausruhen, bevor sie uns verlässt. Denn solange Omi fit war, war sie immer unterwegs.

Omi stand vor fünf Uhr morgens auf, machte die Küche, die Wäsche, tränkte den Garten, ging für uns Kinder einkaufen, las den Blick, spielte Bingo, jätete oder las Beeren ab.

Damals habe ich dieses Bild gemacht:
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Wir Kinder spielen draussen, Omi schaut zum Fenster raus, ob wir auch ja recht tun. Sie wäscht gerade ab. Von Hand. Ihrem Gesicht sehe ich an, dass sie glücklich ist. Manchmal denke, dass sie damals mit uns ihre eigene Elternschaft mit meiner Mutter nachgeholt. Als meine Mutter noch ein Kind war, hat Omi viel gearbeitet und meine Mutter wuchs bei ihrer Omi Berta auf.

Meine Mutter hatte keine Enkel. Doch noch auf dem Sterbebett hat sie sich welche gewünscht, so wie Omi sich „Urenkeli“ gewünscht hat. Diesen Wunsch werde ich wohl nicht erfüllt haben.

Gräbli-Frühling

Heute weht ein warmer Wind. Es ist sonnig in meinem Toggenburg und ich wage nach dem Frühdienst den Gang auf den Friedhof.

Omis Grab will bepflanzt werden. Das hab ich ihr versprochen. Vor zehn Jahren, als Mami starb, meinte Omi mehr als einmal: „Gell, ich bestell dann für mein Gräbli den Gärtner. Nicht, dass du das auch noch machen musst.“

Damals lebte ich noch im Thurgau und Omi machte sich Sorgen wegen der langen Fahrzeiten. Zudem wollte sie ein schönes Gräbli und nicht eines, das ungepflegt aussieht. Omi schaute mir mehr als einmal genau zu, wenn ich Mamis Grab bepflanzte. Und irgendwann sagte sie: „Gell, du machst dann meines auch. Du kannst das so gut.“

Und nun steh ich da und pflanze.

Ich kaufte einen kleinen Rosenstock und rote Nelken. Das waren Omis Lieblingsblumen. Wir haben uns immer wieder Blumen geschenkt. Lila Stiefmütterchen kommen auch aufs Grab. Lila war eine ihrer Lieblingsfarben neben ultramarin und lindgrün.

Einige Reihen weiter liegt Opas Grab. Als Opas Grabstein gesetzt war, gingen Omi und ich häufig auf den Friedhof. An einem dieser Tage entstand auch dieses Bild. Omi hatte wie immer Putzmittel und Lappen dabei und rieb Opas Stein sauber. Dann zeigte sie auf den Nachbarstein und meinte: „Schau mal, der putzt seinen Grabstein auch nie.“

Dann denke ich: nun sind Mami, Opi und Omi alle auf einem Friedhof. Die ganze Familie Mettler ist vereint. Und irgendwann liege auch ich hier.