Glück in der Erinnerung

Die Sommer im Toggenburg waren für mich in der Kindheit das Paradies. Ich liebte es so sehr, bei Omi und Opa zu sein, zu spielen, mich zu verkleiden, auf Entdeckungsreise zu gehen oder stundenlang zu lesen.

Vor einem Jahr schrieb ich darüber, wie viel Zeit Omi mit Schlafen verbringt. Damals dachte ich: Sie muss sich von diesem langen Leben noch ein wenig ausruhen, bevor sie uns verlässt. Denn solange Omi fit war, war sie immer unterwegs.

Omi stand vor fünf Uhr morgens auf, machte die Küche, die Wäsche, tränkte den Garten, ging für uns Kinder einkaufen, las den Blick, spielte Bingo, jätete oder las Beeren ab.

Damals habe ich dieses Bild gemacht:
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Wir Kinder spielen draussen, Omi schaut zum Fenster raus, ob wir auch ja recht tun. Sie wäscht gerade ab. Von Hand. Ihrem Gesicht sehe ich an, dass sie glücklich ist. Manchmal denke, dass sie damals mit uns ihre eigene Elternschaft mit meiner Mutter nachgeholt. Als meine Mutter noch ein Kind war, hat Omi viel gearbeitet und meine Mutter wuchs bei ihrer Omi Berta auf.

Meine Mutter hatte keine Enkel. Doch noch auf dem Sterbebett hat sie sich welche gewünscht, so wie Omi sich „Urenkeli“ gewünscht hat. Diesen Wunsch werde ich wohl nicht erfüllt haben.

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Gräbli-Frühling

Heute weht ein warmer Wind. Es ist sonnig in meinem Toggenburg und ich wage nach dem Frühdienst den Gang auf den Friedhof.

Omis Grab will bepflanzt werden. Das hab ich ihr versprochen. Vor zehn Jahren, als Mami starb, meinte Omi mehr als einmal: „Gell, ich bestell dann für mein Gräbli den Gärtner. Nicht, dass du das auch noch machen musst.“

Damals lebte ich noch im Thurgau und Omi machte sich Sorgen wegen der langen Fahrzeiten. Zudem wollte sie ein schönes Gräbli und nicht eines, das ungepflegt aussieht. Omi schaute mir mehr als einmal genau zu, wenn ich Mamis Grab bepflanzte. Und irgendwann sagte sie: „Gell, du machst dann meines auch. Du kannst das so gut.“

Und nun steh ich da und pflanze.

Ich kaufte einen kleinen Rosenstock und rote Nelken. Das waren Omis Lieblingsblumen. Wir haben uns immer wieder Blumen geschenkt. Lila Stiefmütterchen kommen auch aufs Grab. Lila war eine ihrer Lieblingsfarben neben ultramarin und lindgrün.

Einige Reihen weiter liegt Opas Grab. Als Opas Grabstein gesetzt war, gingen Omi und ich häufig auf den Friedhof. An einem dieser Tage entstand auch dieses Bild. Omi hatte wie immer Putzmittel und Lappen dabei und rieb Opas Stein sauber. Dann zeigte sie auf den Nachbarstein und meinte: „Schau mal, der putzt seinen Grabstein auch nie.“

Dann denke ich: nun sind Mami, Opi und Omi alle auf einem Friedhof. Die ganze Familie Mettler ist vereint. Und irgendwann liege auch ich hier.

Was war und was ist

Beim Aufräumen bin ich auf weitere Schachteln mit Fotos gestossen. Einige wenige sind datiert. Viele kann ich nur zuordnen, weil ich sie mit Omi früher angesehen habe.

Es ist grad ein ziemlich schräges Gefühl, dass ich jetzt die einzige bin, die diese Bilder bestimmen kann. Ich komme mir ziemlich alt und auch wenig verlassen vor.

Ich sehe meine Mutter auf den Fotos. Sie ist noch ein Kind. Sie steht vor dem Haus, in dem ich jetzt lebe. Ich sehe meine Urgrosseltern, die 30 Jahre tot sind. Ich sehe Omi und Opa. Beim Durchblättern frage ich mich oft, welche Sorgen sie wohl gehabt haben. Woran sie gedacht haben.

Dann stosse ich auf Bilder von Anna, meiner Urgrossmutter, der ersten Frau von Henri. An sie kann sich niemand mehr erinnern, denn sie starb bereits 1947, fast vierzig Jahre vor Henri und seiner zweiten Frau Röös. Anna blickt ernst in die Kamera. Sie trägt immer schwarz.

Anna Aerne Mettler

Henri Anna und Walter

Anna ist geheimnisvoll. Ich weiss nur wenig von ihr. Ich würde zu gerne wissen, ob sie es war, die in den 40er Jahren Bücher über behinderte Kinder las. Ich würde gerne wissen, ob ihre Tochter Nelly eine Behinderung hatte. Ich finde ein Bild, das wohl Annas Bruder, Heinrich Aerne, zeigt. Er starb auf den Tag genau 40 Jahre vor meinem kleinen Bruder an einer Blutvergiftung.

Heinrich Arne September 1938

Ist alles im Leben ein Zufall? Sind die Wege, auf denen wir uns bewegen, vorgezeichnet? Was in uns, in mir, treibt voran?

Opas Stimme

Ich denke oft an Opa Walter. Seine feine Art fehlt mir. Er war ein sensibler, zarter Mann. Er hatte leuchtend blaue Augen und blondes Haar. Er rauchte viel und trank nicht wenig. Rosé mochte er. Er sprang Toggenburger Dialekt, wobei man ihn nicht immer verstand. Er nuschelte ein wenig, weil er schon in jungen Jahren seine Zähne verlor.

Ich benütze seine Werkzeuge. Seine Kübel. Ich bepflanze den Garten, den er nicht besonders mochte. Ich stehe manchmal abends mit verschränkten Armen auf seinen Lieblingsplatz. Mein Blick fällt in den Bach. Das Plätschern beruhigt. Der Bach klingt heute noch so wie damals, als ich ein kleines Mädchen war.

Öfters in letzter Zeit wünsche ich mir unsere Gespräche über Politik zurück. Er erzählte mir an jenen Abenden in den Ferien viel. Es scheint mir heute noch so, dass er noch sehr viel mehr hätte sagen können. Über den Krieg. Die Ungerechtigkeit.

Ich glaube nicht, dass er vom Leben enttäuscht war. Das Leben hat ihn zwar recht verseckelt, aber er war nicht nachtragend. Dass der Krieg seine Jugendträume zerstört hat, sah er ihm nach. Das Leben ist nicht gerecht, meinte er lapidar. Als er älter wurde und immer wieder im Zuge der Spinnereikrise seine Arbeit verlor, wurde er traurig. Er zog sich in seinen Keller zurück.

Als er im Sterben lag, hat er nicht gewettert. Er bat jene Leute um Verzeihung, die er im Leben verletzt hatte. Das beeindruckte mich damals mit knapp 20 Jahren sehr. Ich vermisse seine Stimme, sein Lächeln und seine Witze.

Gestern ging ich an einer Beiz im Toggenburg vorbei. Einige sehr alte Männer redeten miteinander. Ich lächelte und schloss die Augen. Das war Opis Dialekt.

An Mutters Grab

Im Frühling, Sommer und Spätherbst bepflanze ich das Grab meiner Mutter. Ich mag diese Aufgabe gerne, denn für eine kurze Zeit habe ich das Gefühl, ich bin ihr nochmals nahe. Die Urne mit ihrer Asche ist unter einem Stein aus dem Rhein vergraben. Wenn auch nach bald neun Jahren wohl nicht mehr viel von ihr da ist, spüre ich doch, dass ihr Körper in den Blumen und der Erde aufgegangen ist.

Meine Mutter wollte nie begraben werden. Sie wünschte sich, dass wir ihre Asche „einfach auskippen“. Für Omi war dieser Gedanke unerträglich. Sie brauchte damals einen Ort, wo sie ihre Tochter besuchen konnte. Ich erinnere mich noch gut an den Morgen nach ihrem Tod, wo ich im Städtli auf der Gemeinde anrief und darum bat, die Asche meiner Mutter hier begraben zu dürfen.

Ich bin noch immer dankbar, dass dies so geschah. Denn eigentlich hätte meine Mutter an ihrem Wohnort Frauenfeld begraben werden müssen. Doch hier oben sind, bis auf meinen Bruder Sven, alle Mitglieder der Familie mütterlicherseits bestattet. Henri, Röös, wahrscheinlich auch Anna und Nelly, sowie mein Opa Walter liegen auf dem Friedhof. Ich weiss nicht, ob der Gemeindeangestellte begriffen hat, welchen Liebesdienst er mir und meiner Oma damit erfüllt hat.

Omi machte 2007 den Vorschlag, dass wir einen Gärtner für die Arbeiten anstellen. Doch ich wollte das nicht. Für mich war es wichtig, dass ich das Grab gestalte.

Ich achte auf Farben. Meine Mutter war ein farbenfroher Mensch. Je mehr bunte Blumen auf dem Grab wachsen, umso besser. Das Jäten des Grabs, das Pflanzen der Blumen, macht mich froh, auch wenn ich meistens weinen muss. Ich rede dann ein wenig mit meiner Mutter, heute weniger als früher.

Omi begleitete mich am Anfang der Trauerzeit. Sie stand neben mir, schaute mir zu, redete mit Mami. Omi und ich haben bei der Grabpflege von Mami oft über den Tod gesprochen. Ich weiss genau, was sich Omi einmal wünscht. Am liebsten möchte sie zu Mami ins Grab. Sie will Blumen. Und es soll Kerzen drauf haben.
Der Weg auf den Friedhof wurde immer schwieriger für Omi Paula. Er liegt auf der Anhöhe, hoch über dem Tal und war für Omi körperlich nicht mehr zu schaffen. Irgendwann vergass Omi, dass Mami auf dem Friedhof lag. Als ich für Omi schaute, vernachlässigte ich das Grab manchmal. Trotz aller Trauer denke ich, man muss sich immer erst um die Lebenden kümmern.

 

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Jahresrückblick 2015

Der Anfang des Jahres verlief sehr turbulent. Wir hatten mit sehr viel Schnee beim Umzug zu kämpfen. Gleichzeitig investierten wir alle freien Tage in die Renovation unserer wichtigsten Wohnräume. Das Schlafzimmer und unsere Bureaus haben wir frisch gestrichen.

Kurz vor dem Umzug renovierte unser Schreiner schliesslich mein Bureau. Da war nämlich der Boden durchgebrochen. Überglücklich konnte ich am Vorabend der grossen Zügelei mein Bureau anschauen. Wir zogen am kältesten Tag um. Es war furchtbar!

Nach fast 18 Jahren in Wellhausen am selben Ort mit meinen geliebten Nachbarn verliess ich den Thurgau. Es hat mich fast zerrissen. Ich war sehr traurig, weil nun alles werden sollte. Umziehen ist etwas, was ich nicht mehr tun will. Ich hoffe, ich sterbe als alte Frau in diesem meinem Haus.

Dann lebten wir uns langsam im Toggenburg ein. Zuerst haute es mich um. Ich wurde sehr krank, litt unter Fieber und Hustenanfällen. Die Last der vergangenen Monate zeigte sich nun. Ostern lag ich flach.

Dann wurde es langsam wärmer und meine Lebensgeister erwachten von neuem! Ich stürzte mich in die Gartenarbeiten, pflanzte und schnitt und jätete. Ich grub neue Beete. In dieser Zeit stellte ich auch das Manuskript für „Demenz für Anfänger“ fertig. Ich war sehr stolz, als ich Omi Cover und schliesslich das fertige Buch überreichen konnte.

Anfangs Juli haben wir schliesslich den Keller ausgemistet und eine ganze Mulde voll Müll entsorgen lassen. Ein erhebendes Gefühl. Einige Tage später hat „unser“ Schreiner damit angefangen, den Vorratsraum zu renovieren.

An meinem Geburtstag schliesslich konnte ich mit meinen Freunden feiern. Es war zwar sehr heiss, aber es war unvergesslich schön, all jene Menschen in meine Arme zu schliessen, die in den vergangenen Monaten Jahren zu mir gehalten hatten.

Die Sommerferien haben wir mit dem Renovieren der Fensterläden und Gartenarbeiten verbracht. Es war ein tolles Gefühl, frühmorgens aufzustehen und zu malen und um 11Uhr schweissüberströmt Pause zu machen, später ins Sommerbeizli zu gehen und einen Peperoni-Lillet trinken zu gehen.

Die Begegnungen im Städtli haben mich sehr aufgestellt. Ich fühle mich sehr wohl, besonders unter den WWL.
Glücklich hat mich auch gemacht, dass ich mit meinen Freunden #modernistcuisine in unserer alten Küche durchführen konnte.

Der lange Herbst und der milde Winter im Toggenburg haben mir gut getan. Ich geniesse die vielen Sonnenstunden und bin manchmal fast etwas traurig, wenn ich runter in den Nebel fahren muss. Trotzdem mag ich die Pendlerei, denn die Sonnenaufgänge, die Thurgauer Landschaft im Frühling und die Berge in voller Pracht machen mich bei jeder Fahrt glücklich.

Dass so viele Menschen an meinen Adventsfensterabend kamen, war für mich ebenfalls ein Highlight. Es ist ein schönes Gefühl, nicht alleine zu sein und zu wissen, dass das Haus jetzt wieder belebt ist.

Alles in allem war es ein wunderschönes Jahr 2015 und ich bin dankbar dafür, dass ich hier im Haus im Toggenburg leben darf.

Warum ich Lichtensteig liebe

Bis vor zwei Monaten lebte ich im Thurgau, genauer gesagt in Felben-Wellhausen, einer wachsenden Gemeinde im Thurtal. Ich lebte fast 18 Jahre in meinem Dorfteil Wellhausen, also fast mein halbes Leben lang. Bemerkenswert an dieser Tatsache ist auch, dass Felben mein Heimatort und via Identitätskarte auf immer mit mir verbunden scheint.

Aber neben all der Thurgauer Verbändelung gibt es seit jeher meine Toggenburger Seite. Zwar reicht dieser Strang meiner Familie nur mindestens vier Generationen weit, die Debrunnersche Seite ist wesentlich älter, aber trotzdem fühle ich mich dem Toggenburg seltsam verbunden.

Da ist beispielsweise die Tatsache, dass meine ganze Verwandtschaft mütterlicherseits auf dem Friedhof, einige hundert Meter von meinem Haus entfernt, liegt. Der Besuch in der städtischen, dem Friedhof naheliegenden Konditorei gleicht also quasi einem Familienfest, nur einfach mit Kuchen und Kaffee.

Das Wetter ist im Toggenburg wesentlich besser als im Thurgau. Weil auf über 600müm die Natur wesentlich langsamer vor sich her blüht, hat frau auch mehr vom Frühling.

Der Verkehrlärm in Lichtensteig ist dank der Umfahrung minimal. Während ich in Wellhausen zu jeder Tag- und Nachtzeit von Traktoren, Töffli mit defektem Auspuff, Lastwagen, Flugzeugen, Panzern und nächtlichen Güterzügen und einem defekten Gullideckel geweckt wurde, von den fluchenden und sirachenden Nachbarn der Kaninchenstallsiedlung ganz zu schweigen, ist Lichtensteig befriedigend still. Ich freunde mich aktuell mit Elstern, Kolkraben, Amseln, dem verfressenen Fischreiher und den nimmersatten Blaumeisen an.

In Lichtensteig gibt es Geschäfte. Sogar Metzgereien. Ein Möbelgeschäft. Einen Blumenladen. Eine Bijouterie. Und: Käse sowie einen Zigarrenladen.

Weil sich die Thur hier nicht begradigen liess und lässt, gibt es auch sehr viel weniger Hochwasser als im Thurgau.

Die Menschen auf den Gassen der Stadt begrüssen sich UND lächeln sich sogar an.

Die MitarbeiterInnen der städtischen Abteilungen sind sehr freundlich. Punkt.