Vielleicht

Vielleicht war der Verlust meiner Mutter der heftigste meines bisherigen Lebens.
In meiner Mutter wollte ich mich nie erkennen und fand doch immer nur mein Spiegelbild.
Dass sie nun elf Jahre tot ist, erscheint mir manchmal etwas irreal. Es war erst gestern oder nie.

Meine Mutter war 56, als sie starb. Ich war 30, als ich mutterlos wurde.
Ich bin manchmal etwas neidisch, wenn ich andere Töchter mit ihren Müttern sehe.
Aber es macht mich jedes Mal auch glücklich, wenn ich den Stolz in den Augen einer Mutter entdecke.
Dann denke ich: Das ist so schön.

Ich weiss nicht wirklich, ob meine Mutter je stolz auf mich war.
Was ich in meinem Leben bis zu ihrem Tod anstellte, hinterliess sie immer etwas ratlos.
„Schreiben? Woher hast du das bloss? Wenigstens nicht von mir!“
Oder: „Ich könnte nie mit Behinderten arbeiten. Das bräche mir das Herz.“
Oder: „Du fährst Auto. Sowas könnte ich nie. Da hab ich Angst.“

Vielleicht war es aber auch so, dass sie gar keine Worte für ihre Gefühle fand.
Meine Omi schaffte das problemlos. Es gab bis zum Ende ihrer Erinnerung sehr viele Worte des
Stolzes. Das hat die beiden unterschieden. Omi konnte sehr lange ihre Emotionen ausdrücken, derweil es meine Mutter erst kurz vor ihrem Tod schaffte.

Advertisements

Herbstferien

Herbstferien bedeuten für mich Ausruhen, das schöne Wetter im Toggenburg geniessen, den Garten winterfest zu machen und die Gräber von Mami und Omi neu zu machen.

Etwas Gutes hat der schöne Sommer ja: Die Blumen blühen und die beiden Gräber brauchen noch gar keinen Allerheiligenflor, obwohl es in zwei Wochen schon soweit ist. Normalerweise habe ich um diese Zeit Mamis Grab neu gemacht. Es ist nur noch knapp eine Woche bis zu ihrem 11. Todestag.

Vor einigen Wochen ist unsere uralte Forsythie im Sturm umgefallen. Der Baum war bestimmt 50 Jahre alt. Er stand all die Jahre in jenem Blumenbeet neben dem Waschbärenstall. Alles hat seine Zeit und man kann sich fragen, wann die eigene abgelaufen ist.

Ich mag diese Zeit der bunten Farben, wenn die Blätter von den Bäumen fallen. Ich räume den Garten auf und verstaue alles, was wir den Winter über nicht mehr brauchen im Keller. Ich pflanze Tulpen und Narzissen und freue mich auf den Frühling, wenn sie ihre Köpfe aus dem kalten Boden recken. Die alten Rosen blühen noch immer und ich freue mich über jede Blüte wie ein Geschenk.

Vor sechs Jahren um diese Zeit bangte ich um Omi, die ins Altersheim ziehen würde. All das scheint mir elend weit weg und wenn ich nicht soviel darüber geschrieben hätte, wüsste ich es wohl nicht mehr.

Als meine Mutter im Sterben lag, telefonierten Omi und ich praktisch täglich. Wir waren beide durch den Wind und sehr traurig. Omi war der einzige Mensch, dem ich nichts vormachen musste. Wir wussten beide: Das ist nun das Ende. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass sie und ich Mami in den Tod begleitet haben. Omi und ich erlebten die Wochen vor Mamis Todestag jeweils sehr intensiv.

Das hat auch unsere restlichen gemeinsamen Jahre geprägt – bis Omi sich nicht mehr an meine Mutter erinnern konnte. Das war sehr schmerzhaft, denn es zeigte mir auf, dass menschliche Identität sich an den gemeinsamen Erinnerungen festmacht. Es tat mir weh, nicht mehr mit meiner Erinnerungsgefährtin reden zu können.

Doch all das hat auch etwas Gutes. Omis Demenz hat mich dazu gebracht, schreibend weiter zu denken, mich zu erinnern – und loszulassen. Das ist ein grosses Geschenk, trotz allem.

GeburtsTodesTag

Mein Bruder würde heute 39 Jahre alt werden.
Ich kanns mir nicht vorstellen, wie er sein würde.
Seit sein Grab verschwunden ist, scheint mir auch sein Dasein langsam aus den Gedanken wegzuschwinden. Ich bin weniger traurig.

Heute vor zwei Jahren verstarb Tante Bibi.
Ich hab mich davor gescheut, sie nach Omis Tod anzurufen.
Ich wollte nicht die sein, die ihr sagt, dass ihre jüngere Schwester nun auch tot ist.
Dabei war sie da schon längst nicht mehr am Leben.

Ich frage mich, wie eng unser Kontakt hätte sein können.
Sie war sehr offen, herzlich und aufgestellt.
Als Omi noch lebte, hätte ich mir nicht vorstellen können,
eine andere ältere Frau neben ihr zu besuchen.

Es wäre mir wie ein Betrug vorgekommen.
Aber ich bin mir sicher, Bibi hat das verstanden.
Mit ihren damals fast 90 Jahren ermutigte sie mich, gut für Omi
zu schauen.
Man kann sein Herz nicht vierteilen. Ich zumindest kann es nicht.

Die Zeit vergeht so schnell.

Es ist nicht so, dass ich nicht oft an Omi und Mami denke. Doch ich habe in den vergangenen Monaten eine Veränderung wahrgenommen: Die abgrundtiefe Trauer, das schmerzliche Gefühl des Verlustes hat etwas anderem Platz gemacht. Ich fühle Verbundenheit und die Gewissheit, dass sie immer bei mir sind, egal wohin ich gehe. Ganz gleich, was ich tue.

Wenn ich beispielsweise aus unserem Buch vorlese, habe ich das Gefühl, dass Omi stolz in der hintersten Reihe sitzt und mir aufmunternd zuwinkt. Wenn ich einen Kloss im Hals habe und für einen Moment fast weinen muss, weiss ich, dass es gut so ist, wie es ist.

In den vergangenen Jahren war der Spätsommer, insbesondere der September, eine heftige Zeit für mich. Es ist die Zeit von Mamis und Svens Geburtstag und von Svens Tod. Es gibt Menschen, die sagen „Die Zeit heilt alle Wunden“. Das kann ich so nicht unterschreiben.

Es ist viel eher so, dass ich fühle, wie die Zeit die tiefen Wunden zu wulstigen Narben macht. Solche Narben muss man immer wieder behandeln, streicheln, damit sie nicht zu sehr schmerzen. Von selber geht gar nichts.

Die offene Wunde „Mutter“ ist also langsam vernarbt. Ich werde älter und spüre, wie mir das Bild meiner älteren Mutter fehlt. Ab und an begegnen mir „Mütter“. Das sind Frauen, die ihr Leben selbstbestimmt, leidenschaftlich und verletzlich leben. Sie sind mir nahe.

Mit Omis Tod ist es etwas anders. Ich habe sehr lange schon getrauert, als sie noch lebte. Jetzt wo sie tot ist, hat die Trauer einem Gefühl der tiefen Verbundenheit und der Verantwortung Platz gemacht. Ich lebe hier in ihrem Haus in diesem wunderbaren Ort. Ich sorge für das Haus, den Garten und lebe mein Leben. Ich sorge für ihre Gräber, in dem Wissen, dass es nur ein äusserlicher Platz für ihre sterblichen Überreste ist. Menschen, die man geliebt hat, leben in einem weiter, selbst wenn sie nicht mehr da sind.

Omis 90ster. Ohne Omi.

Am 6. Mai 1928, also vor 90 Jahren, wurde meine Omi Paula geboren. Sie war das dritte Kind, die dritte Tochter, von Berta und Johann. Sie hatte noch zwei jüngere Brüder. Sie wuchs in Wil SG in grosser Armut auf. In den 30er Jahren erkrankte Paula an einer Hirnhautentzündung. Sie wäre fast daran gestorben. Sie erlebte die Zeit des zweiten Weltkriegs und kannte danach nur noch einen Ausdruck dafür: „Nie wieder!“

Paula lebte stets sparsam. Recycling war für sie kein neumodisches Hipsterzeugs, sondern unabdingbare Lebensphilosophie. „Das kannst du nochmals brauchen“, war einer ihrer Glaubenssätze.

Omi konnte nie eine richtige Lehre machen. Ihre Eltern waren zu arm dafür. Sie hat jahrelang in einer Fabrik gearbeitet. Sie sagt Jahre später: „Ich habe mir in der Strumpffabrik die Augen ruiniert.“ Ich kenne Omi gar nicht anders, als mit starker Brille.

Meine Omi lernt Ende der 40er Jahre meinen Opi kennen. Aber weil sie die jüngste Tochter ist, soll sie nicht heiraten dürfen. Die älteren Schwestern und der Schwager bestimmen, dass sie die alten Eltern einmal pflegen soll. Omi aber will ihre Freiheit leben. Opa und sie leben ihre Liebe und Omi wird schwanger.

Im Mai 1951 heiraten Omi und Opa auf der Iddaburg. Omi ist im fünften Monat schwanger. Sie witzelt noch Jahre später: „Reiche Mädchen an meiner Stelle hatten Frühgeburten. Bei mir sagten sie nur: Aha, die musste heiraten.“

Mein Opi arbeitet in der Textilbranche. Er war im Aktivdienst und musste dabei seine Ausbildung unterbrechen. Was der Krieg mit ihm gemacht hat, blieb mir immer ein Rätsel. Doch auch er bläute mir immer wieder ein: „Nie wieder Krieg. Es ist schrecklich.“

Omi, Opi und meine Mutter Ursle leben zuerst in Wil, dann zügeln sie nach Ebnat-Kappel ins Toggenburg. Das Sterben der Textilbranche fängt nun an. Opi verliert immer wieder seine Stelle. Die Familie zieht um.

Ende der 60er Jahre stirbt Omis Mutter, was für sie zutiefst traumatisch ist. Sie darf nicht von ihrem Arbeitsplatz weg und sich verabschieden. Sie fühlt sich lange schuldig, weil sie nicht von ihrer Mutter Abschied nehmen konnte.

Meine Mutter wird langsam erwachsen. 1974 heiratet sie meinen Vater. 1977 komme ich auf die Welt. Ich habe heute den Eindruck, dass mit meiner Geburt für meine junge Omi ein Wunsch in Erfüllung ging. Sie hatte nun endlich ein Enkelkind zum Verwöhnen. Sie hat wohl auch an mir all das gut machen wollen, was sie an meiner Mutter versäumt hat.

1979 wird mein Bruder geboren, drei Tage nach seiner Geburt stirbt er. Für meine Eltern bricht eine Welt zusammen. Omi ist zur Stelle und versucht, meine Mutter zu stützen. Sie spürt aber auch, dass für meine Mutter nun alles anders ist. Im Nachhinein habe ich das Gefühl, dass meine Omi nun für mich eine Mutterstelle eingenommen hat, weil meine Mutter dies in ihrer Trauer nicht mehr ausfüllen kann. Anfang der 80er Jahre ziehen Omi und Opi zu den Urgrosseltern ins Toggenburg. Opi pflegt seine Eltern, Omi geht auswärts arbeiten. Im Januar 1997 stirbt Opi.

Meine Mutter stirbt 2007. Omi und ich wachen an ihrer Seite, bis sie stirbt. Einige Monate später ist mir klar, dass Omi demenzkrank ist. Es scheint so, als hätte sie all die Jahre für meine Mutter „durchgehalten“.

Ich versuche meine Omi all die Jahre zu begleiten. 2012 entscheidet sie sich, nach langem Miteinanderreden, dass sie ins Pflegeheim gehen will. Noch einen Winter im alten Toggenburger Haus würde sie wohl nicht einfach so überstehen. Omi lebt fast fünf Jahre in einem Toggenburger Pflegeheim, wo sie liebevoll betreut wird. Am 9. Januar 2017 um 3.30, fast 20 Jahre auf den Tag genau nach Opi stirbt sie.

Omi fehlt. Ihr freundliches Wesen, ihre Liebe, ihre Stimme. Trotz ihrer Demenz war sie uns all die Jahre eine Stütze, der Mittelpunkt der Familie. Omi hat uns zusammengehalten, hatte für alle immer ein gutes Wort. Wir werden sie nie vergessen.

Alles ist vergänglich.

familienfoto (5)

Ich war knapp zwei Jahre alt, als dieses Bild vor unserem Haus im Toggenburg gemacht wurde. Es ist eines von vielen an jenem Tag.
Meine Urgrosseltern hatten einen Fotografen engagiert, der das Generationenfoto machen sollte.

Ganz vorne im Bild sitzt Heinrich, genannt Henri. Er ist zu diesem Zeitpunkt 90 Jahre alt. Hinter ihm, rechts, stehen Röös und der Hund. Henri war während des ersten Weltkriegs im Militär. Nach dem Krieg heiratet er Anna Aerne, bekommt mit ihr eine Tochter, Nelly, die jedoch 1922 stirbt. 1924 wird mein Opa Walter geboren.

Ich kenne Röös nur in diesem Pullover. Sie hat ihn sehr gerne getragen. Sie ist einige Jahre jünger als Henri und seine zweite Frau. Sie ist während des zweiten Weltkriegs quer durch Europa in den Osten mit ihrer Tochter geflohen. Der Mauerbau trennt sie schlussendlich von ihren Kindern, die in der DDR, in der Tschechoslowakei und Polen leben.

Links von ihr steht mein Opa Walter, Henris Sohn aus erster Ehe mit Anna Aerne. Er ist vor über 20 Jahren gestorben. Opa Walter hatte ein Herz für uns Kinder. Am liebsten sass er in seiner Werkstatt und sinnierte über Politik und Naturwissenschaften. In jüngeren Jahren war er ein leidenschaftlicher Musiker.

Meine Mutter Uschi steht neben Opa Walter. Sie ist schwanger mit meinem Bruder Sven. Noch im gleichen Jahr, 1979, wird sie ihn gebären und er wird kurz danach sterben. Es ist das einzige Foto von ihr, wo sie lächelt. Meine Mutter starb 2007.

Omi Paula steht neben ihrer Tochter Uschi. Sie blickt sehr ernst drein. Paula wird nach dem Tod meines Bruders meine Mutter in einem Brief bitten, ihr Leben nicht aufzugeben. Als sie spürt, dass meine Mutter das nicht kann, nimmt sie an ihrer statt die Rolle der Mutter für mich an. 2007 begleiten Omi und ich meine Mutter in den Tod. Einmal mehr erlebt eine Frau in dieser Familie den Verlust des eigenen Kindes. Omi Paula starb am 9. Januar 2017.

In der Mitte des Bildes kauert mein Vater. Er hält mich im Arm und beruhigt mich. Mir scheint, als beschützt er mich vor all jenen Dingen, die nun im Leben auf mich zukommen.

Ich mag dieses Bild mit meiner Familie drauf. Es gibt mir Kraft, weil ich spüre, woher ich komme. Aber es macht mich auch traurig, weil auf diesem Bild so viele meiner liebsten Menschen nicht mehr da sind.

Ein ganzes Jahr

Ein ganzes Jahr ist vergangen, seit ich einen Anruf aus Omi Pflegeheim erhielt und man mich darüber informierte, dass es wohl nicht mehr sehr lange dauern würde.
Omi hatte sich auf den Weg gemacht.

Ein Jahr später ist alles anders.
Omi ist tot. Wieder liegt Schnee. Es ist kalt.
Omi liegt auf dem Friedhof oberhalb des Städtchens.
Ich bin 40.

Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es ohne Omi sein würde.
Das Leben geht weiter, soviel ist sicher.

Aber wie?
Die Erinnerungen sind wichtig.
Solange man sich an jemanden erinnert, ist er nicht wirklich tot.

Ich erinnere mich oft an Omi.
Aber ich weiss auch: Sie ist tot. Sie kommt nicht mehr. Ihr Leben ist Geschichte.

Ich lebe in ihrem Haus. Immer wieder treffe ich auf ihre Spuren.
Ihr Bild hängt in der Stube.
Sie würde das Haus nicht wieder erkennen.
Es ist warm. Überall stehen Bücher herum.
Meine Nähmaschinen.
Die Wände sind frisch gestrichen.

Und dennoch sehe ich uns alle noch immer, wie wir vor 30 Jahren alle gemeinsam in der kleinen Stube vor einem Berg von Geschenken sassen und nicht ahnten, was das Leben uns bringen würde.

Der Tod ist die Antwort auf alle Fragen im Leben. Irgendwann muss man einfach gehen.
Das ist der Kreislauf der Natur und das ist gut so.
Wichtig ist doch, was man aus seinem Leben macht, wie und dass man liebt. Alles andere ist unwichtig.