Wintergedanken

Mein Heimweh nach dem Thurgau hält sich in Grenzen. Das überrascht mich nicht. Ich lebe noch immer an den Ufern der Thur. Nur ist sie hier oben viel jünger und freier als unten, im Thurgau, wo man ihren Lauf begradigt hat.

Hier oben im Toggenburg liegt Schnee. Der Winter beherrscht die Menschen, trotz Fasnacht und Austreibung der Wintergeister. Die Luft ist kalt und klar. Kein Nebel. Um unser Haus herum fliegen Amseln. Ein Krähenpaar hat uns ebenfalls seine Aufwartung gemacht. Und von oben im Wald ertönt der sonore Schrei des Kolkraben.

Vom Schlafzimmerfenster aus sehe ich auf die Strasse. Doch der Lärm dringt nicht bis zu uns ins Tobel. Die anderen Häuser halten neugierige Augen von unserem Haus fern. Mit einem Mal sind wir zu Städtern geworden. Wir leben im Häusermeer und haben doch mehr Natur um uns herum als vorher auf dem Land. Hier oben fahren keine Mami-Panzer herum. Der Winter macht jedem unnützen Gefährt schnell den Garaus.

Der Keller ist kalt. Er wird es die nächsten Wochen bleiben. Es gibt noch so viel zu räumen. Zu verschieben. Wegzuschmeissen. Man kriegt eine innere Klarheit, was man braucht und was man will und – was nicht.

Vor dem Haus liegen riesige Steine, begraben unter Schnee und Eis. Der Schreiner hat sie hervorgeholt, als er in meinem Atelier den Boden erneuert hat. Ich versuche mir vorzustellen, wie Männer 1839 den Grundstein für den Bau unseres Hauses gelegt haben. Ich komme klein und unbedeutend vor. Das alte Haus ächzt und knarrt manchmal. Ich denke, es freut sich, dass es wieder Menschen (und eine Katze) beherbergt.

Ich freue mich auf den Frühling. Ich möchte Omi Paula abholen und ihr das Haus zeigen. Doch ich habe auch Angst davor, dass sie es nicht mehr erkennt. Fast dreissig Jahre hat sie hier gelebt. Die Wände haben nun eine andere Farbe. Trostloses Mintgrün ist hoffnungsvollem Weiss gewichen. Die Vorhänge sind abgehängt und geben den Blick auf die andere Seite der Thur frei.

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Sehnsucht

Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht ans Toggenburg denke. Mir scheint, als würde ich mich langsam von meinem geliebten Thurgau ablösen. Wenn ich der Thur entlang fahre, denke ich dran, dass weiter oben an ihrem Lauf mein baldiges Haus steht.

Bald ist Herbst. September ist der strengste Monat von allen. Ich will nicht viel Zeit zum Nachdenken haben. Dieses Jahr ist der 35ste Geburtstag und der 35ste Todestag meines Bruders. Ich habe mich noch nicht mal an sein Grab getraut aus Angst, dass es nicht mehr da ist.

ich versuche, ihn zu ersetzen. Eine Freundin hat mir gesagt: es kann doch nicht sein, dass ein Baby dein Leben so in Bann hält. Ich hege die Hoffnung, dass ich im Toggenburg mein Haus einrichten kann. So ein Haus ist wie ein Kind. Es will gehegt, gepflegt und geliebt werden. Ich will endlich wieder in der Natur leben. Einen Garten haben. Die Rosen schneiden. Laub kehren. Den Igel und die Krähen erwarten.

Ich möchte eine Tanne im Garten pflanzen, einen Magnolienbaum und einen Apfelbaum. Ich freue mich so sehr auf den Frühling, die Blüten, die Farben und den Geruch. Ich möchte endlich wieder Primeln sehen.

Ich freu mich so auf die brütenden Spatzen, hoffe, einen Fuchs ums Haus schleichen zu sehen.

Heute morgen früh um viertel nach sechs sah ich ein Reh. Es lief ganz langsam über ein braches Feld. Ich hielt an. Wir beäugten uns. Ich wollte es fotografieren, doch dann dachte ich, dass dieser Moment uns gehört. Das Reh lief bedächtig über die Strasse und blieb einfach stehen. Es schien keine Angst zu haben. Bevor es im Wald verschwand, drehte es sich um und warf mir einen letzten Blick zu.