Was fehlt.

Mein Bruder Sven ist jetzt über 38 Jahre tot.
Er fehlt noch immer, obwohl er doch nur drei Tage gelebt hat.

1979 gab es wenig Unterstützung in der Schweiz für Eltern, die ein neugeborenes Kind verloren.
Ich spreche hier notabene nicht von finanzieller Hilfe, sondern von gesundem Menschenverstand.
Meine Eltern wurden im Spital Frauenfeld nach dem plötzlichen Kindstod meines Bruders Sven weder psychologisch noch sonst wie unterstützt. Der „professionelle“ Umgang mit meinen geschockten Eltern trug dazu bei, dass sie umso mehr traumatisiert wurden. Dieses Verhalten jener Ärzte ist auch heute noch absolut stossend.

Mein Vater erzählte mir Jahre später, dass er nie wegen Svens Obduktion gefragt worden war. Umso schrecklicher war für ihn, als er unerwartet meinen Bruder mit zerschnittenem Körper im Sarg sah. Meine Mutter konfrontierte man nach dem Tod meines Bruders mit Schuldzuweisungen, weil sie Raucherin gewesen war.

Im Nachlass meiner Mutter fand ich „Trauerkarten“, deren Inhalte zum Tode meines Bruders einfach nur fragwürdig waren. Ich frage mich ernsthaft, wie Menschen einander solche Dinge nach dem Tod eines neugeborenen Kindes schreiben können.

Heute sprechen wir sehr offen über Sternenkinder und stille Geburten.
Mein Bruder fiel in keine dieser Kategorien.

Braucht es wirklich solche Schubladen, wenn ein Mensch stirbt, um in Würde um dessen Tod trauern zu können?

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Wie es ist.

Vor 38 Jahren wurden mein Vater und meine Mutter zum zweiten Mal Eltern.
Ich kann mich heute noch an den Bauch meiner Mutter erinnern und das Glück in ihren Augen. Ich war knapp zwei Jahre alt. Ich schmiegte mich an ihren Körper und durfte die Bewegungen meines Bruders in ihrem Bauch an meinem Ohr fühlen.

Ich hatte keine Ahnung, was es bedeutet, ein Geschwisterchen zu kriegen. Ich konnte es mir nicht vorstellen. Aber ich kann mich heute noch an meine Schritte in der Wohnung in Wängi erinnern. An die Möbel, das Licht, die Vorhänge und den Geruch. An meine Spielsachen. An die Tigerkatze, die sich an meine Beine schmiegte.

Heute, mit 40 fühle ich mehr denn je mit meinen Eltern mit, die damals ein Kind bekamen und wenige Tage nach der Geburt verloren. Meine Eltern waren bei seinem Tod am 20. September 1979 um die 30 Jahre alt. Mit seinem Tod zerbrachen Hoffnungen und Träume. Jahre der Trauer, der Verzweiflung und der Schuldgefühle sollten folgen.

Meine Omi hat immer gesagt: Alles ist für etwas gut.

An Swens Tod kann ich, noch immer, keinen Sinn erkennen, ausser dass ich es heute einfach akzeptiere, wie es ist.

Der Engel

Ich halte mich nicht für besonders überempfindlich.
Aber es gibt Situationen, die mich derart wütend machen, dass ich nur noch schreien möchte.
Heute war einer jener Tage.

Mein Vater hat heute Geburtstag. Ich besuchte ihn. Auf dem Heimweg mitten durch den Thurgau zurück ins Toggenburg bog ich in Wängi ab. Ich habe an diesem Ort mehrere Jahre gelebt. Dort liegt auch mein kleiner Bruder begraben. Der Friedhof in Wängi war während meiner Kindheit ein wichtiger Ort. Ich habe viel Zeit an Svens Grab verbracht. Sehr oft war ich mit Omi dort. Wir haben geredet, uns getröstet und um Sven getrauert.

Omi sagte mir oft, Sven wäre mein Schutzengel, jetzt wo er nicht mehr lebt. Das hat mich als Kind getröstet. Zu wissen, dass irgendwo (m)ein kleiner Bruder als Engel herumschwirrt, fand ich damals eine wunderschöne, tröstliche Vorstellung.
Ich wurde erwachsen, trat aus der Kirche aus. Engel sind nicht so mein Ding.

Aber als ich vor einigen Jahren Omi einen kleinen Betonengel schenken wollte, und es noch einen zweiten im Regal hatte, kaufte ich noch einen für Sven. Ich brachte ihn auf sein Grab. Ich dachte, ein Schutzengel kann meinem Bruder nicht schaden.

Der Friedhof in Wängi ist verträumt und wunderschön. Als ich heute nach Hause fuhr, bog ich ab und fuhr auf den Parkplatz. Mein Bruder liegt an der Friedhofsmauer begraben, dort wo auch die anderen toten Kinder liegen. Manchmal frage ich mich, warum sie dort begraben hat und nicht in der Mitte des Friedhofs.

Ich besuchte das Grab meines Bruders. Die kleine Tanne steht noch immer da. Sie ist verfärbt. Unter ihr verborgen steht der Grabstein mit der kleinen Taube darauf. Es scheint, als würde der Baum, der nun bald 37 Jahre da steht, den kleinen Stein umarmen.

Der Engel aus Beton aber war verschwunden.

Ich wurde wütend. Und wenn ich so wütend werde, laufen mir die Tränen runter. Ich kann dann nichts mehr sagen. Nicht mehr reden.

Ich blieb nicht lange, strich über die Tanne, streichelte den Grabstein und grüsste die Gräber der anderen Kinder, die auch schon lange da liegen. Ich stampfte zurück zu meinem Auto, vorbei am Gefiedergerüst eines toten Vogels.

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Mein Brudergefühl

Am 17. September würde mein Bruder 36 Jahre alt werden. Doch seit bald 36 Jahren ist er tot. Sein Leben hat er nie gelebt. Mir bleibt nur die Erinnerung an sein Wachsen in Mutters Bauch. Seine Fusstritte. Die Vorstellung im Alter von zwei Jahren, bald ein Geschwisterchen zu haben.

Mein Bruder hat mein Leben geprägt.
Seinetwegen weiss ich, was Trauern und Verlust bedeutet.
Ich weiss, was nicht gelebtes Leben heisst.
Ich bin traurig, dass er nicht da ist, gerade in Zeiten, wo ich mir einen Bruder wünsche. Ich denke oft daran, dass ich ihn anrufen, mit ihm sprechen oder lästern würde. Ich wäre seine grosse Schwester und er mein kleiner Bruder. Das Leben wäre anders. Es wäre nicht einfacher. Aber mit ihm und meiner kleinen Schwester wäre es bereichernd.

Als Kind war es leicht. Da redete ich einfach mit dem Holzkreuz auf seinem Grab, später mit dem Grabstein. Als ich ein Kind war, war er trotz allem existent. Nur anders. Es gibt kein gemeinsames Foto von uns. Es ist, als hätte er nie existiert.

Heute denke ich daran, dass in meinem Alter meine Mutter bereits zehn Jahre lang ein Kind verloren hatte. Ich bin 38, habe keine Kinder und muss oft an meine Mutter denken, die so sehr gelitten hatte.
Ist es wirklich ein Segen, Kinder zu haben?
Meiner grössten Angst im Leben, ein Kind zu verlieren, habe ich mich nie gestellt.
In dieser Hinsicht bin ich feige.

Staubflocken und kleine Schritte

Der Tag abseits von zuhause hat mir gut getan. Der Blick auf den Hallwilersee, feines Essen und wohlschmeckender Wein haben mich abgelenkt von meinen aktuellen Sorgen.

Es gilt, nach vorne zu schauen. Es gibt soviel zu tun!
Falls morgen Montag klar wird, ob wir mit der Bank ins Geschäft kommen, werde ich in meinen Ferien im Oktober endlich mit der endgültigen Räumung des Hauses anfangen können.

Ich kann, solange mir das Haus nicht gehört, nicht einfach Omi Paulas Sachen wegschmeissen. Am liebsten würde ich alles verschenken in der Hoffnung, dass all ihre guten Gedanken auch andere Menschen befruchten würden. Aber wer hat schon Interesse an Möbeln aus den 50er und 60er Jahren?

Gestern wusste ich mit einem Mal, wo ich anfangen muss, zu ordnen. Zuerst muss das Gästezimmer hergerichtet werden. Omi nannte es immer „das Zimmerli“. Es ist irgendwie das hellste, aber auch das kleinste Zimmer. Ich will es putzen, die Möbel rausnehmen, das Bett aus dem ersten Stock raufholen. Alle Decken entstauben! Die Staubflocken sollen tanzen!

Ich möchte Bilder aufhängen. Den Vorraum weiss streichen. Die Vorhänge waschen.

Gestern war Svens Todestag. Vielleicht gelingt es mir in den nächsten Jahren, an seinem Todestag den Aufbruch zu erkennen. Nicht mehr an seinen Tod denken, sondern daran, wie ich mir 2014 überlegt habe, welche Schritte ich als nächstes tue, wie ich leben will.

Meine Mutter, der Tod, die Schuld und ich

1979 war ich gerade mal zwei Jahre alt.
Meine Mutter war schwanger.
Sie wirkte so glücklich. Zufrieden. Sie strahlte.
Schwangere Frauen stehen unter Naturschutz.

Ich erinnere mich an jene Nacht, als sie meinen Bruder gebar. Ich war zwei Jahre alt. Mein Vater wurde von einem Telephonanruf alarmiert. Irgendwas war mit meinem Bruder. Mein Vater rief panisch Paula an.

Als meine Paula da war, verschwand mein Vater. Er wirkte gehetzt. Ängstlich. Er fuhr wie ein Irrer nach Frauenfeld. Dort lagen meine Mutter und mein Bruder im Spital.

Mein Bruder war tot.
Ich begriff lange nicht, was das bedeutete.
Ich verstand nicht, warum meine Mutter ohne ihn zurückkehrte.
Warum meine Eltern so lange weinten.
Und irgendwann gar nicht mehr.

Erst viele Jahre später erzählten mir zuerst meine Mutter, dann mein Vater die wahre Geschichte.

Mein Bruder wurde gesund geboren, im Gegensatz zu mir.
Trotzdem starb er drei Tage nach seiner Geburt.
Für die Ärzte war rasch klar, dass nur meine Mutter daran Schuld haben konnte.
Sie war Raucherin.
Sie haben es ihr an den Kopf geknallt, so wie man eine Hexe auf dem Scheiterhaufen anzündet. Sie hat es nie verarbeitet.

Als mein geliebter Vater in Frauenfeld ankam, fand er meine Mutter alleine auf dem Balkon vor. Sie hatte versucht, sich umzubringen, indem sie sich vom Balkon stürzen wollte. Nur seine Anwesenheit und seine Geistesgegenwärtigkeit haben dieses Unglück verhindert. Die Scham, die Demütigung, die Verantwortung am Tode meines Bruders schuldig zu sein, hat sie bis zum Ende ihres Lebens nicht verarbeitet.
Auch ich kann das nicht vergeben. Ich weiss bis heute nicht, was tatsächlich die Todesursache für den Tod meines Bruders Sven ist.

Aber ich weiss, dass es schändlich von Seiten der Ärzte war, meine Mutter, eine junge Frau, zu beschuldigen. Leider weiss ich nicht, wer dieses medizinische Urteil über meine Mutter gefällt hat.

Es hat mein Leben, das meiner Schwester und das meiner Eltern zerstört. Das ist unentschuldbar.