Paula im Spital

Das Spital rief mich heute vormittag an, damit ich Auskunft über Paulas Personalien gebe. Es ist ein seltsames Gefühl, zu erzählen, wo sie geboren ist, welcher Religion sie angehört und dass sie verwitwet ist. Paula erinnert sich nämlich nicht mehr daran.

Ich werde freundlicherweise weiter verbunden auf die Station, wo meine Oma Paula liegt. Dann, für einen kurzen Moment, kommt dieses alte Gefühl zurück. Die Angst.

Die Pflegende sagt sofort: „Sie sind die Enkelin!“ Ich bestätige dies überrascht und frage sie, warum sie das weiss. Sie sagt: „Ihre Oma hat nach Ihnen gefragt. Sie hat mir gesagt, dass Sie kommen.“

Ich sitze in meinem Büro und schlucke die Tränen herunter. Eigentlich wollte ich heute nicht ins Toggenburg. Ich hab soviel zu tun. Dann denke: Nein. Das kannst du nicht machen. Da erkennt sie dich mal wieder und du bist nicht da.

Also fahre ich mit meinem Auto und Sascha quer durch die Ostschweiz zum Spital, wo Paula liegt. Ich bin ganz froh, dass ich ihren Beistand am Krankenbett treffe. So hab ich das Gefühl, dass Paula ganz sicher nie alleine dasteht. Wir tauschen uns kurz aus.

Später kommt die Ärztin und informiert uns alle, was los ist. Paula hat sich mehrere Knochen gebrochen. Heute oder morgen ist vielleicht auch klar, ob Paula operiert werden muss oder ob man „konservativ“ behandelt; sprich: Paula kriegt Bettruhe und Schmerzmittel verordnet. Ich lache. Hart.

Paula löst die Situation auf ihre ganz eigene charmante Weise. Sie bittet die Ärztin sich neben mich aufs Bett zu setzen. Ich nehme mal an, dass sie uns grad beide für ihre Enkelinnen hält, was vom Alter her zutreffen könnte.

Später, als die Ärztin wieder gegangen ist, erzähle ich Paula von Köln, was sie durchaus lustig findet. Als ich fertig bin, fragt sie:
„Köln am Rhein?“
Ich nicke.
„Wo liegt Köln?“ fragt sie dann.
„Am Rhein.“
„Bist du sicher?“
„Ja, ich war ja da.“

Ich habe Paula eine kleine Flasche 4711 mitgebracht. Sie riecht am geschlossenen Flacon und meint: „So fein.“
Ich spraye ihr ein wenig Parfum auf die Hand. Das findet sie toll. Sie hält mir auch die andere hin und wedelt leicht durch die Luft.

Nach einer Weile sagt sie:
„Das ist so schön, dass wir uns mal wieder sehen. Das hätte ich nun nicht gedacht, dass du einfach hier vorbei kommst.“
Ich strahle.
„Muss ich ja, wenn du kunstvolle Stürze produzierst.“
Paula kichert.
„Ja. Das kann ich wirklich gut. Ich hatte nämlich ein paar Schutzengel.“
Das ist wohl wahr.

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Schlechtes Gewissen meets Zora die Schreckliche

Heute vormittag stieg mein Handy aus.
Nichts schlimmes, mag man denken. Doch ich war danach geschockt.

Als das Ding wieder funktioniert, staune ich nicht schlecht.
Ich habe eine Sprachnachricht des Pflegeheims von Paula drauf.
Mir zittern die Knie, als ich sie abhöre.

Eine sehr nette Stimme informiert mich, dass Paula heute nacht aus dem Bett gefallen ist und sich verletzt hat. Mit Verdacht auf eine Bruchverletzung wurde sie ins Spital eingeliefert.

Mir laufen die Tränen aus den Augen.
Mit einem Mal fühle ich mich zurück versetzt in die Zeit vor sechs Jahren,
als man mich darüber informierte, dass meine Mutter todkrank im Spital liegt.

Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen.
Stehe unter Schock.
Will alles hinwerfen, zu ihr fahren.
Dann wird mir klar, dass das jetzt nichts bringt.
Ich rufe im Heim an und die Pflegende erzählt mir, was passiert ist.
Ich danke ihr für alles.

Ich arbeite weiter, weil es heute viel zu tun gibt.
Als ich Feierabend mache, fahre ich nach Hause. Ich halte auf der geraden Strecke an und atme durch. Wieder weine ich.
Ich denke nach.

Ich bin erleichtert, dass dieser Unfall nicht in Paulas Haus passiert ist, wo sie stundenlang liegen geblieben wäre. Mein allergrösster Alptraum seit Jahren ist wahr geworden, aber er hat seine Schrecklichkeit verloren. Paula ist in guten Händen.

Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich seit einem Monat nicht bei ihr war, weil ich immer gearbeitet habe oder ihr Haus aufgeräumt habe. Ich fühle mich schrecklich.

Als ich am Abend wieder anrufe, ist Paula bereits wieder im Heim. Ich hoffe so sehr, dass sie da bleiben kann. Bis zum Ende ihres Lebens. Die nächsten drei Wochen werden schwierig. Sie ist schwer pflegebedürftig. Das wird meiner Paula nicht passen.