Die Teppiche

Unser Haus war und ist ausgelegt mit vielerlei Teppichen. In so ziemlich jedem Zimmer lagen sie: manchmal zwei-lagig, im chalten Zimmer sogar sieben-lagig. Es scheint mir heute, als hätten Omi, ihre Schwester Hadj und mein Opa damals den Kampf gegen die Toggenburger Kälte mithilfe billiger Teppichstücke angetreten. Sie sind nun leider alle tot. Omi starb 2017, Hadj ca 2012 und Opi 1997.

Als wir einzogen, befreiten wir mein Atelier von gebrochenem Laminat und angegrauten Teppichen. Darunter kam ein fast morscher Holzboden zum Vorschein. Später brach der Boden durch.

Auch in der Stube lag ein etwas unappetitlicher grosser Möchtegernperser herum. Beim hinteren Treppenaufgang haben Omi und Hadj damals kurzerhand den alten Stubenteppich zerschnitten und vernagelt. Da liegt er nun: ein Albtraum aus Plastik, Gummi und Filz. Ein wenig noch riecht er nach Barri, unserem Bless, der vor 25 Jahren das Zeitliche gesegnet hat.

unbekanntes Kind mit Hund auf der Treppe

Im chalten Zimmer haben wir neben zwei Stoffteppichen mehrere Laminate entfernt, um darunter einen wunderbaren alten Holzboden hervorzuholen. Eines der uralten Laminate stammte aus Lancaster. Ich war begeistert und irritiert.

Sogar in der Küche haben wir einen zerfledderten roten Teppich entfernt, um darunter einen uralten, roten Plättliboden (sechseckige Steinplättchen!!) zu entdecken. Ich hätte nie erwartet, auf so etwas zu stossen. Der Boden ist vielleicht so alt wie das ganze Haus.

Der Gang ist seit bald 20 Jahren ebenfalls von einem grauen Ungetüm überklebt. Doch beim Durchsehen von Kinderbildern von mir stiess ich auf einen uralten Fischgrät-Parkettboden. Ich erinnerte mich: Damals war das Laufen durch den kalten Gang Glückssache: es lagen rutschige, notdürftig hingemachte Läufer da und wer nicht aufpasste, landete auf dem Hintern.

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Ich möchte so gerne den Teppich im Gang entfernen, um den alten Schatz hochzuheben. Ich weiss noch genau, wie der Boden aussah. Es ist, als wären die 30 Jahre nur ein Traum.

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Bodensätze

Die verschiedenen Bauphasen unseres Hauses sind offensichtlich. Die elektrischen Leitungen wurden lange nach dem Bau eingezogen. Sogar ein Drittel des Hauses wurde erst später angebaut. So sind Gästezimmer, Vorratskammer und ein Teil des Kellers späteren Baudatums. Früher einmal war unser Haus auf einem quadratischen Grundriss gebaut.

Die Findlinge, die unser Schreiner aus meinem Atelierboden geholt hat, sind wohl ebenfalls typisch für die Bauweise jener Zeit. Ich habs nicht fertig gebracht, die Steine einfach weg zu tun. Sie sind riesig, schwer – und wunderschön.

Unser Schlafzimmer wird wohl erst in den 1950er Jahren erbaut worden sein. Es ist einer der hellsten Räume im ganzen Haus. Vom Bett aus sehen wir nicht nur auf den Wipfel unserer Tanne im Garten, sondern auch auf die Dächer der Nachbarhäuser.

Der Keller wurde praktisch in den Fels gebaut. Der Boden ist aus natürlichen Steinplatten. Die Platten sind glatt geschmirgelt von all den Füssen, die schon darüber gelaufen sind. Von der alten Wäscherei Mitte des 19. Jahrhunderts ist nicht viel mehr geblieben als ein steinerner Trog hinter all den Gartenwerkzeugen.

Unser Haus ist ein Mysterium. Ich denke immer wieder dran, wenn ich seine eigentümliche Bauweise, die Mauern und die Risse im Mauerwerk sehe. Es knarrt, wenn man im zweiten Stock über die Holzbalken läuft, so dass ich manchmal Angst habe, dass gleich der Boden durchbricht.

Ich sitze in der Stube mit Sascha und der Katze. Es ist derselbe Raum, in dem mein Urgrossvater Henri verstarb, wo wir früher alle Weihnachten feierten und TV schauten und wo Opa 1997 starb. Fast nichts erinnert mehr an damals. Nur der Kachelofen sieht noch genauso aus wie damals, als ich noch ein kleines Kind war.

Reinigung

Ins Toggenburg fahren. Das Wetter ist grummelig. Es herrscht feuchte Luft. Vorbei an Wil, Bütschwil, Dietfurt, an Baustellen. Überall wird gebaut. Alte Bäume fallen, Häuser werden abgerissen.

Ich aber will nur zu meinem Haus.
Diese Sehnsucht ist gross. Mein Vater hat die Wiese gemäht. Die Sonne hat das Gras ausgebleicht. Die Rosen sind verblüht, ohne dass ich sie dieses Jahr gesehen habe. Wir treten ins Haus. Ich muss die Fenster öffnen. Luft, frische Luft. Ich atme durch.

Ich muss Raum schaffen. Aufräumen. Endlich.
Ich will ausmisten.

Schliesslich räume ich die Stube, die Kisten voller Kinderkleider weg. Es sind meine Kleider, die ich als kleines Mädchen getragen habe. Oma hat sie alle behalten. Kaum zu glauben, dass ich einmal so klein war. Ich schnuppere daran. Es riecht nach Omas Mottenkugeln, Die Kleidchen, Jäckchen und Mützchen haben meine Uroma Röös und meine Mutter gestrickt.

Nach einer halben Stunde sieht die Stube wieder richtig schön aufgeräumt aus. Ich streiche mit den Händen über den grünen Kachelofen. Mein Opa hat sich daran immer seine kalten Hände gewärmt.

Die Küche ist noch immer vollgestapelt mit Geschirr, das ich in allen Ecken des Hauses gefunden habe. Katzenfutternäpfe, verstaubt und verklebt stehen herum. Am Boden liegen Teppichreste. Ich möchte am liebsten alles, was Teppich ist, rausschmeissen und endlich den schönen, roten Kachelboden freilegen und den Boden aufnehmen.

Ich wasche ab. Ich räume Geschirrtücher weg, die seit zwei Jahren an der Tür hängen. Ich verstaue Tupperwaredosen. Eine Vase. Immer wieder finde ich in Schränken Dinge, die da nicht hingehören. Spiele. Nähnadeln. Prospekte. Immer wieder Plastiksäcke. Fein säuberlich zusammen gefaltet.

Ich fülle einen Müllsack mit defekten, alten Dingen. Oma konnte nichts wegschmeissen und wenn sie tat, dann in den Bach. Ich komme mir vor wie bei einer Reinigungszeremonie. Oma hat so drunter gelitten, dass das Haus nicht leer war. So viele Dinge! Ist es meine Aufgabe, das Haus zu leeren?

In der Stube

Die Stube in Paulas Haus war immer der zweitwärmste Ort neben der Küche. Hier, in diesem mit Holz ausgekleideten Raum, spielten sich die Feierabende meiner Grosseltern ab. An der Wand neben dem Kachelofen stand das alte Radio, darauf das Telephon. Lange besassen Paula und Walter eines mit Wählscheibe. Das Telephon stand auf einem Deckchen, darunter das Telephonbuch von 1984. Ich glaube, es war ein hellblaues, vergilbt vom Rauch.

Opa stand oft am grünen Kachelofen und wärmte sich dort seine Hände. Er liebte es, Pfeife zu rauchen und die Tagesschau zu sehen. Dann mussten wir Kinder ganz ruhig sein. Opa kommentierte alles. Das Weltgeschehen liess ihn nicht kalt. Seine Verwünschungen und wüsten Flüche bleiben mir unvergessen.

Wir Kinder sassen am Tisch, spielten, schrieben. Mehr als einmal holte Walter seine grosse Enzyklopädie hervor, damit ich sie abschreiben konnte. Wissen war für ihn keine Bedrohung und meine kindliche Art, mir Wissen zu verschaffen, hat ihn immer erheitert.

Ich erinnere mich, dass er mir die Physik näher bringen wollte. Paula untersagte ihm dies. Sie traute der Sache nicht.

Paula stand oft in der Küche und trank Kaffee, während wir Kinder in der Stube spielten. Aber manchmal setzte sie sich dazu, kraulte Barri, den Sennenhund-Mischling und schaute uns einfach zu. Es ist dieses Gefühl des bedingungslosen Geliebtwerdens, das ich jetzt so oft vermisse.

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Barri frass sehr gerne Hundeknochen. Dies tat er mit Vorliebe unter dem Stubentisch. Ich erinnere mich, dass er oftmals nicht alles frass und ich auf dieses furchtbar glibberige Zeugs draufstand und schrie.

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mit Paula und Barri ca. 1988

Der Boden war nicht der sauberste. Aber das hat mich als Kind nie gestört.

Wenn ich heute in die Stube trete, dann sind die Sessel voll von Kisten gefüllt mit Leintüchern, Büchern und Nippes. Es scheint mir, als wäre Paula und alle Altvorderen ausgezogen.

Ich möchte die Fensterläden öffnen, lüften, den Boden saugen, mich hinsetzen. Die Katze an meiner Seite. Die Augen schliessen. Mich am Ofen wärmen. Eine neue Lampe aufhängen. Das Kruzifix meiner Urgrossmutter hängen lassen. Es hängt schon, seit ich denken kann da.

Ich schaue an die andere Wand. Dort stand einst Opas Bett, auf dem er 1997 gestorben ist. Der Raum sollte mir Angst machen, aber er tut es nicht. Das Leben wird wieder in diese Räume einkehren. Das weiss ich ganz genau.