Ich bin dein Spiegel

Nein, du bist kein Kind. Du bist ein erwachsener Mensch.
Du sagst es nicht, aber es verletzt dich, wenn man dich, auch ungewollt, übergeht.
Es trifft dich, den ehemals gesunden Menschen, ins Herz.
Manchmal überflutet es dich und du weinst.

Deine Dämme brechen und es ist schwierig zu ertragen, dich so traurig zu sehen.
Dabei bist du sehr wach und aufmerksam.
Dir entgeht nur wenig, auch wenn du es dir nicht anmerken lässt.

Dein Körper mag alt geworden sein, doch in dir lebt (noch immer!) eine alterslose Seele.
Du bist neugierig und trotz deines Alters erkenne ich nun mehr denn je den jungen Mann in dir.
Du bist sensibel und möchtest nur das Beste für jene, die du liebst und die zu dir halten.
Das ist dir das Allerwichtigste. Nur niemandem zur Last fallen.
Ja, es ist hart für mich, dich so zu sehen.

Dein Älterwerden ist eine Sache, deine Verletzlichkeit zu akzeptieren eine andere.
Du bist stark, stärker, als du es selbst von dir erwarten würdest. Du hast so viel erlebt und überlebt und lebst noch immer. Dein Körper mag gebrechlich sein, dein Herz ist es nicht.

Stiere-Grind

Draussen liegt Schnee. Heute ist mein Omi elf Monate tot.
Es passt. Wieder umgibt mich Kälte und endloses Weiss.

Und doch ist alles anders.
Ich stehe an einem anderen Punkt in meinem Leben.
Trotz all der Trauer, trotz der vielen Tränen bin ich stärker geworden.
Anders als beim Tod meiner Mutter fühlte sich meine Haut nicht wie die
einer Zwiebel an. Keine endlosen Häutungen und Verletzungen, die tief in mein Innerstes eindringen.

Es ist viel eher so, als hätten sich auf meiner Haut kleine Diamanten gebildet,
die das Gift von Speerspitzen undurchdringbar machen und mein Innerstes schützen.

Die Trauer um einen geliebten Menschen verlangt einem vieles ab.
Doch stärkt sie auch, weil man die Angst vor dem Tod langsam wie zu klein gewordene Kleider ablegt.

Seit Omis Tod entdecke ich neue Seiten in mir.
Ich lasse mir nicht mehr alles gefallen.
Das Leben ist zu kurz, um sich mit Menschen zu umgeben, die einem nicht gut tun.

Omi sagte immer:
„Ich han halt en Stiere-Grind“.
Er scheint sich weiter vererbt zu haben.

Über die wirklich starken Männer

In den 90er Jahren liessen sich meine Eltern nach fast zwanzig Jahren Ehe scheiden und – mein Vater bekam das Sorgerecht für mich und meine Schwester. Das mag heute vielleicht keinen mehr wundern, aber in jenen Jahren war es eine Sensation, dass ausgerechnet ein Mann seine Kinder zugesprochen bekam.

Für mich war das eine ungeheure Erleichterung, denn ich hätte nicht mit meiner alkoholkranken Mutter zusammenleben wollen und sie wohl auch nicht mit mir. Dennoch stelle ich heute in Gesprächen mit meinem Vater fest, dass diese ganze Sache nicht so einfach über die Bühne gegangen ist.

Mein Vater erzählte mir, dass für ihn diese Monate der Scheidung ausserordentlich belastend waren. Er durfte sich gar nichts zu Schulden kommen lassen, denn sonst wären wir Kinder einfach „weg“ gewesen.

Seine Worte machen mich wütend.
Es hat scheinbar genügend Menschen in jener Gemeinde gegeben, die meinem Vater auf die Finger geschaut haben und die darauf achteten, ob er auch ja erziehungsfähig ist. Dass meine Mutter vorher jahrelang psychisch angeschlagen war, alkoholisiert und aggressiv gegen mich vorgegangen ist, haben diese Menschen aber wohlweisslich ignoriert. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Eine Nachbarin und meine Omi waren die einzigen Menschen, die sich dafür interessiert haben, wie es uns erging, erzählte er mir. Mein Vater empfindet diese Jahre noch heute als grosse Ungerechtigkeit. Ich stimme ihm zu.

Das einzig Positive daran ist, dass ich dank dieser Situation wohl ein Männerbild intus habe, das nicht besonders konservativ ist. Für mich ist es sonnenklar, dass Männer sich liebevoll für ihre Kinder einsetzen und dass sie ein Sorgerecht kriegen können nach einer Scheidung. Für mich ist auch klar, dass Frauen nicht automatisch die besseren Eltern sind, nur weil sie Frauen sind. Wie auch?

Es ist eine persönliche Sache und hängt auch von der Lebensgeschichte eines Menschen ab, ob er fähig und müssig ist, seine Kinder zu erziehen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich neben meiner Mutter, die mich geboren hat auch noch einen Vater habe, der bereit war, für mich zu sorgen.