Endlich!

Eigentlich hatte ich am 10. Juli, dem offiziellen Erscheinungstermin geplant, Omi besuchen zu gehen und ihr „unser“ Buch zu bringen. Aber es kam alles etwas anders als geplant. Meine Hauptangst seit einem Jahr bestand darin, dass Omi das Erscheinen des Buchs schlicht und einfach nicht erlebt. Aber Omi hielt durch. Dass ich dann kurzfristig an „meinem“ Tag arbeiten gehen musste, gefiel mir gar nicht. Aber nun denn.

So ging ich heute, an meinem ersten Ferientag zu ihr.
Ich war aufgeregt. Natürlich hatte ich ihr immer wieder vom Buch erzählt, doch ich konnte nicht sicher sein, ob sie es wirklich versteht.

Und nun ging ich heute bei ihr vorbei und überreichte ihr das Buch. Omi lächelte. Sie freute sich über meinen Besuch, auch wenn sie nicht wusste, wer ich bin. Sie sagte nur: „Ihr gehört zu mir.“ Das stimmt ja auch. Omi strich über die Seiten des Buches. Das Umschlagbild gefiel ihr. Sie konnte nur mehr schwer lesen. Die falsche Brille. Das musste es sein.

Im Gemeinschaftsraum lief derweil ein Interview auf SRF. Carla del Ponte und Stephan Klapproth diskutierten miteinander. Ich bemerkte, dass Omi plötzlich Grimassen schnitt.
„Was ist denn los?“, fragte ich.
Ich drehte mich um und schaute auf den Bildschirm. Omi imitierte Carla und zwar so, dass ich einen Lachanfall bekam. Ich umarmte Omi.
Omi aber lächelte mich an und sagte: „Gell, die ist eine komische!“

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Wenn Worte fehlen

Der Reporter-Film am Sonntagabend auf SRF hat mich, obwohl ich nicht das erste Mal gesehen habe, berührt. Der Film handelt von einem Mann und seiner an Alzheimer erkrankten Ehefrau.

Als Paulas Enkelin kann ich zwar mitfühlen, was es heisst, jemanden zu verlieren, den man lange kennt. Aber ich bemerke, dass die Dimension „demenzkranker Partner“ etwas ist, was ich so nicht kenne und nicht nachempfinden kann. Ich denke mir, es ist wirklich eine traurige Sache, den Menschen langsam loszulassen, in den man mal sehr verliebt war, mit dem man Haus und Kinder hatte.

Im Film schauen die beiden ein Fotoalbum an. Auf den Fotos sind die beiden noch jünger. Sie wirken glücklich. Irgendwie sind sie es auch jetzt noch. Aber etwas ist anders. Die Frau wirkt aufgestellt. Auf den Schultern des Mannes lastet nun die Verantwortung.

Gestört hat mich an dem eigentlich schönen Porträt die Art der Kommunikation. Ich fand es heftig, als der Ehemann vor der Kamera über seine Frau sprach, die daneben sass. Ich musste an seine Worte denken: er hat ja eigentlich kein Gegenüber mehr. Die Frau kann mit ihrem Mann keine tiefgründigen Gespräche mehr führen.

Ich bemerke es ja bei Gesprächen zwischen Paula und mir. Die Worte erreichen einander nicht mehr. Stattdessen machen sie der Nähe Platz. Ich hab ganz oft das Gefühl, dass, wenn die Worte fehlen werden, wir stattdessen einander berühren werden. Ich werde ihre Hand anfassen. Über ihren knochigen Rücken streichen. Paula mag es, wenn ich sie umarme.

Ich gebe mir Mühe, mit Paula zu sprechen und nicht über sie. Ich hoffe, es gelingt mir bis zum Schluss.

Über meine Identität

Ich habe mich ja schon an anderer Stelle über den SRF Themenmonat „Die Schweizer“ aufgeregt. Mein Groll ist noch immer nicht kleiner geworden.

Eines der Argumente, dass SRF Spielfilme über bärtige Eidgenossen jeglicher Couleur ausstrahlt, ist die sogenannte „Identitätsstiftung“. Die Fernsehzuschauer, die offensichtlich ohne das Schweizer Farben-Fernsehen nicht in der Lage sind, über ihre Identität nachzudenken, kriegen hier bunte Nachhilfe.

Ich kann darüber nur lachen.

Wer bin ich? Wie setzt sich meine Identität zusammen?

Ich bin die Tochter meiner Eltern.
Beide stammen aus ärmlichen Verhältnissen. Meine Mutter ist die Tochter eines Spinnerei-Angestellten und einer Verkäuferin. Meine Grossmutter mütterlicherseits, also Paula, war ihrerseits die Tochter eines Elektrikers und einer Hausfrau. Mein Grossvater war der Sohn eines Spinnerei-Angestellten sowie einer Serviceangestellten. Diese Seite meiner Familie zeichnet sich durch handwerkliche Fähigkeiten aus. Durch sie habe ich die Spinnereikrise im letzten Jahrhundert miterleben können.

Mein Grossvater war im zweiten Weltkrieg an der Grenze. Mehr als einmal hat er mir, ich war noch ein Kind, von seinen Erlebnissen erzählt. Diese waren weiss Gott nicht so rosig, wie der Scheiss, den unsere Lehrer verbreiteten. Mein Grossvater hielt nicht viel von Patriotismus, ebenso mein Urgrossvater, der ebenfalls im Krieg, allerdings im ersten Weltkrieg, war. Ich diskutierte sehr viel mit meinem Grossvater über dieses Bild des tapferen Eidgenossen. Aus den Erzählungen meines Grossvaters schloss ich sehr früh, dass Krieg eine schreckliche Sache ist und nicht, wie unterrichtet heroisch. Dass ich mich später kritisch zu Wort meldete, als unser Lehrer mal wieder von den Eidgenossen schwärmte, war nicht besonders hilfreich. Auch meine Fragen nach dem Verbleib und der Rolle der Frauen kamen nicht besonders gut an. So etwas fragte man in Ende der 80er Jahre im Thurgau nicht. Es wird heute wohl nichts anders sein.

Paula erzählte mir früher oft von den Bombenangriffen auf Konstanz, deren Auswirkungen sie bis nach Wil mitbekam. Ihre Ängste zu sterben, waren allgegenwärtig. Als der Golfkrieg ausbrach, ging sie als erstes Vorräte anschaffen. Heute, da sie an Demenz erkrankt ist, sind die damaligen Erlebnisse und Ängste allgegenwärtig.

Mein Vater ist ein Bauernsohn.
Ich verdanke ihm die Einsicht in das Leben der Bauern während und nach dem Krieg. Er hob immer wieder besonders die Rolle meiner Grossmutter hervor. Sie hatte in den Kriegsjahren den Hof ganz alleine geführt. Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie sie das geschafft hat. Wahrscheinlich fühle ich mich auch deshalb sehr mit ihr verbunden, weil sie eine starke, tatkräftige Frau war, die sich von nichts abschrecken liess.

Identität kann nur entstehen, wenn man sich mit seiner EIGENEN Geschichte auseinandersetzt. Das bedingt, dass man seine Vorfahren kennt und sich für deren Leben interessiert. Viele Verhaltensweisen und Haltungen werden einem plötzlich klar. Für diese Erkenntnis brauche ich keine bärtigen Eidgenossen und keine nackten Hintern. Die Antwort liegt in mir selber.