Geschenke

Vor einem Jahr war alles anders, dachte ich vor einigen Tagen.
Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das Leben ohne Omi aussehen würde. Oder könnte.
Zwischendurch überkommt mich die Trauer um Omi wie eine grosse, warme Welle.
Ein Bild. Ein Gedanke. Ein Lied.
Meine Tränen fliessen einfach.

Immer wieder verspüre ich den Wunsch, ihr zu zeigen, was wir mit dem Haus machen, wie wir leben und wie wir das Andenken an sie hoch halten. Es gibt noch soviel zu tun, dass wir eigentlich keine Zeit haben, Trübsal zu blasen.

Und doch: Sie fehlt.
Zwischendurch sehe ich mir Videos von ihr an, die ich im Pflegeheim gemacht habe, weil ich wusste, ich will und muss mich an ihre Stimme erinnern. Auf einem Video hat sie gesungen und Quatsch gemacht. Sie schaut schelmisch in die Kamera und zwinkert mir zu. Wenn ich wirklich traurig bin, schaue ich mir das an und lache und weine.

Omi hat mir zeitlebens so viele Geschenke gemacht. Sie hat mich vor allem, was nicht gut war, beschützt und mir immer gezeigt, dass ich liebenswert bin. Ich habe versucht, am Ende ihres Lebens einfach da zu sein. Es hat mir fast das Herz herausgerissen. Dank Omi habe ich viel gelernt über Langsamkeit, Geduld, Humor und die Liebe.

Vielleicht ist das grösste Geschenk von Omi jenes, dass ich heute über Demenz schreiben und sprechen darf. Dass ich so vielleicht anderen Angehörigen helfen kann, nicht zu verzweifeln, sondern einen Weg zu finden, mit dem Vergessen umzugehen. Dafür bin ich Omi dankbar.

„Wie gehts denn so bei der Arbeit?“

Es ist seltsam, Omi an Feiertagen zu besuchen. Gerade an Ostern fehlen mir unsere früheren Zusammenkünfte besonders. An Ostern versteckten Omi und Opa im Garten Osternester und andere Geschenke. Wir Kinder durften durch den erwachenden Garten ums Haus streifen und uns auf die Suche nach geheimnisvollen Dingen machen.

Ich bringe Omi einen kleinen Osterhasen und einen Sack voller Schoko-Eier mit. Sie mag Süsses in kleinen Portionen. Als wir ins Pflegeheim eintreten, sitzt Omi, wie immer im Fernsehzimmer. Sie döst und wirkt auf mich uralt und ein wenig wie eine russische Fürstin.

Omis lange Hände liegen auf der Decke. Die Füsse sind hochgelagert. Omi öffnet ihre Augen und sieht mich verträumt an. „Hallo“, sage ich. „Huhu“, brummelt sie. Sie sieht nicht zufrieden aus.

„Meine Enkelin besucht mich!“ sagt sie so laut, dass das bestimmt alle ihre Sitz- und Dösnachbarinnen mit und ohne Hörgerät mitbekommen.

Wir küssen uns. Ich streichle ihre Hand.
„Darf ich euch was anbieten?“ fragt sie ganz so, als wäre kein Tag zwischen meiner Kindheit und ihrem Umzug ins Heim vergangen. „Einen Kafi? Oder lieber eine Flasche Bier?“
Omi blickt uns amüsiert an.
„Nein danke. Wir hatten schon einen Kaffee. Zudem ist es erst gerade halb elf.“
„So!“ sagt Omi.

Wir reden über den Frühling, wie es Omi geht und wie es uns bei der Arbeit läuft. Bestimmt zum dritten Mal sagt Omi: „Jetzt erzählt mal, wie es euch beruflich so geht.“

Sascha und ich wollen noch essen gehen. Omi meint, sie würde gerne mitkommen. Es drückt mir fast das Herz ab. Ich sage: „Das ist keine gute Idee. Du kannst nur noch mit Rollator laufen. Du könntest stürzen und dich verletzen. Das ist mein absoluter Horror.“

Ich fühle mich mies, in dem Moment, wo ich das sage. Andere Leute schaffen es schliesslich auch, ihre Omas und Opas aus dem Pflegeheim abzuholen und einen lustigen Nachmittag zusammen zu verbringen. Da müsste ich doch das erst recht können.

Doch bevor ich mich weiter in schlechtes Gewissen vertiefe, fragt Omi: „Und, verzell? Wie gehts denn so bei der Arbeit?“