Die Zauberin

Omi liebte es, Geschichten zu erzählen. Ich, die Enkelin, hörte fürs Leben gerne zu. Es waren nie grosse Romane, die sie zum Besten gab. Immerzu waren es die Geschichten unserer Familien, die Missgeschicke und Alltagserlebnisse, die Eheprobleme, die Geburten, die Todesfälle. Omi konnte aus dem Nichts etwas zaubern. Aus Leintüchern an der Wöschhenki wurde ein Schloss. Aus Karton eine Burg. Aus Tüchern ein Ballkleid. Jeder Spaziergang mit ihr wurde zu einer Weltreise. Omi konnte in allem Schönheit entdecken.

Als Omi demenzkrank wurde, drehte sich vieles um. Nun war plötzlich ich die, die wusste. Omi hörte zu ohne verstehen. Sie wunderte sich oft. Manchmal sagte sie: „Diese Geschichte kommt mir sehr bekannt vor. Ich kenne jemanden, dem das auch passiert ist.“
Jedes Mal, wenn wir im Pflegeheim vorbeischauten, erzählte sie uns ihre Erlebnisse. Nur leider schilderte sie diese in einer Sprache, die wir noch nicht verstanden.

Jetzt erzähle ich meine eigenen Geschichten und Omi kommt darin vor. Sie ist eine Erinnerung, die noch sehr präsent ist.

Meine Trauer um Omi erscheint mir wie eine schwarze Raupe, die sich langsam in einen Schmetterling aus weissen Federn verwandeln soll. Noch ist sie schwarz. Aber ich hoffe auf weiss.

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Meine Welt, deine Welt

Gespräche mit Omi sind selten linear. Heute war ein Tag, an dem sie sehr viel sprach, mitten im Satz abbrach und eine neue Geschichte zu erzählen begann.

Sie schaut fern. Eine Tiersendung läuft. Sie liebt Tiere und redet mit ihnen. Bären in Alaska, die Zebrafinken im Käfig oder die Heimkatze, für alle hat sie ein liebes Wort. Büsibüsi, miezmiez, Biepsli und brummbrumm. Sie lächelt.

Ein Gespräch ist schwierig. Es geht ihr gut, soweit ist es klar. Sie isst kleine Fruchtstücke aus einem Tellerchen, der auf ihrem Rollator steht. Ihr Blick geht an uns vorbei auf den Fernseher.

Wir reden über Ostern.
„Ostern?“, fragt sie, „ist das auch schon wieder?“.
Ich nickte.
Sie redet über einen Chef, einen Menschen, der längst tot ist. Dann spricht sie von kleinen Kindern, wohl weil im Fernseher gerade ein kleines Kind zu sehen ist.

Nach einer Viertelstunde verabschieden wir uns. Omi ist mit sich selbst beschäftigt. Wir stehen auf und versorgen unsere Stühle wieder. Eine Mitarbeiterin des Pflegeheims sieht uns und meint: „Sie können sich im Fall schon hinsetzen.“
Ich winke ab.
„Schon gut. Heute ist kein Tag für Besuch.“
Omi zuckt die Schultern.
Die Pflegende findet es schade.
„Jetzt haben Sie extra Besuch gekriegt, Frau X.“
„Wir kommen wieder“, sage ich zu beiden, „wir wohnen ja jetzt im Nachbardorf.“
„Das ist schön, dann mussten Sie jetzt nicht extra lange fahren.“
Ich schüttle den Kopf.
„Kein Problem.“

Zugeschnürte Kehle

Langsam aber sicher leert sich die Wohnung. Derweil ich brav Dienst tue, räumt Sascha Bücher und Zeugs in Kisten. Bis zur grossen Zügelei hab ich genau noch einen Tag frei. Ganz im Ernst: ich bin froh drum, denn eigentlich bricht es mir das Herz, noch länger in diesem Haus ein- und auszugehen.

Nur schon wenn ich am Abend auf den Parkplatz fahre, muss ich fast weinen. Hier werde ich fast 18 Jahre neben wunderbaren, mir ans Herz gewachsenen Menschen gewohnt haben. Ich sah über all die vielen Jahre mein Nachbarskind aufwachsen. Ich durfte viele nette Katzen und Hunde kennenlernen. Viele Abende verbrachten wir gemeinsam im Garten. Die Sonne schien auf unsere Gesichter. Mein Nachbar macht das Feuer in der Feuerschale an. Wir trinken Wein und reden. Schauen zum Himmel und sehen die Sterne. Meine Nachbarn werden mir so sehr fehlen.

Ich war heute bei meinem Arzt. Seit bald zwei Monaten plagen mich Halsschmerzen, Schluckstörungen und Atemnot. Ich habe das Gefühl, als schnürt es mir den Atem und die Stimme ab. Immerzu dieses seltsame Gefühl im Hals, als ob ein Gegenstand, eine feine Nadel, darin stecken würde.

Das Gefühl, nicht mehr reden zu können, begleitet mich schon lange. Und manchmal habe ich Angst, dass es wirklich so sein wird. Heute hatte ich plötzlich Angst. Was ist, wenn meine Stimme verschwindet und ich einen Text nicht mehr laut vorlesen kann, um zu überprüfen, ob er gut ist? Spielt sich in einem solchen Falle Sprache nur noch im Kopf ab?

 

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Scham und Sprachanarchie

Was mich immer wieder von neuem berührt, ist der Umgang von Demenzkranken mit ihrer Krankheit.
Wie muss es sein, wenn die Welt um einen herum langsam kleiner wird? Wenn die Worte fehlen? Wenn man plötzlich Fremden gegenüber steht und deren Namen weiss?

Schrecklich ist die Scham. Denn natürlich spürt der an Demenz erkrankte Mensch, dass etwas nicht mehr stimmt. Angst kommt auf. Verlorenheit. Desorientierung.

Vielleicht hatte ich Glück, weil Oma und ich nie so nah zusammenwohnten. Täglich miterleben zu müssen, wie sie Dinge nicht mehr weiss, hätte mich halb wahnsinnig gemacht. Omi Paula hat immer gespürt, wenn ich sauer wurde. Wenn ich ihre Wiederholungen nicht mehr ertragen konnte. Dann meinte sie: „wenn du mal so alt bist wie ich, wirst du mich verstehen“ und „ich mach es nicht extra.“

Das hat mich jeweils beschämt. Keine Geduld zu haben kenne ich von mir nicht. Es hat mir aufgezeigt, wo meine Grenzen sind.

Aber dann waren da auch andere Tage. Omi erfindet neue Wörter, die ich wunderbar finde. Sie ersetzt ganze Sätze, Floskeln einfach durch „blablabla“. Sie wird zu einer Sprachanarchistin. Leute, an die sie sich nicht mehr erinnert, heissen plötzlich „der Dings“. Und wenn sie gar nicht mehr weiter weiss, fängt sie an, Geschichten von früher zu erzählen. Hier weiss sie natürlich noch viel.

Für mich selber ist das Vergessen eine schwierige Sache. Ich liebe es, mich zu erinnern. Ich mag vergangene Zeiten und ich mag mir gar nicht vorstellen, was mit mir sein würde, wenn ich meine Erinnerungen verlöre.

Sprache und Trauer

Wisst ihr was?
Es lohnt sich über seine Trauer und seine Gefühle zu sprechen.
Nie habe ich mehr Kontakt zu anderen Menschen gefunden, als in jenen Momenten, als ich über meine Trauer und meine Ängste sprach.

Ich wurde in dem Glauben erzogen, dass es nicht gut ist, über Gefühle zu sprechen. Der Tod meines Bruders? Kein Thema! Der Alkoholismus meiner Mutter? Kein Thema! Der Verlust der Heimat? Kein Thema!

Ich gehorchte. Ich sprach nicht darüber. Aber ich schrieb. Irgendwann ging es nicht mehr anders. Gefühle lassen einen nicht in Frieden. Man kann ihnen nicht entkommen.

Also redete ich.
Es geschah wenig. Aussen. Aber ich fühlte mich besser.
Der Weg der Trauer führt über die Sprache.
Das weiss ich ganz genau.

Sprache, Kreativität und Gelassenheit

Wenn ich zu Paula ins Pflegeheim fahre, bin ich einen halben Tag unterwegs. Da ich 100% arbeite, wollen Besuche gut geplant sein. Heute Samstag war einer dieser Tage, an dem ich einkaufen ging, nach dem Rechten im Haus schaute und Paula besuchte.

Der Gang zum Haus beklemmt mich jedes Mal, denn es berührt mich, das Haus so alleine und verlassen zu sehen. Praktisch jedes Mal photographiere ich es, laufe rund herum und bedauere, dass ich nicht da wohne.

Nach einer weiteren Viertelstunde Fahrt komme ich im Pflegeheim an. Paula sitzt zufrieden mit den anderen im Fernsehzimmer. Sie erkennt mich zwar, weiss aber meinen Namen nicht. Trotzdem ist die Begrüssung freundlich und aufgestellt.

Wir gehen in ihr Zimmer, denn ich habe ihr Tulpen als Frühlingsgruss mitgebracht, obwohl das Pflegeheim noch bis vor wenigen Tagen umgeben von Schnee war.

Wir setzen uns auf ihr Bett hin und mir fällt auf, dass ihre Zimmerpflanzen am Vertrocknen sind. Paula hat in ihrem Haus alle Blumen immer gehegt und gepflegt. Ich giesse die Blumen und Paula bemerkt trocken, dass sie dies halt jetzt vergisst.

Wir setzen uns erneut hin. Paula beginnt zu reden.
Wenn ich ihre Worte mit jenen von früher vergleiche, ist es ein Schock. Sie hat Wortfindungsstörungen, bricht Sätze ab, singt gewisse Worte und nennt Namen in Zusammenhängen, die ich bisher nie gehört habe. Wenn ich nicht daran gewohnt wäre, würde ich weinen.

Paula redet ohne Punkt und Komma. Es ist schwierig und anstrengend, ihr zu folgen. Ich höre ihr zu, nicke. Als sie Namen von früher nennt, stehe ich auf und hole eines der Fotoalben. Ich setze mich hin und zeige ihr die Photos. Es ist das Hochzeitsalbum meiner Eltern.

Meine Mutter sieht auf den Photos so aus, wie ich sie immer in Erinnerung haben werde: strahlend schön, jung und glücklich. Auch mein Vater strahlt. Nichts deutet darauf hin, in welche Katastrophe sie in ein paar Jahren rein schlittern werden.

Meine Grossmutter bewundert die Schönheit und das Hochzeitskleid meiner Mutter, erkennt sie aber nicht mehr. Sie erkennt auch sich selber, Walter, meinen Grossvater und meinen Vater nicht mehr. Ich sitze da und erzähle ihr die Anekdote mit dem Schwein.

„Welches Schwein?“, fragt Paula.
„Na, das Ferkel, das du als Glücksbringer für das Hochzeitspaar gekauft hast.“
„Häh?“
„Schau hier“, ich zeige auf ein riesiges Schwein, welches bei der Feier kein kleines Ferkelchen mehr war. Der Gesichtsausdruck von Paula während der Feier soll unbezahlbar gewesen sein. Alle haben jahrelang darüber gelacht, wenn Paula diese Geschichte erzählt hat. Jetzt hört Paula mir neugierig, aber ahnungslos zu.

Sie zeigt auf das Bild einer Frau in meinem heutigen Alter.
„Das bist du, oder?“
Ich schüttle den Kopf.
„Das war 1974. Dann wäre ich dieses Jahr schon 76.“
„Ah so? Und wie alt bin ich denn?“
„Was denkst du?“
„94. Ich fühle mich wie 94.“
„Du bist 85. Das geht 10 Jahre bis dahin.“
Paula blickt mich bedeutungsschwanger an und meint:
„Ich werde langsam aber sicher ein altes Wiibli.“
Dann lacht sie und tätschelt meine Hand.

Auf dem Heimweg sage ich zu Sascha, dass Paula nun eigentlich höchstkreativ mit ihrer Sprache umgeht. Es kümmert sie nicht mehr, ob die Worte stimmen und ob sich jemand an ihrer Aussprache stören könnte. Sie spricht ohne innere Zensur. Sie schämt sich nicht einmal mehr, wenn sie etwas nicht mehr weiss. Es ist nicht mehr wichtig. Nur die Gefühle zählen noch. Das ist beruhigend.

Paula und Röös

Röös und Paula an der Hochzeit meiner Eltern 1974