Papierberge

Heute machte ich mich mit Sascha und der Katze ans Ordnen und Räumen unseres Estrichs. Mir machte das Gewicht, das auf den Balken lastet, etwas Sorgen. Ich wollte sortieren, entsorgen und neu einräumen.

Ich sortierte heute sehr viel Papier und entsorgte alte Zettel. Ich musste mich entscheiden, was wichtig genug ist, damit ich es nochmals einige Jahre aufbewahre. Ich tat einen tiefen Blick ins Eheleben meiner Grosseltern, erfuhr einiges über die Preise von Schlafzimmermöbeln in den 70ern und wie viel Gebissprothesen 1953 kosteten (90.- für eine obere Prothese, aber nur bei Barzahlung).

Ich las, wie viel das Totenhemd meines Opas kostete und dass man damals meiner Oma sogar die Kinnbinde korrekt verrechnete. Ich weiss nicht recht, wie ich auf eine derart detaillierte Rechnung nach dem Tod meines Lebenspartners reagiert hätte. .

Omi, korrekt wie sie noch immer ist, hatte bis zu ihrem Einzug ins Pflegeheim fein säuberlich alle Menüpläne des Senioren-Menü-Lieferservices der letzten Jahre in Ordner abgelegt.
Fünf Stapel Altpapier!

Ich stiess auf die Todesanzeigen meines Opas und Uropas, fand Kostenvoranschläge von ortsansässigen Bildhauern, Bildern von Grabsteinen, Rechnungen von Leichenmahlen und Verlobungsessen, Babyfotos und Dankesbriefe von Baby-Eltern, Glückwunschkarten zum 80sten und schliesslich die Trauerkarten zum Tode meiner Mutter.

Es rührte mich, sie nochmals zu lesen. Einige wenige darunter waren sehr persönlich. Ich stiess auf die Traueranzeige meiner Mutter, die ich selber gemacht hatte und staunte für einen kurzen Moment über meine Wortwahl damals.

In einem letzten Ordner schliesslich stiess ich auf die Unterlagen meiner Mutter, jener Briefe, die ich nach ihrem Tod erhalten habe und Kopien der Briefe, die ich als Antwort schrieb.

Es tut nicht mehr so weh wie damals.
Aber die Wut ist noch da.

Ich ärgere mich noch immer über die Abgebrühtheit und Unverschämtheiten der damaligen Protagonisten vom Sozialamt und Amt für IV und bin – trotz allem, stolz darauf, dass ich ihnen zumindest verbal die Stirn geboten habe. Das war für mich damals in der Trauerzeit nicht einfach. Aber ich habe es getan.

Ich kämpfte mit mir. Soll ich das Zeugs wegschmeissen, damit es weg ist oder soll ich es noch behalten als Beweis, dass das alles passiert ist und vor allem: dass meine Mutter gelebt hat?

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Vom anständigen Sterben und was einen daran hindert

So kehrte meine Mutter zurück ins Spital.
Diese Zeit würde schwierig werden, das wusste ich.

So wunderte ich mich nicht, als man mir wenige Tage später eröffnete, ich hätte am folgenden Tag um punkt zwei dem behandelnden Arzt zu telephonieren, der mir die weiteren Schritte erklären würde.

Auf die Schritte war ich gespannt. Es gab meines Erachtens nämlich keine. In meinem Nacken sass das Sozialamt, welches von mir verlangte, dass ich rasch Uschis Wohnung räumte. So staunte ich nicht schlecht, als mir der Arzt eröffnete, sie würden Uschi am nächsten Tag entlassen. Ich bekam fast die Krise. Uschi hatte einen Aszites, schrecklichen Durst und würde innert weniger Stunden ohne medizinische Hilfe sterben. Ihre Wohnung lag im dritten Stock. Es gab keinen Lift. Doch statt einer klaren Antwort auf meine Fragen, meine Ängste, sie tot aufzufinden, meinte der Arzt nur:

„In einer intakten Familie würde man den Sterbenden zuhause aufnehmen und pflegen.“

Na vielen Dank.
Da war er wieder. Der passiv-aggressive Vorwurf.
Nur weil meine Mutter alkoholkrank war, nahm sich dieser Typ das Recht raus, meine Familie (und mich!) als nicht intakt zu bezeichnen. Er machte mir Vorwürfe, weil ich nicht einfach so meinen Job hinschmiss, um Uschi zu pflegen. Er beleidigte mich. Er hatte keine Ahnung von meinem Leben und fühlte sich schrecklich im Recht. Damals gab es nämlich für Menschen wie Uschi keine Hilfe zuhause. Sie hatte, nach Meinung der medizinischen Fachpersonen, ihr Unglück, selbst verschuldet

Ich war wirklich wütend und ich hatte grosse Angst um meine Mutter.

Aber ich hatte Glück.
Mir fielen meine Kontakte zu meiner ehemaligen Therapeutin und ihrer Beratungsstelle ein. Sie rief ich an. Ich erzählte ihr unter Tränen, was passiert war und bat sie um Hilfe.

Sie und ihre Kollegen halfen mir schnell und tatkräftig. Sie reichten bei der Stadt eine Gefährungsmeldung ein und sorgten so dafür, dass meine Mutter nicht in ihren sicheren, einsamen und entwürdigenden Tod entlassen wurde.

Was nun geschah, mag sich der geneigte Leser vorstellen.
Man darf nämlich allen möglichen Scheiss melden, aber wenn man einen bevorstehenden Tod anmeldet, der nur passieren wird, weil man eine todkranke Frau nicht mehr pflegen will, dann rebelliert das System.
Die Vorwürfe kamen von allen Seiten und das nicht zu knapp.
Der Arzt reagierte beleidigt, sogar die Dame des Sozialamts machte mich an, was mir eigentlich einfiele, eine solche Meldung zu machen. Ich war zu einer Art sozialem Freiwild geworden.

Aber das war es mir wert, denn am Ende, wenn Uschi hilflos in ihrer Wohnung gestorben wäre, hätte es nur noch mich gegeben, die ihre Überreste weggeputzt hätte. Und das hätte ich nicht ertragen.

Der Brief

Als ich vor sechs Jahren meine Mutter im Pflegeheim besuchte, hatte ich einen schweren Gang vor mir. Die nette Dame des Sozialamts drängte drauf, dass ich sofort die Wohnung meiner Mutter kündigte und auflöste, da diese sonst den Steuerzahler zuviel kostete. Das ist ja auch nachvollziehbar.

Allerdings bedeutete diese Wohnung alles für meine Mutter. Ich wusste nicht, wie ich ihr beibringen sollte, dass ich vom Sozialamt eine Kündigungsvorlage bekommen hatte, die sie unterschreiben musste.

Ich trug den Zettel tagelang mit mir rum. Ich wusste einfach nicht, was ich machen sollte.
Als meine Mutter eines Tages eher müde und antriebslos war, gab ich ihr den Zettel. Ich hab nicht mal gelogen, als ich sagte, dass sie damit ihre Wohnung kündigte. Meine Mutter meinte nur: „Dann ziehe ich jetzt also in diese tolle, weisse, grosse Wohnung mit Waschmaschine und Lift ein?“ Ich zuckte mit den Schultern, aber das sah sie nicht.

Als sie einige Tage später fitter war, fragte sie mich danach. Sie wollte wissen, ob sie mit dem Unterschreiben des Zettels ihre Wohnung gekündigt hatte und nun für den Rest ihrer Tage (es waren nicht einmal mehr zwei Wochen) hier bleiben müsste. Ich nickte.

Sie begann zu fluchen und toben.
Und dann schmiss sie mich raus.
Sie schrie, dass sie mich nie mehr wiedersehen wollte.

Ich weiss nicht mehr viel, nur dass ich auf dem Flur einfach zusammensackte. Ich weinte. Ich konnte nicht mehr. Ich werde die blasse Farbe des Flurs, die nette Stationsleitung mit den roten Haaren und den Aufdruck auf der Tempo-Taschentücherverpackung nie mehr vergessen. Ich sass im Büro jener Frau und heulte. Ich war verzweifelt.

Kopfmässig wusste ich ja, dass meine Mutter im Begriff war zu sterben. Aber ich konnte es nicht ertragen, dass ich das Werkzeug war, mit dem sie ihre Wohnung kündigte. Noch heute werde ich wütend, weil ich denke, diese teilnahmslose Beamtin hätte das mal besser selber getan.

Die Stationsleitung meinte, nachdem ich mich beruhigt hatte, ich sollte wieder reingehen und der Mutter in die Augen schauen, denn dann würde ich bemerken, dass sie warm und lieb leuchten und sie nicht mehr wütend auf mich ist. Dem war auch so.

Meine Mutter beruhigte sich nach einigen Minuten wieder. Sie sass in ihrem Bett, ächzend, die Hände auf ihrem riesigen Bauch, in dem doch kein Kind heranwuchs, senfgelb. Sie blickte mich aus ihren verweinten, dunklen Augen an. Sie blutete aus der Nase.

Ich sagte nicht viel, sondern holte aus meiner Handtasche einen Tampon hervor und reichte ihn ihr.
Sie blickte mich verwundert an. Dann begann sie lauthals zu lachen. Sie öffnete ihre Arme, damit ich sie umarme. Wir hielten uns ganz fest.

Sie sagte: „Du bist mir ja vielleicht eine Lustige.“
Ich hingegen wusste, dass es das letzte Mal war, dass ich dieses Lachen hören würde.

meine schwester und ich teil 2

Während meine Schwester in der psychiatrischen Klinik war und an sich arbeitete, wurde die eine Katze krank. Flüss hatte Brustkrebs. Da ich mich verantwortlich fühlte, versuchte ich alles, damit die Katze wieder gesund würde. Ohne Erfolg.

Ein halbes Jahr später kam meine Schwester bei uns zuhause vorbei und holte ihre Katzen ab. Von den finanziellen Dingen haben wir nicht gesprochen. Es war ganz klar für sie, dass ich, als Frau mit einem Job, diese Angelegenheit bezahlen würde und nicht sie.

Einige Monate später wurde die Katze erneut krank. Diesmal hatte sie deutlich weniger Glück. Meine Schwester weigerte sich, das Tier von seinem Leiden zu erlösen. Ich war sauer.

2007 wurde unsere Mutter schwer krank. Obwohl meine Schwester arbeitslos war, schien es ganz klar, dass ich für die Mutter zu sorgen hatte.

Dies habe ich getan. Bis zu letzten Minute. Über die Demütigungen der Mitarbeiter des Sozialamts Frauenfeld schweige ich. Die Beerdigung meiner Mutter habe ich selber bezahlt. Auch den Grabstein. Ich wollte nicht, dass meine Mutter ein schiefes Kreuz über ihrer Urne erhielt.

Meine Schwester kam nicht einmal zur Beisetzung, obwohl Paula, Tante Hadi und ich sie sie mehrere Male telephonisch angefleht hatten.
Als einige Monate später klar war, dass ein kleines Erbe existierte, von dem wir beide profitierten, meldete sich meine Schwester, wie wenn nichts passiert wäre.

Mein Fazit ist nur auf den ersten Blick emotionslos: ich bin ernüchtert.

Ich habe meine Mutter bis zur Sekunde ihres Todes begleitet, ihre Beerdigung bezahlt und auch ihren Grabstein. Meine Schwester enthielt sich aller Verantwortung. Dasselbe wird mir nun beim Sterben meiner Grossmutter blühen. Zwar will und könnte ich ihr Haus kaufen, um mich selbständig zu machen und das Erbe meiner Familie zu retten. Doch zuerst werde ich meiner Schwester, bzw. dem Sozialamt des Kantons Freiburg einen Beitrag bezahlen müssen.

Dies bringt mich an den Rand meiner finanziellen Möglichkeiten, obwohl ich immer Vollzeit gearbeitet habe, nie arbeitslos und selten krank war. Es ist ungerecht. Ich werde das Haus meiner Kindheit verlieren. Ich verliere meine Grossmutter, für die ich seit 1997 gesorgt habe.

Es verletzt mich zutiefst.

Vom langsamen Verschwinden

Vor sechs Jahren um diese Zeit war meine Mutter bereits im Pflegeheim. Sie war 56 Jahre alt und wartete auf ihren Tod.

Meine Mutter hatte die letzten 13 Jahre ihres Lebens in einer Einzimmerwohnung in der Stadt gelebt. Diese Wohnung war ihr ganzer Stolz. Sie nannte sie ihr „Wöhnigli“. Sie wohnte in einem alten Haus unter dem Dach.

Ihr grosses Bett stand in der Stube, daneben eine ausgeleierte Couch, ein scheusslicher Couchtisch mit einem Tischtuch drauf, welches voll von Brandflecken war. Sie besass ein kleines Bücherregal, sehr viel Nippes und einen grossen Fernseher.

Die Küche war in einem Nebenraum, klein aber fein, dahinter das Bad mit Klo.

Sehr oft sass ich bei ihr in der Wohnung, umgeben von Zigarettenrauch und Verzweiflung. Meine Mutter sinnierte beim Rauchen über ihre Liebhaber, mich, meine Schwester, meinen Bruder und die Vergangenheit. Die Scheidung von meinem Vater war nicht spurlos an ihr vorüber gegangen. Nichts desto trotz liebte meine Mutter das Leben.

Umso schlimmer war es für mich, als ich die Wohnung betrat im Wissen, dass sie nie mehr dorthin zurückkehren würde. Mit ihrer Leberzirrhose, dem Wasserbauch und den Atemproblemen konnte sie keine Treppen mehr steigen.

Es gibt nichts Traurigeres als die verlassene Wohnung eines Menschen, den man liebt. Sie riecht nach kaltem Rauch und verletzten Gefühlen.

Da meine Mutter längere Zeit arbeitslos war und kein Geld mehr hatte, war sie abhängig vom Sozialamt. Die Dame des Amtes machte Druck, damit ich so schnell als möglich die Wohnung räumte. Niemand könne vom Staat verlangen, und der Staat war in dem Fall wohl die Dame vom Amt, dass man Pflegeheim und die Wohnung zahle. Natürlich nicht. Für die Dame vom Amt war meine Mutter nichts anderes als eine Zahl und in Gedanken wahrscheinlich ein Stück Scheisse. Jedenfalls vermittelte sie mir dieses Gefühl.

Das Räumen war leichter gesagt als getan. Ich arbeitete 100% in der Betreuung. Daneben pflegte ich Paula und sorgte mich um meine Mutter. Das Räumen der Wohnung war ein Kraftakt. Mein Chef gab mir drei Tage frei, damit ich das bei guter Gesundheit schaffe. Dafür bin ich ihm ewig dankbar. Ich habe den Kraftakt nur mit Tränen geschafft. Mein Vater und seine Frau halfen mir dabei. Einige Tage nach der Räumung starb meine Mutter und ich blieb zurück mit einem Gefühl des Versagens. Viel lieber wäre ich so lange wie möglich noch an ihrer Seite gewesen, hätte gerne noch mit ihr geredet. Doch stattdessen schleppte ich Kartons und wusch das Nikotin von den Wänden.

Das letzte Telephonat mit ihr, am 15. Oktober 2007, zwei Tage vor ihrem Tod, bleibt mir in Erinnerung. Ich fuhr durch den dichten Thurgauer Herbstnebel, den Knopf im Ohr und redete mit ihr. Sie erzählte vom Besuch ihrer besten Freundin, einem Plüschtier, das sie erhalten hatte und meinte schlussendlich: „Zora, ich wollte dir einfach danke sagen, für alles, was du für mich getan hast. Ich habe dich sehr, sehr gern.“

Als sie zwei Tage später, nach einem 36stündigen Ringen mit dem Tod starb, schien die Sonne.