Fensterladengedanken

Nach fünf Tagen Arbeit haben wir es fast geschafft: die Fensterläden und das alte Gartentor sind frisch gestrichen. Der Unterschied ist gewaltig. Das Haus wirkt mit einem Male frischer. Das Grün der Läden leuchtet.

Irgendwann werden wir die Fassade neu machen müssen. Ich möchte den vanillefarbenen Farbton der Wände und die weinroten Fensterrahmen unbedingt erhalten. Die Farbkombination ist ungewöhnlich und wunderschön.

Es wäre schön zu wissen, wie Omi darüber denkt und ob ihr alles gefällt. Aber ganz im Ernst, ich denke nicht, dass sie noch einmal ins Haus kommen kann. Sie ist nicht mehr gut auf den Beinen. Sie sitzt nicht im Rollstuhl, sondern will selber mit dem Rollator gehen. Doch leider kommen wir mit dem Auto nicht bis zum Haus und die Schritte würden sie zu sehr erschöpfen.

Ganz tief drinnen weiss ich, dass das gar nicht nötig ist. Omi ist mit sich selber im Reinen. Das Haus ist nur eine Hülle. Viel reicher ist ihr Inneres. Sie lebt und denkt und spricht, auch wenn es für mich nicht mehr immer Sinn gibt. Aber ist es an mir, das alles zu interpretieren?

Ich sitze in meinem Atelier und schreibe. Ich bin dankbar, dass ich in diese Räume wieder Leben bringen darf. Ich denke, dass ganz viel von dem, was die Menschen in diesem Haus dachten und taten, noch immer hier ist. Ihr Fleiss, ihr Glaube an sich und das Gute, der Mut, nicht zu verzweifeln und zusammenzuhalten, das alles sind Werte, die mich ansprechen und die mir Kraft geben, wenn es mal nicht so rund läuft.

Es ist Sommer und ich lebe fast dreissig Jahre nach meiner Kindheit hier. Es ist pures Glück und ich weiss es zu schätzen.

Nachtrag: Esther hat mir einen wunderschönen Spruch zukommen lassen, der mein Herz heute sehr erwärmt hat:

Diss Hus ist min, und doch nicht min. Wer vorher da, s`was ouch nit sin. Wer nach mir komt, muoss ouch hinus: Sag lieber Fründ, wem ist diss Hus?

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Sommerferien mit den Eltern

Als wir noch Kinder waren, verbrachten meine Schwester und ich die Ferien mehrheitlich bei Omi Paula und Opa Walter. Darauf freuten wir uns immer sehr.

An unserem Wohnort, direkt an der Schule, hatten wir wenig Möglichkeiten für uns zu sein. Immer fühlte sich jemand durch uns gestört. Lehrer sind oft sehr unangenehme Menschen.

Anders wars bei Opa und Omi. Die freuten sich, wenn wir herumtollten. Wir spielten oft gemeinsam Versteckis. Mit Omi zusammen erkundeten wir die Welt.

Umso wertvoller erscheinen mir heute die Ausflüge mit den Eltern. Ich nehme an, wir hatten nicht sehr viel Geld. Ferien im Ausland haben wir nie gemacht. Auch an Skiferien kann ich mich nicht erinnern. Meine Eltern haben immer nur gearbeitet.

Dafür waren sie immer da für uns. Das heisst: mein Vater war als Hauswart immer erreichbar. Das war im Nachhinein sehr wertvoll.

An eine unserer Ferienausflüge mag ich mich besonders gern erinnern: wir sind mit dem Schiff von Romanshorn nach Schaffhausen gefahren; mein Vater, meine Mutter, meine Schwester und ich. Wir haben gelacht und geredet.

Heute mache ich fast denselben Ausflug von Kreuzlingen aus mit Sascha, meinem Vater und seiner Frau. Ich freue mich auf diesen Eindruck und unsere Gespräche.

Es ist fast nie zu spät, neue Eindrücke zu gewinnen, auch wenn die Erinnerungen an früher oft schmerzhaft sind.

Der 1. August

Das Ende der Sommerferien markierte seit jeher der erste August, unser Nationalfeiertag. Für mich und meine kleine Schwester war es einer der schönsten Tage im ganzen Jahr. Seit wir klein waren, verbrachten wir den grössten Teil der Ferien bei Paula und Opa.

Wir schliefen aus. Am Vormittag hörten wir gemeinsam mit Opa Handörgelimusik auf DRS1. Oma machte Rösti oder je nach Wetter Raclette. Am Nachmittag schauten wir „Füsilier Wipf“. Später dekorierten wir den Garten mit Lampions.

Um 20h schauten wir in der Stube die Liveshow zum Nationalfeiertag. Opa fand sie jedes Mal saudoof. Sobald es eindunkelte, ging Opa nach draussen, um die Nachbarskinder zu erschrecken. Dies tat er, indem er sein altes Bajonett hervor holte und herum brüllte.
Opa machte dies nicht, weil er Kinder nicht leiden mochte, sondern weil er Angst hatte, dass eines der Kinder mit einer Rakete sein Haus anzünden könnte. Inwieweit wirklich jemand Angst bekam, kann ich nicht mehr einschätzen. Für mich und meine Schwester war er jedoch ein Held.

Später, wenn es dunkel war, zündeten wir die Kerzen in den Lampions an. Opa steckte die Vulkane an. Raketen gab es natürlich keine, da Oma und und Opa den Hund nicht plagen wollten. Am Schluss der Feier durften meine Schwester und ich bengalische Zündhölzer anstecken. Natürlich haben wir uns immer barbarisch daran die Finger verbrannt.

Darüber denke ich nach, während ich heute Johannisbeeren beim Haus abgelesen habe. Das Haus, es ist so still geworden. Noch riecht es nach Paula und nach Sommer. Ich bin traurig.

sommerferien bei paula

die sommerferien bei paula und walter im toggenburg waren die schönsten erlebnisse meiner kindheit. meine schwester und ich packten jeweils koffer (und migrossäcke) voll mit zeugs, das wir während zwei bis vier wochen mit zu ihnen nahmen. die eltern fuhren uns jeweils hin. dann verschwanden sie schnell wieder.

paula trug weite, bunte kleider. sie war gross gewachsen, ein wenig rundlich, aber nicht dick. ihr schwarzes haar war durchzogen von grauen strähnen. walter war schmächtig, hatte einen leichten buckel und trug fast immer seinen blaumann. nur wenn er in den ausgang ging, trug er einen feinen anzug mit krawatte.

wir waren vollkommen frei, meine schwester und ich. wir konnten spielen, bauten uns hütten aus tüchern über der wöschhänki, schwammen im lederbach, tollten mit barri herum oder schauten fern. manchmal gingen wir ins schwimmbad, wir gärtnerten, strichen das gartentor.

ich sortierte knöpfe, vogelfutter, walters werkzeug, studierte briefmarken, während meine schwester mit der schaufel barris haufen aus dem hohen gras fischte und in den bach schmiss.

manchmal machten wir ausflüge. wir reisten nach luzern zum löwendenkmal, ins kloster einsiedeln, in die epa nach st. gallen oder nach augusta raurica.

der sommer ging immer schnell vorbei. irgendwann ging ich nicht mehr zu paula und walter. ich glaube, mit 19 war ich das letzte mal da. ich hatte gerade eine woche im spital verbracht, da mein kiefer operiert wurde. ich konnte nicht mehr essen, nur noch trinken. es war warm draussen. paula verwöhnte mich wie ihren augapfel. barri schwänzelte um mich herum. walter lag im bett und fühlte sich krank. viereinhalb monate später würde er tot sein.