Wunder und kackende Sennenhunde

Meine Nacht war durchzogen. Ich hatte Albträume, sah mich immer wieder am Bett meiner Mutter, an meiner Seite Paula. Kein Wunder, dass ich heute morgen wie gerädert aufwachte.

Mittags fuhr ich zu Paula ins Heim.
Ich war auf das Schlimmste gefasst.
Als ich die Pflegende nach Paula fragte, blickte sie mich überrascht an.
Für einen Moment lang dachte ich: Omi ist tot.
Doch dann lächelte die Pflegende und meinte, Omi sei jetzt wieder oben.
„Wieder?“
„Ja. Sie hatte keinen grossen Appetit und jetzt hat sie sich hingelegt.“
„Sie war auf?“
„Ja. Das Fieber ist weg. Es geht ihr gut.“
Mein Herz machte einen grossen Sprung und ich hüpfte, fast wie ein kleines Mädchen, die Treppen in den zweiten Stock hoch.

Omi lag in ihrem Bett und blickte mich mit grossen graubraunen Augen an.
„Wie schön, dass du wieder mal vorbei kommst, um mich zu besuchen!“
Ich umarmte Omi, trat dabei auf die Sicherheitsmatte, die dann auch gleich einen Alarm abgab. Omi grinste mich breit an.
„Lass das Ding ruhig piepen.“
„Wie gehts dir?“
„Gut, denk ich.“
„Du bist wieder gesund?“
„Ja?“ Omi blickte mich überaus verwundert an.
„Ich war gestern schon hier. Da hattest du hohes Fieber. Ich habe mir grosse Sorgen gemacht.“
Omi wackelte etwas mit dem Kopf.
„Daran kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Aber es ist schön, dass du mal wieder da bist.“

Die Pflegende kam und stellte die Matte ab.
Omi winkte zufrieden.
Ich musste daran denken, wie unglaublich froh ich bin, dass Omi in diesem Heim leben darf.
Sie ist glücklich.

Neben ihr im Bett lag ihr grosses Berner Sennenhund-Plüschtier, das ich ihr vor vielen Jahren geschenkt hatte. Sie streichelte es zärtlich.
„Ich hoffe, der scheisst hier nicht ins Bett“, brummelte Omi.
„Der ist aus Plüsch“, entgegnete ich.
„Na, dann kann man ihn wenigstens anzünden, wenn er ins Bett gekackt hat.“

Nothing to add.

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paula und das alter

es ist schon sehr seltsam.
während meiner und saschas grippe sind wir natürlich nicht ins toggenburg gefahren. nein! wir sind sogar danach mal wieder für zwei tage in unser lieblingshotel gereist und haben es uns gut gehen lassen. das war auch bitter nötig. ich fühle mich noch immer erschöpft. der gang in paulas haus fällt mir nicht leicht.

letzten montag jedenfalls gingen wir wieder bei ihr vorbei, nicht ohne sie vorher anzurufen, was sie noch bräuchte:

3 bananen
6 äpfel
1 pack incarom

„alles andere haben die hier. die verwöhnen mich. es hat immer genug zu essen. ich werde langsam dick.“
ich nicke durchs telephon.
ich kann nicht ausdrücken, wie froh ich bin, sie im altersheim zu wissen.
sie wird gepflegt, muss keine angst mehr haben, nachts.
keine fremden leute mehr ums haus.

sie zeigt uns ihr zimmer, als wäre es das erste mal.
„hier. das ist der barri. der ist so weich.“
sie zeigt auf den plüsch-sennenhund, den ich ihr vor jahren gekauft habe.

wir reden darüber, wie lange sie schon hier ist.
sie kann sich nicht mehr erinnern.
„weisst du denn, wie alt du im mai wirst?“
paula nickt eifrig.
„55.“
sie grinst.
„aber ich fühle mich wie 45.“

paula und die hunde

in meiner frühesten kindheit war paula eine absolute vierbeiner-hasserin. vor katzen hatte sie angst und hunde fand sie schlimm. ich durfte, wenn ich mit ihr durch die stadt marschierte, niemals einen hund anfassen. zu gross war ihre angst, der hund könnte mich beissen.

als sie dann anfangs der 80er jahre peu-à-peu zu meinem grossvater und den urgrosseltern gezogen ist, war da barri. barri war ein appenzeller sennenhund / schäferhund-mischling, etwas fett und hinkte. er genoss zwar den urgrosselterlichen grossen garten, aber wegrennen war eines seiner lieblingshobbies. und so wurde er eines tages auf der hauptstrasse angefahren.

paula mochte barri anfangs gar nicht. er roch komisch und war sehr verfressen.
als dann die urgrosseltern verstorben waren, zog oma endgültig zu opa. und zu barri. das war der beginn einer schönen freundschaft.

paula und barri verstanden sich nämlich immer besser. ich würde heute sogar behaupten, dass dieser hund paula geliebt hat. paula mochte es zu singen und barri jaulte dazu. paula hängte wäsche auf und barri hockte daneben und schaute zu. paula und walter stritten sich, barri heulte.

auch meine schwester und ich liebten es, mit barri zu spielen, herum zu rennen und seinen scheisshaufen auszuweichen, indem wir drüber hüpften.

in den 90er jahren mussten paula und walter barri einschläfern lassen. er war alt und krank geworden. für meine paula und walter war sein tod wie der eines geliebten kindes. sie wollte keinen hund mehr. nach walters tod freundete sie sich dann mit herumstreunenden katzen an.

heute besuchten wir paula im pflegeheim. als wir uns verabschiedeten, kam sie mit vor die türe, um uns zu winken. wie wir so vor dem eingang des heims stehen, kommt eine 50jährige frau mit langen haaren daher. an der leine führt sie einen putzigen, jungen berner sennenhund. paula vergitzelt fast.
sie jubelt und freut sich, grüsst die frau und den hund.

paula: hoi büsibüsibüsi!!!

der hund bleibt stocksteif stehen und starrt paula neugierig an.

paula: du bist aber ein süsser, lieber, kleiner!

der hund gähnt und schüttelt den kopf.

paula: hoi büsibüsibüsi!

zora: (zur grauhaarigen frau) meine oma hatte früher auch einen sennenhund.

die frau nickt wissend und fordert ihren hund auf, weiter zu gehen.
der hund entscheidet, paula definitiv interessanter zu finden als den befehl

paula: jösses, bist du ein herziger! du lieber, kleiner barri!

die frau zerrt an der leine. der hund sträubt sich.

paula: büsibüsibüsi!

die frau schafft es endlich, den hund fort zu ziehen und verabschiedet sich.

zora: das war ein hund, omi!

paula: ach ja?