Reisegedanken

Ich weiss nicht, wie oft Omi und ich von Lichtensteig aus mit dem Zug nach St. Gallen gefahren sind. Die Reise durch Wälder, Nagelfluhlandschaften und die Sicht in die Ferne, kurz vor Herisau war für mich immer ein riesiges Erlebnis. Omi erzählte Geschichten, verpflegte mich und meine Schwester mit Süssigkeiten und bestaunte mit uns all die Dörfer auf unserer Fahrt.

Heute fahre ich diese Strecke alleine. Ich muss ganz fest an Omi denken, denn sie fehlt mir gerade bei dieser Reise sehr. Wir sind vor langer Zeit das letzte Mal gemeinsam mit dem Zug gefahren. Sie war vor über fünf Jahren nicht mehr gut zu Fuss und ich holte sie für Einkaufstouren einfach mit dem Auto ab.

Kurz nach dem Tod meiner Mutter, ihrer Tochter, sind wir gemeinsam mit einem Reisecar an den Weihnachtsmarkt in Ulm gefahren. Das Gefühl, das ich damals empfand, das ist unsere letzte gemeinsame Reise, hat mich nicht betrogen.

Beim Gedanken an Omi fühle ich, noch immer eine grosse Leere. Mir scheint, als wäre ein Teil meines Herzens verbrannt. Der Schmerz, die Trauer um Omi, sitzt tief. Ich vermisse sie.

Die Wälder ziehen an mir vorüber. Mein Blick fällt bei Mogelsberg auf alte Häuser. Ich muss an mein eigenes Haus denken, das auch sehr alt ist. Dann denke ich: Omi ist noch immer bei dir. Sie ist in den Mauern, den Möbeln und vor allem im Garten. Ich freu mich auf ihre Tulpen und die Rosen, die sie vor vielen Jahren neu gepflanzt hat. Der Frühling war Omis Lieblingsjahreszeit.

Paula im Zug

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Bin ich zu empfindlich?

Warum leide ich dann so, wenn ich diesen vernebelten Flecken Land verlasse? Der Thurgau ist ein unbekanntes Land und es war mir immer recht so. Die Schönheiten gehören den Menschen, die den Kanton ohne Vorbehalte lieben.

Da ist der See bei Berlingen. Er ist im Frühling und Sommer so klar und azurblau wie die Côte d’Azur. Der Ottenberg sticht grün aus der Ebene hervor. Seine Weine sind wunderbar. Die Thur vor Bischofszell ist wild und wütend, mehr ein grosser Bach, denn ein stiller Fluss.
Konstanz gehörte für mich immer zu Kreuzlingen und noch vor zehn Jahren konnte man einfach mal schnell hinfahren und beim besten Spanier Knoblauch mit Kaninchen essen. Heute geht das nicht mehr.
Der Fasnachtsumzug in Frauenfeld. Das leidige Schlamm-Openair. Die WEGA in Weinfelden. Der Chlausmärt. Die Menschen, die lieber über das Wetter und den Stand der Thur palavern, denn über die Politik. Sie werden mir allesamt sehr fehlen.

Die Sachen in der Wohnung verschwinden immer mehr in Kartons. Die Katze freuts. Für sie ist das alles ein grosses Abenteuer. Doch für mich ist es der Verlust meiner Heimat.

Wir Debrunners entstammen dem Weiler Debrunne. Dort haben sie vor fünfhundert Jahren ihren Namen gefunden. Debrunne bedeutet die Hirschtränke.

Unser Haus hier wurde in den 1860er Jahren gebaut. Es ist also fast dreissig Jahre jünger als „unser“ Haus im Toggenburg. Es ist solide, hat eine Heizung und trotz alledem eine lange Geschichte als altes Schulhaus.

Ich verlasse die Heimat meines Vaters nach fast vierzig Jahren zugunsten der Heimat meiner Mutter. Es ist seltsam, denn im Toggenburg kann ich meinen Wurzeln folgen. Hier im Thurgau nur mit Mühe. Warum ist dann der Abschied so schwer?

Nachtrag 20.25
Ich empfinde es als schwierig, das Grab meines Bruders zurückzulassen. Zu gerne hätte ich ein Glas seiner Erde. Dann würd ich es im Toggenburg beerdigen, wo alle anderen auch liegen.