September 2014

Ich kanns kaum glauben, dass ich vor sieben Jahren das letzte Mal mit meiner Mutter Geburtstag gefeiert habe. Es scheint mir manchmal, als wäre es schon hundert Jahre her. Oder erst gestern.

Sie fehlt mir. Ich wünschte mir so sehr, sie wäre jetzt hier und würde mich unterstützen. Als ich 2006 in ein Theaterprojekt involviert war, meinte sie lediglich: „Du schaffst das schon, Meitli..“ Ihre Worte fehlen. Ihre trockene Art und Weise und gleichzeitig das Vertrauen in mein Können, das wäre jetzt in dieser Phase von Nöten.

Sie hat es nie verstanden, dass ich schrieb. Sie sagte oft: „von mir hast du das nicht, Meitli.“
Ich weiss es echt nicht. Wenn ich ihre Aufsätze durchlese, erkenne ich meine Schrift wieder. Ihre Zeichnungen. Ihre klaren Gedanken. Ihr Suchen nach Worten und Beschreibung. Nein. Von ihr hatte ich es nicht, denn sie hatte es bis zuletzt.

Meine Mutter lag vor sieben Jahren bereits im Pflegeheim. Sie war keine 56 Jahre alt. Um sie herum waren steinalte Menschen, die dort lebten. Nur sie war zum Sterben hier her gekommen.

Manchmal wünsch ich mir, ich hätte damals ein eigenes Haus gehabt und sie pflegen können. Ich hätte Spitex-Frauen herumgejagt und jedem Arzt Feuer unter dem Hintern gemacht, der sie schlecht behandelt. Aber damals wusste ich ja nicht, was mich erwartete. Ich war sozusagen blauäugig.

Heute ist das anders. Ich bin in sieben Jahren siebzig Jahre gealtert. Kein Stein ist seit ihrem Tod auf dem anderen geblieben. Ich bin wirklich ein anderer Mensch geworden.

Würde sie mich noch erkennen?

P.S. am meisten bereue ich, dass ich praktisch keine Photos von uns zweien habe. Es gibt eins, da bin ich noch ein Baby, beim anderen war ich Konfirmandin. Es scheint mir, als wären Tochter und Mutter nicht-existent.

Meine Spiegel

Omi Paula und ich gleichen uns.
Wir haben beide markante Nasen. Dickes Haar.
Unsere Augenfarbe ist fast gleich:
graugrünbraun

Als sie noch jünger war, war sie eine grossgewachsene Frau. So wie ich jetzt. Sie war immer eine stattliche Person. Sie war nicht pummelig, nicht dick, besass eine Figur. So wie ich.

Omas Kleider hängen im Schrank. Sie wollte sie nicht mitnehmen ins Pflegeheim. Sie passt längst nicht mehr hinein. Sie ist kleiner geworden, dünner.
In meinen beiden Familien sind die Frauen rundlich gewesen. Sie hatten Hüftspeck und Brüste. Warum also sollte ich aus der Art schlagen?

Wenn ich Photos von Paula und meiner anderen Oma Ida anschaue, erblicke ich mich selber. Ich mache mir wenig Gedanken über meine Figur. Ich arbeite. Ich denke nach. Ich schreibe.

Ich muss sehr oft an Ida denken. Sie ist die Mutter meines Vaters. Wie war ihr Leben? Wie hat sie gearbeitet? Welche Gedanken hat sie sich gemacht?
Ich hätte so gerne noch einmal mit ihr geredet und ihre Stimme gehört.

uschi_ida_wetzikon2

meine Mutter und Omi Ida

paula, uschi und rosa

Uromi Röös, meine Mutter und Paula

Ein ganzes Jahr mit Paula

Vor einem Jahr schrieb ich den ersten Blogpost über meine Grossmutter Paula, die an Demenz erkrankt ist. Ich war am Ende meiner Kräfte und fühlte mich schlecht.

Nun ist soviel passiert.

Ich fühlte mich furchtbar alleine, weil ich meinen mir liebsten verwandten Menschen, meine Oma, so langsam verlor. Es machte mir grosse Angst, weil ich eigentlich nicht zuschauen will, wie jemand langsam aus dem Leben heraus geht.

Aber dann geschah etwas sehr wunderbares. Ich lernte durchs Schreiben über Paula so viele, liebe und herzliche Menschen kennen, denen ähnliches passiert war. Plötzlich war ich nicht mehr allein.

Mir fällt dazu eine Geschichte ein:
Im Kindergarten wurde ich von einigen Kindern geplagt, weil ich hinkte. Ich habe es meiner Mutter nie erzählt, weil sie sich für mich geschämt hätte. Aber Paula bemerkte bei einem meiner Mittwochsbesuche sofort, dass mich etwas beschäftigte.

Also erzählte ich ihr, was mir passiert war.
Paula war entschlossen, mir zu helfen. Einige Tage später stiefelte sie zu jener Gruppe von Kindern hin, die mich beschimpft hatten. Sie setzte sich mit ihnen hin und erklärte ihnen, dass es fies ist, sich über einen Menschen lustig zu machen, der eine Behinderung hat.

Ich weiss nicht, wie sie es geschafft hat, aber sie erreichte die Kinder in ihrem Sein. Am Ende des Gesprächs schenkte sie ihnen Süssigkeiten und ich schwöre, dass sie mich nie mehr beschimpft haben. Im Gegenteil.

Ich habe das Gefühl, als würde dieses Lebensgefühl von Paula, diese Liebe zu anderen Menschen, mich weiterhin beschützen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Warum ich schreibe

Ich wurde schon einige Male gefragt, warum ich überhaupt über Paulas Demenzerkrankung, das Sterben und den Tod schreibe. Schliesslich sind das sehr intime Themen. Auch der Vorwurf des Breittretens wurde mir schon gemacht.

Es ist ganz einfach.
Ich finde, diese Themen gehören zum Leben dazu, genauso wie andere auch. Beispielsweise finde ich Babyfotos sehr viel privater.
Das Schreiben über die Ereignisse und Erlebnisse befreit mich. Das ist mein egoistischer Grund. Aber da gibt es noch einen anderen.

Als ich 2007 um meine Mutter trauerte, war ich sehr verzweifelt. Es gab nichts, was mich tröstete und niemanden, der mich verstanden hat. Ich las in jener Zeit sehr viele Bücher übers Trauern. Die meisten waren bullshit.

Dann stiess ich auf die Bücher von Jorgos Canacakis.
Seine Herangehensweise ans Thema Trauer hat mich total berührt. Jorgos begrüsst den Leser seines Buches und bietet sich als Expeditionsleiter ins Land der Gefühle an.

Nachdem ich monatelang nicht mehr über meine Gefühle sprechen oder lesen konnte, nicht mehr weinte, brachen beim Lesen von „Ich sehe deine Tränen“ alle Dämme. Ich weinte, bis ich nicht mehr konnte.

Ich begann mich mit meiner Trauer auseinanderzusetzen und schrieb.
Jorgos Canacakis Worte begleiteten mich von nun an. Ich bemerkte, dass nur schon die Erlaubnis, übers Traurigste zu reden, ohne Furcht, einem die Herzen zu anderen Menschen öffnet.

Als Paulas Demenzerkrankung vor über einem Jahr weiter fortschritt, und ich einfach nur noch überfordert und mit meinen Kräften am Ende war, fiel es mir wieder ein: sobald du darüber schreibst, bist du nicht mehr alleine.

So ist es noch heute. Wenn ich über meine Gefühle schreibe, komme ich ins Gespräch mit Menschen, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Der Austausch über Ängste und tiefe Gefühle bringt uns einander näher in einer Zeit, wo Rituale von früher nicht mehr gelebt werden (können).

Wie es ist.

Heute war zum ersten Mal seit vielen Jahren ein guter Tag für mich.
Den 20.9. verbrachte ich bisher jeweils gedämpft und traurig.
Ich trug meistens schwarz und redete wenig.
Ich trauerte um meinen Bruder.

Das war heute anders.
Ich entschloss mich, den Herbst einzulassen und zu meinen grauen Kleidern rostrote Strümpfe zu tragen. Ich will nicht länger traurig sein.

Ich verbrachte heute den ganzen Tag am Frauenseminar in Romanshorn und habe mich im Rahmen meiner Ausbildung zur Biographie-Schreibpädagogin mit der Heilkraft der Laute, umgeben von lieben Kolleginnen, beschäftigt. Nur wenig dachte ich an meinen Bruder. Es war mir, als würde das Herbstlicht mich ermuntern, Sonne in mein Herz lassen. Ich wünschte mir mit einem Mal, er könnte auch in meinem Leben langsam verblassen.

Ich habe es heute so stark gespürt, dass er weg ist und ich offenbar noch die einzige bin, die sich seiner erinnert. Er ist nicht mein Kind, sondern das meiner Mutter. Trotzdem bin ich traurig, dass er nicht mehr lebt.

Diese Trauer, dieses Erinnern ist mir geblieben. Wie oft habe ich mit Paula über ihn geredet?
Auch sie weiss nicht mehr, dass es ihn mal gegeben hat. Ihre Erinnerung an das Leben vor über 30 Jahren ist verschwunden.

Ich wollte nie Kinder haben. Oft habe ich mich gefragt, warum das so ist. Es gibt viele Gründe. Einer davon ist sicherlich, dass ich Angst hatte, ein Kind zu gebären und so zu verlieren, wie es meiner Mutter passiert ist. Andererseits denke ich heute, dass es vielleicht, in jüngeren Jahren, das Risiko wert gewesen wäre.

Die Natur, Gott, was auch immer, hat mir jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Ich werde nie Kinder kriegen.

Allerdings ist da noch das Schreiben, was mich beflügelt und glücklich macht.
Etwas zu schreiben ist wie Gebären: Man ist inspiriert, verliebt, leidet, wartet und ist glücklich und erleichtert, wenn es endlich da ist. Das Wort. Der Satz. Die Geschichte.

So wie diese hier.