Vom langsamen und vom schnellen Sterben

Wie ich noch ein Kind war, hörte ich immer wieder den Ausspruch: Er/Sie ist einen schnellen Tod gestorben. Dies klang immer sehr positiv. Es war mir etwas unheimlich.

Als mein Opa mit seiner Leberkrebsdiagnose konfrontiert wurde, wussten wir plötzlich alle, dass er langsam sterben wird. Trotzdem ging es sehr schnell. Zu schnell. Ich hatte gehofft, dass er mich einmal noch ohne Zahnspange sehen und mein schönes Gebiss loben würde. Drei Monate sind nichts.

Das Sterben meiner Mutter zog sich über viele Jahre hin. Vielleicht begann für mich als Kind ihr Sterben mit dem Tod meines Bruders, denn danach war ihr Leben anders. Sie war nicht mehr glücklich und dem Tod immer näher als dem Leben. Besonders um ihren und den Geburtstag meines Bruders im September herum war ihre Selbsttötungsgefahr riesig. Zerbrochene Gläser, Messer und Tabletten waren eine Dauergefährdung.

Ihr Sterben in Spital und Pflegeheim dauerte schlussendlich drei Monate. Drei Monate sind fast 100 Tage. Praktisch nichts. Einen Menschen langsam zu zerfallen sehen, ist grausam. Es hielt zumindest mir den Spiegel meiner eigenen Vergänglichkeit rücksichtslos vors Gesicht.

Paulas Sterben verläuft anders. Es ist ein Prozess des Vergessens, des Hintersichlassens.
Sie lebt. Das ist das wichtigste.

Meine Mutter war 56 Jahre alt, als sie starb. Ich bin 36.
Ich weiss nicht, wie ich sterben werde.
Ich bin mir nicht sicher, ob es eine gnädige Form des Sterbens gibt, weil ich den Weg als solches als Teil des Lebens ansehe.
Natürlich hoffe ich sehr, dass ich nicht durch einen Autounfall sterbe, sondern Zeit habe, mich von den Menschen zu verabschieden, die ich über alles liebe. Aber das ist wohl ein frommer Wunsch. Es gibt in bestimmten Situationen weder Wünsche noch Ansprüche.

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