Wieder Samstag.

Die Tage vergehen einfach so.
Es schneit wieder. Ich arbeite.
Es ist fast alles wie vorher.

Ich sehe etwas verquollen aus.
Meine Nächte sind schlecht.
Ich bin todmüde und schlafe sogar.
Doch jede Nacht kommen Albträume.
Nie träume ich von Omi.
Es sind tausend andere Dinge.

Meine Brust fühlt sich an, als wäre sie
aufgeschlitzt worden.
Mein Herz tut weh.
Beim Arbeiten vergesse ich den Schmerz.

Gestern sprachen wir mit dem Pfarrer.
Ich habe ein gutes Gefühl und bin auch – irgendwie –
getröstet.
Ich freue mich auf die Abdankungsfeier für Paula.

Die Kisten mit ihren Sachen stehen unausgepackt im kalten Zimmer.
Noch fehlt mir die Energie, den Dingen einen neuen Ort in meinem
Leben zu geben.

Für die Feier schreibe ich Omis Lebenslauf.
Ich bin froh, dass ich so viel aus ihrem Leben weiss.
Das ist ein Trost, besonders jetzt.
Für Omi stimmt das Ende unserer Geschichte.
Für mich nicht.

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Der letzte Monat

Getäfert waren die Wände des Pflegeheims, in dem meine Mutter lag. Es war September, neblig und sonnig zugleich. Ihr Bett stand an der Wand. Auf der Matratze lag eine selbstgehäkelte Decke. Auf ihrem Nachttischli stand eine kleine Flasche Grapillon Traubensaft.

Ich kaufte ihr einen CD-Player mit Radio, damit sie die Musikwelle hören konnte. Sie liebte diesen Sender in ihren letzten Monaten, als ihr das Fernsehen längst nichts mehr bedeutete. Oft sassen wir gemeinsam auf ihrem Bett. Wir schauten Zeitschriften an. Schwiegen.

Manchmal stritt sie mit mir über meine Kleidung. Sie hasste schwarz.
Vielleicht ist dies vielen Sterbenden gemeinsam. Sie liebte Farben. Von ihr aus hätte ich auch in knallgelb trauern können.

Ich wusste, dass uns die Zeit davon lief. Ich wollte jeden Moment mit ihr geniessen. Sie umarmen. Nie mehr loslassen.

Das Wissen, dass ein geliebter Mensch, die Mutter stirbt, schmerzt ungemein. Ich war dauernd nahe am Weinen, ohne es endlich tun zu können. Die abgrundtiefe Trauer riss mich erst mit, als sie tot war. Selbst da brauchte ich Zeit, bis ich endlich wieder weinen konnte.