Loslassen im Schneetreiben

Gestern war ein struber Tag.
Ich war seit dem frühen Morgen unterwegs, weil ich mir den Schnee auf den Strassen nicht antun wollte. Fuhr mit dem Zug zur Arbeit und ging über 2 km zu Fuss an meinen Arbeitsplatz. Der kalte Wind tat mir gut.

Am Vormittag rief mich eine Pflegende von Omis Heim an und informierte mich, wie es ihr ging. Sie konnte wenig essen, schlief aber sehr viel. Das war beruhigend. Ich versprach, dass ich nach der Arbeit vorbei kommen würde. Eine liebe Mitarbeiterin kam auf mich zu und meinte: „Willst du nicht jetzt schon gehen?“ Ich verneinte energisch. Es gab so viel zu tun!

Um 16h bestieg ich den Zug in Richtung Wil. Auf halber Strecke klingelte mein Telefon. Ich erkannte die Nummer sofort. „Bitte nicht!“ dachte ich. Ich will nicht in einem Regionalzug erfahren, dass Omi tot ist. Glücklicherweise aber wollte die Pflegende mich nur über Omis schlechter werdenden Gesundheitszustand informieren. Omi konnte nicht mehr aufstehen und war schläfrig. Sie hatte Mühe zu atmen. Dann fragte mich die Pflegende, ob ich mir Gedanken gemacht hätte, was Omi denn tragen sollte, wenn sie nicht mehr lebt.

Natürlich hatte ich mir das überlegt.
Aber es auszusprechen, brachte mich zum Weinen.
„Ihre schöne weisse Spitzenbluse und ihr dunkelblaues Ensemble!“ presste ich hervor, während mir die Tränen herabliefen.

Ich fuhr weiter, nach Hause, lief durch den Schnee heim, um mich anzuziehen.
Es passte, dass Omi genau jetzt gehen wollte. Den Winter mochte sie nicht. Ich lächelte beim Gedanken, dass auch dies ein letzter Wink mit dem Zaunpfahl von Omi war. Bei dem Wetter musste ich den Bus nehmen. Ich würde nicht mit dem Auto zu ihr fahren.
„Heb dir Sorg!“ fuhr mir durch den Kopf.

Im Pflegeheim angekommen, gingen Sascha und ich zu ihrem Zimmer rauf. Wir klopften und gingen zur ihr rein. Omi lag mit geschlossenen Augen da. Ihr Atem rasselte. Ich berührte ihre Hände. Sie waren noch warm und voller Leben. Ihre Wangen sahen rosig aus.

Wir setzten uns zu ihr hin und blieben eine Stunde.
Was sollte ich Omi sagen? Dass ich sie liebte? Ich war mir sicher, dass sie das wusste.
Ich hatte in einem Punkt Angst, und der hat nichts mit Omi zu tun: Als meine Mutter starb, konnte ich einfach nicht weg. Ich konnte meine Mutter nicht alleine lassen. Eine Pflegende hat mir damals gesagt: „Vielleicht kann sie nicht sterben, solange sie da sind.“
Das Atemrasseln meiner Mutter höre ich noch heute und ich kann es nicht ertragen. Ich blieb damals bis zum Ende, weil ich sie nicht alleine lassen konte und auch spürte, dass sie nicht gehen will. Wir hielten einander fest. Das geht mir heute noch nach.

Bei Omi ist es anders.
Sie ist so uralt. Sie wirkt auf mich so, als ob sie das Leben nun wirklich hinter sich gelassen hat. Und weil sie ein religiöser Mensch ist, hat sie auch keine Angst vor dem Tod. In früheren Jahren, wenn sie Schmerzen hatte, hat sie damit gehadert, dass der Herrgott sie noch immer nicht will. Sie hat immer davon gesprochen, dass sie zum Herrgott geht und wen sie im Jenseits alles wieder sehen will. Dann meinte sie jeweils: „Aber du brauchst mich ja noch. Und ich brauch dich. Gell, du vergissisch mich nöd.“

Also sass ich gestern abend da, betete für sie und bat sie, zu gehen, wenn sie gehen will. Ohne Rücksicht auf mich. Ich erzählte ihr, wer auf sie warten würde: meine Mutter, mein Bruder Sven, Opa Walter, ihre beste Freundin, ihre Schwester Hadj, ihre Brüder Hans und Sepp, ihre Mutter Berta und ihr Vater Johann.
Ich sagte ihr: du wirst sie alle wieder sehen und es wird wunderschön werden. Irgendwann wirst du auch mich wieder sehen.

Omi seufzte. Sie öffnete ihre Augen ein klein wenig. Ich umarmte sie.

Dann gingen wir wieder nach Hause. Der Schnee fiel unaufhörlich weiter. Es war eine grosse Stille um uns herum.

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Omi besuchen

Ich habe lange nichts mehr von Omi geschrieben. Das hat aber weniger damit zu tun, dass ich sie nicht sehe, sondern dass es nichts zu erzählen gibt. Zumindest dachte ich das.

Omi schläft viel. Als wir sie das vorletzte Mal besuchen gingen, schlief sie tief und fest.
Sie wirkt zufrieden. Sie liegt auf ihrem Entspannungssessel, derweil der Fernseher läuft. Im Raum dösen noch mehr Menschen. Es herrscht eine friedliche Stimmung im Ruheraum zwischen diesen sehr alten Menschen. Manchmal denke ich daran, was haben sie alles noch zu erzählen haben.
Was habt ihr alles erlebt?
Welche Geschichten werden irgendwann mit euch gemeinsam für immer einschlafen?

Wenn Omi wach ist, reden wir. Sie thront in ihrem Ruhesessel, die Füsse hochgelagert, wie eine sehr alte Königin. Sie begrüsst uns wie früher, wenn wir sie im Haus besuchen kamen. Sie bietet uns Bier und Kaffee an und entschuldigt sich, dass sie keine Guetzli vorrätig hat. Sie gestiert sanft mit den Händen, ohne ihre Beine zu bewegen. Wir küssen uns und ich bemerke, wie sehr sie noch immer Berührungen und Küsschen mag.

Früher sind wir uns manchmal einfach unvermittelt in die Arme gefallen und standen einige Minuten eng umschlungen da. Sie hielt mich fest. Sagte Dinge wie: „Schön, dass du da bist.“ oder „Jetzt bleiben wir einfach so stehen.“

Das tun wir heute nicht mehr. Omi kann ohne Rollator nicht mehr stehen und ich traue mich nicht mehr, sie einfach zu umarmen, denn sie ist sehr zerbrechlich geworden.

Wir reden noch immer, aber unsere Dialoge klingen heute wie Dada-Gedichte. Omi bricht Sätze und Wörter ab. Fügt sie zu neuen Buchstabengebilden zusammen. Ihre Mimik ist noch gleich wie früher. Sie entschuldigt sich jedes Mal, dass sie sich nicht mehr erinnern kann und jedes Mal gibt es mir einen Stich ins Herz.

Vor einigen Tagen durchforstete ich die Fotoschachtel und stiess auf ein Photo, das ich vor bald 25 Jahren gemacht habe. Omi schaut aus dem Küchenfenster. Sie trägt ihren hellblauen Pullover, die schwarzen Haare liegen in Dauerwellen an ihrem Gesicht. Omi lacht und winkt mir zu. Ich muss oft an dieses Bild denken, weil es genau das ausdrückt, was ich empfinde: ein Abschied auf Raten.

Nach 30 Minuten gehen wir jeweils wieder. Länger halte ich es nicht (mehr) aus und längere Besuche machen auch keinen Sinn. Sie hat ihr Leben und ich meines. Wir geben uns Küsschen und ich verspreche ihr jedes Mal, dass ich wieder komme. Jedes Mal versucht sie mich zu überzeugen, doch noch nicht zu gehen. Jedes Mal denke ich daran, dass irgendwann der Tag da ist, wo ich ins Pflegeheim gerufen werde und nur noch ihre körperliche Hülle da ist und Omi verschwunden ist.

Züglete. Endspurt. Schlafmanko

Die Wohnung leert sich langsam. Nur noch Regale stehen herum. Einige Bilder. Die Spiegel. Die Katzenschlafplätze.
Ich bin müde. Jetzt könnte ich einfach einschlafen und erst wieder im Frühling erwachen. Wir brauchen noch einen Schreibtisch für Sascha. Und ich will den Boden meines Ateliers vor dem Einzug sehen.

Der Boden des Ateliers ist neu gemacht. Der Schreiner hat ihn in zwei Tagen neu gelegt. Es hat sogar eine Dampfsperre. Ich erlerne praktisch täglich neue Wörter.
Morgen nach meinem Feierabend fahren wir hin. Dabei wäre es gescheiter, wenn ich einfach schlafen ginge. Aber wahrscheinlich spielt das jetzt gar keine Rolle mehr. Schlafen kann ich später.

Kurz gesagt: der Thurgauer Estrich muss noch durchetikettiert werden. Ich muss mich entscheiden, was ich mitnehmen will und was nicht. Ha! Man gebe mir weitere zwölf Stunden pro Tag.

Die Katze, bald dreizehn Jahre, übrigens, geniesst den Kartonberg. Nachts besteigt sie ihn, gurrt, miaut und weckt mich. Mich nimmt ja nur wunder, wie sie das im Toggenburg noch toppen will.

Albträume

Bald sind meine Ferien vorüber. Ich hab soviel geräumt. Das Haus und ich sind uns näher gekommen. Ich kenne nun so viele verborgene Ecken. Ich schätze seine Architektur noch mehr. Es ist, wie man sich in einen ganz besonderen Menschen verliebt. Man spürt plötzlich, wie nahe man sich ist.

Ich sehe mich im Haus, im Garten, am Arbeiten. Ich kanns spüren. Dennoch träume ich nachts von anderen Dingen. Ich verliere es. Ich habe Angst. Ich knirsche mit meinen Zähnen, bis mir der Kiefer weh tut.

Wieder eine Woche meines Lebens vorbei ohne eine Nachricht, zumindest einen Schritt weiter zu sein. Unerträglich. Ich mag nicht unfrei sein. Abhängig vom Urteil anderer Menschen.

Ich sollte einen Fachmann für Schimmel engagieren. Die Werkstatt ist befallen. Doch da nichts mir gehört, werde ich das nicht tun. Ich werde den Müll entsorgen, der mir nicht gehört, Wollknäuel und Spielsachen verschenken, die mir nicht gehören, das Klo putzen, das mir nicht gehört.

Über allem prangt die Angst, dass Omi etwas passieren könnte. Wenn sie stirbt, ist alles nochmals anders. Ich weiss nicht, was schlimmer ist.

Im Traum schleife ich Wände ab. Stundenlang. Ich schraube, ich hämmere, ich male. Wenn ich aufwache, bin ich todmüde. Ich schlafe erneut ein und arbeite weiter. Immer wieder sehe ich mich vor dem Haus. Es ist verschlossen. Ich breite die Arme aus.

Ich muss daran denken, wie ich mit Omi ums Haus herumgetollt bin, als ich noch ein Kind war. Opi stand vor seinem Keller und rauchte. Barri, der Hund hüpfte um Omi herum. Alles blüht. Alle sind glücklich.

Ich wache auf, nicht im Toggenburg, und fühle mich leer. Ich bin nicht zum faul herumliegen gemacht. Also stehe ich auf und mache weiter.