Eine Stunde für mich

Mein Arbeitsweg ist nun doppelt so lange. Ich bin zwischen dreissig und fünfzig Minuten lang unterwegs. Der Weg vom Toggenburg in den Mittelthurgau zieht sich hin. Und das ist gut so.

Ich habe Zeit nur für mich alleine. Ich höre Musik während der Fahrt. Denke über Texte nach. Lerne Texte auswendig. Die Landschaft zieht an mir vorbei.

Die letzte Woche war das Wetter im Toggenburg wunderbar. Blauer Himmel über schneebedeckten Hügeln. Ab Wil hingen die Wolken. Alles grau. Ich kam mir vor, wie wenn ich auf dem Heimweg in die Ferien reiste.

Ich fahre vom Toggenburg in den Thurgau und wundere mich über die Apfelbaumplantagen, die umgestürzten Bäume und die Spuren von Wildtieren im Schnee. Mein neuer Arbeitsweg scheint keine Rübentraktorenstrecke zu sein. Das freut mich sehr.

Mein Arbeitsweg führt der Thur entlang. Ich sehe ihre Schlaufen bei Lütisburg und achte auf den Wasserstand, so wie ich es vorher beim Überqueren der Brücke von Eschikofen tat.

Bei Wil SG fällt mein Blick auf den Säntis. Er leuchtet in den Abendstunden rosa und riesig. Schon als Kind konnte ich von meinem Schlafzimmerfenster auf ihn schauen. Ich stand mit Omi am Fenster und zeigte auf den Berg.

„Da wohnst du“, hab ich gesagt. Und Omi nickte.

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Vom Thurgauer Herbst

Der Thurgauer Herbst fängt an und ich hab das Gefühl, dass ich ihn besonders geniessen muss. Schliesslich werde ich in einem Jahr nicht mehr in dieser Gegend wohnen.

Früher hätte ich nie gedacht, dass ich einmal bereit wäre, von meines Vaters Heimat fortzugehen. Thurgauerin bin ich von Geburt her. Zwar bin ich im Kanton St. Gallen geboren, aber gelebt habe ich fast immer nur hier. Als ich mit 16 in die Romandie fuhr, was ich selber gewählt hatte, verspürte ich schreckliches Heimweh.

Aber nun, mit 37, ist die Sehnsucht nach dem Toggenburg stärker. Ich möchte im Haus wohnen. Der Arbeitsweg ist mir egal. Ich sehne mich nach der Sonne, den Bergen, dem kühlen Wind, der fremden Sprache.

Die Thurgauer Seite meiner Familie hat sich immer etwas lustig über die Toggenburger Seite gemacht. „Sie hät halt en huere Toggäburger Grind“, hiess es. Das bedeutet, dass jemand stur ist und seinen eigenen Weg geht. Den Toggenburgern bleibt ja auch nichts anderes übrig.

Wenn man im Thurtal lebt, ist die offene Landschaft Segen und Fluch zugleich. Der zähe Thurgauer Nebel schlägt aufs Gemüt. Ab September stinkts rund um Frauenfeld nach Zuckerrüben, dass es einem Fremden fast übel wird. Wir hier aber atmen den Duft ein und wissen, bald ist es Winter.

Der Untersee ist nahe und im Sommer wähnt man sich am Meer. Im Toggenburg wohnt man am Fusse des Säntis. Die Berge prangen in der Nähe. Der Schnee ist ab November ein guter Freund. Die Verbindung zwischen Toggenburg und Thurgau ist die Thur. Die Eilende. Hier im Toggenburg oben ist sie wild und bezähmt. Im Thurgau hingegen fliesst sie brav und still vor sich hin. Nur bei Unwettern zeigt sie ihr wahres Gesicht.

Das Haus ist mein Angelpunkt. Es liegt an einem der vielen Zuflüsse der Thur. Omi Paula lebt nur zwei Dörfer weiter. Egal, was passiert, hier oben bin ich den meinen näher. Auf dem Friedhof liegen sie alle und ich möchte mehr als nur die Gräber bepflanzen und wieder in den Nebel zurückkehren. Ich will hier leben.

Er und ich

Der Tag heute auf dem Säntis hat mir gut getan.
Der Säntis und ich – das ist eine Liebesgeschichte sondergleichen.

Von Wängi aus hatte ich als Kind einen guten Blick auf diesen schönen Berg. Auf ihn wollte ich steigen. Manchmal träumte ich vom Sand am Fusse des Berges, den ich berühren wollte.

Zum ersten Mal in meinem Leben stieg ich mit 12 Jahren mit meinem Vater hinauf. Es war gerade ein oder zwei Jahre her, seit meine Hüftgelenke operiert wurden. Der Aufstieg war anstrengend, aber danach hochemotional. Ich kann mich erinnern, dass mein Vater und ich uns auf dem Gipfel oben weinend umarmt haben und er mir sagte, wie stolz er auf mich ist.

Als ich schliesslich Auto fahren konnte, führte meine erste Reise auf die Schwägalp. Den Säntis, den musste ich an diesem schönen Junitag im Jahr 2000 einfach sehen. Später wanderte ich auf den Säntis, wenn ich Liebeskummer hatte. Wenn ich Übersicht brauchte.

Denn die kriegt man hier oben. Ganz egal, ob der Berg umgeben ist von Wolken oder die Sicht bis zum Bodensee oder den Alpen reicht, der Kopf wird klarer. Mindestens einmal im Jahr muss ich rauf und auslüften.

Ich sass heute auf der Gipfelterrasse und dachte nach. Noch vor 10 Jahren stand ich mit Oma hier oben. Wir feierten meinen Geburtstag. Wenn ich ins Tal runterblicke, kann ich in der Ferne sehen, wo Oma jetzt lebt.

Das Toggenburg ist meine andere Heimat. Von hier stammen meine Grosseltern Paula und Walter, meine Urgrosseltern und wahrscheinlich auch meine Ururgrosseltern. Hier oben auf dem Berg scheint alles friedlich und unwichtig. Keine Sorgen, keine Ängste. Dieses Gefühl von Freiheit und Klarheit nehme ich mit in den Thurgau.

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ca 1989 auf dem Säntis

 

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2005 mit Paula auf dem Säntis

 

 

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2014