Rosa und ich

Rosa war meine Urgrossmutter, die einzige, die ich je gekannt habe. Sie war die zweite Frau von Heinrich. Eigentlich war sie meine Stief-Urgrossmutter, doch das war irgendwie nie wichtig.

Rosa, oder „Röös“, wie sie von meinem Opa und meinem Urgrossvater Heinrich genannt wurde, war Ende der 70er Jahre eine alte Frau. Sie war immer noch ein Stück jünger als Heinrich, der damals um die 90 war. Rosa wirkte auf mich so, wie man sich eine Kräuterfrau vorstellte. Ihr Gesicht war faltig. Sie trug manchmal arg strapazierte Kleidung. Sie, war wohl, wenn ich es mit Paula vergleiche, auch in einem Zustand beginnender Demenz, damals.

Jetzt, wo ich Paulas Haus aufräume, das Haus, das einmal Rosa und Heinrich gehört hat, stosse ich überall auf Rosas Spuren. Die Strickmaschinen. Die vielen Schuhe. Bestimmt sind auch noch jede Menge Kleider irgendwo in den Schränken. Den Samowar habe ich schon entsorgt. Jede Menge Andenken an Brandenburg und die Havelmündung stehen herum. Auf Bildern und Negativen blickt mir eine herbe, aber selbstbewusste Frau entgegen.

Ich kenne Rosas Schicksal nicht genau. Fest steht nur, dass sie nach dem Krieg und nach Annas Tod 1947 meinen Urgrossvater geheiratet hat. Bald einmal zogen sie in das Haus. Rosa hatte Kinder, die aber hinter dem eisernen Vorhang aufwuchsen. Es gibt Bilder von ihnen, aber ich weiss nicht mal, wie sie heissen.

Jetzt, mit 36, dreissig Jahre nach ihrem Tod, entdecke ich Rosa ganz neu.
In den letzten Monaten, die Paula in ihrem Haus verbracht hat, war Rosa mehr als präsent. Paula hat mit ihr, der verhassten Schwiegermutter abgerechnet. Der Konflikt zwischen Rosa und Paula hatte kurz vor Rosas Tod fast zu einer Trennung zwischen Paula und Walter geführt.

Paula, gefangen in der Vergangenheit des Hauses, stiess immer wieder von neuem auf Rosas Gegenstände. Für Paula war klar, dass Rosa schuld war an dem Durcheinander, dem Verschwinden wichtiger Dinge und überhaupt an Paulas psychischem Zustand.

Ich schaue Rosas Porträts an und erkenne mich selbst wieder. Wie ich, war auch sie eine Frau, die sich gerne fotographieren liess, die Tiere liebte, ihr Haus einrichtete, gärtnerte, mit ihrem Mann kuschelte, rauchte und schöne Kleider trug.

Heinrich, damals 94, schrie im Frühling 1983 nach seinem Sohn Walter, der ihn und Rosa pflegte. Walter fand Rosa tot am Boden liegend vor. Heinrich überlebte ihren Tod kein Jahr. Aber irgendwie ist Rosa noch heute nicht fort, aus ihrem Haus.

9. August 1925img324   img291img100

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