Manchmal

Morgen ist Opi Walter 21 Jahre tot. Omi ist am Dienstag ein Jahr tot. Ich vermisse meine Grosseltern sehr. Mir fehlen ihre Stimmen, ihre Umarmungen, ihr Geruch.

Omi und Opi haben sehr viel miteinander gestritten. Sie schrien sich an, verfluchten sich, riefen einander wüsteste Schlötterlig nach, die ich so gar nicht mehr wiedergeben kann und will.

Es gab Tage in den Ferien bei den beiden im Toggenburg, wo Omi wütend in die Stube trat und sagte:
Kinder, euer Opa spinnt total! Der hat sie nicht alle.
Dann stampfte sie wieder zurück in den Garten.

Zehn Minuten später trat Opi in die Stube, wo wir spielten und sprach mit der Pfeife im Mund:
Kinder: Eure Omi hat sie nicht alle! Die spinnt echt!
Und dann ging er wieder runter in den Keller in seine Werkstatt und arbeitete weiter.

Heute nachmittag musste ich an einen Dialog denken, den Omi und ich vor vielen Jahren führten. Ich war vielleicht elf oder zwölf Jahre alt:

– Omi, wenn dich Opi so sehr nervt, warum lässt du dich dann nicht scheiden?
– Dein Opi spinnt total. Aber deshalb lasse ich mich doch nicht scheiden.
– Ja, aber wenn er dich nervt?
– Dein Opi spinnt. Dagegen kann man nichts sagen. Aber weisst du was. Ich spinne
auch. Manchmal.

Omi, Opa, wo immer ihr beiden jetzt auch seid: ihr fehlt. ❤

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Café-Liebe

Omi und ich liebten es, uns in Cafés zu treffen.
Ganz egal, ob in Wattwil, Wil, Frauenfeld oder Lichtensteig: ohne einen feinen Kaffee endeten unsere Treffen nie.

Jetzt, wo Omi nicht mehr da ist, spüre ich jedes Mal einen Stich, wenn ich an einem „unserer“ Cafés vorbei gehe. Zwar sind wir fast fünf Jahre nicht mehr miteinander eingekehrt. Trotzdem fühlt es sich seltsam an. Omi fehlt.

Meine erste Lehre machte ich in einer Confiserie als Verkäuferin.
Dieses Geschäft gibt es längst nicht mehr. Auch meine Lehrmeisterin, die nur wenig jünger war als mein Omi, lebt nicht mehr.

Ich glaube, Omi war damals richtig stolz auf mich, dass ich in so einem schönen Geschäft, in weisser Bluse, kurzem schwarzem Rock und gestärktem Schürzchen arbeitete. Ich erinnere mich daran, dass sie mir bei Lehranfang Mamis Service-Schürzchen vorbei brachte.

Meine Liebe zu schönen Dingen, edlem Kitsch und eleganter Damenkleidung habe ich wohl von Omi geerbt. In meinem jetzigen Beruf in der Pflege brauche ich jedoch solche Dinge nicht mehr. Omi hat das nie gestört. Sie fand immer, dass ich mit meiner Arbeit dazu beitrage, dass Menschen ein schöneres Leben haben.

Omi hat dazu beigetragen, dass ich eine schöne Kindheit hatte. Wenn ich in einem Café sitze, denke ich an unsere Erlebnisse zurück. Gerne würde ich noch einmal mit Omi draussen an der Sonne sitzen, eine Schale trinken und über Gott und die Welt diskutieren.

Weihnachten in der Familie

Weihnachten ist für mich das Fest der Familie. Es gibt Geschenke. Gutes Essen. An Weihnachten sind alle Streite geschlichtet, alle haben sich gern.

In meiner Familie ist das nicht anders. Sascha, mein Vater und seine Frau und ich. Wir beschenken uns. Wir essen gemeinsam. Da wir nicht miteinander streiten, gibts auch keine Differenzen zu bereinigen. Es ist einfach friedlich. Für mich ist Weihnachten aber das Fest, wo ich an jene denke, die nicht mehr da sind und die fehlen.

Vor 20 Jahren feierte ich das letzte Mal Weihnachten mit meinem Opa. Am 7. Januar 1997 starb er mit 72 Jahren. Seine freundliche Art, seine Begeisterung für Musik und sein grosses Interesse an Politik und dem Weltgeschehen fehlt mir sehr. Zu gerne würde ich mit ihm darüber sprechen, wie sich die Welt in den 20 Jahren, wo er nicht mehr bei mir ist, verändert hat.

Meine Mutter fehlt mir auch sehr, denn ihre Art Weihnachten zu feiern, hat mich dann doch sehr geprägt. Ihre geschmückten Christbäume waren bunt und mit Schokolade behängt. Sie liebte Geschenke und Deko.

Mit Omi feiere ich im Pflegeheim.
Wobei jetzt alles anders ist als früher. Omi ist oft müde und erkennt mich nicht mehr. Ich kann sie nicht mehr einfach umarmen und küssen, so wie früher. Auch reden können wir nicht mehr miteinander. Ich streichle ihre Hand, so wie ich es früher immer getan habe.

Man hat mir gesagt, im Herzen erkennt sie mich noch. Aber das tröstet mich nicht in meiner Realität. Denn an Weihnachten, wenn sich alle umarmen und glücklich sind, ist mir mein Verlust noch bewusster. Es tut furchtbar weh.

Kraftquellen in der Sterbephase

Als meine Mutter im Pflegeheim lag, ging es mir schlecht. Ich hatte andauernd Angst, mich nicht mehr von ihr verabschieden zu können. Ich war am Ende meiner Kräfte, denn ich musste gleichzeitig auf Druck des Sozialamts auch noch ihre Wohnung räumen. Mir schien, als würde alles über mir zusammenbrechen. Ich allein auf weiter See. Meiner Mutter gegenüber aber durfte ich nicht zeigen, dass ich unsagbar traurig war. Sie mochte es nicht. „Noch bin ich nicht tot“, sagte sie.

Ganz so alleine, wie es sich anfühlte, war ich nicht. Rückblickend waren viele Menschen für mich da. Meine Stiefmutter hörte mir oft zu. Sie kannte meine Mutter ja auch gut und ich hatte das Gefühl, dass sie genau verstand, wie es mir ging. Auch mein Vater war für mich da. Doch ich verspürte Hemmungen, mit ihm über meine Mutter zu sprechen, denn ihre Scheidung war schwierig gewesen.

An meinem Arbeitsplatz konnte ich ebenfalls darüber sprechen, dass meine Mutter bald sterben würde. Das war eine Erleichterung. Ich hatte keine Kraft mehr, Theater zu spielen.

Mit Omi habe ich oft über Mami gesprochen. Omi war sehr traurig, aber auch sehr gefasst. Meine Mutter war ja ihr einziges Kind. Dieses zu verlieren, muss ihr wie ein einziger Hohn vorgekommen sein. Omi tröstete mich und nahm mich in den Arm. Sie sagte: „Wir müssen aufeinander aufpassen. Wir haben nur noch einander.“

Meine Katze war ein sehr grosser Trost für mich.
Meine Mutter wünschte sich so sehr, nochmals mit einer Katze spielen zu dürfen, als sie im Pflegeheim lag. Ich hatte Angst, diesen Wunsch vor den Pflegenden vorzubringen, weil die schlechten Erfahrungen mit den Pflegenden im Kantonsspital Frauenfeld mich ernüchtert hatten. Aber Mami traute sich. Sie fragte einfach: „Darf meine Tochter ihre Katze mitnehmen?“

Am Ende des Lebens scheinen Wünsche schneller in Erfüllung zu gehen. Natürlich durfte die Katze ins Pflegeheim mitkommen. Wir blieben über eine Stunde bei meiner Mutter, die sich riesig freute, ihr weiches Fell zu streicheln und sie mit Keksen zu füttern. Zuhause schliefen die Katze und ich ein. Wir waren erschöpft.

Omi besuchen

Ich habe lange nichts mehr von Omi geschrieben. Das hat aber weniger damit zu tun, dass ich sie nicht sehe, sondern dass es nichts zu erzählen gibt. Zumindest dachte ich das.

Omi schläft viel. Als wir sie das vorletzte Mal besuchen gingen, schlief sie tief und fest.
Sie wirkt zufrieden. Sie liegt auf ihrem Entspannungssessel, derweil der Fernseher läuft. Im Raum dösen noch mehr Menschen. Es herrscht eine friedliche Stimmung im Ruheraum zwischen diesen sehr alten Menschen. Manchmal denke ich daran, was haben sie alles noch zu erzählen haben.
Was habt ihr alles erlebt?
Welche Geschichten werden irgendwann mit euch gemeinsam für immer einschlafen?

Wenn Omi wach ist, reden wir. Sie thront in ihrem Ruhesessel, die Füsse hochgelagert, wie eine sehr alte Königin. Sie begrüsst uns wie früher, wenn wir sie im Haus besuchen kamen. Sie bietet uns Bier und Kaffee an und entschuldigt sich, dass sie keine Guetzli vorrätig hat. Sie gestiert sanft mit den Händen, ohne ihre Beine zu bewegen. Wir küssen uns und ich bemerke, wie sehr sie noch immer Berührungen und Küsschen mag.

Früher sind wir uns manchmal einfach unvermittelt in die Arme gefallen und standen einige Minuten eng umschlungen da. Sie hielt mich fest. Sagte Dinge wie: „Schön, dass du da bist.“ oder „Jetzt bleiben wir einfach so stehen.“

Das tun wir heute nicht mehr. Omi kann ohne Rollator nicht mehr stehen und ich traue mich nicht mehr, sie einfach zu umarmen, denn sie ist sehr zerbrechlich geworden.

Wir reden noch immer, aber unsere Dialoge klingen heute wie Dada-Gedichte. Omi bricht Sätze und Wörter ab. Fügt sie zu neuen Buchstabengebilden zusammen. Ihre Mimik ist noch gleich wie früher. Sie entschuldigt sich jedes Mal, dass sie sich nicht mehr erinnern kann und jedes Mal gibt es mir einen Stich ins Herz.

Vor einigen Tagen durchforstete ich die Fotoschachtel und stiess auf ein Photo, das ich vor bald 25 Jahren gemacht habe. Omi schaut aus dem Küchenfenster. Sie trägt ihren hellblauen Pullover, die schwarzen Haare liegen in Dauerwellen an ihrem Gesicht. Omi lacht und winkt mir zu. Ich muss oft an dieses Bild denken, weil es genau das ausdrückt, was ich empfinde: ein Abschied auf Raten.

Nach 30 Minuten gehen wir jeweils wieder. Länger halte ich es nicht (mehr) aus und längere Besuche machen auch keinen Sinn. Sie hat ihr Leben und ich meines. Wir geben uns Küsschen und ich verspreche ihr jedes Mal, dass ich wieder komme. Jedes Mal versucht sie mich zu überzeugen, doch noch nicht zu gehen. Jedes Mal denke ich daran, dass irgendwann der Tag da ist, wo ich ins Pflegeheim gerufen werde und nur noch ihre körperliche Hülle da ist und Omi verschwunden ist.

„Wie gehts denn so bei der Arbeit?“

Es ist seltsam, Omi an Feiertagen zu besuchen. Gerade an Ostern fehlen mir unsere früheren Zusammenkünfte besonders. An Ostern versteckten Omi und Opa im Garten Osternester und andere Geschenke. Wir Kinder durften durch den erwachenden Garten ums Haus streifen und uns auf die Suche nach geheimnisvollen Dingen machen.

Ich bringe Omi einen kleinen Osterhasen und einen Sack voller Schoko-Eier mit. Sie mag Süsses in kleinen Portionen. Als wir ins Pflegeheim eintreten, sitzt Omi, wie immer im Fernsehzimmer. Sie döst und wirkt auf mich uralt und ein wenig wie eine russische Fürstin.

Omis lange Hände liegen auf der Decke. Die Füsse sind hochgelagert. Omi öffnet ihre Augen und sieht mich verträumt an. „Hallo“, sage ich. „Huhu“, brummelt sie. Sie sieht nicht zufrieden aus.

„Meine Enkelin besucht mich!“ sagt sie so laut, dass das bestimmt alle ihre Sitz- und Dösnachbarinnen mit und ohne Hörgerät mitbekommen.

Wir küssen uns. Ich streichle ihre Hand.
„Darf ich euch was anbieten?“ fragt sie ganz so, als wäre kein Tag zwischen meiner Kindheit und ihrem Umzug ins Heim vergangen. „Einen Kafi? Oder lieber eine Flasche Bier?“
Omi blickt uns amüsiert an.
„Nein danke. Wir hatten schon einen Kaffee. Zudem ist es erst gerade halb elf.“
„So!“ sagt Omi.

Wir reden über den Frühling, wie es Omi geht und wie es uns bei der Arbeit läuft. Bestimmt zum dritten Mal sagt Omi: „Jetzt erzählt mal, wie es euch beruflich so geht.“

Sascha und ich wollen noch essen gehen. Omi meint, sie würde gerne mitkommen. Es drückt mir fast das Herz ab. Ich sage: „Das ist keine gute Idee. Du kannst nur noch mit Rollator laufen. Du könntest stürzen und dich verletzen. Das ist mein absoluter Horror.“

Ich fühle mich mies, in dem Moment, wo ich das sage. Andere Leute schaffen es schliesslich auch, ihre Omas und Opas aus dem Pflegeheim abzuholen und einen lustigen Nachmittag zusammen zu verbringen. Da müsste ich doch das erst recht können.

Doch bevor ich mich weiter in schlechtes Gewissen vertiefe, fragt Omi: „Und, verzell? Wie gehts denn so bei der Arbeit?“

Die zwei Welten

Etwas fällt mir beim Diskutieren mit Menschen, die meinen Blog lesen, immer wieder auf: viele Leser wollen über ihre Ängste vor dem Alter und dem Sterben, dem langsamen Verlust eines geliebten Menschen sprechen oder schreiben. Manchmal scheint es mir, als brächen beim Lesen Dämme. Ich frage mich, warum gerade wir Schweizer derart verhalten mit Emotionen umgehen.

Ich glaube, ich habe damals beim Tod meines kleinen Bruders ein unschätzbares Geschenk mit auf den Weg bekommen: dank Omi Paula habe ich früh gelernt, offen zu trauern. Omi hat mich immer ermutigt, über ihn zu sprechen. Denn nur weil ein Mensch nicht mehr präsent ist, heisst es nicht, dass er nie da war.
So ergeht es mir jetzt mit Omi. Sie lebt. Sie ist demenzkrank und erinnert sich nicht mehr an mich. Ich kann sie nicht mehr einfach anrufen und mit ihr reden. Aber sie ist nicht tot.

Es gibt für mich zwei Welten.
In der einen meiner Welten befinden sich Menschen, die der Meinung sind, man sollte nie zu viel über sich verraten, weil man sich damit verletzlich macht. Ich hab mich gefragt, was an einer Beschreibung einer Demenzerkrankung und meinem Gefühl dabei so intim ist, dass es mich angreifbar machen könnte. Ich finde keine Antwort. Denn nur schon die Tatsache, dass ich meinen Angehörigen auf die Art und Weise verliere, verletzt mich. Gleichzeitig aber fühle ich auch Stärke, weil ich den Verlust aushalte und nicht verzweifle.

In der anderen meiner Welten sind Menschen, die ähnliches wie ich erlebt haben, gerade erleben oder spüren, dass sie ihren Menschen so verlieren werden. Es ist ein Gefühl der Verbundenheit. Wir müssen uns nichts erklären. Jede auch nur denkbare Emotion scheint dem anderen bekannt. Da ist die geteilte Verzweiflung, der Austausch von gemachten Erfahrungen, die Hoffnungslosigkeit, die vielen kleinen Freuden, die Gewissheit, dass man den Weg nicht gemeinsam zu Ende geht. Das ist ein Geschenk. Ich bin dankbar für jede dieser Begegnungen, für die Lebensgeschichten und den geteilten Moment.

Ich mache niemandem einen Vorwurf. Aber manchmal finde ich es schade, dass wir Menschen, die der gesprochenen Sprache mächtig sind, so wenig miteinander über die wirklich wichtigen Dinge im Leben reden. Man könnte sich nämlich trösten. Das Gefühl von Verlust und Trauer ist ein Menschliches, dass sich durch alle Kulturen zieht.

So denke ich an meine Oma, die immer versucht hat, ihre Gefühle in Worte zu kleiden. Dort, wo sie es nicht mehr geschafft hat, weinte sie. Oder sie fluchte. Darin sind wir uns ähnlich und dafür bin ich ihr dankbar.