Gedankensplitter 2006

Vor 12 Jahren um diese Zeit erreichte mich der Anruf meiner Schwester. Sie hatte grosse Angst und ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Sie beschrieb mir, dass sie nicht mehr essen und trinken konnte, dass sie umgeben sei von Menschen, die ihr Schlechtes wollten, die sie vergiften wollten. Sie wollte, dass ich am Heiligabend mich sofort in mein Auto setze, damit ich sie an ihrem Wohnort, 200km von hier, abholen würde.
Ich riet ihr, sich in einer psychiatrischen Ambulanz zu melden, denn ich hatte den Eindruck, dass sie gerade in einer psychotischen Episode steckte.

Ich war damals 29 Jahre alt und grenzte mich ihr gegenüber ab. Ich hatte das Gefühl, dass ich ihr als Einzelperson nicht helfen konnte. Dieses Erlebnis verfolgt mich noch heute, denn manchmal frage ich mich, ob ich irgendwie hätte anders reagieren können. Ob es an dieser Abzweigung des Lebens einen anderen Weg gegeben hätte.

Wenige Tage später lebte meine Schwester in einer psychiatrischen Klinik und ich war gottverdammt erleichtert. Ich war froh, dass sie nicht mehr alleine war, dass sie nun medizinische Hilfe hatte. Ich hatte Hoffnung, dass es ihr bald besser gehen würde und sie bald wieder die alte sein würde.

Das tat es natürlich nicht.
Eine solch schwerwiegende Erkrankung geht nicht einfach weg. Sie braucht Zeit und Sorgfalt. Meine Schwester lebte wieder ausserhalb der Klinik. Ich versuchte, ihr beizustehen, aber das war nicht leicht. Einige Zeit später ging es ihr wieder schlechter und ich wurde von ihrem damaligen Freund gebeten, etwas zu unternehmen, damit sie nicht stirbt. Er hatte Angst, dass sie verhungert, erfriert oder sich suizidiert. Er sagte, wenn ich nichts unternehmen würde, würde sie wohl sterben.

Als grosse Schwester habe ich versucht, ihr zu helfen. Ich unterstützte ihren Freund, damit er sie per FFE wieder in jene psychiatrische Klinik einweisen konnte. Ich wusste nicht, was ich sonst hätte tun sollen. Sie war, nachdem sie es erfuhr, sehr wütend auf mich und lehnte es ab, je wieder mit mir zu sprechen. Aber ich war nur froh, dass sie noch lebte.

Ich weiss auch nach 12 Jahren nicht, was mich all dies hätte lehren sollen. Ich stehe ohnmächtig da, im Wissen, dass ich meiner eigenen Schwester nicht helfen kann, obwohl ich es doch so gerne möchte. Ich bin wütend und traurig und fühle mich nichtsnutzig.

Mir fällt ein Wort meines Opas ein, welches er wenige Tage vor seinem Tod, 1997 an mich gerichtet hat: „Lebe dein Leben.“

Ist das die Antwort aller Antworten?

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Mutters Schulhefte

Als ich noch ein kleines Mädchen war, durfte ich oft bei Omi und Opa in den Ferien sein. Das Haus war mein Paradies. Gemeinsam mit meiner Schwester durfte ich rumtollen, Theater spielen, lesen, schwimmen gehen und – das Haus durchforsten.

Damals erschien mir das Haus wie eine riesige Überraschungstüte. In jedem Schrank fand ich Überbleibsel meiner Urgrosseltern und Erinnerungsstücke an meine Mutter.

Eines Tages zeigte mir Omi die Schulhefte meiner Mutter.
Mir schienen sie wie ein unbekannter Schatz.
Meine Mutter besass eine aussergewöhnliche, volle, breite Schrift. Sie konnte wunderschön zeichnen und ihre Aufsätze faszinierten mich. Sie beschrieb in einfachen Worten ihren Alltag als Teenager im Toggenburg in den 60er Jahren.

Manchmal denke ich heute, wenn ich von jemandem Talent vererbt gekriegt habe, dann von meiner Mutter. Vielleicht trifft es mich auch darum so, dass sie nicht mehr lebt. Sie hätte noch soviel schreiben können.

Die letzten Sätze meiner Mutter stammen aus der Psychiatrie Littenheid. Dort hat sie drei Tage verbracht und mit krakeliger Schrift in ihrem „Psychi-Tagebuch“ beschrieben, wie sinnlos hier das Warten auf den Tod ist. Ich hab ihr Heft behalten, auch wenn ich es nicht lesen kann ohne zu weinen.

Als wir ins Haus zogen, hoffte ich, ich würde Mutters Schulhefte wieder finden. Jede Schublade, jeden Schrank habe ich durchgesehen. Doch ihre beigen Hefte bleiben verschwunden. Einmal noch habe ich Omi danach gefragt. Doch da sie nicht einmal mehr weiss, dass es meine Mutter gab, erinnert sie sich auch nicht an die Hefte.

Ich hege noch immer die Hoffnung, dass ich eines Tages drauf stosse. Es gibt noch ein Estrichabteil, der mit meinem Kinderwagen und Babykleidern gefüllt ist. Vielleicht finden sich Mutter Schulhefte dort. Ich wäre sehr glücklich.

Ein Platz für Uschi

Es war natürlich klar, dass meine Mutter im Spital nicht am richtigen Ort war. Dafür war die Pflege zu teuer und der Nutzen zu klein.
Meine Mutter wurde schliesslich, als sie wieder halbwegs lebendig war, in Absprache mit den betroffenen Abteilungen in die Psychiatrie verfrachtet.

In den Tagen vor dem Transport in die Psychiatrie hatte meine Mutter schreckliche Albträume. Sie rief mich an und sagte: „Ich hab geträumt, dass mich in der Psychiatrie Ratten bei lebendigem Leibe anfressen.“ Meine Mutter hatte nämlich schreckliche Angst vor Mäusen und anderen Nagern. Ich verstand, konnte aber nur wenig tun. Die Pflegemaschinerie war ins Rollen geraten.

Wider Erwarten gefiel es ihr.
Die Psychiatrische Klinik, in der sie nun lebte, führte ein ausgezeichnetes Aktivierungsprogramm. Uschi war glücklich, Sie konnte stricken, häkeln und keiner verbot ihr, Kreuzworträtselzeitschriften auf die Tischplatte zu kleben. Im Gegenteil.

Ich war allerdings etwas erstaunt, als meine Mutter mir erzählte, dass sie in einer Gruppentherapie war. Jahrelang hatte sie Therapien umgangen. Besonders die Gesprächstherapie lag ihr gar nicht. Doch dann meinte sie: „Weisst du, es ist schon komisch. Da bin ich am Sterben und ich sitze mit 20jährigen, die noch ihr ganzes Leben vor sich haben da und rede darüber, dass ich getrunken habe.“

Als ich sie besuchte, wurde ich von einem Arzt abgefangen. Der führte mich in ein Büro, wo er mich ausfragte. Er wollte wissen, ob ich begriffen hatte, dass sie stirbt. Das hatte ich natürlich. Ich war ja nicht doof. Dann fragte er mich unverhohlen, ob auch ich alkoholkrank sei, denn schliesslich sei ich als Tochter besonders in Gefahr.

Da wurde ich wirklich wütend.
Ich fand es unverschämt, in dieser Situation zu so einer Kackscheisse befragt zu werden. Ich antwortete ihm barsch, dass ich schon als Kind begriffen hatte, was los war und ihr geholfen hatte, die morgendliche Kotze wegzuwischen. Dieser Arzt hatte keine Ahnung von meinem Leben. Ich verliess sein Büro.

zwei Tage später erlitt meine Mutter einen Infekt und musste zurück ins Spital gebracht werden. Ich war darüber nicht unglücklich.

meine schwester und ich teil 2

Während meine Schwester in der psychiatrischen Klinik war und an sich arbeitete, wurde die eine Katze krank. Flüss hatte Brustkrebs. Da ich mich verantwortlich fühlte, versuchte ich alles, damit die Katze wieder gesund würde. Ohne Erfolg.

Ein halbes Jahr später kam meine Schwester bei uns zuhause vorbei und holte ihre Katzen ab. Von den finanziellen Dingen haben wir nicht gesprochen. Es war ganz klar für sie, dass ich, als Frau mit einem Job, diese Angelegenheit bezahlen würde und nicht sie.

Einige Monate später wurde die Katze erneut krank. Diesmal hatte sie deutlich weniger Glück. Meine Schwester weigerte sich, das Tier von seinem Leiden zu erlösen. Ich war sauer.

2007 wurde unsere Mutter schwer krank. Obwohl meine Schwester arbeitslos war, schien es ganz klar, dass ich für die Mutter zu sorgen hatte.

Dies habe ich getan. Bis zu letzten Minute. Über die Demütigungen der Mitarbeiter des Sozialamts Frauenfeld schweige ich. Die Beerdigung meiner Mutter habe ich selber bezahlt. Auch den Grabstein. Ich wollte nicht, dass meine Mutter ein schiefes Kreuz über ihrer Urne erhielt.

Meine Schwester kam nicht einmal zur Beisetzung, obwohl Paula, Tante Hadi und ich sie sie mehrere Male telephonisch angefleht hatten.
Als einige Monate später klar war, dass ein kleines Erbe existierte, von dem wir beide profitierten, meldete sich meine Schwester, wie wenn nichts passiert wäre.

Mein Fazit ist nur auf den ersten Blick emotionslos: ich bin ernüchtert.

Ich habe meine Mutter bis zur Sekunde ihres Todes begleitet, ihre Beerdigung bezahlt und auch ihren Grabstein. Meine Schwester enthielt sich aller Verantwortung. Dasselbe wird mir nun beim Sterben meiner Grossmutter blühen. Zwar will und könnte ich ihr Haus kaufen, um mich selbständig zu machen und das Erbe meiner Familie zu retten. Doch zuerst werde ich meiner Schwester, bzw. dem Sozialamt des Kantons Freiburg einen Beitrag bezahlen müssen.

Dies bringt mich an den Rand meiner finanziellen Möglichkeiten, obwohl ich immer Vollzeit gearbeitet habe, nie arbeitslos und selten krank war. Es ist ungerecht. Ich werde das Haus meiner Kindheit verlieren. Ich verliere meine Grossmutter, für die ich seit 1997 gesorgt habe.

Es verletzt mich zutiefst.

Meine Schwester und ich, das ist eine schwierige Geschichte. Teil 1

Wir verstehen uns nicht besonders.
Wir sind uns fremd. In den letzten 15 Jahren haben wir uns keine 5 Mal gesehen.

2006 rief sie mich an Weihnachten an. Sie erzählte mir panikhaft, dass sie von jemandem missbraucht würde. Ich war geschockt. Ich riet ihr, sich sofort an die Polizei zu wenden. Sie meinte, das ginge nicht, weil „sie“ auch dort unter der Polizei zu finden wären. Meine Schwester reagierte heftig. Sie bat mich, sie sofort in Fribourg abzuholen und sie und ihre Katzen zu retten.

Dies habe ich nicht getan. Ich habe sie nicht gerettet. Ich riet ihr zum Eintritt in die psychiatrische Klinik. Das machte sie sehr wütend.

Einen Tag später rief mich ein Arzt an, der mir mitteilte, dass meine Schwester seine Patientin war und sie Hilfe brauchte. Er erzählte mir in kurzen Worten, dass sie stark abgemagert vor ihm stand. Sie litt unter einem Verfolgungswahn, konnte praktisch nichts mehr zu sich nehmen.
Der Arzt meinte daraufhin, ich müsse dies den Eltern mitteilen. Das habe ich getan. Meine Eltern waren total geschockt. Mein Vater und auch meine Mutter weinten am Telephon. Ich habe sie niemals zuvor so erlebt.

Dann rief mich ihre Freundin aus Bern an. Sie erzählte mir, dass sie Bambü und Flüss, die beiden alten Katzen meiner Schwester, bei sich aufgenommen hatte und sie ins Tierheim geben würde, wenn ich sie nicht sofort abholen würde.

In der Weihnachtsnacht 2006 bekam ich auf der Brücke zwischen Pfäffikon und Rapperswil einen Suizid mit. Vor meinen Augen stürzte sich ein Mann vor mir in den See. Das hat mich tief erschüttert.

Nach jener Nacht mit wenig Schlaf, vielen polizeilichen Befragungen und vielen Albträumen, fuhr ich mit meinem damaligen Freund nach Bern um die Katzen meiner Schwester zu holen.

Jeden Tag habe ich daraufhin mit meiner Schwester telephoniert. Sie war so sehr traurig. Sie erzählte mir von ihrer eigenen Trauer, die ich bis dahin nie wahrgenommen hatte. Ich hätte sie so gerne in den Arm genommen. Aber das ging nicht.

Selbst als ich sie Wochen später besuchte, waren wir uns fremd geworden, Unsere gemeinsame Kindheit war verschwunden.