Grosswerden

„Irgendwann wirst du gross werden“, pflegten meine Eltern zu sagen.
Da war ich noch ein Kind und konnte es mir nicht vorstellen, wie es ist, kein Kind mehr zu sein.

Das Schlimmste, was ich mir damals vorstellen konnte, war, meine Eltern oder meine Grosseltern zu verlieren. Ich dachte: Das ist das Ende der Welt. Du wirst nie mehr aufhören können zu weinen.

Ich dachte, wenn der Tod meines kleinen Bruders schon so schrecklich war, und der hat ja nur drei Tage lang gelebt, wird es noch viel schlimmer werden, wenn meine Eltern nicht mehr da sind.

Ich war 19, als Opi starb. Das war schlimm.
Mit 30 verlor ich meine Mutter. Das war sehr schlimm.
Ich war 39, als Omi starb. Das war schlimm, aber auch ok.

Die eigenen Eltern leiden und altern zu sehen, ist schrecklich. Man fühlt sich ohnmächtig. Es gibt wenig Trost und schon gar keine guten Ratschläge.
Zuhören ist eine Sache, die man tun kann.
Das Leiden aushalten eine andere.

Manchmal denke ich: Es ist schon sehr spannend, warum ich diesen meinen Beruf, den ich seit bald 20 Jahren ausübe, gewählt habe. Mein Vater sagte oft, dass eine körperliche Behinderung eines eigenen Kindes für ihn ganz schlimme Sache sei.

Ich bin diesbezüglich nicht abgestumpft, sondern pragmatisch geworden.
Ich tue, was ich kann für meine betreuten Menschen. Meine Kenntnisse, die beileibe nicht grossartig sind, helfen mir bei der Bewältigung des gemeinsamen Alltags. Ich schätze die Erfahrungen, die ich täglich mache und ich kann sagen, dass sie mich glücklich machen.

In der Begegnung in der eigenen Familie ist das anders.
Leiden macht mich unglücklich und ich spüre meine Ohnmacht sehr.
Ich will helfen und trösten und etwas tun, damit alles wieder gut wird.
In diesen Beziehungen bin ich noch immer kindlich und wünschte mir, ich könnte mit einem Kuss oder Trösten Tränen und Leiden wegwischen. Und der Spruch „Blut ist dicker als Wasser“ ist zwar doof, aber leider stimmt er.

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Vergessen

Omi ist jetzt fast fünf Monate tot. Es erscheint mir, als wäre es gestern oder nie passiert.

Ich sitze in Omis Garten, während ich dies schreibe. Der Wunsch, dass sie jetzt neben mir sitzt, so wie damals, als wir Foto für Foto aus der Familienkiste besprochen haben, ist riesig. Das wird sie nie mehr tun. Die Bank, auf der wir vor bald 20 Jahren gemeinsam sassen, ist längst verrottet und steht auf unserer Wiese.

Noch vor einem Jahr war sie im Pflegeheim und ich habe sie besucht.
Ich war nicht jeden Tag da. Auch nicht wöchentlich.
Es ist viel eher so, dass ein Pflegeheim seine eigenen Abläufe und Gesetze hat.
Es war immer jemand für Omi da.

Omi schloss ihre Pflegenden ins Herz und trotz aller Trauer meinerseits
tat mir das gut.

Es war sehr schmerzhaft, den eigenen Namen und die Geschichte in ihren Augen zu verlieren, gerade weil sie mich immer so sehr geliebt hat.
Aber all das hatte auch etwas Gutes.
Man ist austauschbar.
Ihre Gefühle für andere Menschen waren nicht mehr nur auf mich konzentriert.

Es hat mich immer sehr gefreut, wen sie mochte.
Das waren immer Frauen, mit denen auch ich sehr gut auskam. Die ich für besonders fähig und gut hielt. Es hat mich sehr gefreut, dass einige von ihnen an Omis Beerdigung kamen.

Einerseits war es schön, dass sie andere Menschen an sich heranliess, sie mochte und mit ihnen Beziehungen aufbaute.
Aber es tat mir immer wieder sehr weh, dass sie mich einfach vergessen hatte, so als wäre ich nicht fast vierzig Jahre an ihrer Seite gewesen.

„Lass los“, dachte ich mehr als einmal

Silvester 2016

Als um halb vier heute nachmittag das Telefon klingelt, weiss ich genau, dass das nicht gut ist. Ich erkannte die Nummer des Pflegeheims und erwartete das Schlimmste.

Omi geht es sehr schlecht. Sie hat Fieber. Schmerzen. Mag nicht aufstehen. Nicht essen.
Die Pflegende hat Omi gesagt, dass sie mich anruft. Also mache ich mich auf ins Pflegeheim.

Der Gang ins Pflegeheim ist mir wohlbekannt. Ich bin, im Gegensatz zu 2007, als Mami im Pflegeheim lebte, nicht mehr voller Angst, wenn ich das Haus betrete. Mittlerweile kenne ich Omis Pflegeheim gut, bin gerne da und fühle mich fast wohl dort. Aber ich habe Angst, als ich Omis Zimmer betrete.

Omi hat sich sehr verändert. Man sieht ihr das Alter an. Sie ist ein sehr alter Mensch geworden. Sie ist dünn, wirkt zerbrechlich und ihre Hände gleichen zartem Holz, das von Adern wie Ranken durchzogen ist. Ihr Anblick erschreckt mich nicht so sehr wie jener von Mami, als ich sie damals vor bald 10 Jahren sterbend im Pflegeheim angetroffen hatte.

Omi liegt auf der Seite, den Blick an die Wand geheftet, wo Mamis Kinderfoto hängt. Ich begrüsse sie, doch Omi reagiert nicht. Ohne dass ich es will oder verhindern kann, laufen mir die Tränen herunter. Ich spüre eine unglaubliche Traurigkeit in meinem Körper.

Ich setze mich zu Omi hin, berühre sie sanft, fühle mich aber nur wie ein Fremdkörper.
Tausend Bilder fahren durch meinen Kopf. Vor zehn Jahren sassen Omi und ich genauso an Mamis Sterbebett. Ich streichle Omis grauweisses Haar und flüstere.

Ich sage ihr „Omi, ich hab dich sehr gerne.“ Meine Tränen laufen weiter.
Omi dreht sich leicht um, den Blick langsam auf mich richtend.
„Ich hab dich auch lieb.“
Ich kann Omi nicht mal umarmen, weil sie so zerbrechlich ist.

Die Pflegende kommt herein, schaut kurz zu Omi und meint dann, dass Omi den ganzen Tag nicht so fit ausgesehen hat wie jetzt, als ich da bin. Sie streichelt Omi liebevoll und geht wieder.

Ich setze mich an Omis Seite und streichle ihre Hand.
Omi spricht nicht, aber sie hält ganz sanft meine Hand.
Wieder läuft die Musigwälle, wie damals als meine Mutter starb. Ich ertrags nicht.

Ich lege mein Smartphone neben Omi und suche auf youtube Omis Lieblingslieder „Oma so lieb“ und „Mamatschi„.

Wir halten, während die Musik läuft, die Hände und ich kämpfe gegen die Tränen. Als die Lieder fertig sind, sage ich ihr nochmals, wie gerne ich sie habe. Sie lächelt mich an und ich hoffe, dass ich ihr eine kleine Freude gemacht habe. Ich wünsche Omi ein gutes neues Jahr und streichle zart über ihre Hände und ihr Haar, gebe ihr einen Kuss auf die Wange.

Ich bin ruhig, als wir gehen. Was soll ich sagen? Dass ich traurig bin, weil ich Omi nicht verlieren will. Nicht jetzt. Nicht heute. Eigentlich gar nie.

Sascha und ich laufen zu Fuss nach Hause. Es ist kalt draussen. Der Himmel ist klar. Die Luft riecht nach Wald und Bergen.
Alles wird gut.

Diese eine letzte Nacht

Sie hatte es wieder getan.
Sie wollte wieder einmal nicht mehr leben. Dabei war es noch nicht mal September.
Der Auslöser für ihren Entscheid war schnell gefunden.
Es gab tausend Gründe: sie wollte nicht mehr leben.
Sie hatte Tabletten genommen. Ich weiss nicht mal welche.
Es ging ihr himmeltraurig. Sie weinte. Sie schrie. Sie kotzte.

Ich versteckte mich mit meiner kleinen Schwester unter der Bettdecke.
Hielt ihr die Ohren zu.
Meine Schwester sollte ihre Schreie nicht hören. Aber wir wussten beide, es ging um alles.
Ohne Mutter würden wir hier nicht mehr länger leben können.

Der Arzt kam. Kümmerte sich um unsere Mutter.
Die Tränen. Ihre Stimme. Ihre Verzweiflung.

Ich wusste, irgendwann würde es so nicht mehr weiter gehen. Ich war vielleicht zwölf Jahre alt.

Irgendwann kriegt man ein Gefühl für die Gefühle anderer Menschen. Man spürt genau, wie weit man gehen kann und wo man helfen muss. Als Erwachsener lernt man das in einer Ausbildung. Ich hab das schon als Kind gekonnt.

20 Jahre nach dieser Episode sitze ich an ihrem Sterbebett. Ich bin erstaunt, dass sie es so weit geschafft hat. Dass sie noch immer lebt und an ihrem Leben so festhält, obwohl sie es doch jahrelang riskiert hat. Ich sitze da und weiss ganz sicher, dass sie gehen wird. Diese Klarheit ist seh viel klarer als in meinen Kindertagen, denn ich sehe ich ihre Gesichtsfarbe, messe ihren Puls und achte auf ihre Atmung.

Als meine Mutter stirbt, bin ich traurig. Aber ich bin auch erleichtert, dass diese Angst nach fast 30 Jahren ihr Ende gefunden hat.

„Wie gehts denn so bei der Arbeit?“

Es ist seltsam, Omi an Feiertagen zu besuchen. Gerade an Ostern fehlen mir unsere früheren Zusammenkünfte besonders. An Ostern versteckten Omi und Opa im Garten Osternester und andere Geschenke. Wir Kinder durften durch den erwachenden Garten ums Haus streifen und uns auf die Suche nach geheimnisvollen Dingen machen.

Ich bringe Omi einen kleinen Osterhasen und einen Sack voller Schoko-Eier mit. Sie mag Süsses in kleinen Portionen. Als wir ins Pflegeheim eintreten, sitzt Omi, wie immer im Fernsehzimmer. Sie döst und wirkt auf mich uralt und ein wenig wie eine russische Fürstin.

Omis lange Hände liegen auf der Decke. Die Füsse sind hochgelagert. Omi öffnet ihre Augen und sieht mich verträumt an. „Hallo“, sage ich. „Huhu“, brummelt sie. Sie sieht nicht zufrieden aus.

„Meine Enkelin besucht mich!“ sagt sie so laut, dass das bestimmt alle ihre Sitz- und Dösnachbarinnen mit und ohne Hörgerät mitbekommen.

Wir küssen uns. Ich streichle ihre Hand.
„Darf ich euch was anbieten?“ fragt sie ganz so, als wäre kein Tag zwischen meiner Kindheit und ihrem Umzug ins Heim vergangen. „Einen Kafi? Oder lieber eine Flasche Bier?“
Omi blickt uns amüsiert an.
„Nein danke. Wir hatten schon einen Kaffee. Zudem ist es erst gerade halb elf.“
„So!“ sagt Omi.

Wir reden über den Frühling, wie es Omi geht und wie es uns bei der Arbeit läuft. Bestimmt zum dritten Mal sagt Omi: „Jetzt erzählt mal, wie es euch beruflich so geht.“

Sascha und ich wollen noch essen gehen. Omi meint, sie würde gerne mitkommen. Es drückt mir fast das Herz ab. Ich sage: „Das ist keine gute Idee. Du kannst nur noch mit Rollator laufen. Du könntest stürzen und dich verletzen. Das ist mein absoluter Horror.“

Ich fühle mich mies, in dem Moment, wo ich das sage. Andere Leute schaffen es schliesslich auch, ihre Omas und Opas aus dem Pflegeheim abzuholen und einen lustigen Nachmittag zusammen zu verbringen. Da müsste ich doch das erst recht können.

Doch bevor ich mich weiter in schlechtes Gewissen vertiefe, fragt Omi: „Und, verzell? Wie gehts denn so bei der Arbeit?“

Schön, dass du da bist!

Es ist Samstag. Samstag ist Omi-Tag, wenn ich frei habe.
Wir kaufen ein, hetzen von Geschäft zu Geschäft. Das Vorweihnachts-Theater lässt mich kalt. Aber im Gegensatz zu Frauenfeld, ist die Wattwiler Migros ein Ort der Ruhe und des Friedens.

Dann fahren wir zu Omis Pflegeheim. Auf den nahen Hügeln liegt Schnee. Das Heim aber strahlt Wärme aus. Wir treten ein. Nach über drei Jahren fühle ich mich hier schon fast zuhause.

Omi sitzt auf ihrem roten Sessel im Fernsehzimmer, vor sich den befüllten und dekorierten Rollator. Sie sitzt aufrecht da mit geschlossenen Augen. Ich grüsse sie sanft. Sie scheint nicht zu schlafen, denn sie schreckt nicht auf. Sie sagt, ohne die Augen zu öffnen: „Schön bist du da.“

Das ist erstaunlich, denn sie kennt mich ja nicht mehr. Ich setze mich neben sie. Auf dem Stuhl neben ihr sitzt eine andere, sehr alte Dame, die friedlich gekrümmt döst. Ein Ort der Ruhe und der Entspannung, denke ich.

Omi hat inzwischen ein Auge geöffnet. Sie jammert ein wenig. Ihr linkes Auge geht nicht richtig auf. Es sieht leicht entzündet aus. Aber da Omi sich nicht erinnern kann, kann sie mir auch nicht erklären, was passiert ist.

Wir reden über dies und das. Einkaufen. Weihnachten. Omi nickt eifrig und antwortet in Sätzen. Sie erzählt vom Hans, der sie grad noch besuchen kam. Hans ist vor vielen Jahren gestorben. Er war ihr Lieblingsbruder. Ich sage: „Den Hans hattest du sehr gerne.“ Omi nickt strahlend und es scheint mir, als wäre es die richtige Antwort gewesen.

Einige Zeit später kommt eine Pflegende ins Zimmer und bietet den alten Menschen Tee an. Sie tut dies auf ruhige und sehr liebevolle Art und ich spüre ihre Wärme und ihre Freude an der Arbeit. Ich frage sie nach Omis Auge. Sie holt eine andere Pflegende.

Diese erklärt mir dann sehr freundlich, was los ist. Omi hat offenbar eine kleine Verletzung am Auge und kriegt seit einigen Tagen Antibiotika-Salbe. Gestern sahs noch schlimmer aus. Aber weil Omi die ganze Zeit in ihrem Auge herumreibt, geht die Besserung halt langsamer vonstatten. Dafür kriegt sie dann eine Piratenklappe. Ha!

Omi sitzt grinsend da, zeigt auf mich und meint: „Das ist meine Schwester.“ Ich lache.
Die Pflegende lacht auch und geht wieder weiter. Da meint Omi: „Ich muss mal.“
Ich möchte jemanden holen, der ihr hilft. Aber Omi winkt ab.
„Ich kann das alleine.“

„Genau. Einäugig. Mit Rollator. Nee. Ich geh dann mal jemanden suchen.“

Einige Augenblicke später habe ich eine andere Pflegende rufen können. Sie kommt sofort zu Omi und hilft ihr. Sie zeigt auf das Buch in Omis Rollator und sagt:
„Ich habs gelesen. Ich kann Ihre Oma jetzt viel besser verstehen. Abends lesen wir manchmal daraus vor und sie erinnert sich wieder.“

Die Frau ahnt nicht, welche Freude sie mir mit diesen Worten gemacht hat. Ich würde sie am liebsten umarmen. Stattdessen bedanke ich mich bei ihr, verabschiede mich bei Omi und gehe mit Tränen in den Augen wieder aus dem Haus heraus.

Demenz vs. Spitalpflege

Omi Paula ist inzwischen wieder aus dem Spital X. entlassen worden. Ich bin nicht unglücklich darüber.

Nein. Mehr als einmal wurde mir in den letzten Wochen bewusst, wie sehr ich die Arbeit der ausgebildeten Fachfrauen im Pflegeheim schätze. Dort ist meine Oma zuhause. Dort wird sie so angenommen wie sie ist. Wenn sie was sucht oder nicht mehr findet, nimmt man sie ernst und hilft ihr.

Aus eigener (Ausbildungs-)Erfahrung weiss ich natürlich, dass Spital (ambulante Pflege) und Pflegeheim (stationäre Pflege) zwei unterschiedliche Welten sind. Menschen wie Demenzkranke sind da – sorry – Störenfriede im Alltag.

Meine einzelnen Begegnungen mit den Pflegenden des Spitals waren mehrheitlich positiv. Dennoch stossen mir die negativen Erlebnisse umso mehr auf. Ich bin nachdenklich.