lebendig trauern.

Als ich anfing, den Paulablog zu schreiben, war ich verzweifelt. Das bin ich heute nicht mehr. Ich fand damals keinen Ausdruck für meine Trauer. Wie kann ich denn um einen Menschen trauern, den ich gerade verliere, aber der noch lebt?

Meine Oma ist mir der liebste Mensch. Sie hat mich geprägt, mich immer geliebt und unterstützt. Ich dachte, es wäre kein Problem für mich, auch immer für sie da zu sein. Das war ein Trugschluss.

Wenn ein Mensch demenzkrank wird, so lebt er zwar noch. Aber ganz viele Anteile seiner Persönlichkeit verändern sich. Meine Oma konnte beispielsweise immer wunderbare Geschichten erzählen. Das kann sie heute nicht mehr, oder zumindest anders.

Als meine Oma noch in ihrem Haus lebte, befand sie sich tatsächlich in ihrer eigenen Welt. Ich hatte zwar Zutritt, aber ich verstand vieles nicht. Nichtsdestotrotz akzeptierte ich ihre Entscheidung und ihren Wunsch, so lange als möglich in ihrem Haus zu leben.

Mehr als einmal hatte ich Angst, dass ihr was passiert. Dass sie stürzt, überfallen oder ausgeraubt wird. Es gibt nämlich derart kranke Arschlöcher, die Menschen wie meine Oma bestehlen, belügen und manchmal sogar verletzen. Ich schlief selten gut. Aber hätte ich sie deswegen zwingen sollen, dass sie aus ihrem geliebten Haus auszieht?

Das Zeitgefühl ging ihr ebenfalls flöten. Manchmal wusste sie nicht mehr, dass ich sie am Tag zuvor angerufen hatte und wurde wütend auf mich, weil ich mich nicht dann gemeldet hatte, wenn sie es erwartete.

Die dauernde Herausforderung und Belastungsprobe, was die Liebe betrifft, hat mich schlussendlich fast zerfleischt. Von dem Menschen, dem man sehr nahe steht in dieser Phase dauernd zu hören: „du hast mich nicht mehr gern. Dir wäre lieber, ich wäre tot“, zerstört einen unaufhaltsam.

Ich bin sehr froh, dass diese Phase vorbei ist. Jetzt bin ich nicht mehr die treulose Enkelin, sondern die freundliche Frau, die vielleicht Tante Hadj sein könnte. Ich habe kein Gesicht mehr, nur noch eine Stimme und meine Hände.

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Paula redet sich raus.

Paula ist der mit Abstand höflichste Mensch, den ich kenne. Sie ist immer freundlich und sehr charmant. Halt so, wie man sich seine 84jährige Oma vorstellt.

Paula war schon immer so. Charmant. Freundlich.
Das hat sie im Verkauf gelernt. Sie war viele Jahre Kioskfrau. Diesen Beruf hat sie über alles geliebt. Sie liebte es, Zeitschriften genau einzusortieren, Zigaretten einzufüllen und Süssigkeiten in die Auslage zu legen. Ich bin mir sicher, dass ich diese Interessen, die Genauigkeit in kleinsten Dingen, von ihr habe.

Doch wie oft habe ich mich über sie geärgert, wenn eine Verkäuferin nicht nett war mit ihr?
Mehr als einmal hab ich zu ihr gesagt: „Omi! Wehr dich!! Lass dir nicht alles gefallen.“
Doch Paula lächelt sanft.

Leider habe ich ihre charmante Höflichkeit nicht geerbt. Im Gegensatz zu ihr kann ich nicht in jeder Lebenslage lächeln und Leute, die mich ärgern, kriegen meine kalte Schulter zu spüren oder einen Tritt in den Hintern.

Aber Paula, die ist anders. Paula kann lächeln.
Allerdings kriegt diese Eigenschaft, diese praktische Fassade, in ihrer Demenz Risse.
Paula ist noch immer freundlich.
Doch nun nutzt sie die Freundlichkeit zu 100% für sich.
Theaternachmittag im Alterszentrum?
Paula sagt charmant: Danke. Da komm ich doch gern.
Zwei Tage später meint sie, weniger charmant: ich bekomme Besuch.
Ich räume mein Zimmer auf.
Ich muss die Katze meiner Zimmernachbarin füttern.
Und dann, in einem Nebensatz: „Es scheisst mich an. Da geh ich nicht hin.“

Paula lächelt.
Alles ist gut.