Feiertagslaune

Seit einigen Jahren pflegen wir in unserer kleinen Familie die Tradition, an hohen Feiertagen nicht zuhause zu kochen, sondern gemeinsam in ein Restaurant zu gehen und uns dort verwöhnen zu lassen.

Das war nicht immer so. Als ich noch ein kleines Mädchen war, verbrachten meine Eltern, meine Schwester und ich Ostern und Weihnachten jeweils bei Omi Paula und Opa Walter. Dazu muss man sagen, dass das Haus im Winter jeweils sehr zugig und kalt war. Ich erinnere mich an doppelte Vorfenster, die aber auch nicht viel mehr zu einer erträglichen Raumtemperatur beigetragen hätten.

Omi kochte jeweils ihr wunderbares Voressen mit Muschelteigwaren. Es gab Rimuss für uns Kinder und Wein für die Erwachsenen. Das war meiner Erinnerung nach das einzige Rezept, das meine Omi für mehrere Personen kochen konnte. Tiefkühlprodukte wollte sie nicht servieren, obwohl sie diese für sich und Opi täglich zubereitete. Irgendwann tauchte dann Raclette auf dem Weihnachtessentisch auf, ich ass mit neun Jahren zum ersten Mal geschmolzenen Käse, und das blieb dann auch einige Jahre so.

Ich weiss nicht, auf wessen Initiative jener erste Restaurantbesuch stattfand, ich nahm an, mein Vater hat sich durchgesetzt, weil es ihm einfach zu kalt im Haus war. Wir fuhren alle gemeinsam nach Neu St. Johann ins Restaurant „Zur Mauer“, wo damals Mamis Schulfreundin und ihr Mann wirteten. Ich erinnere mich noch gut an die allgemein aufgeheizte Stimmung: Mein Opa, bereits leicht angeheitert, wünschte sich ein „Steak“. Er sprach es aber absichtlich als „Stick“ aus, was meinen Vater auf die Palme brachte. Ich nehme an, mein Opa hat das nur gemacht, um seinen Schwiegersohn zu ärgern.

Als ich von zuhause auszog, verbrachte ich die Feiertage unregelmässig bei den Eltern oder Omi. Rückblickend hat mich das damals etwas entwurzelt. Wenn ich meinen Freunden jeweils zuhörte, wenn sie über ihren „Familienschlauch“ schnödeten, machte mich das neidisch. Ich hätte auch gerne eine mehr oder weniger grosse Familie gehabt.

Nach der Scheidung ging ich ein paar Mal mit meiner Mutter zu Omi. Das jedoch war keine lustige Erfahrung: Opi war inzwischen gestorben und meine Mutter und Omi hatten das Heu nicht immer auf der gleichen Bühne. Und weil es auf Omis Tisch keinen Wein mehr gab, trug das nicht zur guten Laune meiner alkoholkranken Mutter bei.

Irgendwann brachten meine Vater und seine Frau unsere alte Tradition des Auswärtsessens wieder auf: nun fuhren wir gemeinsam nach Lichtensteig, holten Omi ab und tuckerten in Richtung Krinau.

Dort steht nämlich das wunderbare, schöne alte Restaurant „Rössli“. Es ist der Mittelpunkt des idyllischen Dörfchens. Ich weiss nicht mal mehr, warum meine Eltern genau dieses Restaurant aussuchten. Ich muss sie mal fragen…

Die nächsten Jahre verbrachten wir das Weihnachts- und oft auch das Osteressen in diesem Restaurant. Omi genoss es, mit einem wunderbaren Mahl verwöhnt zu werden, auch wenn sie jedes Mal zu Anfang beteuerte, sie hätte gar nicht viel Hunger. Sie ass den Teller genüsslich leer.

Mit den Jahren wurde das Familienessen für Omi beschwerlicher. Zwar war ihre Demenz nicht vorherrschend, aber sie fühlte sich unwohl unter Menschen, hatte Angst, sich zu blamieren und konnte nur schwer ihr geliebtes Haus verlassen. Im Restaurant war dann alles wieder gut und sie konnte es im Kreise der Familie geniessen.

2010 assen wir zum letzten Mal mit Omi im Restaurant. 2011 wohnte sie noch in ihrem Haus, weigerte sich aber, zum Auswärtsessen mitzukommen. Ab 2012 lebte sie im Pflegeheim und die Fahrt wäre für sie mit ihrer Gehbehinderung eine Tortur gewesen. Stattdessen genossen wir nun mit ihr die Weihnachtsanlässe im Pflegeheim.

Heute fahren wir (die überlebende Familie Debrunner) wieder ins Rössli Krinau. Wir fühlen uns dort sehr wohl, weil wir so viele schöne Anlässe dort erlebt haben. Auch Omis Beerdigungsessen im Januar 2017 fand dort statt. Ich bin noch immer froh darüber, denn ich konnte in diesen traurigen Momenten diesen schönen Ort mit Familie und lieben Freunden teilen.

Was unsere Familie die nächsten Jahre erwarten wird, weiss ich nicht. Aber ich weiss ganz sicher, so lange wir die hohen Feiertage, die Geburtstage gemeinsam verbringen, kommt alles gut. ❤

Ich wünsche euch allen ein schönes Osterfest!

Osterfest

Ich mag Ostern aus vielerlei Gründen. Als Kind hatte ich Angst vor dem am Kreuz hängenden Jesus. Ich konnte mir nicht vorstellen, warum jemand einem Menschen sowas antut. Heute sehe ich da schon etwas klarer.

Ostern im Haus bedeutete für mich immer das Einläuten des Frühlings. Diese Jahreszeit liebe ich über alles. Ich kann es kaum erwarten, dass der Schnee schmilzt und die ersten Osterglocken, Narzissen und Schneeglöckchen ihre Köpfchen aus der Erde strecken.

Früher kochte Omi für uns alle und ich frage mich, wie sie es geschafft hat, dass so viele Menschen in die Küche passten und immer noch mehr Platz vorhanden war als heute. Das Essen war einfach; es gab Voressen mit Rüebli, weichgekochte Müscheli-Teigwaren, die auch Opa beissen konnte und am Schluss einen Glacéblock aus Schokolade. Für uns Kinder war dieses Essen ein Höhepunkt, besonders darum, weil wir alle, Omi, Opa, unsere Eltern und wir zusammen waren.

An Ostern kochte ich für meinen Vater und seine Frau, für Sascha und mich. Alle anderen sind nicht mehr da und an Ostern vermisse ich sie sehr. Auch wenn meine Mutter zehn Jahre tot ist und mein Opa über zwanzig Jahre, ihre Anwesenheit spüre ich noch immer in meinem Herzen.

Ich genoss es, mit Vater und Helene über den Garten, Vögel, Naturerlebnisse, Kochen und Stricken zu sprechen. Wir sollten viel mehr solche Tage miteinander verbringen, weil sie glücklich machen. Wir verlebten einen guten Mittag, dann marschierten wir an den Bahnhof, weil mein Vater sich wünschte, die Kunstausstellung über Walter Steiner zu besuchen.

Das war richtig schön und es machte mich glücklich, den fröhlichen Gesichtsausdruck meines Vaters zu sehen. Vielleicht ist es das, was für mich Familienfeste ausmacht: Man geniesst gemeinsame kurze Momente im Wissen, dass man irgendwann daran zurück denkt und froh ist, sie erlebt zu haben.

Ostern ohne Omi

Das erste Mal Ostern feiern ohne Omi. Wie soll das nur gehen?
Beim Nachlesen der Einträge der letzten Jahre weiss ich nicht recht, ob ich schmunzeln oder weinen soll. Feiertage ohne Omi sind einfach kacke.

Es ist seltsam, das erste Mal, seit ich lebe, Omi an diesem Feiertag nicht zu sehen.
Irgendwie krieg ich es nicht zusammen.
Auf den Friedhof mag ich nicht gehen. Was soll ich da? Ostereier verstecken?

Stattdessen werde ich mich wohl auf den Garten konzentrieren. Die Magnolien blühen. Die Primeli leuchten in allen Farben. Die Tulpen werden auch bald ihre Köpfchen gegen den Himmel wenden.

Ich bin sehr traurig. Omi fehlt mir einfach. Ihr Lächeln. Ihre träfen Sprüche. Ihre lieben Worte. Die Berührungen ihrer alten Hände. Mir bleibt nur die Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit.

„Wie gehts denn so bei der Arbeit?“

Es ist seltsam, Omi an Feiertagen zu besuchen. Gerade an Ostern fehlen mir unsere früheren Zusammenkünfte besonders. An Ostern versteckten Omi und Opa im Garten Osternester und andere Geschenke. Wir Kinder durften durch den erwachenden Garten ums Haus streifen und uns auf die Suche nach geheimnisvollen Dingen machen.

Ich bringe Omi einen kleinen Osterhasen und einen Sack voller Schoko-Eier mit. Sie mag Süsses in kleinen Portionen. Als wir ins Pflegeheim eintreten, sitzt Omi, wie immer im Fernsehzimmer. Sie döst und wirkt auf mich uralt und ein wenig wie eine russische Fürstin.

Omis lange Hände liegen auf der Decke. Die Füsse sind hochgelagert. Omi öffnet ihre Augen und sieht mich verträumt an. „Hallo“, sage ich. „Huhu“, brummelt sie. Sie sieht nicht zufrieden aus.

„Meine Enkelin besucht mich!“ sagt sie so laut, dass das bestimmt alle ihre Sitz- und Dösnachbarinnen mit und ohne Hörgerät mitbekommen.

Wir küssen uns. Ich streichle ihre Hand.
„Darf ich euch was anbieten?“ fragt sie ganz so, als wäre kein Tag zwischen meiner Kindheit und ihrem Umzug ins Heim vergangen. „Einen Kafi? Oder lieber eine Flasche Bier?“
Omi blickt uns amüsiert an.
„Nein danke. Wir hatten schon einen Kaffee. Zudem ist es erst gerade halb elf.“
„So!“ sagt Omi.

Wir reden über den Frühling, wie es Omi geht und wie es uns bei der Arbeit läuft. Bestimmt zum dritten Mal sagt Omi: „Jetzt erzählt mal, wie es euch beruflich so geht.“

Sascha und ich wollen noch essen gehen. Omi meint, sie würde gerne mitkommen. Es drückt mir fast das Herz ab. Ich sage: „Das ist keine gute Idee. Du kannst nur noch mit Rollator laufen. Du könntest stürzen und dich verletzen. Das ist mein absoluter Horror.“

Ich fühle mich mies, in dem Moment, wo ich das sage. Andere Leute schaffen es schliesslich auch, ihre Omas und Opas aus dem Pflegeheim abzuholen und einen lustigen Nachmittag zusammen zu verbringen. Da müsste ich doch das erst recht können.

Doch bevor ich mich weiter in schlechtes Gewissen vertiefe, fragt Omi: „Und, verzell? Wie gehts denn so bei der Arbeit?“

Der verdammte Familienschluuch

Ich reagiere manchmal etwas ungehalten auf Menschen, die sich über ihren Familienschluuch* auslassen. Das liegt wohl daran, dass ich nie grosse Familienfeste erlebt habe. Ich bin da wirklich neidisch.

Umso wichtiger erscheint es mir, an den Festtagen und Geburtstagen mit meinen Familienangehörigen, also Sascha und meinen Eltern, zusammen zu sein und etwas Feines zu essen.

Omi ist, seit sie im Pflegeheim lebt, nicht mehr bei unseren Essen dabei. Je nach Tagesform hat sie Mühe, sich zu orientieren, Probleme mit Kauen und Schlucken und ist überfordert von zu vielen Eindrücken. Sie hat Mühe mit Gehen und mit dem Toilettengang. Und obwohl ich all diese Dinge beruflich täglich unterstütze, habe ich Mühe, es bei ihr zu tun. Viel lieber gehe ich dann einfach so bei ihr vorbei, sitze bei ihr und gehe wieder, wenn es ihr zuviel ist. Ich habe das Gefühl, dass ich ihr dann sehr viel gerechter sein kann, als wenn ich auf Teufel komm raus ein Fest organisiere, wo sie mit dabei sein kann.

Trotzdem beschäftigte es mich gestern. Omi war immer der Mittelpunkt unserer Familie. Sie hat gekocht, beschenkt, gelacht und uns ihre Liebe gezeigt. Jetzt müssen wir uns alle neu orientieren, überlegen, wie wir unsere Festtage ohne ihr Mittun gestalten können. In einem Punkt machen wir weiter: wir streiten uns nicht an Festtagen. Jedes Essen führt danach zu einer tiefgründigen Diskussion über unsere Leben und Familie. Am Ende gehen wir auseinander und sind dankbar für die Zeit, die wir gemeinsam verbringen können.

Ich stand in der Küche, in der sie fast dreissig Jahre lang gekocht hat. Sie hat nicht wirklich gern gekocht. Sie hat immer gesagt: „Ich habs halt nicht gelernt. Ich hab immer nur gearbeitet.“

Voressen hat sie fast immer gemacht, wenn wir bei ihr zu Besuch waren. Ihr Voressen war das beste. Später dann, als sie immer mehr vergass, kochte sie es nicht mehr. Am Abend rief dann jemand von Omis Pflegeheim an. In einem Monat hat sie Geburtstag. Sie wird 87 Jahre alt und wenn wir wollen, dürfen wir mit ihr im Pflegeheim essen. Leider kann sich Omi nicht mehr an ihr Lieblingsessen erinnern. Auf Fragen danach reagiert sie mit: „Ich esse alles.“

Wir sollen den Pflegenden einen Tipp abgeben. Ich weiss schon, was ich mir für Omi wünsche: Voressen mit Rüebli und Müscheli.

* Schweizerdeutscher Ausdruck für Familientreffen

Meine Welt, deine Welt

Gespräche mit Omi sind selten linear. Heute war ein Tag, an dem sie sehr viel sprach, mitten im Satz abbrach und eine neue Geschichte zu erzählen begann.

Sie schaut fern. Eine Tiersendung läuft. Sie liebt Tiere und redet mit ihnen. Bären in Alaska, die Zebrafinken im Käfig oder die Heimkatze, für alle hat sie ein liebes Wort. Büsibüsi, miezmiez, Biepsli und brummbrumm. Sie lächelt.

Ein Gespräch ist schwierig. Es geht ihr gut, soweit ist es klar. Sie isst kleine Fruchtstücke aus einem Tellerchen, der auf ihrem Rollator steht. Ihr Blick geht an uns vorbei auf den Fernseher.

Wir reden über Ostern.
„Ostern?“, fragt sie, „ist das auch schon wieder?“.
Ich nickte.
Sie redet über einen Chef, einen Menschen, der längst tot ist. Dann spricht sie von kleinen Kindern, wohl weil im Fernseher gerade ein kleines Kind zu sehen ist.

Nach einer Viertelstunde verabschieden wir uns. Omi ist mit sich selbst beschäftigt. Wir stehen auf und versorgen unsere Stühle wieder. Eine Mitarbeiterin des Pflegeheims sieht uns und meint: „Sie können sich im Fall schon hinsetzen.“
Ich winke ab.
„Schon gut. Heute ist kein Tag für Besuch.“
Omi zuckt die Schultern.
Die Pflegende findet es schade.
„Jetzt haben Sie extra Besuch gekriegt, Frau X.“
„Wir kommen wieder“, sage ich zu beiden, „wir wohnen ja jetzt im Nachbardorf.“
„Das ist schön, dann mussten Sie jetzt nicht extra lange fahren.“
Ich schüttle den Kopf.
„Kein Problem.“

Das erste Osterfest im Haus

Beim Durchlesen wie ich die letzten Ostern verbracht habe, verkneife ich eine Träne. 2013, ich erinnere mich gut, stand das Haus ein halbes Jahr leer und ich war sehr traurig. Ich wusste nicht, wie es weiter gehen würde.

2014 sah ich etwas klarer. Ich wusste, wir würden versuchen, das Haus zu kaufen. Ich freute mich darauf, hier einzuziehen, den Garten zu gestalten und neben E., unserer Nachbarin zu leben.

Und nun ist es da: unser erstes Osterfest im eigenen Haus. Ich habe es dekoriert, Primeln in alte Blumenkästen gepflanzt und Bäume geschnitten.
Noch ist es kalt. Der Schnee ist weg. Die Tulpen blühen noch nicht. Ich bin gespannt darauf, ob auch die Johannisbeersträucher ein weiteres Jahr überleben werden. Ich habe Schokoladenosterhasen und Ostereier gekauft und hoffe, das Wetter wird so gut, dass ich sie verstecken kann. So wie früher, so wie Omi immer getan hat.

Wir werden Omi besuchen. Ich bin wie immer gespannt, wie es ihr geht und was sie mir zu erzählen hat. Bald hat sie nämlich Geburtstag. Dann wird sie 87 Jahre alt. Wir werden von meinen Eltern Besuch erhalten. Ich koche für sie. Ich freue mich. Alles ist gut.

Ostern

Seltsames Gefühl, gestern im Haus gewesen zu sein. Es ist das zweite Mal an Ostern, dass es leer steht. So ganz ohne Paula ist das Osterfest nicht so festlich und verspielt wie früher.

Es liegt Schnee. Mein Plan, für Paula einige Tulpen aus dem eigenen Garten mitzubringen, scheint damit zu missglücken. Doch dann finde ich drei grosse, schöne rote Tulpen beim Waschbärenstall, unter dem Goldregen.

Ich weiss nicht, ob Paula noch einfach so Schoggi essen kann. Geschenke findet sie zwar toll, aber sie machen sie auch traurig.

Wir treffen auf Paulas langjährige Nachbarin, eine Frau mit zwei schulpflichtigen Kindern. Paula hat sie in den letzten Jahren, als sie noch im Haus gelebt hat, wie Enkelkinder angesehen. Wir reden übers Haus und unsere Absicht, es so schnell wie möglich zu kaufen. Die Nachbarin freut sich. Sie erzählt von ihrer Band und dass sie noch einen Bassisten suchen. Sascha grinst. Er spielt Bass. Was für eine Aussicht!

Wir reden über Paula und wie es ihr geht. Die Nachbarin richtet liebe Grüsse aus, auch von den Kindern. Dann fahren wir ins Pflegeheim. Natürlich kommen wir gerade rechtzeitig aufs Mittagessen. Um Paula dabei nicht zu stören, warten wir in ihrem Zimmer.

45 Minuten später kommt Paula in ihr Zimmer, begleitet von der Pflegenden. Wir reden ein wenig. Paula ist müde, sie könnte einfach nur schlafen.

Als wir dann allerdings gehen wollen, hüpft sie auf. Trotz ihres hohen Alters und ihren nicht mehr ganz so fitten Knochen, lässt sie es sich nicht nehmen, uns nach unten zu begleiten. Auf dem Weg nach unten trifft sie zwei Mitbewohner; ein jüngerer Mann und eine ältere Frau. Paula stellt mich, stolz wie immer als ihre Tochter vor. Nach dem Namen gefragt, schweigt sie. Ich stelle mich dann selber vor. Paula zeigt auf die Frau und sagt: „Das ist eine ganz liebe. Die Frau hier legt mir jeweils die Serviette beim Essen um.“ Die andere Frau nickt stolz.

Ich denke immer mehr, dass das Leben im Pflegeheim nicht einfach trist und sinnlos sein muss. Es entstehen Beziehungen, kleine Zärtlichkeiten unter Menschen, die sonst ganz alleine wären. Natürlich gibts Streitereien. Die einen habens lieber ruhig, die anderen brauchen Action. Aber es rührt mich immer wieder, zu sehen, wie Menschen mit einander umgehen. Wie sie die Kraft haben, aufeinander zuzugehen.

Ich bin froh, dass Paula in diesem kleinen Pflegeheim lebt. Sie wird gut umsorgt, nicht nur pflegerisch, sondern auch menschlich. Die vielen Jahre, alleine im Haus, waren nicht so leicht. Ihr sozialer Umgang wurde durch den Tod ihrer besten Freundin und meines Opas, dem Ruhestand eingeschränkt.

Am 6. Mai wird Paula 86. Dann ist hoffentlich auch im Toggenburg der Frühling eingekehrt.

Der Osterbesuch

Der Besuch bei Paula ist nicht meine Lieblingsbeschäftigung.
Ich fahre jeweils fast eine Stunde, bis ich bei ihr im Toggenburg bin. Der heutige Verkehr hat an meinen Nerven gezehrt. Das Wetter war gelinde gesagt scheisse. Ich konnte nicht einmal die schöne Gegend geniessen.

Dann sind wir da. Wie immer haben wir Paulas Lieblingslebensmittel eingekauft: Schoggi, Äpfel und Bananen. Sie freut sich. Ich überreiche ihr einen kleinen Osterhasen, den Paula sofort in die Arme nimmt und an sich drückt.

Sie sieht nicht gut aus. Sie hat dunkle Augenringe.
Paula springt in ihrem Zimmer herum und verräumt Gegenstände, holt neue hervor, verräumt anderes wieder von neuem. Sie schildert uns Fetzen von Erlebnissen. Dann will sie uns unbedingt etwas Wichtiges zeigen. Sie denkt laut nach, was es ist. Sie erzählt etwas von einer warmen Lampe und dem Esstisch. Bibeli?

Sie will uns „ihre“ Bibeli zeigen. Wir verlassen das Zimmer. Die Türe lässt sie offen.
„Das kann man hier einfach so. Und das Licht lasse ich auch an!“

Wir gehen mit ihr in den ersten Stock. Überall sucht sie ihre Hühnerküken. Sie frägt eine andere Heimbewohnerin, wo sie wohl sein könnten. Diese zuckt ratlos die Schultern. Dann will Paula wieder ins Zimmer. Sie kann sich in dem Haus nicht mehr orientieren.

Ich schlage ihr vor, dass wir in den Essraum gehen. Dort sind sie dann auch, die Bibeli. Paula hat riesige Freude und erklärt uns sofort, dass die Bibeli dann aber nicht immer hier bleiben könnten. Sie tut dies in einer Art und Weise, wie sie mir schon als Kind die Tatsachen des Lebens erklärt hat.

Wir gehen zurück in ihr Zimmer. Sie steht erstarrt vor ihrem Zimmer.
„Wer war in meinem Zimmer? Und wer hat das Licht angemacht?“
Ich werfe Sascha einen vielsagenden Blick zu.

Wir bleiben eine Stunde. Dann ist meine Energie am Ende. Wir umarmen uns ganz fest und ich muss Paula zehn Mal versprechen, dass wir auch wieder kommen. Sie drückt mich an sich und kitzelt mich am Rücken. Auch das hat sie vor über 30 Jahren das letzte Mal getan, wenn sie mich jeweils nach dem Baden mit dem Frottiertuch abrubbelte. Wir lachen.
Sie sagt: „In meinem Monat werde ich 85. Du hast eine sehr alte Mutter, weisst du das?“
Ich nicke.

Auf dem Heimweg spreche ich nicht. Ich muss daran denken, dass auch ich vielleicht einmal dement werde. Ich hasse diese verfluchte Demenz, die mir den Menschen nimmt, den ich so sehr all die Jahre geliebt habe und mir unerbittlich aufzeigt, wo meine eigenen Grenzen sind.

Ostern mit Paula

Ich erinnere mich gut an unsere Osterfeste. Das Haus im Toggenburg war umgeben von hunderten von Primeliwolken, Tulpen und Osterglocken. Paula machte sich oft schon am frühen Morgen daran, für uns Osterhasen, Ostereier und Nestli zu verstecken.

Manchmal half auch Opa mit. Der versteckte dann die von Paula sorgsam verborgenen Geschenke von neuem. Noch heute, zwanzig Jahre später, warten bestimmt noch irgendwo auf dem Gelände Osterhasen darauf, entdeckt zu werden.

Unsere Kindheit im Toggenburg war friedlich und fröhlich. Ich kann noch heute den Geruch von frischem Moos, dem Wasser aus dem Bach, den Kräutern und den Duft von frischem Kaffee aus Paulas Küche ausmachen, wenn ich nur daran denke.

Doch dieses Jahr wird es anders. Paula lebt über ein halbes Jahr schon nicht mehr in ihrem Haus. Es ist nicht verwahrlost, denn ich habe mich darum gekümmert. Der harte Winter half mir dabei. Bald schon werden die Blumen blühen. Die Wiese wird wieder grün. Paulas Anwesenheit fehlt.

Ich soll mit ihr nochmals ins Haus, damit sie den Abschied besser begreift. Wieder ist Schnee gefallen. Es ist, als ob die Jahreszeiten sich dagegen wehren, dass sie dem Haus „Lebewohl“ sagt.