Wil SG. 10 Jahre später

Vor 10 Jahren um diese Zeit sind Omi und ich oft bei Mami im Pflegeheim gewesen. Ich frage mich, wie sich Omi im Angesicht des Sterbens ihrer einzigen Tochter gefühlt haben mag. Omi war zwar traurig, aber auch gefasst. Sie war mir wie ein Fels, ein klein wenig wie der Christopherus, den sie immer so sehr gemocht hatte und dessen Holzstatue nun in der Altstadt steht.

Durch Wil zu spazieren, ist für mich heute noch immer seltsam. Ich bin, wie Omi und Mami in dieser Stadt geboren und irgendwie fühlt es sich erdig und behütet an. Als Kind und Jugendliche bin sehr oft mit Omi durch die Einkaufsstrasse flaniert. Noch immer muss ich lächeln, wenn ich in den Coop City trete, der früher einmal EPA und noch viel früher Oscar Weber hiess, und mir vorstelle, wie Omi in diesen Räumen gearbeitet hat. Da ist die Zärtlichkeit ihrer Hände, wenn sie Haushaltsartikel berührte. Ihr Lächeln beim Anblick schöner Pfannen und Geschirrtücher.

Wenn ich in der Altstadt in einem Café sitze, denke ich an Omi, die am Stadtweiher unten aufwuchs und bestimmt hier oben als kleines Mädchen durch die Gassen gerannt ist. Ich versuche mir vorzustellen, wie es hier in den 30er Jahren ausgesehen hat.
Ach Omi, du fehlst.

Einkaufen mit Omi
2010

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2017

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Karriere machen

Als ich noch ein kleines Mädchen war, wollte ich den gleichen Beruf wie meine Oma ergreifen. Sie war Kioskfrau!
Es gab damals nicht schöneres für mich, als sie bei der Arbeit zu begleiten, Zigarettenpäckli einzuordnen, Stangen, Heftli schön in die Regale zu legen. Alles musste gut aussehen. Ich liebte es über alles!

Paula erzählte mir, dass es nicht ganz einfach war, um 1948 als Frau überhaupt einen Beruf zu ergreifen. Sie durfte nämlich, im Gegensatz zu Bibi und Hadi nicht in eine Berufslehre einsteigen. Ihr Weg war sozusagen vorbestimmt: als jüngste Tochter sollte sie für die alten Eltern sorgen.
Aber Paula gab nicht auf. Sie begann ihre Karriere in einer Strumpffabrik. Sie hat nicht oft darüber gesprochen, was sie da alles tun musste. Nur für etwas hatte sie klare Worte: die Arbeit hat ihr die Augen verdorben. Sie trägt seither eine dicke Brille.

Paula heiratete meinen Grossvater, wurde schwanger und brachte meine Mutter auf die Welt. Sie suchte eine neue Arbeit.

Paula erhielt einen Job bei Oscar Weber. Sie durfte Botengänge erledigen. Oscar Weber war damals ein grosses, tolles Kaufhaus. Sie wurde von einer Kundin um Rat beim Kauf einer Strumpfhose gefragt. Paula, hilfsbereit wie sie war, beriet die Kundin. Als sie die Kundin an der Kasse einer ausgebildeten Verkäuferin übergeben wollte, bemerkte Paula, dass der Chef ihr die ganze Zeit zugesehen hatte. Er forderte Paula auf, an die Kasse zu gehen und die Kundin zu Ende zu bedienen. Daraufhin wurde sie sofort als Verkäuferin angestellt.

Paula arbeitete fürs Leben gerne als Verkäuferin. Sie mochte grosse Warenhäuser, Haushaltsabteilungen, Mercerien und Strumpfabteilungen. Als meine Mutter heiratete, übernahm Paula einen Kiosk, den sie mit Kolleginnen betrieb.

Meine Mutter hatte ebenfalls eine An-Lehre als Verkäuferin gemacht, hatte aber immer wieder als Serviertochter gearbeitet Die Arbeit im Kiosk gefiel ihr. Doch dann, als sie mit mir schwanger war, geschah eine schlimme Sache. Ein Stammkunde, den Paula und meine Mutter als freundlichen, aufgestellten Menschen kannten, warf sich im Bahnhof Sirnach vor den Schnellzug, der von Winterthur nach Wil fuhr. Meine Mutter erzählte mir später, dass auf dem ganzen Bahnsteig Blut und Körperteile lagen. Es muss sie so sehr schockiert haben, dass sie danach nie mehr in einem Bahnhofskiosk arbeitete.

Paula hingegen liebte die Arbeit am Kiosk, den Auflauf von Kunden zu jeder Tageszeit, die Geschäftsmänner, die den „Tagi“ oder die „NZZ“ „mit“ kauften.

Die Kioske, in denen Paula einst ihr Geld verdiente, sind mittlerweile alle verschwunden.

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