Von der Trockenheit

Seit einigen Wochen ist es hier oben im Toggenburg ganz schön trocken. Die Flüsse werden immer dünner. Sogar unser Lederbach, der noch vor einigen Wochen ganz andere Seiten zeigte, führt immer weniger Wasser. Ich mache mir Sorgen um die Fische, die im Bachbett seit Jahrzehnten leben.

Als ich noch ein kleines Mädchen war, liebte ich es, mit meinem Opa am Geländer des Bachbetts zu stehen und die Fische zu beobachten. Ich musste ganz still stehen und geduldig warten, bis sie sich wieder zeigten.

Das Hochwasser vor einigen Wochen hat den Bach verändert. Nun liegen zwei grosse Baumstämme herum. Es sind viel weniger Fische zu sehen.

Der Bach ist für mich eine Lebensader. Sein Rauschen beruhigt mich nachts und hält mich wach, wenn es laut ist und viel Wasser vorbeifliesst. Ich mag diesen kleinen Wasserstrom, denn ich weiss, wie viele Lebewesen sich an ihm laben: Da ist das Amselmännchen, das aus ihm trinkt, die frechen Kohlmeisen, die es lieben, über sein Bett zu hüpfen. Da ist die Wasseramsel, die sich anmutig an seiner Seite wäscht und bewegt, als wäre sie eine graue Ballerina. Da ist der Reiher, der hin und wieder vorbei stolziert und nach dem Rechten schaut. Wir Menschen sind zwar akzeptiert, aber wir spielen bei diesem Treiben keine Rolle. Und dann sind da die Fische, die sich sonnen und bei der geringsten Bewegung am Ufer unter die Felsenvorsprünge verschwinden, so als wären sie gar nie da gewesen.

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Gräbli-Frühling

Heute weht ein warmer Wind. Es ist sonnig in meinem Toggenburg und ich wage nach dem Frühdienst den Gang auf den Friedhof.

Omis Grab will bepflanzt werden. Das hab ich ihr versprochen. Vor zehn Jahren, als Mami starb, meinte Omi mehr als einmal: „Gell, ich bestell dann für mein Gräbli den Gärtner. Nicht, dass du das auch noch machen musst.“

Damals lebte ich noch im Thurgau und Omi machte sich Sorgen wegen der langen Fahrzeiten. Zudem wollte sie ein schönes Gräbli und nicht eines, das ungepflegt aussieht. Omi schaute mir mehr als einmal genau zu, wenn ich Mamis Grab bepflanzte. Und irgendwann sagte sie: „Gell, du machst dann meines auch. Du kannst das so gut.“

Und nun steh ich da und pflanze.

Ich kaufte einen kleinen Rosenstock und rote Nelken. Das waren Omis Lieblingsblumen. Wir haben uns immer wieder Blumen geschenkt. Lila Stiefmütterchen kommen auch aufs Grab. Lila war eine ihrer Lieblingsfarben neben ultramarin und lindgrün.

Einige Reihen weiter liegt Opas Grab. Als Opas Grabstein gesetzt war, gingen Omi und ich häufig auf den Friedhof. An einem dieser Tage entstand auch dieses Bild. Omi hatte wie immer Putzmittel und Lappen dabei und rieb Opas Stein sauber. Dann zeigte sie auf den Nachbarstein und meinte: „Schau mal, der putzt seinen Grabstein auch nie.“

Dann denke ich: nun sind Mami, Opi und Omi alle auf einem Friedhof. Die ganze Familie Mettler ist vereint. Und irgendwann liege auch ich hier.

Winters Kälte

Ich erinnere mich gut an den Januar 1997. Ich war 19 Jahre alt, Besitzerin einer riesigen Zahnspange und seit einem halben Jahr unterwegs im Berufsleben.

Opas Krebserkrankung war allgegenwärtig. Ich wartete auf seinen Tod. Sehnsüchtig. Er litt. Ich war nicht fähig, ihn zu besuchen. Erinnerte mich an den Spruch: Behalt ihn so in Erinnerung, wie er sein Leben lang war.

Ich bereue es heute. Vielleicht hätte er in jenen Tagen meiner Anwesenheit bedurft. Wir haben uns immer umarmt, wenn ich das Haus verliess. Er war knochig. Am Ende war er fast zerbrechlich.

Omi wuchs in jener Zeit über sich heraus. Sie war standhaft und ruhig. Der Fels in der Brandung. Omi konnte nichts und niemand erschüttern. Sie war an seiner Seite und im Gegensatz zu mir weinte sie nicht. Sie erledigte nach seinem Tod, der nicht eben schön war, alle Angelegenheiten, so als hätte sie nie etwas anderes getan.

Die Beerdigung fand an einem sonnigen, kalten Tag im Januar statt. Opis Sarg wirkte klein. An die goldenen Blüten auf der Seite der Holzkiste erinnere ich mich noch immer. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er da drin lag. Ich erwartete jeden Moment, dass er einfach um die Ecke kommen würde. Rauchend. Fluchend. Die klaren blauen Augen auf uns gerichtet.

Doch Opi blieb weg.

Erst einige Tage nach der Beerdigung weinten wir gemeinsam. Seine Stimme fehlte. Sein leiser Schritt auf der Holztreppe. Der Keller war plötzlich unbelebt.

18 Jahre und einen Monat später werden wir im Haus leben. Mein Opi hätte bestimmt Freude dran.

opa