Die Suche nach einem Grabstein für Omi

Omi Paula ist fünf Monate tot.
Jetzt ist die Zeit da, wo wir uns Gedanken über ihren Grabstein machen.
Ich hatte ehrlich gesagt, keine Vorstellung davon, wie dieser aussehen sollte.
Da Omi aber immer so stolz auf Opas wunderschönen Stein war, fand ich die Vorstellung schön, dass in ihrem ein Stück davon enthalten sein sollte.

Ich wandte mich an die Bildhauerin in unserem Städtli. Ihre Werke waren mir aufgefallen, weil sie schlicht und schön sind. Würde sie uns helfen können?

Als wir in ihrem Atelier sitzen, überkommt mich mit einem Mal eine grosse Traurigkeit.
Omis Tod ist Realität. Wir suchen den Grabstein aus. Sie kommt nie mehr wieder.

Wir besprechen, was möglich ist, darüber, wie Omi war.
Stark war sie, fällt mir ein. Sie hatte einen Willen wie ein Stier.
Und dann muss ich an ihr Herz denken. Ihre Liebe zu mir.

Die Bildhauerin macht uns schliesslich einen Vorschlag, der so wunderbar ist, dass es mich tief berührt. Wieder weine ich.

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Dieses Bild hat Omi sehr geliebt. Es zeigt sie, während sie, ganz die vorbildliche Hausfrau mit Lappen und Grabsteinreiniger, Opas Grabstein putzt. Während sie dies tut, platzt es aus ihr heraus: „Schau mal, der daneben putzt seinen Grabstein auch nie!!“ Noch Jahre später, solange sie sich erinnern konnte, lachte sie schallend über dieses Foto.

Mit Holz heizen

Omi lebte von 1997 bis 2012 allein in dem Haus, in dem wir jetzt leben. Ich weiss nicht recht, wie sie es geschafft hat, so lange selbständig zu bleiben. Insbesondere das Heizen mit Holz verlangt meines Erachtens eine grosse Aufmerksamkeit. Heute erst verstehe ich, warum Omi in den Wintermonaten nur ungern das Haus verliess.

Ich kann mich dunkel daran erinnern, dass Opa ihr 1996, damals lebte ich fast einen Monat unter ihrem Dach, gezeigt hat, wie man den Ofen anfeuert. Ich war 19, trug eine grosse Spange und erholte mich von meiner Kiefer-OP. Ich gewann den Eindruck, dass Heizen mit Holz eine grosse Wissenschaft ist, die man sich nicht einfach so von heute auf morgen einverleiben kann.

In meiner Erinnerung trug Opa immer seinen Blaumann, leicht russverschmiert, die Pfeife im Mund, darin einen verchafelten Rössli-Stumpen, während er das Holz in den Ofen schmiss. Omi stand daneben, schaute zu, kommentierte sein Treiben.

In einem jener Momente entstand dieses Bild. Ich weiss noch genau, wie und wo: In der Küche. Neben dem Ofen. Als ich es vor einigen Tagen wieder gefunden habe, musste ich lachen. Ich lachte genau so wie damals, bis mir die Tränen ins Gesicht stiegen.

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Omi ist jetzt drei Monate tot und der Winter hat länger gedauert als erwartet. Wir heizen noch immer ein und ich denke oft an Omi. Meistens denke ich Dinge wie: „Ich verstehe, warum du gegangen bist. Es war dir zu kalt.“

Es gibt aber auch Momente, in denen ich die Kälte schätze. Ich bewege mich mehr, die Luft ist rein und ich befasse mich in der Freizeit mit so interessanten Tätigkeiten wie Stricken. Das Stricken vertreibt mir meinen Trübsinn und wenn es mir auch innerlich kalt ist, stehe ich einfach so an den Kachelofen und lasse mich wärmen und denke an die, die schon vor mir hier an dieser Stelle standen.

Ach Omi. Du fehlst.

Die grosse Reise

Omi Paula liebte es, nachts abenteuerliche Einschlafgeschichten zu erzählen.
Meine liebste war folgende, die fast genau so in einer regnerischen Sommernacht passiert ist.
Wir Kinder lagen im Bett, derweil Omi uns diese Geschichte erzählte:

„Stellt euch vor, es regnet und wir sitzen alle im Bett. Wir hören die Tropfen aufs Dach tropfen, genau so wie jetzt.“
Meine Schwester und ich nickten im Dunkeln. Der Regen war furchteinflössend.
„Was machen wir,“ fragte meine Schwester, „wenn der Schlafzimmerboden nicht hält?“
Omi seufzte tief.
„Dann, ja dann, wird was ganz Schlimmes passieren.“
„Was??“ riefen meine Schwester und ich.
Wir wussten es genau!
„Wir werden mit dem Bett auf den Stubenboden purzeln, wo Opa jetzt schläft.“
Wir Kinder kreischten.
„Wir müssen Opa wecken! Und Barri!“
Barri war unser Appenzeller Sennenhund, der schon recht alt und kugelrund war.
„Ich habe eine bessere Idee“, sagte Omi.
„Wir lassen sie einfach aufs grosse Bett steigen.“

Und so fiel das grosse, alte Ehebett von Omi und Opa durch den Boden in die Stube, wo Opa und Barri sassen und mit allerletzter Kraft konnten meine Schwester und ich die beiden aufs Bett zu uns und Omi ziehen.
„Opa, hast du deine Stumpen? Und haben wir genügend Futter für Barri?“ fragte meine Schwester.
„Ja klar!“ riefen alle.
Kaum hatten wir dies ausgesprochen, fiel der Stubenboden in den Keller und von dort aus stürzte alles in den Bach. Wir hielten uns aneinander fest, denn das Bett wurde nun zu einem Floss. Wir flogen von Wasserfall zu Wasserfall, bis wir schliesslich mit einem grossen Rumpeln in der Thur landeten.

Opa zündete sich eine Zigarre an, meine Schwester streichelte den Hund.
Wir gondelten langsam die Thur hinunter, vorbei an Dietfurt, durch das tiefe Tal bei Bütschwil, vorbei an den Brücken von Lütisburg. Omi hatte einen Sack Süssigkeiten unter dem Kopfkissen versteckt und wir tranken alle Grapefruit, bis auf Opa, der ein Glas Rosé trank.

Unser Bett gondelte vorbei an Bischofszell, Weinfelden und schliesslich Frauenfeld. An der Rorerbrücke rief Omi: „Winkt mal nach oben! Da stehen eure Eltern!“
Meine Schwester und ich winkten wie wild den Eltern zu.
„Passt auf! Nicht zu fest! Nicht dass ihr aus dem Bett in die Thur fallt!“

Unser Bett hielt und so überstanden wir auch die Fahrt in den Rhein, bis wir kurz vor dem Rheinfall anhielten.
„Opa, jetzt müssen wir lenken!“ rief Omi. Und so sorgten Omi, Opa und Barri dafür, dass das alte Bett sicher den Rheinfall herabflog.
„Geht es euch allen gut?“, rief Omi.
„Ja!“ antworteten wir.

Unsere Reise dauerte noch sehr, sehr lange. „Irgendwann,“ so sagte Omi, „sind wir am Meer. Das werdet ihr schon sehen. Es ist wunderschön. Und nun schlaft gut.“

Die zweite Mulde

Unsere diesjährigen Sommerferien standen ganz unter dem Motto: „Räumen, renovieren, raus damit!“.

Nachdem wir das chalte Zimmer geräumt und neu gestrichen hatten, den Linoleum rausgerissen hatten und uns über den schönen alten Holzboden freuten, war der Keller (erneut) an der Reihe.

Die Kellerräume waren vor über zwanzig Jahren Opi Walters Reich. Und genau so sah es auch aus: Da standen Regale mit Brettern herum, verrostetes Werkzeug, Kübel und ganz viel Angeschimmeltes. Der Boden ist nämlich felsig und feucht.

Während der ganzen letzten Woche sammelten wir alles, was wir entsorgen wollten, auf dem alten Waschplatz hinter dem Haus. Wir platzierten alte Möbel von Mami und Omi dort, Teppiche, Geschirr und Müllsäcke.

Am Donnerstagmorgen war es dann soweit. Die Mulde wurde geliefert und wir machten uns ans Reinschmeissen. Nach 40 Minuten hatten wir alles, was wir bereits gesammelt hatten, entsorgt. Nun würden die Kellerräume an die Reihe kommen.

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Ich tat mich schwer damit. Ich musste mich nämlich entscheiden, was ich von Opis Sachen behalten wollte. Mir wurde einmal mehr bewusst, wie sehr er mir fehlt. Dass ich einen Tag zuvor erfahren habe, dass ich im Januar wohl sein Grab räumen muss, machte meine Laune nicht besser.

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Aber ich machte mich mit Saschas Hilfe daran, sortierte, entschied, schmiss weg. Opa hatte eine grosse Menge von Holzbrettchen gesammelt, die wir weder verwenden noch zum Heizen brauchen konnten. Auch der zweite Keller war schnell geräumt. Wir entsorgten Metallteile, die unter dem Dach platziert waren. Und Sascha schmiss das Bett aus dem zweiten Stock.

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Nach einer kurzen Mittagspause hatten wir es schliesslich geschafft. Der Keller ist bis auf die Kartonsammlung geräumt. Ein weiteres Stück Geschichte des Hauses ist verarbeitet.

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Opas Stimme

Ich denke oft an Opa Walter. Seine feine Art fehlt mir. Er war ein sensibler, zarter Mann. Er hatte leuchtend blaue Augen und blondes Haar. Er rauchte viel und trank nicht wenig. Rosé mochte er. Er sprang Toggenburger Dialekt, wobei man ihn nicht immer verstand. Er nuschelte ein wenig, weil er schon in jungen Jahren seine Zähne verlor.

Ich benütze seine Werkzeuge. Seine Kübel. Ich bepflanze den Garten, den er nicht besonders mochte. Ich stehe manchmal abends mit verschränkten Armen auf seinen Lieblingsplatz. Mein Blick fällt in den Bach. Das Plätschern beruhigt. Der Bach klingt heute noch so wie damals, als ich ein kleines Mädchen war.

Öfters in letzter Zeit wünsche ich mir unsere Gespräche über Politik zurück. Er erzählte mir an jenen Abenden in den Ferien viel. Es scheint mir heute noch so, dass er noch sehr viel mehr hätte sagen können. Über den Krieg. Die Ungerechtigkeit.

Ich glaube nicht, dass er vom Leben enttäuscht war. Das Leben hat ihn zwar recht verseckelt, aber er war nicht nachtragend. Dass der Krieg seine Jugendträume zerstört hat, sah er ihm nach. Das Leben ist nicht gerecht, meinte er lapidar. Als er älter wurde und immer wieder im Zuge der Spinnereikrise seine Arbeit verlor, wurde er traurig. Er zog sich in seinen Keller zurück.

Als er im Sterben lag, hat er nicht gewettert. Er bat jene Leute um Verzeihung, die er im Leben verletzt hatte. Das beeindruckte mich damals mit knapp 20 Jahren sehr. Ich vermisse seine Stimme, sein Lächeln und seine Witze.

Gestern ging ich an einer Beiz im Toggenburg vorbei. Einige sehr alte Männer redeten miteinander. Ich lächelte und schloss die Augen. Das war Opis Dialekt.

Frühling im Schneetreiben

Ich spüre den Frühling.
Da will ich raus zum Rasenmähen, Vögel beobachten, Rosen schneiden oder Garten umgraben.
Diese elende Herumsitzerei im Winter nervt mich langsam.

Ich wollte das Bureau endlich fertig streichen. Das schmutzige Türkis war mir zu dunkel. Shabby chic in allen Ehren, doch ich brauche Helligkeit. Mein Arbeitsplatz soll ein Ort der Ruhe und der Inspiration sein. Nicht zusätzliche Ablenkung.

Es fing heute morgen an zu schneien. Ich dachte: Toll. Genau das hat mir jetzt noch gefehlt. Ich will endlich wieder im Bikini draussen herum liegen. Im Garten arbeiten. Mein Bedarf an Wollsocken und warmen Pullovern ist gedeckt.

Ich beginne mit der Decke. Stelle Möbel um. Ich bin zu faul, um alles raus zu stellen. Es hätte auch keinen Platz im Hauseingang. Beim Streichen denke ich an Opa Walter. Hier hat er so oft über seinen Projekten gebrütet. Seine Sachen aufbewahrt. Das Bureau war früher die Werkstatt. Vermüllt. Der Raum, der im schlechtesten Zustand von allen im ganzen Haus war. Hier wurde seit 1839 gearbeitet. Mehr oder weniger.

Ich streiche weisse Farbe über das Türkis. Ich bin mir sicher, Türkis war schon hier, bevor Uropa Henri mit seiner Röös einzog. Das ganze Innenleben des Hauses scheint damit überzogen zu sein. Weberknechte kreuzen meinen Weg. Sascha bringt die Tiere in den hinteren Keller.

Über Mittag gehen wir in den Löwen essen.

Hier fand anno 1983 oder 1984 das Beerdigungsessen von Henri statt. Zum ersten Mal seit über dreissig Jahren stehe ich wieder hier. Das Essen schmeckt köstlich. Die Räume sind traumhaft schön und mir scheint, als tauchten die Bilder von damals wieder aus meiner Erinnerung auf, so als wären sie nie weg gewesen und so, als wären niemals dreissig Jahre vergangen.

Opis letzte Nacht

Vor 19 Jahren um diese Zeit sass ich im Kino. Ich weiss es noch ganz genau. Ich war 19 Jahre alt und besuchte im Cinema Luna in Frauenfeld die Filmvorstellung „8 1/2“ mit Marcello Mastroianni.
Ich war unruhig.

An Neujahr 1997 hatte ich das letzte Mal mit Opa und Omi telephoniert. Opa lag im Sterben. Das Telephon war grau, hatte eine Wählscheibe und lag auf einem Telephonbuch aus dem Jahr 1984. Opa konnte kaum noch sprechen, hustete oft. Seine Stimme klang leise und müde und seltsam aufgestellt.

Omi wirkte aufgekratzt. Ich bin mir nicht sicher, ob sie wusste, was sie erwartete.

Ich sass im Kino. Die Sitze waren hart. Dennoch hatte ich Mühe, mich wachzuhalten. In der Pause ging ich. Ich fuhr mit meiner Chopper zurück nach Hause. Ich wollte weinen, aber es ging nicht. Die Nacht war kalt und ich erinnere mich, dass meine Tränen fast auf meinen Wangen anfroren. Ich trug eine riesige Zahnspange.

Ich konnte fast nicht nicht einschlafen. Wälzte mich hin und her. Mitten in der Nacht schreckte ich auf. Tausend Albträume. Ich fing an zu beten. Mir fiel nichts anderes ein. Ich wünschte mir, dass Opi endlich sterben könnte. Kein weiteres Leiden. Nicht mehr diese schreckliche Angst vor dem Ersticken. Einfach Schlaf. Dann wurde ich ruhiger. Meine Wut wich.

Am nächsten Morgen fuhr ich zur Arbeit. Um Punkt acht Uhr fiel mir meine Tasse zu Boden. Ich war unkonzentriert und fahrig. Eine Viertelstunde später klingelte das Telephon. Meine Mutter.
Opa. Tot. Um Punkt acht Uhr.

Ich weinte. Aber ich konnte auch nicht verleugnen, dass ich unendlich froh war, dass er nicht mehr länger leiden musste. Verdammter Scheisskrebs.

19 Jahre später sitze ich in der Stube, in der Opa seine letzte Nacht verbracht hat. Nichts mehr erinnert daran, dass hier ein Mensch gestorben ist. Das Bett ist verschwunden. Das blinde Fenster ist ersetzt. Keine schweren Vorhänge mehr.

Mir ist seltsam zumute. Ich vermisse Opi noch immer. Er wäre 91 Jahre alt. Ich bin mir sicher, dass er sich über mich freuen würde.